Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 430 (1.3.1935)
- Date
- 1935-03-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite O DIC STIMME Nr. 430 — 1. März 1035 BLICK IN DIE WELT Ein attes TiatadUs ecstetd von Müem Wenn die Pläne der Regierung von Irak und einiger Londoner Baufinnen durchgeführt werden, dürfte innerhalb von drei Jahren ein neues Paradies an der Stelle erblühen, an der gemäß der Überlieferung einst der Garten Eden lag. Dreitausend Jahre lang war das Land zwischen Tigris und Euphrat, dessen frühere Fruchtbarkeit persische und griechische Geschichtsschreiber priesen, eine trostlose Wüste; nun will die Irakregierung 5% Millionen Dollar daran wenden, um diese Fruchtbarkeit wiederherzustellen und die Wüste in Palmengärten, Maisfelder und Baumwollplantagen zu verwandeln. Zu diesem Zweck soll bei Kut-el-Amara, wo sich im Jahre 1915 die Truppen des englischen General Townsend den Türken ergeben mußten, ein gewaltiger Damm quer durch den Tigris gebaut und dieser Fluß durch einen Kanal mit dem jetzt trockenen Bett des Schott-el-Gharraf verbunden werden, der mitten zwischen Euphrat und Tigris durch das Herz des Irak verläuft und beinahe die Stadt Ur, jene chaldäische Wiege unserer Zivilisation, erreicht. Durch diese Regulierung des Tigris kann ein großer Teil des zwischen beiden Strömen liegenden Landes, dessen Boden außerordentlich reich sein soll und lediglich des JFmssers entbehrt, mit dem lebenspendenden Naß ver sorgt und fruchtbar gemacht werden. Die projektierte Tigrissperre wird nahezu 700 Meter lang und 17 Meter hoch sein; die Vorarbeiten haben bereits begonnen, und Pumpen sowie Betonmaschinen sind von Basra aus an Ort und Stelle geschafft worden. Nach dem Frühjahrshochwasser soll dann der Bau angefangen werden. von 100 Pfund wieder freigelassen. Die in seinem Büro Vorgefundene Korrespondenz und seine Bücher wurden beschlagnahmt. Der Buchhändler Levy, der ursprünglich zu einem Jahr Zuchthaus verurteilt worden war, weil er an die Zeitung „Manchester Guardian“ einen Brief geschrieben hatte, in welchem er sich über die Verfolgungen der Juden beschwerte, wurde bekanntlich von der Berufungsinstanz unter Aufhebung des Urtciles der ersten Instanz zu 75 Pfund Geldstrafe verurteilt. Zahlen mußte er aber schließlich nur 48 Pfund, weil die von ihm bis jetzt verbüßte Haft mit 27 Pfund „bewertet“ wurde. Es heißt aber, daß Levy, der unter Polizeiaufsicht steht, besonders streng bewacht wird, um ihn daran zu, verhindern, das Land zu, verlassen. Bei dm ICmcUw* it* Witua Ein Rothschild heiratet. . . Baron Philippe de Rothschild, Sohn des Barons Henri de Rothschild, hat sich mit der Gräfin Elisabeth de Chambure vermählt. Die Trauung wurde durch den Großrabbiner von Paris vollzogen. Da nach der T r ad ition der Familie Rothschild die Söhne nur Jüdinnen heiraten dürfen, ist die dem hohen christlichen Adel angehörende Braut vor der Trauung zum Judentum über getreten. Trauzeugen waren für den jungen Ehemann Baron Edouard und Baron James de Rothschild, für die junge Frau Graf Gerard de Chambure und Dr. Leon Zadoc-Kahn. Baron Philippe de Rothschild ist ein bekannter Schriftsteller und Forschungsreisender, auch ein glänzender Sportsmann. Eine Maimonides-Briefmarke Madrid. Die spanische Postbehörde hat beschlossen, zum 800. Geburtstag von Maimonides eine besondere Briefmarke herauszugeben. die. iitetistzw/eefotyüfig. Un ItaU Im englischen Parlament wurde kürzlich, wie die „Stimme“ bereits berichtet hat, die antijüdische Haltung der Regierung des Irak zum Gegenstand einer Interpellation gemacht. Dabei hat der Interpellant in einer nicht mißzuverstehenden Weise auf die Massaker hingewiesen, die unmittelbar nach der Aufhebung des Mandats im Irak unter den Assyrern stattfanden. Es scheint nun, daß die Regierung des Irak es darauf angelegt hat, in ihrer antijüdischen Haltung zu verharren. Wie nämlich „The Jewish Chronicle“ berichtet, wurde der Vertreter der Jeivish Agency in Bagdad, Aron Eliahu Sassoon, wegen „zionistischer Tätigkeit“ verhaftet und schließlich gegen eine Kaution Die Burgruine auf einer Insel im Troki- See ist der letzte Zeuge eines bedeutsamen Kapitels Weltgeschichte. Vor mehr als einem halben Jahrtausend war diese Burg der Sitz der Großfürsten von Litauen, und Troki war der Angelpunkt der osteuropäischen Entwicklung zwischen den Deutschordensrittern im Westen, dem weiten und noch nicht vereinigten russischen Reich im Osten und dem jungen Polenstaat im Süden. Dieses wehrhafte Haus baute vor mehr als sechshundert Jahren Großfürst Gedimin; hier herrschte Witold, den die Litauer als ihren großen Vytmitas verehren; hieher kam Jagiello, der dann Litauen und Polen vereinte. Heute ist Troki ein Städtchen von 5000 Einwohnern, in einer malerischen, Landschaft zwischen Hügeln und alten Wäldern gelegen, kaum eine Autostunde westlich von Wilna, hart an der „Demarkationslinie“, die noch jetzt, fast anderthalb Jahrzehnte nach den letzten Feindseligkeiten, Polen und Litauen voneinander trennt, ohne daß es einen normalen nachbarlichen Verkehr herüber und hinüber gäbe ... An einer langen Straße reihen sich die Häuser der ärmlichen Einwohner, nicht anders als in anderen polnischen Kleinstädten auch. Aber hier finden wir außer der römisch-katholischen und der griechisch-orthodoxen Kirche und der Synagoge auch ein Bethaus der Karäer. Und dieser wenig bekannten Sekte gilt unser Besuch, gilt unser Interesse. Als Witold im letzten Viertel des 14. Jahrhunderts die Juden in sein Land rief, um Handel und Wohlstand zu fördern, da kamen auch Anhänger dieser Glaubensrichtung nach Troki. Die Geschichte ihrer Sekte reicht freilich bis ins 9. Jahrhundert zurück, das in ganz Vorderasien starke Abspaltungen im Judentum wie im Islam zeitigte. Was die „Karairn“ im wesentlichen von den Juden unterscheidet, ist der Umstand, daß ihre Lehre sich auf die Bibel, insbesondere auf die religiösen Gesetze der fünf Bücher Moses stützt, die talmudischen Vorschriften jedoch völlig ablehnt. Aber auch sie haben dazu eine eigene Überlieferung und Auslegung geschaffen, deren Bestimmungen noch strenger gehalten waren als die des talmudischen Judentums. Es würde zu weit führen, trollten ivir hier im einzelnen die unterschiedlichen Auffassungen der Karäer über die Heiligung des. Sabbats, die Speisegesetze, den Gottesdienst, über die messianische Endzeit usw. aufzählen. In der reichen theologischen und religionsphilosophischen Literatur der Karaiten selber finden sich mancherlei Abweichungen und Weiterbildungen, die einander widersprechen, ln ihrer heutigen Glaubensübung ist ein ausgesprochen rationalistischer Zug bemerkbar, der zum Beispiel alle anschauliche Vermenschlichung Gottes, wie sie im Stil der Bibel liegt, aus den Gebeten ausgemerzt und durch Abstraktionen ersetzt hat. So heißt es an Stelle von „im Angesicht Gottes" bei ihnen „in Gegenwart Gottes“, der „Zorn Gottes“ wurde zum „göttlichen Strafgericht“; „die Hand des Herrn“ wurde in „das Walten des Herrn“ verwandelt u. a. m. Ihre gottesdienstliche Sprache ist das Hebräische in orientalischer Aussprache; untereinander sprechen sie polnisch, und zwar ein gutes und gepflegtes Polnisch, die älteren Leute benützen auch noch einen dem Tatarischen verwandten Dialekt. Gegenwärtig mag es in der ganzen Welt noch etwa 10.000 Karäer geben. Die Siedlungen in Troki und in Wilna sind zahlenmäßig am stärksten, Wilna ist auch der Sitz ihres obersten „Chacham“, des höchsten Geistlichen ihrer Hierarchie, eines sehr gelehrten Herrn, der früher Dozent in Petersburg und Erzieher am Hofe von Teheran war. Außerdem gibt es kleinere jüdische Gemeinden in Luch (Wolhynien), Halicz (der alten Hauptstadt Galiziens), sowie in der Umgegend von Lemberg. Aus der Krim, wo es früher ebenfalls größere Karäer gemeinden gab, sind in der letzten Zeit viele von ihnen ausgewandert, um ungestört ihrer Religion anhängen zu können. Auch in Konstantinopel, Kleinasien und Ägypten finden sich vereinzelte karaitische Gruppen. Nach ihrer eigenen Überlieferung stammen sie von einem Soldatenvolk ab, nach der Sage von jenen Chazaren, die einst geschlossen zum Judentum übertraten. Es bildet ihren Stolz, daß sie nicht Kaufleute sind, ja, daß ihnen jedes Geivinnstreben und materielles Denken fremd und ihre unbedingte Ehrlichkeit anerkannt ist. Tatsächlich kommen Straftaten unter ihnen nicht vor. Da sie seit Jahrhunderten keine Außenstehenden in ihre Gemeinschaft aufnehmen, aber auch kein „convivium et connubium“ mit ihrer Umwelt haben, so ist die Gefahr einer Inzucht naturgemäß groß. Das ist der tiefere Grund, weshalb die Vorschriften gegen die Verwandte neben bei ihnen besonders streng sind. Oftmals werden Heiraten zwischen Männern und Frauen aus sehr entfernten Gemeinden durch die Geistlichen schriftlich angebahnt, um einer Degeneration entgegenzuwirken. (Im letzten Sommer hat eine italienische ethnologische Studienkommission die Besonderheiten der Karäer des Wilna- Gebietes untersucht, weil die Verhältnisse bei ihnen ganz einzigartig sind.) Die Judenverfolgungen im alten Rußland und der Antisemitismus unserer Zeit haben dazu beigetragen, daß die Karäer den größten Wert darauf legen, nicht für Juden gehalten zu werden. Schon 1853 baten sie die russische Regierung, sich nicht mehr Juden, sondern „russische Karäer alttestamentarischen Glaubens“ nennen zu dürfen, und sie begründeten ihr Gesuch damit, daß sie „den Talmud ablehnen und sich durch ihre Lebensweise, Arbeitsamkeit, Ruhe, musterhafte Ehrlichkeit und Kaisertreue von den Juden unterscheiden“. 1863 wurde ihnen von der Regierung des Zaren die nachgesuchte Erlaubnis auch erteilt. In der letzten Zeit sind ähnliche Tendenzen bemerkbar: So wurde der David-Stern von ihrem „Kinesa“ (Geniza) genannten Bethaus entfernt, um die Distanzierung vom Judentum zu betonen, und kürzlich hat ihr oberster Chacham — in Fortsetzung solcher Bemühungen — das Rosch Haschanah zwar als Feiertag bestehen lassen, an Stelle der religiösen aber die bürgerliche Jahresrechnung eingeführt. Dem Blute nach ist diese kleinste nationale Minderheit des Landes gewiß mit dem jüdischen h. Volksteil nicht verwandt zu nennen. Daß sie auch im Geistigen und Religiösen nicht unsere Brüder zu sein wünschen, ändert nichts daran, daß die karäische Lehre aus dem Judentum hervorgegangen ist und in allen theologischen Hauptfragen auch heute noch mit ihm iibercinstimmt. An den Ufern des Troki-Secs wohnen Juden und Karäer nachweislich über ein halbes Jahrtausend in friedlicher Eintracht beieinander. Die Mischung vieler nationaler Elemente in diesem Landstrich, wo Polen und Weißrussen, Juden und Litauer, Deutsche und Großrussen, Tataren und. Karäer miteinander auskommen, hat zur Duldsamkeit gegenüber dem andersartigen und fremd anmutenden Nachbarn erzogen. Duldung und Achtung auch der kleinsten Gruppe durch die größeren — dieser Tatbestand, in unserer auf Gewaltsamkeit gestimmten Zeit gibt dem Besucher einen freundlichen, versöhnlichen, Eindruck von seiner Fahrt in diesen entlegenen Winkel des Landes mit. KUNSTCHRONIK Josef Schmidt holto sich auch bei seinem diesmaligen Konzertabend im Großen Musikvereinssaal einen! ratschenden Publikutn&erfolg. Ansonsten, konnte man feetstellen, hat sich seit seinem; letzten Konzert in diesem Saale im vorigen Sommer der Vortrag dieses Künstlern noch mehr verinnerlicht, hat der geradezu sakralei Dienst an der Musik — eine fast heilige Hin* gebung an das gesungene Wort — diesen Voll-i blutmusiker womöglich noch tiefer erfaßt, diel Klarhei t seines Ausdruckes ist noch heller, durch* sichtiger geworden, — all diese und noch an* dere nur ganz wenigen, auserlesenen Sängern eigenen Qualitäten vereinigten sich auch dies* mal in der restlos schönen Stimme des umjubelten Sängers. Schmidt sang altitalienische Romanzen, Opernarien, darunter die Belmonte* Arie aus Mozarts „Entführung“ — allein es ist, wie immer bei Schmidt, fast gleichgültig, was1 e<r singt. Immer wieder berauscht man sich an seinem innigen Piano, an der Kantilene seiner neapolitanischen Volkslieder, wo unverkenn* bar das jüdische Element mitschwingt. Einen Abend lang wird man einer gehetzten Welt entrückt, in seelige Gefilde getragen, in einen Trancezustand gewiegt. Vor solch beglückendem Gefühl, solch starkem, seltenem Erlebnis, müssen auch jene künstlich konstruierten Vergleiche von der Schmidtschen Nur* Mikrophon-Stimme verstummen. Die natürliche Stimme Schmidts ist es, die mit ihrem Timbre uns entzückt und ihren faszinierenden Glanz ausstrahlen läßt, mit und ohne Mikrophon. j. r. Am B’n a i Nr. 4, Jüdischer Kammermusik-Abend 3. März findet in den Räumen der Brith, Wien, IX., Universitätsstraßei der zweite diesjährige Kammermusik-Abend des Vereines zur Förderung jüdischer Musik statt. Diese Veranstaltung gewinnt auch dadurch an Interesse, daß Prof. Juliusz W olf sohn einen einleitenden Vortrag über „Neujüdische Mu s i k“ halten Avird. Der musikalische Teil des Programms wird durch Frau Dr. Emmi Wollen Sie richtig und einwandfrei Hebräisch sprechen, so wie es in Palästina gesprochen wird? Dann lernen Sie Hebräisch aus dem weitverbreiteten Lehrbuch „Lerne Hebräisch" von Ben-Chaviv, erhältlich in allen einschlägigen Buchgeschäften Verlag i JOS. SCHLESINGER, Wien, I. Zionistische Bezirkssektion und WlZ O I e t z I n g Großer Gesellschaftsabend in Hübners Park-Hotel Schönbrunn, XIII., Hletzinger Hauptstraße 12/14 am 9. MHrz 1935 Beginn 9 Uhr abends 1. Heiteres Kabarett 2. Eine Stunde im „Walzer paradies“ ein Querschnitt durch die gleichnamige Operette von Oskar Straus unter persönlicher Leitung des Komponisten und in der Originalbesetzung (Lichtegg, S t ö s s e 1, Holzschuh, Stettner) T A N X Kapelle; Isl Geiger Vorverkaufskarten zu S 4*— (an der Abendkassa S 5*- ) erhältlich bei: Zion. Landeskomltee: I., Marc-Aurel-Straße 5 Eugen Prager: I., Spiegelgasse 25 B. Pasternak: XIII., Nfsselgasse 8 Zion. 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