Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 432 (8.3.1935)
- Date
- 1935-03-08
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 432 — 8. Mürz 1935 DII STIMMI Seit« 5 Amerikas beste Girls. Sehlafter, Komiker.. in der Millionenrevue Skandale 1935 iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii ab heule: Schweden Kino II. Bin Fox-Fllm PALÄSTINA MELDET: Schabbat-Aktion in Tel-Aviv Tel-Avlv, 5. März. (Z.T.A.) Im Beth Ilaam wurde die jetzt in ganz Palästina durchgeführto Aktion für religiöse Einhaltung des Sabbath mit einer Kundgebung eröffnet, die von Taugenden Personen besucht war. Der Präsident der Jüdischen Gemeinde von Tel-Aviv, S y r k i s, leitete die Kundgebung. Die Ha.uptrede hielt Rabbi Meir Berlin, der Führer des Weltmis* raclii. Vizebürgermeister Rokach teilte mit, daß die Stadtverwaltung im Begriff sei, das 1.925 aufgehobene Säbbath-Beobachtungsgesetz wieder in Kraft zu setzen. Nach einer zweiten, in der Tel-Aviver Großen Synagoge abgehaltenen Kundgebung für religiöse Sabbathhaltung kam es in den Straßen zu Zusammenstößen, bei denen zehn Personen verwundet und zehn verhaftet wurden. Versammlungsteilnehmer hielten Taxis an und zwangen Chauffeure und Insassen zum Aussteigen. In einigen geöffneten Läden wurden Schaufenster eingeschlagen. Dr. Josef Sapir gestorben Jerusalem, 6. März. (2. T. A.) Im Alter von 66 Jahren verstarb hier der bekannte Zionist und früheres Mitglied des A. C. Dr. Josef Sapir. In Odessa geboren, ging er in jungen Jahren naoh Wien, wo er den Studentenverband „K ad im ah“ begründen half. Er arbeitete später an verschiedenen jüdischen Verlagen und Zeitungen mit. In den letzten Jahren lebte er in Palästina. Boden vor allem! Von Adolf Poflak Adolf Po llak, der europäische Generalsekretär des KKL-Ikiuptbüros Jerusalem, der dienstälteste Beamte des Zionismus und Mitarbeiter Theodor H e r z 1 s, ist soeben von seiner dritten Palästina - Informationsreise nach Eutopa ziirüekgekelirt und hielt sich auch einige Tage in Wien auf. Wir ersuchten Herrn Pollak, uns einiges über das nationale Bodenproblem in Palästina nuitzuleilen. Herr Pollak äußerte sich in Kürze wie folgt: Keim Versäumnis bei unserem Aufbauwerk in Palästina rächt sich bitterer, als unser Mangel an Bodenresorven ln Stadt und Land. Man muß dieses schwerwiegende Problem in seiner Gesamtheit und unbeeinflußt vom Streit der Parteien und einseitigen Meinungen betrachten. Während es früher nur der enge Kreis der Keren-Kajemeth-Leute war, der den „Ruf des Bodens“ niemals verstummen ließ, sind es heute Zehntausend«, die in diesen Ruf eingestimmt haben. Dabei handelt es sieh nicht etwa allein um die vielen hundert, seit Jahren in Palästina in Lohnarbeit stehenden Ansiedlungskandidaten aus den Kreisen der Arbeiterschaft, sondern auch um die, besonders in den letzten zwei Jahren nach Tausenden eingewan,eierten Mittelständler, die nur zu einem Teil angesiodolt werden können, weil die notwendige Bodenreserve nicht vorhanden ist. Es handelt sich in vielen Fällen um wertvollste Elemente, die auch über die notwendigen Mittel zur Ansiedlung verfügen; aber diese Mittel reichen im besten Fall zur Einrichtung der Wirtschaft aus. Die ersten erfolgreichen Versuche mit der Ansiodlung des selbstarbeitenden Mittelstandes haben bewiesen, daß hier ein großes Gebiet produktiver Aufbautätigfceit vorhanden ist, wobei die Frage des nationalen Bodens das Entscheidende ist. Die städtische Kolonisation Palästinas findet in den beiden sich so rapid entwickelnden Städten Tel-Äviv und Haifa ihren sichtbarsten Ausdruck. In Tel-Aviv, dieser sichtbarsten Kraftleistung der Juden in Palästina, können wir die Entwicklung nicht beeinflussen, weil der KKL. infolge Mangel an Mitteln Boden für Bauzwecke in größerem Ausmaße dort nicht sichern konnte. Es ist aber anzunehmen, daß bei der über alle Erwartungen sich ausdehnenden vorstädtischen Entwicklung eine Einflußnahme des KKL. nicht ganz ausgeschaltet wird. Einiges ist in Vorbereitung, worüber zu sprechen heute noch verfrüht wäre. Hingegen hat der KKL. durch «eine rechtzeitig vor Jahren duroligeführten großen Bodenerwerbungen in der Haifa-Akko- Bucht den maßgebenden Einfluß auf die städtische, industrielle und vorstädtische Entwicklung dieser künftigen Großstadt erlangt. Darüber hinaus bildet sein Bodenbesitz in der Haifa-Akko-Bucht heute schon auch finanziell das Rückgrat unseres nationalen Vermögens und das wird sich in kürzester Zeit in einer Weise auswirken, die wir vielleicht noch vor Jahresfrist für unmöglich gehalten hätten. Selbstverständlich hat aber für lange Zeit die Vermehrung des nationalen Bodens auf dom Lande das Primat. Zahllos sind die Schwierigkeiten der Boderierwerbung und leider kommen immer wieder neue hinzu. All das kann aber die Ziele einer wirklich planmäßigen und großzügigen Bodenpolitik nicht verrücken und ich habe bei meinem jetzigen Aufenthalt in Palästina mit besonderer Genugtuung festgestellt, daß die für die Bodenpolitik verantwortlichen Menschen durch alle Schwierigkeiten nicht m u t- 1 o s geworden sind. Schon im vergangenen Jahre war die vom KKL. erworbene Fläche an landwirtschaftlichem Boden relativ größer, als in den beiden letzten Jahren, und es ist anzunehmen, daß sie in diesem Jahre noch viel bedeutender werden dürfte. Es hat in der zionistischen Öffentlichkeit einiges Erstaunen erweckt, daß der KKL. an der Erwerbung der Hule-Konzeseion keinen unmittelbaren Anteil genommen hat. Dies geschah aus wohlerwogenen Gründen, aber es ist a/nzunehmem, daß auch diese außerordentlich wertvolle Erweiterung unserer landwirtschaftlichen Einflußsphäre in Palästina nicht ohne Mitwirkung des KKL. bleiben wird. Fast 350.000 metrische Dunam Boden sind bisher aus den Groschen des Volkes in Palästina in das ewige und unveräußerliche Eigentum des Volkes gebracht worden, fast 100 landwirtschaftliche Sied- Die österr. Tabakregie auf der Wiener Frühfahrsmesse Im Rotundenpavlllon Schaustellung und Verkauf sämtlicher Regie- und Falkfabrikate; Vorführung der maschinellen Zigarettenverpackung. Im Messepalast Propagandaaufo. Neuheiten: Messeniemphis mit rotweiß-rotom Bändchen und Aufdruck „W. I. M.“ in Ilartkartons zu 20 Stück, in Kappenschachteln zu 25 Stück und in Kassetten zu 100 Stück. Die Falk-Zigarre in origineller 7er-Paokung. Beteiligen Sie sich an dem Preisausschreiben der Tabakregie! Näheres erfahren Sie im Rotundenpavillon. lungspunkte erheben sich bereits auf diesem Boden, starke Schlüsselpositionen — Emek Jesreel, Emek Sebulon und Emek Chefer — wurden gesichert und der Wert des nationalen Vermögens auf über 5 Millionen Pfund gesteigert. Der Keren Kajemetih ist nicht nur ein zentrales Instrument des Palästinaaufbaues, er ißt eiin Faktor geworden, der heute auch schon in der Welt der großen Finanzre«alitäten sehr ernstgenommen wird, wie die gegenwärtig schwebenden Verhandlungen betreffe einer großen Anleihe beweisen. Hier in Wien wurde auch diese große Institution geschaffen und erst vor wenigen Monaten hat man seinen ersten Organisator und Leiter, Johann Kremenezky, zur letzten Ruhe bestattet. Die österreichischen Zionisten und mit ihnen sicherlich ein großer Teil der österreichischen Judenheit, will dem Andenken Johann Kremenezkys ein würdiges Denkmal in Palästina setzen, indem ein neues Dorf gegründet wird, das seinen Namen für alle Zeiten tragen soll. Der erste und wichtigste Schritt ist die Schaffung des Bauplatzes, das heißt die Erlösung einer neuen Bodenfläche für K f a r Kremenezky. Ich bin überzeugt, daß der Idealismus, die Treue und die Energie unserer Gesinnungsgenossen hierzulande nicht erlahmen werden und wir in absehbarer Zeit einen Siedlungspunkt in Erez Israel besitzen werden, auf welchem Juden aller Schichten aus Österreich an dem großen Werk unserer nationalen Heimstätte weiterbauen werden. JOSEF ROTH Der jüdische Mensch stellt Fragen an das Schicksal. Je härter die Schläge, desto heftiger die Fragen. Auch das Schlechte kam zum Guten sein, antwortet er sich selbst manchmal. Beides kommt von Gott. Gott hat es gegeben, Gott hat es genommen. Also ist das Fragen des frommen Juden eigentlich an Gott gerichtet. Nur, daß er zuweilen den Eindruck hat, als ob die Sterne Gott, der gar zu weit ist, verdecken würden. Diesen Eindruck hat der lleld des Buches von Josef Roth, der zwar nur Mendel Singer heißt und ein russischer Jude ist, aber vom Verfasser mit Hiob verglichen wird. Mit Hiob haben Freunde über Gott und Gott selbst auch gesprochen. Mit Mendel Singer ■redet Gott nicht. Der kleine einfache Jude aus Zuchnov trägt schweigend seine Bürde, die sehr schwer ist. Wenn das Herz zum Zerspringen voll ist, redet er zu seiner Frau Deborah, aber nicht zu der lebenden, sondern zu der toten Frau. Um so wirksamer sind diese stummen Monologe. Einfach ist der Mann, der als Leidender vorgeführt wird und einfach sind seine Fragen, auf die es keine Antwort gibt. Ein typisches jüdisches Lebensschicksal rollt vor uns ab. Ein Mann aus dem Volke steht vor uns. Der Dichter führt ihn mit den Worten ein: „Vor vielen Jahren lebte in Zuchnov ein Mann namens Mendel Singer. Er war fromm, gottesfürchtig und gewöhnlich, ein ganz alltäglicher Jude, Er übte den schlichten Beruf eines Lehrers aus... Er lehrte mit ehrlichem Eifer und ohne aufsehenerregendem Erfolg« In diesen Anfangssätzen ersieht man den Stil des Romanes Hiob, der eigentlich kein Roman i-st, sondern ein Volksbuch, eine Legende, eine Historie, ein Tatsachenbericht, scheinbar sehr sachlich, ohne romanhafte Verwicklungen und äußerliche Spannungen und dennoch ein Buch, das packt, ergreift und so natürlich wirkt, wie ein Produkt der Natur. Man liest es zu Ende und sagt sich, wie einfach ist das alles und doch welch ein Kunstwerk! Stellen sind darin, wie aus der Bibel ausgeschnitten. Aber nicht etwa aufgebläht, sondern mit dem Ganzen verwachsen, einsgeworden, einheitlich wirkend. Gott hatte seinem Sender Fruchtbarkeit verliehen, heißt es von Mendel, seinem Herzen Gleichmut und seinen Händen Armut... Dennoch rann sein Leben stetig dahin wie ein kleiner armer Bach zwischen kärglichen Ufern. Jeden Morgen dankte Mendel Gott für den Schlaf, für das Erwachen und den anbrechenden Tag. Wenn die Sonne unterging, betete er noch einmal. Wenn die ersten Sterne aufsprühten betete er zum drittenmal. Er betete aber auch, wenn ihn ein Unglück traf. Und es traf ihn oft. Und war doch ein guter Mensch. Sein Gewissen war rein. Seine Seele war keusch. Er brauchte nichts zu bereuen, und nichts gab es, was er begehrt hätte. Aber der Gerechte leidet, heißt es in der Bibel. Am härtesten trifft Gott den guten Mendel in seinen Kindern. Sein Sohn Jonas wird Soldat und dient dem russichen Zaren. Seine Tochter Miriam überrascht er im Getreide mit einem christlichen Soldaten, eng umschlungen, Der zweite Sohn Schemajie flüchtet nach Amerika, wo er sich in den wohlhabenden Sam verwandelt. Das jüngste Kind, Menuschem, ist leiblich und geistig zurückgeblieben und stumm. Die Frau Deborah wird ihm mit den Jahren gleichgültig. Der Sohn Sam holt seine Eltern nach Amerika, um sie vor völliger Vereinsamung und Verarmung zu bewahren. Schwer fällt es den Eltern, von Menuschem Abschied zu nehmen. Sie belassen das verkrüppelte Kind einem jungen Ehepaar, dem sie ihr Ham übergeben und fahren schweren Herzens mit Miriam zu Sam. ln Amerika hellt sich für Mendel der Himmel auf. Aber es zieht ihn und seine Frau zu dem Krüppel zurück, den sie verlassen hatten, obwohl es ihr Kind war. Sie hoffen aber, daß Sam dm stummen Menuschem herüberholen lassen wird. Da bricht der Weltkrieg aus. Und der Reiseplan muß auf gegeben werden. Dann tritt auch Amerika in den Weltkrieg wie in ein Geschäftsunternehmen ein. Und Sam rückt ein. Er fällt. Deborah stirbt vor Verzweiflung. Nicht lange danach verfällt Miriam in Wahnsinn. Jonas ist verschollen. Mendel ist allein. Und hält stumme Zwiesprache mit der toten Deborah. Und beginnt zu lästern, denn das Beten hilft ihm nicht über den Schmerz hinweg, wie es ihn nicht vor Schmerzen bewahren konnle. Zu dem lästernden Mendel reden die Freunde, kleine eingewanderte Juden, schlichte Worte, Worte des Vorwurfs und des Trostes. Das Wunder, das einst ein Wunderrabbi seiner Frau an Menuschem vorausgesagt hatte, ist nicht eingetreten. Auch sonst hatte das Leben für Mendel nur Enttäuschungen,■ Leiden, Verluste. Wozu sollte er also weiterleben? Wer war schuld an all dem Unglück, was war schuld daran? Vielleicht hätte er doch nicht nach Amerika fahren sollen. Was gehen wir Juden nur immer in der Welt herum? Warum sind wir so unrastvoll? Der einfachste Bauer hat es besser. Man hätte daheim bleiben sollen, die Pferde lieber Schnaps trinken, in dm Wiesen schlafen, Mirjam mit Kosaken gehen lassen und Menuschem lieben... Bin ich verrückt geworden, dachte Mendel weiter, daß ich so denke? Denkt ein alter Jude solche Sachen? Seine Majestät der Schmerz ist in den Juden gefahrm — denkt der Arzt, der Miriam nicht heilen kann und alles Gott überläßt. Gott wird helfen. Nein! Mendel glaubt nicht mehr daran. Hast du schon gesehen, daß Gott einem Mendel Singer geholfen hätte? Und er geht in seiner Verlassenheit daran, seine Gebetbücher zu verbrennen. Warum strafte Gott nur Mendel und nicht der Nach* harn einen? Was hat Mendel gesündigt? AUes hat er verloren. Nun verläßt er sich selbst. Aus ist es mit Mendel. Sein Herz war böse auf Gott, doch in den Muskeln wohnte noch die Angst vor Gott. Er beruhigt sich erst, als die Nachbarn, die Freunde kamen. Er gesteht ihnen ein, daß er Gott verbrennen wollte. Ein Hauch von biblischer Größe umwittert die Szene. Die ungläubigen Juden weisen den frommen Mendel zurecht und lassen nicht zu, daß er Gott lästere. Und sie erinnern ihn an Hiob. Vielleicht ist auch Mendels Leid nur eine Prüfung? Und es stellt sich nach einiger Zeit heraus, daß es wirklich eine Prüfung war, denn Menuschem selbst taucht auf wild findet den Vater. Die Erkennungsszene zwischen Vater und Sohn hat klassische Größe. Der Sohn war durch einen Schreck vor einer Feuersbrunst zu sich gekommen und hatte die Sprache gewonnen. Nun steht er vor Mendel Singer als Musiker und Komponist — und die Freunde teilen mit Mendel sein Glück. Und einer sagt zu ihm: „Erinnerst du dich, wie du geschlagen warst. Wir trösteten dich, aber wir wußten, daß es umsonst war. Nun erlebst du ein Wunder am lebendigen Leibe. Wie wir damals mit dir traurig waren, so sind wir heute mit dir fröhlich. Groß sind die Wunder, die der Ewige vollbringt, heute noch, wie vor einigen tausend Jahren. Und Mendel Singer sagt: „Schwere Sünden habe ich begangen. Der Herr hat die Augen zugedrückt. Er ist so groß, daß unsere Schlechtigkeit ganz klein wird.“ Nun kann er hoffen, daß die Ärzte seine Tochter Miriam gesund machen können und daß der verschollene Jonas wieder auftauchen wird. Er legte sich hin. Und während die Augen sich langsam schlossen, nahmen sie die ganze blaue Heiterkeit des Himmels in den Schlaf hinüber... Und er schlief ein. Und er ruhte aus von der Schwere des Glückes und der Größe der Wunder. So schließt das edle, schöne Buch fast w'ie ein Märchen oder eine Erzählung am der Bibel. Dr, Marek Scher lag.