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Die Stimme · 1935-03-12 · Heft 433 (12.3.1935) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
8 (1934-1935)
Issue
Heft 433 (12.3.1935)
Date
1935-03-12
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 433 12. März 1935 DIE STIMME Seit« 3 Dfa Jaden in (JcUckehtönd Der Bürgerkrieg in Griechenland bringt die jüdischen Gemeinden in diesem Land in große Gefahr, da sich gerade im Kampfgebiet jüdische Gemeinden befinden. Die Geschichte der Juden in Griechenland ist eine sehr wechselvolle. Griechenland wird bereits in der, Bibel als Jawan, das ist Jonien, erwähnt. Inschriften aus dem zweiten Jahrhundert vor Christi bezeugen, daß damals Juden als Sklaven, hauptsächlich zur Zeit der Makkabäerkriege nach Griechenland verschleppt wurden. Der berühmte jüdische Wellreisende Benjamin von T ud ela besuchte Griechenland im Jahre 1170 und stellte sowohl auf den griechischen Inseln als in Saloniki große jüdische Gemeinden fest. Ein Teil der Juden Griechenlands wurde im Jahre 1147 von König Roger nach Sizilien verschleppt. Die nach Sizilien verschleppten jüdischen Gefangenen begründeten die Färberei und Seidenindustrie in Sizilien. Zur Zeit der türkischen Herrschaft in Griechenland, vermehrte sich die Zahl der jüdischen Einwanderer durch die Toleranz der Türken. Nach den Vertreibungen aus Spanien und Sizilien (1492), Portugal (1496) und Süditalien (1510) flüchteten mehrere Zehntausende Juden nach Griechenland, wo sie es zu großem Wohlstand brachten. ' Im Jahre 1821 wurden zahlreiche jüdische Gemeinden von den Griechen vernichtet. Es war dies die Zeit der griechischen Aufstandsbewegung. Als Griechenland im Jahre 1830 selbständig wurde, gab es im damaligen Griechenland nur eine einzige jüdische Gemeinde in Chalkis. Später bildeten sich neue Gemeinden, insbesondere in Athen. Im Jahre 1847 entstand durch das Verbot, die Statue des Judas Ischarioth in den Kirchen zu verbrennen, ein Pogrom. Die Zahl der Juden vergrößerte sich im Jahre 1864 infolge des Erwerbs der jonischen Inseln durch Griechenland. Durch die griechische Verfassung erhielten die Juden die Gleichberechtigung, hatten aber stets unter dem Antisemitismus zu leiden. Im Jahre 1891 wurde in Korfu ein jüdisches Mädchen ermordet und gegen die Juden eine Blutbeschuldigung erhoben. Trotz der politischen Gleichberechtigung sind die Juden auch heute, insbesondere in Saloniki, antisemitischen Verfolgungen ausgesetzt. Insbesondere die Partei Venizelos macht aus ihren antisemitischen Tendenzen kein Hehl. Vor einigen Monaten stieß Venizelos gegen die Juden öffentlich Drohungen aus, die er allerdings später in Abrede stellte. Die Zahl der Juden in Griechenland wurde im Jahre 1920 auf 110.000, im Jahre 1930 auf 120.000 und im Jahre 1934 auf 75.000 (1.15% der Gesamtbevölkerung Griechenlands) geschätzt. In den letzten Jahren hat infolge der ungünstigen wirtschaftlichen Situation und der antisemitischen Praxis der Behörden eine starke Auswanderung von Juden aus Griechenland statt gefunden. Sie wendeten sich vielfach nach Südamerika. Eine starke Auswanderung findet insbesondere aus Saloniki nach Palästina statt, wohin insbesondere die jüdischen Hafenarbeiter von Saloniki gehen. Der Auswanderungsärang nach Palästina ist in Griechenland besonders stark. Die zionistische Organisation in Griechenland beschwerte sich kürzlich bei der Exekutive wegen der zu geringen Zuteilung von Zertifikaten. Zur Hakkabiade nach Palästina Preis S 580*— Wien-Wien Visum gegen Kaution Compass Tours, Wien, l)f., Spitalpse 3, Tel J 42-5-38 Für die Flüchtlinge und Staatenlosen Die britische Völkerbundliga beabsichtigt, anläßlich des nächsten Kongresses der Völkenbundvereine — der am 10. Juni in Brüssel zusarrumentreten wird — uniter anderem gewisse Anregungen ln der Frage des Fluchtlingsproblems und der auf diesem Gebiete dem Völkerbund zu fallenden Rolle zu unterbreiten. Eine besondere Aufmerksamkeit hat die britische Völkerbundliga der Frage der in gewissen 'Staaten praktizie-rteö Ansbürgerusg u©d des ft&b daraus ergebenden weiteren Steigerung der Zahl von Staatenlosen in den verschiedenen Zufluchtsländern gewidmet. Die britische Völkerbundliga beabsichtigt, dem Kongreß in Brüssel einen Ent- In der Lemberger „Chwila“ berichtet Dr. Josef Finkeistein über ein interessantes Gespräch mit Stefan Zweig, dem wir folgendes entnehmen: Meine Themen unglücklicher Menschen, deren ganzes Dasein tragisches Schicksal bedeutet, verdanke ich vielleicht unbewußt meiner jüdischen Seele. Zufriedene und glückliche Menschen — wenn überhaupt ein volles Glück möglich ist — interessieren mich nicht. Deswegen ist das Buch „H i o b“ mein Lieblingsbuch, welches ich als den stärksten Ausdruck des Wesens unserer Bibel betrachte. Der Heroismus Hiobs war vielleicht der größte dieser Welt. Er, dem nie Gerechtigkeit wurde, glaubte doch am stärksten an sie. Der Heroismus des heutigen Judentums ist aber nicht minder groß. Wir sehen überall nur Haß, Elend und vielfach wahre Verzweiflung, glauben aber doch an den Sieg der Gerechtigkeit. Die Tragödie des Judentums im Mittelalter war unbedingt geringer als die Tragödie unserer Zeit. Im Mittelalter glaubten wir fest an unsere Mission, an unsere ethische und moralische Überlegenheit, an das Wort Gottes, welches wir verkünden, sollten, und deswegen gingen die Juden des Mittelalters mit wahrer Todesverachtung auf den Scheiterhaufen. Heute fehlt uns die innere, feste Überzeugung, die religiöse Inbrunst und der Glaube an unsere Mission. Überall sehen wir die Unterdrückung durch brutale Übermacht. Man ist oft an mich mit der Frage herangetreten, warum ich nicht öffentlich gegen den Antisemitismus protestiere. Ich glaube aber nicht an solche Proteste. Wir Juden sollen den Antisemiten eher beweisen, daß unsere Kulturgüter den Kulturgütern bedeutend größerer Völker ebenbürtig sind, wenn wir auch nur fünfzehn Millionen Seelen zählen. Die heutige Zeit erheischt Vorsicht und viel Taktgefühl. Ich betrachte es deswegen als Unglück für das Judentum, daß sich einzelne Juden mit Politik fremder Nationen befassen, anstatt nur rein jüdische Polit i k zu betreiben. Sie können versichert sein, daß ich zum Beispiel Leon Blum als Menschen wirklich achte; es kann aber leicht zum Unglück des französischen Judentums werden, daß an der Spitze der französischen Sozialdemokratie ein Jude steht. Wäre nicht der Jude Otto Bauer an der Spitze der österreichischen Sozialdemokratie gestanden, so würde diese Partei noch heute in Österreich bestehen. Ich bin auch gar nicht davon entzückt, daß der Jude Morgenthau amerikanischer Finanzminister ist. Wird ihm sein Finanzexperiment nicht gelingen, dann wird man dieses Mißlingen dem Juden Morgenthau in die Schuhe schieben. Ist es ein Zufall, daß gerade München die Geburtsstätte des deutschen Nationalsozialismus ist? In dieser Stadt war die Bevölkerung am meisten darüber erbittert, daß an der Spitze der kommunistischen Revolution Juden — die aber mit dem Judentum nicht das geringste zu tun hatten — wie Eisner oder Lewine standen. Wir müssen verstehen, daß die liberale Zeit momentan wenigstens verschwunden ist. Der antisemitische Haß kann schon morgen auch dort eindringen, wo man es heute noch für unmöglich hält. Die Juden also, die nicht rein jüdische Politik treiben, müssen in dieser Zeit ein Opfer für das Judentum bringen, und aus ihren heutigen Spitzenstellungen abtreten. Ich verstehe SiOhx gut, daß dieses Opfer, für siele kein ohem der Völkerbund aufgefordert wird, sei es durch internationale Konventionen, sei es durch andere Mittel dem durch Ausbürgerungen verursachten weiteren Steigen der Zahl der Staatenlosen Einhalt zu gebieten. kleines ist. Denn ich stelle mir das Judentum als eine Triebfeder vor, welche hunderte Jahre niedergedrückt, in der liberalen Zeit endlich losgelassen, desto höher emporgesprungen ist. Und dieses schnelle Emporspringen können uns die Antisemiten nicht verzeihen. Ich komme jetzt aus Amerika, der Schiffsgenosse meiner Reise war mein alter guter Es ist nun bald zwei Jahre her, seit das „erwachte“ Deutschland unter der glorreichen Führung des Propagandaministere Goebbels die Werke jüdischer Literaten und Wissenschaftler feierlich dem Scheiterhaufen auslieferte, um kn Zeichen dieses Autodafes den braunen Bataillonen auch die ihnen vermeintlich bloß von der geschäftstüchtigeren jüdischen Konkurrenz böswillig verlegte Straße zum literarischen Publikumserfolg und ziur Unsterblichkeit freizulegen. Wie stellt sich nunmehr die Frucht dieser großzügigen und sensationellen Aktion geistiger Erneuerung im Zeichen des Hakenkreuzes dar? Das einheimische Publikum wurde vor kurzem von den deutschen Bühnendichtern und Kabarettiers öffentlich um — Nachsicht gebeten, weil ihnen die Beliebtheit ihrer gewaltsam vertriebenen jüdischen Vorgänger versagt bleibt. Über das Fiasko der neudeutschen Kunstpioniere im Ausland stieß jüngst die Berliner Zeitschrift „Die neue Literatur“ den bezeichnenden Stoßseufzer aus: „In vielen Ländern findet derzeit nur die jüdische Emigrantenliteratur Aufnahme und Beacht u n g.“ Das ist eine böse Enttäuschung für die nationalsozialistischen Adepten des literarischen Ruhms, die gehofft hatten, daß sich durch die strengen Verbote von Liebesverhältnissen zwischen Ariern und Nichtariern auch die Musen einsohücbtern lassen würden, fortan noch Juden zu küssen, anstatt ihre Gunst auf nordisch gesiebte edelrassige Autoren zu beschränken. Und nun dieser Katzenjammer der urgerananieeben Skribenten, die erkennen müssen, daß ihnen auch nach der Ausschaltung der Konkurrenz eines Werfel nicht der große Wurf gelingen will, und daß sie trotz der Absägung eines Arnold Zweig und eines Stefan Zweig auf keinen grünen Zweig kommen können ... Der Geist läßt sich nichts aufzwingen. Nur der Körper muß sich fügen, wenn der Anbruch einer „großen Zeit“ ihm als fragwürdigen Ersatz der gewohnten bekömmlichen Kost Wrucken und Brot aus Baumrindenmehl aufnötigt. Der Geist erfreut sich einer höheren Unabhängigkeit von dm Nährprodukten völkischer Erhebungsperioden. Auf dem Markt der geistigen Nahrung muß sich daher die Spekulation auf eine Konjunktur unzulänglicher Surrogate als verfehlt erweisen. Der gute Geschmack kultivierter Kunstkonsumenten wird jede Verfälschung der ihm gebotenen Genußmittel zurückweisen. Die Produzenten dieser Pseudoleckerbissen werden sich daher nach wie vor auf das genügsamere Publikum beschränkt sehen, das sich schon seit jeher, für die schwerere Kost des gediegenen Kunstmarktes niemals ganz aufnahmsfähig, an leichtere Ware und süßlichen Kitsch hielt, Um die Verehrerinnen der Courts- Pension Eckstein - Semmering Freund Schalom Asch, mit dem ich wähj rend der Überfahrt Gelegenheit hatte, viele« über diese tragische Zeit des Judentums zu sprechen. Ich konnte den tiefen Schmerz meines Freundes beobachten, daß momentan wenigstens der Haß und das Böse überhand-» nimmt. Palästina gibt vielen, vielen, auch' denen, die nicht hinüberkommen, einen wahren Trost. Ich persönlich freue mich von ganzem Herzen über den großen Aufschwung unseres Landes, obwohl mich die Bodenspekulation, über welche ich vieles hörte, sehr schmerzt. Das sind neue Ghetto-» methoden, denen man am besten mit einet großen Wertzuwachssteuer entgegentreten kann. Ich werde bald nach Palästina gehen und dort lange Zeit verbleiben. Ich will auch dort mit maßgebenden Persönlichkeiten über ein Projekt sprechen, für welches ich schon eine Gruppe bedeutender Juden ge-» wonnen habe. Ich will nämlich in London' eine jüdische Zeitschrift in englischer und deutscher Sprache herausgeben, die auf einem wahrhaft hoben Niveau stehen und den großen Schatz unserer geistigen Errungenschaften und Kultur wiedergeben soll. Diese Zeitschrift wird, wie ich hoffe, schon' in einigen Jahren eine wahre Enzyklopädie; des ganzen Judentums werden. Mahler-Romane vor dem von Goebbels verpönten Hang zu „überspitzter Seelenzerfaseruüig“ zu behüten, war es kaum not* wendig, die psychoanalytischen Werke Siegmund Freuds dem Scheiterhaufen auszulief em... Daß der deutsche Büchermarkt im I eh 1 a n d keine Abnehmer mehr findet, wird deq Lenkern des Dritten Reiches wahrscheinlich nicht einmal unangenehm sein. Hat' doch Hitler schon länget die deutschen; Studenten davor gewarnt, au viel in diel Bücher zu gucken, und nach seiner Machtergreifung hat er die Erlangung einen HochschuLdozentiur an die Voraussetzung, eifriger Geländeübungen gebunden. Auf diesem Niveau entwickelt sich jetzt die entjndete deutsche Wissenschaft. Die Jugend ist vollauf mit Geländeübungen beschäftigt^ daß es Bücher gibt, entschwindet immer mehr ihrem Bewußtsein. Laut einer jüngst veröffentlichten amtlichen Verlautbarung ist die Zahl der aus der Preußischen Staatsbibliothek entlehnten Werke im letzten Jahr um 23 Prozent zurückgegangen. Wie kann man von einer Akademiker-Generation, die sich Bücher nicht einmal mehr a u s b o r g t, erwarten, daß sie solche kauft? Das Dritte Reich erwartet es jedenfalls nicht. Für den, Entgang an Steuergeldern aus dem finanziell geschwächten Buchhandel hält es sich durch die Einziehung der durch ehrliche literarische oder wissenschaftliche Erfolge erworbenen Vermögen Ausgewanderter Geistesgrößen schadlos. Am gründlichsten hat man dieses System der Familie E i nsteiu gegenüber angewendet. Weil der berühmte Familienvater Werke zu verfassen gewagt hat, die nicht einmal Herr Julius Streicher, die größte geistige Autorität des Dritten Reiches, versteht, hat inan nicht nur dem jüdischen Gelehrten selbst, sondern auch seinen Töchtern ihr in Deutschland zurückgelassenes Hab und Gut konfisziert. So müssen die vertriebenen, Leuchten des vom Nationalsozialismus überwundenen Zeitalters in Deutschland materiell noch immer den Staat stützen, der ihrer Geistesfrüchte entraten zu können glaubt. Das sollen ihnen einmal die jetzigen spirituellen Größen des Dritten Reiches nachmaehen! Goebbels scheint dies ganz ernstlich von ihnen zu verlangen. Und weil sie aus den vorhin erwähnten Gründen im Inland keinen Umsatz erzielen können, droht er dem Ausland: „Wenn Ihr unsere Bücher nicht kauft, dann werden wir eure Waren nicht mehr her ein lassen.“ Wie man daraus ersieht, hat der schöpferische Geist des Volkes der Dichter und Denker auch im Dritten Reiche trotz der Feindschaft, die seine Führer dem Intellekt geschworen, noch eine Funktion! Als Austauschobjekt gegen Südfrüchte, Pfeffer, Kaffeebohnen und Baumwolle wird .er gern in die .Waagschale geworfen, D'fet schließungsentwurf zu unterbreiten, in wel- Ihr Alter? Niemand errät es, menn ®ieba§.f?aarftärfung3toaffer (fntruhal betrügen, bö§ beit gefdhtoädjten $aartoutäeln bte ber&taiudjten fyarbftoffe aufüfjrt, fo bah ergraute .foaare bte ehemalige f^atbe totebet bekommen, ©ntrupaf toirft nach unb nach, unb $toar auf natürliche Seife, fontit fehlfarben böttig au§* gefchfoffen. Originalftafche S 8.80, mit Poft S 9.80. 33a^cr, SBien, I., SBottaeile 9lr. 13. erhältlich in affen größeren Parfümerien, 2I|)othefen unb Drogerien. Stefan Zweig: Der Heroismus des Judentums III.. Das Fiasko der geistigen Erneuerung im Dritten Reiche

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