Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 434 (15.3.1935)
- Date
- 1935-03-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. m — 15. Mir* 1905 DIB «TIMM* Ult« 5 iMmvi Das ungewöhnliche Filmereignis »Tsdieljuskin« Der große Russenfilm ab heute Schwedenkino II., Taborstraße 1-3 Vom (hajes-Realgymnasium Aiu-i Kreisen des Otiajes-liealgymnosiunis wird uns folgender Bericht über das Chajes-Iiealgyinna hum zur Verfügung gestellt, der mit Rücksicht auf die Bedeutung, die die jüdische Schule iim gegenwärtigen Zeitpunkt hat, von allgemeinem Interesse sein dürfte. Das Oh a j es -Real gyrnn asinm zählt in diesem Schuljahr 470 Schüler, die in 13 Klassen von 35 Lehrern unterrichtet werden, von denen im der Anstalt 18 in Hauptstellung tätig (Sind. Die Schule war bis jetzt eine Koedukationsschule. In diesem Schuljahr wurde »tun ersten Male eine Klasse als Mädchenk lasse konstituiert. Entgegen allen Gerüchten legt die Schule Wert darauf zu erklären, daß auch weiterhin Mädchen ohne jede Einschränkung in sie ausgenommen werden. Das Programm der Schule ist das eines Bundeß-Realgymnasiums. Es wird von der ersten Klasse an Latein und Hebräisch und von der dritten Klasse an Englisch unterrichtet. Hinsichtlich der zweiten Fremdsprache in den Oberklassen wird die Entscheidung in einem späteren Zeitpunkt erfolgen. Der Religionsunterricht vollzieht sich grundsätzlich in hebräischer Sprache; es werden insgesamt sechs Woohenstunden, also eine Stunde täglich, für die jüdischen Fächer verwendet. Das monatliche Budget von fast 14.000 Schilling wird etwa zur Hälfte durch die Einnahmen aus Schulgeldern gedeckt; 4000 Schilling beträgt die Subvention der Israelitischen Kultusgemeinde; der Rest von 3000 Schilling wird vom schulerhaltenden Verein beschafft, was leider nur sehr unvollkommen gelingt. In letzter Zeit ist eine kleine Erleichterung dadurch oinget.reten, daß ein Lehrer der Anstalt, der Direktor, in den Bundesdienst übernommen wurde und daß ein Teil seines Gehaltes vom Bund gezahlt wird. Wenn, wie zu erwarten steht, in absehbarer Zeit weitere Lehrer nachfolgen, dann wird die Last der Erhaltung der Schule zu einem beträchtlichen Teil vom Bund getragen und so die jüdische Öffentlichkeit entlastet werden. Die Schule war seit jeher sorgfältig darauf bedacht, kein jüdisches Kind, das nach Begabung und Arbeitswillen für die Schule taugt, vom Schulbesuch auszuschließen. Die Aufnahmen erfolgten und erfolgen nach wie vor ohne Rücksicht auf die materielle Leistungsfähigkeit der Schüler. Wohl bringen die Eltern große Opfer — und eie bringen diese Opfer gerne —, doch ist die Schule anderseits stets bestrebt, den armen unter ihnen soweit als nur möglich eutgegenzukomrnen. Von den 470 Schülern zahlen 8% das volle Schulgeld; 5% der Schüler sind zur Gänze von jeder Leistung befreit; da« Schulgeld der übrigen Schüler ißt entsprechend den materiellen Verhältnissen abgestuft. Von diesen sozialen Prinzipien' wird die Schule auch in Zukunft nicht abgehen. Notwendig ist allerdings eine stärkere Anteilnahme der jüdischen Öffentlichkeit an der Erhaltung der einzigen jüdischen Mittelschule Österreichs. Der Kreis der Menschen, •die die Notwendigkeit einer solchen Institution begreifen, ist beschämend gering. Die Bemühungen um die Aufbringung neuer Geldmittel sind in letzter Zeit wenig erfolgreich. Eine Schule ist kein WohJtütigkeiteänstitut und es widensprieht ihrem Wasen, diaß man immer wieder die Öffentlichkeit ihretwegen angeht. Eine volle Lösung der materiellen Frage der Schule kann aber nur -dann gegeben sein, wenn sie durch ständige Subven tion ou j ii dis eh e r Kö rp er s chaf ton weitgehend entlastet wird. Im übrige,n bleibt nach wie vor die Übernahme der ß o h u 1 e durch die K iu l $ u 8* gemein d e das Ziel der Entwicklung. Die Schule wird nur dann ihre kulturelle Mission im jüdischen Loben Wiens vollkommen erfüllen können, wenn durch diese Übernahme die materiellen Sorgen restlos von ihr genommen sind. Die schwierigste Frage der Schule, deren Lösung für ihre weitere Entwicklung, ja für ihre Existenz entscheidend ist, ist die Ranmfrage. Die Anstalt zählt gegenwärtig 13 Klassen und hat nur 12 Klassenzimmer zur Verfügung, so daß je eine Klasse am Nachmittag von 1 bis 6 Uhr unterrichtet werden muß, was nicht nur für Erziehung und Unterricht äußeret nachteilig ist, sondern darüber hinaus große technische Schwierigkeiten bereitet. Die Schule ist durch den Mangel an Räumen überdies in ihren Entwicklungsmöglichkeiten gehemmt, da sie nicht mähr Schüler aufuehimen darf, als sie in den bisherigen Räumen unterbringen kann. Nur eine befriedigende Lösung der Ranmfrage wird ihr die wertere Aufnahme aller jener jüdischen Kinder ermöglichen, die zu ihr streben, und ihr so die Weiterentwicklung sichern. Auch wird es ihr nur so möglich sein, jüdische Junglehrer, die heute vielfach nicht Unterkommen können, in größerer Zahl zu beschäftigen und derart zur Lösung einer brennenden sozialen Frage beizutragen, Als der Direktor der Anstalt zusammen mit dem Präsidenten des Kuratoriums Endo Oktober v. J. bei Herrn Staatssekretär Pernter vor,sprach, wurde mit besonderem Nachdruck auf diese Frage hingewiesen und neben der Bitte um materielle Förderung der Schule die Bitte ausgesprochen, der Bund möge der Schule ein geeignetes Schulgebäude zur Verfügung stellen. Die Vorsprache hatte den Erfolg, daß, wie oben erwähnt, einige Wochen später der Direktor der Anstalt in den Bundeslehrdiienst übernommen wurde Überdies wurde dem Stadtschulrat die Weisung erteilt, für die Schule ein geeignetes Schulhaus zu beschaffen. Leider ist es bisher trotz aller Bemühungen dieser Behörde und trotz ihres unzweifelhaft vorhandenen guten Willens nicht gelungen, ein zweckdienliches Gebäude ausfindig zu machen. Die Schule hofft aber zuversichtlich, daß es den staatlichen Behörden möglich sein wird, dem Chajes- Realgymnasium auch in dieser Richtung zu helfen, so daß seine Existenz auf die Dauer gesichert werden wird. Das Ohaj es-Realgymnasium hat sich in fast sechzehnjähriger Arbeit bewährt. Daß es bei allen Mängeln, die ihm wie jedem menschlichen Werk anhaften, ehrliche jüdische Arbeit leistet, beweist die Tatsache seiner großen Frequenz. Die Schule erfreut sich nicht nur der Anerkennung deir staatlichen Behörden, sondern des Vertrauens dke 9ie£enMM&ang. Lii'4 durch die Bur gif* Hühneraugenpflaster restlos und .schmerzlos Hühneraugen samt Wurzel entfernt Burgit' Hühneraugenpfla sler ist einfach im Gebrauch klebt fest verschiebt sich nicht und wirkt sicher und gefahrlos. weiter Kreise der jüdischen Öffentlichkeit* Sie ist unter den gegenwärtigen Verhältnissen im Einklänge mit den erzieherischen Tendenzen des Staates und notwendiger als je zuvor. Wenn es gelingt, die materiellen Grundlagen ihrer Existenz zu sichern, dann wird die jüdisch-kulturelle Arbeit, die sie leistet, vollkommen sein und die Schule in immer höherem Maße das werden, was sie nach dem Willen ihres Gründers sein soll: Heimat für die jüdische Jugend und Pflegestätte jüdischen Geistes, Erzieherin einer neuen jüdischen Jugend, die, erfüllt von den großen Werten der Vergangenheit, bereit ist, ihre beste Kraft herzugeben für den Aufbau ihres Volkes. Tratisfordanien und das Mandat In den „Times“ hat eine einstweilen erst in Briefen privater Einsender geführte Aussprache über die transjordanische Frage begonnen. Diese Form der Auseinandersetzung ist zweckentsprechend; sie klärt vor der breitesten europäischen Offen tli chic eit das Problem. Dem Brief des Lord Melohett, der die Öffnung Trans jondaniens für die jüdische Einwanderung ans dem zionistischen und dem englischen Staatinteresse als notwendig erklärt, antwortet am 10. März ein ehemaliger hoher Funktionär der Palästinaregierung, Herr Ou&t. Er spricht sich durchaus negativ aus und führt teils formaljuristische Motive, teils die Interessen der Araber als der zionistischen Forderung zuwiclerlaufend an. Die Balfour-Deklaration sei eine festbestellende Doppelverpflichtung: dem jüdischen Volk gegenüber und der nichtjüdischen Bevölkerung gegenüber. Dem jüdischen Volk sei die Möglichkeit geschaffen worden, in Palästina den größten Teil des fruchtbarsten Bodens aufzukaufen und die Volkszahl zu verdoppeln; dagegen seien selbst die gemäßigteren Araber verzweifelt, da ihnen Überflutung drohe. Doch sei es richtig, daß das Problem Palästina nicht gelöst werden könne, ohne Mitberücksiohtigung Transjordaniens. Am Schlüsse beruft sich Herr Oust, darauf, „daß von dem ersten High-Commissioner, einem führenden englischen Staatsmann und hervorragenden zionistischen Juden, eine autorativo Definition der zionistischen Politik gegeben wurde, als er erklärte, daß das Ausmaß, in dem die zionistischen Aspirationen in Palästina verwirklicht werden können, von den Bedürfnissen der vorhandenonniohtjüdischeuBe- Völkerung abhängig sei.“ Dieser Eideshelfer ist Herbert Samuel, der in der Zeit seiner Amtsführung die Abtrennung Transjordaniens durchgeführt hat. Er hat die Situation geschaffen, vor der wir heute stehen. Zwar konnte auch zu seiner Zeit niemand die deutsche Katastrophe und das durch sie bedingte Anschwellen des jüdischen Eimvanderungsaustromee voraussehen. Aber immerhin mußte auch schon damals mit einem kontinuierlich, teils durch Einwanderung, teils ■durah natürlichen Zuwachs ansteigenden jüdischen Zuwachs gerechnet worden. Tatsächlich zeigen dio Ziffern zur Zeit Herbert Samuels (für 1920 und 1921 liegen keine genauen Angaben vor) das folgende Bild*. 1922: jüdische Einwanderung 7844, niohtjüd'ischo 284; 1923: jüdische 7421, nichtjüdische 570; 1924: jüdische 12.856, nichtjüdische 697; 1925 (das lotzle Amtsjahr Samuels): jüdische 38.801, nlolitj äffische 840. Daß dann ein Rückgang der jüdischen Verstärkung ointrat, der bis 1982 anhielt, konnte Sir Samuel nicht vorher wissen Trotzdem ging der Anstoß zur Verkleinerung des zur Verfügung stehenden Gobioifces von ihm aus. Er hat das Memorandum ■der englischen Regierung ausgear,beitet, das im September 1922 die Abtrennung des Ostjordanlandes vollzog, indem es die Artikel des eben erst — am 24. Juli 1922 — bestätigten Mandates aufzählte, die in Transjordanien nicht angewendet werden können; es sind dies just die auf die jüdisch-nationale Heimstätte bezüglichen Bestimmungen. Es war also in der Zeit von Ende Juli bis Mitte September erkannt worden, daß ihre Wirksamkeit an der Jordangrenze aufhören müsse, und daß von der im Artikel 25 des Mandates vorgesehenen Ermächtigung Gebrauch zu machen sei, die Durchführung der Mandatsbestimmungen im Ostjordanland „aufzusohieben oder zurückzuhalten“, wobei nichts unternommen werden darf, was in Widerspruch zu den Artikeln 15, 16 und 18 steht. Artikel 15 bezieht sieh auf Gewissensfreiheit und freie Ausübung aller Formen des Gottesdienstes und stellt fest, daßzwischen den Einwohnern keine Unterscheidung nach Rasse, Religion oder Sprache stattfinden darf. Die beiden anderen Artikel betreffen die Aufsicht über die religiösen Körperschaften und ■die offene Tür für alle Völkerbundstaaten. Es darf also nach Artikel 15 keine Ausschließung des jüdischen Elements erfolgen. Es war, wie aus den angeführten Daten erhellt, dem Oberkommissär sehr eilig mit seiner Reform, Trotzdem vergingen noch sieben magere Jahre, bis der Emir Abdallah, der bei seiner Einsetzung von England eine Aussteuer von 180.000 Pfund erhalten hatte, die verfassungsmäßige Volksvertretung bilden konnte. Damals hatte Transjordanien auf seinen 42.000 km2 — das Westjordanland hat 26.000 km2 — 300.000 Einwohner. Heute etwas weniger. Die fehlenden sind in Palästina ... Man sieht also, daß die Bedürfnisse der nichtjücliselum Bevölkerung im weitesten Ausmaß geschont worden sind. Wie steht es mit den „zionistischen Aspirationen“ in Palästina, respektive ihrer Verwirklichung? Herr Cust präsentiert die Rechnung; Die Juden haben Boden kaufen — bis zu einem gewissen Ausmaß — und sin haben eimvandern dürfeu — soweit die Regierung Zertifikate bewilligt, soweit sie jüdische Arbeiter zuläßt und soweit sie sich von der Stimmung der „gemäßigteren Araber“ beeinflussen läßt. Denn da ist ja die Dop p el v erp fl ich tauig in der Balfour-Dcklaration: .. daß nichts unternommen werden soll, was die bürgerlichen und religiösen Rechte der nichtjüdischen Bevölkerung in Palästina oder die Rechte und den politischen Status, den die Juden in irgend einem audoreu Land genießen, verletzen könnte,“ England ist da sehr heikel — in bezug auf die Araber. Was die Juden betrifft, so könnte doch einmal darauf hingewiesen werden, daß die deutsche Regierung bei ihrem Eintritt in den Völkerbund auch die Völkerbuiidsatzung, die gemäß dem SanTtemo-Besohluß die Bai- Hotel Erzherzog Rainer WIEN IV., Wiedncr Hauptstraße Nr, 27/29 DAS MODERNE WIENER FAMILIENHOTEL four-Erklärung inkorporierte, übernommen hat und daß weder England noch irgend jemand anderer Hitler auf diese Verpflichtung aufmerksam gemacht hat. Aber das ist eine andere Geschichte. Herr Cust ist stellvertretender Sekretär der Palästina-Regierung gewesen und man kann aus seinen Äußerungen die Einstellung dieses Amtes genau erkennen. Es ist niemals und durch nichts das bürgerliche oder religiöse Recht der Araber verletztworden und nie würde der Zionismus in leidvoller Erinnerung an den Lauf der jüdischen Geschichte etwas Derartiges unternehmen oder ans treiben. Hingegen können wir die Klagemauer buchen und dazu die vielen, vielen Akte der Feindseligkeit seitens der Palästina-Regierung. Auf der anderen Seite aber steht die jüdische Leistung, die den kleineren Teil Palästinas, das Westjordanland in den Weltverkehr eingeführt hat. Palästinas mustergültige Landwirtschaft, seine Industrie, sein Handel, seine Wirtschaftskraft, seine Sorge um die aufwaohsende Jugend, seine Hygiene, seine Schulen — das nicht England erzeugt, das ist ohne, vielfach gegen Englands Willen zustandegek ornmeu. Gegen die Einwendungen cles Herrn Cust kann man aber auch die Araber Transjordaniens selbst sprechen lassen. In diesem Land, das seit dem Tage seiner Unabhängigkeit steril geblieben ist, fordert man sogar die Zulassung der jüdischen Arbeit. Man sieht dort, was in Palästina geschieht, man erkennt das Wunder des Aufbaues und kann sehr gut ahschätzen, daß die Araber ein Gleiches nicht vermögen. Den jüdischen Ämtern wird Land angeboten und dies sogar von dem Emir Abdallah selbst und von dein Beduinenstamm der Beni Sakr, die noch 1929 ihren Raubzug über den Jordan wagen konnten, Transjordanien sehnt sich nach der gleichen Blüte, wie sie jüdischer Enthusiasmus im Westjordanland horvorgorufen hat. Dio Frage Transjordaniens ist für uns brennend geworden. Die Vorgänge in der Gallith sprechen eine zu deutliche Sprache und das jüdische Volk, nicht das arabische, müßte in Verzweiflung stürzen, wenn es nicht den ihm notwendigen Lebensraum erhielte. Es ist gut, daß über die Frage öffentlich diskutiert wird, weil die Öffentlichkeit auf diese Weise mit der wahren Sachlage und mit der Stimmung der Juden vertraut gemacht wird. Es mag sein, daß sich durch den überstürzten Akt Samuels heute für England große Schwierigkeiten auftun. Aber das ändert nichts daran, daß für die jüdische Wanderung Platz geschaffen werden muß. Es ist idde jüdische Lebensfrage,