Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 431 (5.3.1935)
- Date
- 1935-03-05
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. DIE STIMME Nr. 4:1t — 5. Mürz 1985 Der österreichische Bundeskanzler Doktor Schu s o h n i g g gab der Jewish Telegraphie Agency in London eine Brkiiiniii'i' über (ii• ■ Lage der .luden in österr * * i ■ ■ 11. die Erklärung lautet in der Übertrag!! iig audem Englischen: l.i» Wirklichkeit exit*th>rt. in Österreich nicht 'dne dudenfrage im allgemeinen Sinne dei' Wortes, wie es eine solche Frage in vielen anderen Ländern gibt. Die Bundesverfassung Österreichs basiert auf der v ö l- 1 i g e n G leie h heit aller Bürger ohne L’nterbelued der religiösen und nationalen Zugehörigkeit, Bisher ist kein Gesetz oder Dekret horausa•'geben worden, das irgend welchen Nachteil für Mitglieder irgend einer religiösen Gemeinschaft im Gefolge gehabt hätte; die* gilt auch, soweit es sich mn die Juden handelt. Zweifellos sind in der Periode des Wiederaufbaues des Staates eine Anzahl Maßnahmen ergriffen worden, von denen die eine oder die andere Kategorie von Bürgern betroffen wurde; diese Maßnahmen ■wurden aber ohne irgend welche Erwägungen religiöser Art. sondern einzig und -»Jlein aus politischen und wirts c h a f t 1 i c h e n Grün d e n getroffen. Im Gefolge von Entwicklungen, deren Ursachen wohl bekannt sind, sind die österreichischen Juden in der Hauptsache in bestimmten Tätigkeitsgebieten beschäftigt, in denen eie früher .sogar die große Mehrheit ausinaehten: in Handel, Bankwesen. Rechteleben, Medizin, Journalismus, wie im allgemeinen in den freien Berufen. Dieser Stand der Dinge wurde noch weiter unterst riehen durch die Tatsache, daß die Karrieren in den anderen B e tätigt» ngsgebi e ten der nichtjüdisehen Bevölkerung offenstanden, die infolgedessen an einem Unterkommen ln den freien Berufen nicht besonders interessiert war. Die nieht- ‘jüdische Bevölkerung zog öffentliche Karrieren vor: man wurde Staats- oder städtischer Beamter, Lehrer, zog ein Unterkommen im Gerichtswesen oder Militär vor und hatte keinen Grund, den Lebensunterhalt in Handel, Bankwesen und freien Berufen zu suchen. Die Nachkriegszeit und die sie begleitenden Umgestaltungen haben diese Situation geändert. Die Möglichkeiten für Karrieren im öffentlichen Leben wurden sehr herabgemindert. Sowohl das Einkommen der Beamten als auch ihre Chancen auf Beförderung haben sich vermindert. Die militärische Laufbahn ist eine fast verschlossene. Infolgedessen hat sich die nichtjüdische Bevölkerung in wachsendem Maße dem Rechteleben, der Medizin und den anderen freien Berufen zu gewandt: und als sie die Mehrheit der Positionen in diesen Berufen durch Juden besetzt fand, sah sie hierin eine Ungerechtigkeit. sie wollte sich damit nicht abfinden. daß die .Juden in diesen Berufen zu TO oder 80 Prozent vertreten sein sollten, wo die Christen 05 Prozent der Gesa.mtbe v ö 1 k e n i ri,g au sma eben. Wer einen Lebensunterhalt sucht, hat keine G e d u 1 d z u historischen Erwägungen. Die Menschen sehen sich einer .Situation gegen übergestellt, die es ihnen unmöglich macht, ihre wirtschaftliche Existenz zu sichern, mul sie fordern, daß dieser Stand der Dinge geändert werde. So geschieht es, daß mehrere Borufskürpcrschäften die Forderung nach Inkrafttreten eines Numerus clausus aufs tollen. E.s muß aber gesagt werden, daß die Schwierigkeiten in den richterlichen und medizinischen Berufen in einem solchen Maße angewachsen sind, daß cs sogar im Interesse der jüdischen Angehörigen dieser Berufe seihst notwendig geworden ist, den weiteren Zutritt zu diesen Berufen m beschränken. Es wurden jedoch keine Maßnahmen ergriffen, die erworbene Rechte verletzt hätten; im Gegenteil, die Regierung hat einzig nach objektiven Richtlinien gehandelt und die Schritte, die sie den Umwind keineswegs von einem antisemitischen Geht eingegeben worden. Die gleichet» Opfer werden in dem gleichen Ausmaß von Angehörigen anderer Berufe verlangt. Auch im B a u k w e s e n hatten die Juden die große Mehrheit der Positionen inne. Die Direktoren der Großbanken waren zum großen 'Peil Juden, die ihren Verwandten, Freunden und Bekannten Stellen verschafften: auf diese Weise haben Juden die Mehrzahl der höheren Posten bekleidet. Nach dem Zusammenbruch der Großbanken hat es die Regierung, die kein Risiko in der Verwaltung der das ganze Land berührenden öffentlichen Finanzen eingehen konnte, für notwendig geholte«, an die Spitze der großen Finauzinstitutionen n e u e M ä n n e r zu setzen, die früher führende Positionen nicht bekleidet hatten. Diese Erwägung hatte Pereonaläniderungeu in» Gefolge, nie aber war das System der Auswahl von Erwägungen religiöser Natur inspiriert. Die Vereinfachung des ös-tererichischen Banksysteme und die Reduzierung de«? Beamtenstabes, die sie ian Gefolge hatte, haben Juden und Christen in gleichem Ausmaße betroffen. Die auf dem Gebiet von Handwerk und Industrie getroffenen neuen Maßnahmen haben Konsequenzen gehabt, die indirekt eine bestimmte Kategorie von Juden betroffen haben, aber auch diese Maßnahmen sind nicht von einem antisemitischen Geist inspiriert. Kaufleute und Handwerker klagten seit Jahren darüber, daß sie durch die Tätigkeit gewisser Raten hü n die r. Agenten, Kommissionäre usw. Schaden erleiden. Es fehlte auch an genügend strengen Vorschriften zur Normierung beruflicher Eignung, weshalb es gewissen Elementen möglich wurde, Unternehmen Ins Leben zu rufen, in denen sie ihren Mangel a.n technischer Kenntnis durch Anwendung skrupelloser Methoden wet ton [machen suchten. Die neue Gesetzgebung setzte diesen Zuständen in einem gewissen Maße einen Damm entgegen und daraus haben auch jüdische Handwerker und Kaufleute Nutzen gezogen. Somit können auch diese Gesetze nicht als ein Ausfluß antisemitischer Tendenz beurteilt werden. Während der fünfzehn Jahre* der? sozialdemokratischen Regimes im Wiener Rathaus war es ein Prinzip, daß jeder, der eine Position oder eine städtische Anstellung zu erlangen wünschte oder sonst in irgend einer Weise in eine Beziehung zur Stadtverwaltung zu treten wünschte, der s ozial de m okratischen Partei b e itre ten müsse. Als dann die Macht der Sozialdemokratie gebrochen war. versuchte 'Ins neue Regime, die Stadtverwaltung von diesen politischen Einflüssen zu befreien; dies der Grund, weshalb eine große Zahl von Beamten und Angestellten entlassen wurde. Zweifellos sind auch jüdische Arzte in einer gewissen Anzahl von diesen Maßnahmen betroffen worden; aber das geschah nicht aus religiösen Motiven, sondern hatte jsedne Ursache in der politischen Tätigkeit der Entlassenen. Es ist schwor, zu bestimmen, wie weit ein Einzelner aus wirklicher innerer fjberzettgung dem Sozialismus anhängt. Aber in jedem Falle, wo firigertdlt werden konnte, daß einer durch (ließe Maßnahmen betroffenen Person ein Unrecht widerfuhr, wurde da.s Unrecht soweit, wie möglich wiedergutgemacht. Die Möglichkeit einer V c t t r e i b u n g der .,0 s t. j u d e n“. die von mehreren Kreißen vurgesehlagcn wurde', ist von d e r R egie r un g n i cht ins A u g e gefaßt worden. En gibt viele Gründe, die eine solche Maßnahme als undurchführbar erscheinen Juseeu: es würde durch »sie ein Teil der Bevölkerung betroffen werden, der »seit zwanzig Jahren in Wien lebt und dort verwurzelt ist. Diese Menschen haben Verbindungen mit alteingesessenen Oßterreiohisohen jüdischen Familien angeknüpft und sie sind mit diesen in wirtschaftliche Beziehungen von einer Art eingetri'ten, daß ihre Vertreibung bedauerliche Rückwirkungen auf die getarnte österreichische Judenheit haben müßte. Ferner haben diese Juden auf ihre frühere Staatsangehörigkeit verzichtet und sind ^staatenlos" geworden; somit würde ihre Vertreibung K o in p 1 ik a t i o n e n auf dem Gebiete des internationalen Rechts nach eich ziehen. Alle Gerüchte über die Durchführung solcher Maßnahmen entbehren d a rum j e d w e (1 er Gr u n d läge; Befürchtungen nach dieser Richtung «ind absolut u ng e r e e h t f e r t i g t. Ein iin Herbst 1934 bezüglich der .städtischen Schulen in (Ästerreich verkündeten Dekret hat in gewissen jüdischen Kreisen ebenfalls Anlaß zu Befürchtungen und Klagen, die unberechtigt sind, gegeben. Mit Bezug auf diese Angelegenheit sei folgendes bemerkt: Das Re-iclißgesetz der alten österreichischen Monarchie sab mit Bezug auf .städtische Schulen vor, daß die Schuldirektoren der Religion entnommen werden sollen, der die Mehrzahl der Schüler angeliört. Diece Bestimmung begünstigte die Ernennung jüdisch er Schuldirektoren in jüdischen Schul Zentren. Anderseits haben orthodoxe J u d e n oft den Wunsch geäußert, (hiß ihre Kinder in besonderen Schulen und Klassen unterrichtet werden, damit der Stundenplan so gestaltet werden könne, daß die Kinder am Sonnabend vom Schreiben und Zeichnen befreit werden können. Die 'Peilung von Klastsen mit einer großen Schülerzahl in mehrere Parallelkla.ssen unter Berückstiehtigung der Rei iglorißzugehörigkei t der Schüler sollte nicht als die Absicht gedeutet werden, für die jüdischen Schüler ein „S c h u 1 - G h e 11 o“ zu schaffen, sondern vielmehr als der Wunsch, eine praktische Organisation aufzubauen, die auch für die jüdischen Schüler von Vorteil ißt. Man darf nicht vergessen, daß wichtige jüdische Gruppen eine angemessene jüdische Erziehung fordern, daß zum Beispiel die orthodox-religiösen Schulgemeinden und der Jüdische Volksbund für Österreich die Schaffung nationaler jüdischer Schulen verlangt haben. Diese und ähnliche Maßnahmen sollten deshalb nicht als durch antisemitische Motive inspiriert beurteilt werden. Auch darf nicht übersehen werden, daß dem Büro für Volkserziehung in Wien ein Sondcr-Departement angegliedert ißt, das von einem Rabbiner geleitet wird, und dem alles, was mit jüdischer Erziehung zu tun hat, untersteht- Die Tatsache, daß die Zahl jüdischer Angestellter in den öffentlichen Diensten »sehr beschränkt ist, ist. wie bereits an,gedeutet, das Ergebnis historischer Entwicklung. Aber jenen Juden, die Anstellung in öffentlichen Billige Gesellschaftsreisen nach POLEN Abfahrt am 10. und 16. März Rttckfahrt am 7. April 1935 Andere Aufenthaltsarrangeinents möglich. Anmeldungen und Auskünfte beim Poln. Reisebüro „Franco pol“, Wien III., Rennweg 1 (Tel. U 10-4-90) Diensten gefunden haben, ist die Möglichkeit. gegeben, gemäß ihrer Begabung und in Ansehung der von ihnen geleisteten Dienste, hohe, ja höchste Positionen zu erreichen. Es gab und gibt immer noch jüdische Ministerialräte, sogar Direktoren verschiedener Ämter, denen die wichtigsten Agenden übertragen sind. Verschiedene Kreise erheben Beschwerde über die in ei n e m T eil de r P ress e gegen Juden mul Judentum gemachten Angriffe. Aber cs gibt auch eine j ü dis c h o Presse, so daß die Juden die Möglichkeit, haben, auf diese Angriffe in ihren Zeitungen zu antworten. Die jüdischen Parteien, Organisationen und Korporationen haben die Freiheit, öffentliche Versammlungen, Demonstrationen und Manifestationen abzuhalten und Bestimmungen zu treffen, die sie als für »len Schutz ihrer Glaubensgenossen notwendig halten. Würde die Regierung alle Angriffe gegen. Jüdin in der Presse oder bei öffentlichen Manifestationen verbilden, so würde ihr dies als Parteilichkeit ausgelegt werden, was dem Zieh das die Regierung verfolgt,, widerstreiten würde. Alle antisemitischen Zeitungen inul Broschüren, die über tune zulässige Grenze hinausgeh endo' Angriffe enthalten, werden in der Regel konfisziert-. Es existieren in Österreich a-ntiiscinkdscho Strömungen, wie in vielen anderen Ländern auch. Man geht absolut fehl, wenn man Erklärungen gewisser Gruppen oder Publikationen, die keinen Zusammenhang mit der Regierung haben, als halb- oder ganzoflizielle Kundgebungen von Absichten der Regierung betrachtet. Oft verfolgen di eso Parteien und Zeitungen eigene politische Ziele, die mit der, Absichten der Regierung nicht übereinstimmen. Dies gilt sowohl für allgemeine als auch für jüdische Fragen. Weder die österreichischen Juden noch ihre ausländischen Glaubensgenossen haben, was die Zukunft der Juden in Österreich betrifft, irgend einen Grund z u B e f ü r c ht u n g e n. Die wiederholt von der Regierung gegebene Zusicherung, daß eie keino den Rechten der jüdischen Bürger Österreichs irgendwie nachteilige Maßnahme erwägt, sollte ihr volles und unbedingtes Vertrauen haben. •i; Aus dieser Erklärung ergibt sich zunächst, daß die Regierung den Einfluß antijüdißcher Tendenzen auf ihre Maßnahmen bestreitet. Weiters ißt fest,zuhalten, daß keine Schritte in bezug auf ausländische Staatsbürger oder Staatenlose erfolgen werden. Wae die antisemitische Agitation aubelaugt, so übersieht die Regierung leider den Zusammenhang mit dem staatsgefühiTiohen Nationalsozialismus. Eß ist keine Parteilichkeit, wenn gegen den Hochverrat, in welcher Form or immer sich zeigt, eingeechritten wird. Ew kann auch von keiner Parteilichkeit gesprochen werden, da doch von keiner jüdischen Seite jemals der Staat oder dio christliche Religion oder da« deutsche Volk angegriffen worden ißt. Die gegen die Juden betriebene Hetze predigt Mord und Boykott, sie verstößt gegen das Strafgesetz, und die Wahrung der Gesetze kann daher nie mal« als Parteilichkeit ausgelegt werden. Die »starke Beteiligung der Juden an den freien Berufen ist, wie der Bundeskanzler zugibt;, durch die gesebicfitlielu* Entwicklung veranlaßt. Ea wäre nur hinzuzufügen, daß den Juden das weit»' Gebiet der Landwirtschaft verschlossen gcblielwn ist und auch heute noch verschlossen ist. Der Druck, der nicht jüdischen Bevölkerung auf die freien Berufe ißt demnach rine Ungerechtigkeit, die darauf abzielt, dio jltdi.se,hon Intellektuellen brotlos zu machen und dies nicht etwa au« sozialen, sondern aus nationalistiißeh-raßßisdien G rUnden. Lord Meldiett fordert Öffnung Transjordaniens London, 3. März. (Z. T. A.) In einem Schreiben an die „Times“ fordert Lord Melchett in Erwiderung auf einen kürzlich in der „Times“ erschienenen Artikel über die P o 8 i t i o n Transjordaniens im Mandat, daß England die Öffnung der Tore Transjordaniens für jüdische Einwanderung sowohl im eigenen Interesse als auch im Interesse der Schaffung eines Ventils gegen Zusammenballungen in Palästina verfügen solle. Lord Melchett führt aus, daß die möglichen Zusammenballungen in Palästina eine Krise herbeiführen könnten, die die zionistischen Ziele an der Verwirklichung hindern könnte. Lord Melchett weist auf die Vorteile bin, die dem britischen Reich daraus erwachsen könnten, wenn in wichtigen Knotenpunkten des britischen Reiches sich eine große jüdische Bevölkerung ansie’eit. neum jüdischen Land für ewige Zeiten leben. Dieser Antrag der Prager jüdischen "Verbindung ..Barissia" hat in der gesamten jüdischen Bevölkerung Widerhall gefunden und gibt Anlaß, den Dank an Masaryk in einer dauernden Ehrung, in Klar Masaryk, abzußtatten. Die-en Dank verbindet das jüdische Volk mit den herzlichsten Glückwim-eheu an die tschechische Nation. Erklärungen des Bundeskanzlers ständen gemäß zu ergreifen gezwungen war. Samstag, 23. März 1935, 8 Uhr abends Hlslailrutli Ivritli - Zionistischer LandesverliaDd fßr Österreich Große Perez Sitioienskin-Gedeiilffeier Anläßlich seines 5 0. Todestages Festsaal des Hotel Continental, ll.,Taborstr. 4