Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 430 (1.3.1935)
- Date
- 1935-03-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 DIE STIMME Nr. 430 -- 1. Mürz 1938! Eltern, Achtung! Sthuinachhitfe in allen Gegen* änden der Mittelu. Hauptschule, sowie in Hebräisch, ertei t erfahrener Pädagoge. Unter. »Billig und Erfolg« an die Admln. des Bl. ■ -jir<il'hciu’ Z-it'l des Nat.i<»twIm»/.ialicunus. das du-Lutum wirtschaftlich zu vernichten und «i: — r 1 ’Mi-h'iiz eiiLprichf der Boykott, di'r von alltMi deutschen Behörden und allen DLu-q-MLn der nntion;iLozinlisti«chen Partei die .luden uubefnhleu wird. Jeden Tue* er.-cheiiu-u neue Uka«e in dieser Richtung. und erst vor wenigen Tn treu ist ein Befehl veriauth.'irt worden, der Einkauf hei Juden mit Ausschluß mul gesellschaftlicher Acht belroht. Die jüdischen Besitzer oder Mehrheitsnktiönüre der großen Wnrenhäu«er sind mit nordischer List, vielfach auch mit Zwang. entfernt worden. In Nürnberg und anderen Städten Frankens hat Streicher die jüdischen Großgeschäfte einfach enteignet und die Eigentümer nach Dachau bringen lassen. Bis in die kleinsten Orte erstreckt sich die Boykottvon-orge d<T SA und SS: beschimpfende Plakate an den Türen der jüdischen Läden. Posten vor den Eingängen sind eine so selbstverständliche Einrichtung, daß sich sogar schon die schärfer sehenden Ausländer daran gewöhnt haben. Es gibt keinen Beruf ohne Arierbestimnimig mul in der 'Vorwoche sind die Juden auch noch aus dem ärztlichen und zahnärztlichen Studium au-gesehloss en worden. Von offiziellen deutschen Persönlichkeiten wird dies alles gern abgeleugnet. Die Gegenwehr des Aue-lau dsjud entmin«. dem der Verruf deutscher Waren als das einzige Demonstration smitt-el bleibt, hat .sich sehr stark aus-gewirkt- und die Ziffern des deutschen Export- Tüokgaages lassen dies deutlich erkennen. Das große Dritte Reich muß es hin nehmen, daß seine Kriegserklärung an die Juden wirtschaftliche Konsequenzen gezeitigt hat, und seine Wirtschaftsfiihrer, denen ja die Wahrheit nicht verborgen bleibt, bemühen sich, mit Dementis die Bresche zu stopfen. Während von Berlin aus alle Welt mit. Flugschriften gegen den jüdischen Handel überschüttet wird und unter behördlicher Patronanz in Deutschland Weltantisemitenkongresse abgehalteu werden, die den Weltboykott organisieren wollen, sind die vor die Öffentlichkeit tretenden offiziellen Redner damit beschäftigt, den übergroßen politischen und kulturellen Einfluß, den das Judentum angeblich besessen haben soll, herauszustreichen. Das deutsche Volk betreibe nur Abwehr. Nun haben weder Juden noch das Judentum jemals einen stärkeren kulturellen Einfluß gehabt und politisch ist das Judentum in Deutschland überhaupt nicht zu merken gewesen. Die Mehrzahl der Juden war streng deutselmationa.1 gerichtet und die wenigen Juden, die in der Opposition standen, haben sich vom Judentum überhaupt losgesagt gehabt. In Deutschland so wie in Österreich und Ln Ungarn. Das sind Dinge, d.ie den Nationalsozialisten sehr genau bekannt sind un:l sie halten an ihren Lügen nur darum fest, weil ihre ganze Anschauung von allen Dingen Lüge und bodenlo.se Erfindung ist, insoweit sie nicht von Unkenntnis der Verhältnisse und Konkurrenzneid beherrscht wird. Aber selbst wenn alles wahr wäre, was die geschäftige Phantasie derer um Streicher und Goebbels den Juden andichtet, wie würde dies das Elend der Taus ende von jüdischen Kleinexistenzen, Lehrern. Ärzten rechtfertigen, die noch immer in den Konzentrationslagern gemartert, und gesteinigt wer¬ AUCH 1. bil Baruhun(ählsk«lt IHVAUPITXTS-RCHTCH S. fflr «In ioralo««t Alte» AlTKRt.RINTIN 3. Im AbtebcnsfaR« HIMTERBUIIKHBNREMTKM ZU DUNSTIGEN BEDIMCUHGIM VERSICHERUNG*-AKTIEN -GES. PENSIONS-VEREIN WIEN, I., SCHELIINGGASSE 1 den! I >a> -ind dir kulturpolitischen Notwendigkeiten. von denen Lippert spricht. Es gibt niemanden, der nicht wüßte, wie die Kulturpolitik des Dritten Reiches beschaffen ist. wie sie sieh insbesondere in dem Schicksal einer halben Million Juden manifestiert. Man kennt die Wahrheit- und die weitere handelspolitische Entwicklung wird «'s bekräftigen, rlaß sich zumindest das Judentum seiner selltstvcrständlicheu Pflicht bewußt bleibt. Christian Loges Ritualniordbuch ln der ..Erfüllung“ finden wir den folgenden Aufsatz von Johannes österreic her: Vor wenigen Wochen hat ein Wiener Schriftsteller ein inzwischen von der Staatsanwaltschaft verbotene« Buch herausgegeben, da« auf eitlem wie mit Blut getränkten Einband den Titel trägt: ..Gibt es jüdische Ritualmorde?“ Der Verlag begleitet das Buch auf der vorderen Einscbila.gkla.ppe mitden Worten: .,D i e o h r i s 11 i o h e .\ n twor t auf die Frage: Gibt es jüdische Ritualmorde? gibt hier Christian Loge. Ls hieße mit Kain sagen: .Bin ich denn der Hüter meine« Bruders?* wollten wir Christen uns der leider aufgezwtingeneri Auseinandersetzung über diese Frage entziehen und sie in lebensfremder Zimperlichkeit mit .,unmöglich“ von uns weisen... Die vorliegende, ernste, ohne jeden Haß, dagegen aus letzter Liebe zum letzten Sinn geschriebene Klarstellung’ der Frage nach jüdischen Ritualmorden wird unwider- .-'prochen bleiben müssen in bezug auf die Sichtung des geschichtlichen Materials, aber auch die psychologische Klärung wird in ihrer Logik und der tiefen Erfassung des Problems als letztes Wort betrachtet werden. So ist dieses Buch ein sehr wertvoller Beitrag zur Lösung der Judenfrage, die eine Christenfrage ist." Wäre das Buch eine der üblichen antisemitischen Hetzschriften, so könnten wir sein Erscheinen und seinen Inhalt mit Fug* und Recht übergehen. Da es aber mit dem Anspruch auf tritt, die christliche Antwort auf die Frage der jüdischen Ritualmorde und ein Beitrag zur Lösung der Judenfrage zu sein, dürfen wir das Buch nicht übersehen. Angesichts dieses Buches wäre ein „kontemplative Vornehmheit eine feige Vornehmtuerei“. Schweigen schiene Zustimmung und würde zur Schuld, wollten wir das Buch Christian Loges u n w i d e rs p r o c h e n in die Geschichte eingehon lassen. 2tor©riWefd}8fct Sief) Sauctbrtmn Kann man denn ein Buch wissenschaftlich nennen, kann man den Behauptungen seines Verfassers Beweiskraft und Glaubwürdigkeit zubilligen, wenn man die Methode sieht, mit der es ihm gefällt, Schlußfolgerungen zu ziehen? Ich muß ganz offen erklären: ich habe nicht sobald eine solche Leichtfertigkeitdes Urteils gefunden. Ich will dafür nur einige Beispiele herausgreifen. In einem Kapitel, das L. demagogisch „Das Zeugnis des Alten Testaments für den Ritualmord“* überschreibt, zählt er die Berichte der Heiligen Schrift über Menschenopfer im alten Israel auf, die auf heidnische Einflüsse zurückgehen und, wie auch Loge erklärt, kn vollen Gegensatz zum Moeaiischen Gesetz stehen. Auf dieser Tatsache, daß Teile Israels immer wieder vom wahren Glauben ab- und dem Götzendienst verfielen und diesem Götzenkult gemäß auch Menschenopfer brachten, baut er folgende These auf: „Die Tatsache der von der Heiligen Schrift so reich bezeugten althebräischen Ritualmorde läßt es nun aber als möglich und wahrscheinlich (!) erscheinen, daß sich von ihnen her im Judenvolk eine sektiererischabergläubische geheime Übung oder wenigstens mündliche Tradition erhielt, die dann in der nachinessianischen Zeit in den an Christen verübten Ritualmorden erneut aufflammte.“ (S. 19.) Eine solche Methode des Beweises hat mit echtem Suchen nach der Wahrheit nichts mehr zu tun, darum ist auch wirkliche Wahrheitsfindung bei ihr ausgeschlossen. In dem Abschnitt „Wir Christen nrid der Ritualmord“ kommt. Loge auf Papst I n n o z e n z IV. zu sprechen, der eine Bulle an die deutschen Bischöfe erließ, deren Inhalt Loge nach Professor Rohling folgendermaßen wiedergibt: „Was sagt nun der Papst? Er geht von der unbestrittenen (im Rabbiinismue freilich verdrehten) Wahrheit aus, daß die Heilige Schrift (da« Mosaiische Gesetz) auch den Juden den Menschenmord und die Menschenopfer verbietet und er sagt dann, daß nicht wenige Fürsten die Juden fälschlich anklagten, «ie äßen zum Osterfest das Herz («ine« getüteten Kindes: böswillig, sagt Innozenz, w erde :i ii c h d e u J u d e n der Tod ei n e s M e n sehen i mp u t i e r t, w e u n m a n i r g e n d w o e i n e Leiche finde; auf solche und viele andere Erdichtungen hin, heißt es weiter, gingen viele Fürsten grausam gegen die Juden vor, ohne daß diese vor Gericht angeklagt würden, ein Bekenntnis machten und überführt seien, und so erlaubten sich diese Fürsten gegen Gott und die Gerechtigkeit die Juden auszurauben, einzukerkern und zum Tode zu verurteilen, so daß die .luden schlimmer daran seien als ihre Väter in Ägypten, elendiglich aus ihren Wohnsitzen ins Exil wandern mußten und sich deshalb in Furcht, ausgerottet zu werden, au die Weisheit des Apostolischen Stuhles gewandt hätten. Wir wollen nicht, schließt der Papst, daß die Juden, deren Bekehrung der barmherzige Gott erwartet, ungerechterweise gequält werden, und befehlen, daß ihr euch gütig gegen sie erweiset und nicht duldet, daß sie in Zukunft unverdient wegen der genannten und ähnlichen Ursachen belästigt werden.“ Was tut nun Professor Rohling und nach ihm Loge mit den klaren Worten des Papstes? Sie schreiben, die Bulle anerkenne nur, „daß die Ju d e n nicht das Herz eines Kindes essen, und verbietet ungerechte Bedrückungen und Belästigungen der Juden, A n d i c h t u n g von Verurteilungen ohne gehörigen Prozeß; ob die rabbinischen Kreise entgegen der Bibel die Lehre von dem Gebrauch des Blutes haben und dieselbe auch zur Ausführung bringen, wird gar nicht, erörter t.“ (Sperrungen von Loge.) Damit wird der eindeutige Sinn der Papstworte in das gerade Gegenteil verkehrt. Zwischen den Zeilen wird dein Papst unterschoben, er lasse die Frage offen, ob die Juden Kinder schlachten und ihr Blut zu rituellen Zwecken verwenden, weil er nur vom Essen des II e r z e n s spreche. Ähnlich verfährt Loge mit dem Domprediger Johann Emanuel V e i t h, dem berühmten jüdischen Konvertiten des vorigen Jahrhunderts, dem fälschlich nachgesagt wurde, er habe mit dem Kreuz in der Hand von der Kanzel des Stephansdom e s Zeugnis gegen dort Ritualmord abgelegt, der dann durch seinen Freund Dr. Sebastian Brunne r, diese Behauptung öffentlich als Lüge erklären ließ. Was folgert nun Loge? „D a ß V e i t h selbst sieh m i t Na e h d r u c k ö f f e n 11 i c h d agegen wehrte, ein Zeugnis gegen die Existenz des jüdischen Ritualmordes abgelegt zu haben, besagt d e ut l i c li gen u g, daß er, ganz im Gegenteil zu der Pitavallüge (Pitaval ist das Buch, das die Behauptung erfunden haben soll) von dessen Existenz überzeugt war, was ja auch bei einem so kenntnisreichen und wahrheitsliebenden Mann wie Veith nicht anders sein konnte (S. 214/5). Solche Schlußfolgerungen verbieten, das Buch auch nur wissenschaftlich ernst zu nehmen und sich mit ihm wissenschaftlich auseinanderzusetzon. Diese Beispiele sind ja nur einige von vielen. Was AUCH IM WIENER RATHAUSKELLER STOBERIPREISE Alt-Wien im Grinzinger Keller. Täglich Musik der Kapelle Auerbach. Konzert, Jazz, Stimmung. Mitwirkend: Stimmungssänger Hans Blasdiek und Violinvirtuose R. Ohlenschläger Billige Gesellschaftsreisen nach POLEN Abfahrt am 10. und 16. Märx Rückfahrt am 7. April 1935 Andere Aufenthaltaarrangements möglich. Anmeldungen und Auskünfte beim l’oln. Reisebüro „Francopol“, Wien III., Rennweg 1 (Tel. U 10-4-00) aber soll man zu folgender Aufforderung sagen? „Es wäre am Platz, den Versuch zu unternehmen. einmal alle Länder nach jüdischen Ritualmordcn gründlich zu durchforschen. Das Ergebnis wäre unzweifelhaft ein überraschend großes. Denn weitaus die meisten entdeckten Fälle sind ja nicht zu historischer N o t o r i t ä t gelangt. Wie viele Fälle überhaupt unentdeckt blieben und noch bleiben — man denke nur an die viele n z e li n t a u s e n d e Mensche n, d i e J a h r für Jahr spurlos verschwinden, in jeder Großstadt Hunderte — entzieht sich einer Schätzung; wir dürfen aber annehmen, daß deren Zahl sehr groß ist.“ (S. 202.) Das ist freilich kein Ritualinord, aber e i n R u f in o r d s o n d e r g 1 e i cli e n, der aber nicht besser ist als jener. Wer solche Verdächtigungen — und dazu ohne die Spur eines Beweises — ausspricht, der kann nicht den Anspruch erheben, die christliche Antwort auf die Frage nach den Ritualmordcn zu gehen, im Gegenteil, der mißbraucht den christlichen Namen. Mich hat diese Verdächtigung erschüttert. Wie kann ein Christ — ich bin wahrhaftig nicht von „lebensfremder Zimperlichkeit“, daß ich nicht wüßte, welche Greuel auf dieser Welt geschehen und dennoch — wie kann ein Christ, selbst wenn er überzeugt wäre, die von Loge angeführten Fälle seien wirkliche Ritualmorde gewesen, eine solche ungeheuerliche Verdächtigung aussprechen, die es der Phantasie des „geneigten Lesers“- überläßt, sich auszumalen, wie die zehn-1 tausenden Menschen, die alljährlich spurloä verschwinden, zumeist und vielleicht zu? Gänze als Opfer des Aberglaubens und Hasses einer jüdischen Sekte ihr Leben lassen müssen. Ich mußte an das Ende de« Buches denken. Das Buch schließt nämlich mit dem Satz: Erkenne dich selbst! — Es ist wahrhaftig not, dies den Juden aller Zeiten und den Juden von heute laut und eindringlich zu sagen, daß sie doch endlich erkennen sollten, was ihnen zum Frieden dient. Wäre es aber nicht heute bei weitem notwendiger* ein anderes Wort zu sagen, nein, zu tun —- von dem ich in dem Buch Loges leider nichts verspürt habe! Ein Buch, das eine christliche Antwort auf die Frage nach den jüdischen Ritualmordcn sein und zu einer L ö s u n g der Judenfrag e, die (wie der Verlag sehr richtig bemerkt) eine C h r i s t e n f r a g e ist, beitragen will* dürfte nicht bei dem heidnischen Satz: Erkenne dich selbst! enden, sondern bei dem christlichen Satz: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst! RestauranTBUlet" Itt’D Bestrenommierte Küche Reichhaltige Menüs iS 1*90 u. 2*60 Schwechater Bräu II., Hammerpurgstallgasse 3 (nächst Salztorbrlidte Telephon A 41-0-25 Das Staatsvolk ln den Pressemeldungen über die programmatischen Erklärungen des Bundeskanzlers Dr. Schuschnigg in P a r i s ist ein Passus enthalten, der insbesondere in jüdischen Kreisen einiges Aufsehen erregt. Der Bundeskanzler soll bei der Erklärung des staatlichen Umbaues gesagt haben: „Die notwendige Mitarbeit unseres S t a a t s v 0 1 k e s an der Führung der Staategeschäfte war für ihn ebenso wie für uns als seine Nachfolger und Testameiitövollstreckor heilige Überzeugung.“ Der Ausdruck „Staatsvolk“ in diesem Zu- «amuneuhmng iist sehr auf füllig, da mit dieser exklusivem Formulierung in autäseuiitischen Kreisen der Ausschluß der jüdischen M i n 0rität aus der staatsbürgerlichen Gleichheit und Vollberechtigung angekündigt wird. 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