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Die Stimme · 1935-02-26 · Heft 429 (26.2.1935) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
8 (1934-1935)
Issue
Heft 429 (26.2.1935)
Date
1935-02-26
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 420 ~ 26. Februar 1935 OIE STIMME Seite 3 Sacerdoti und Mussolini Angflo .Sacerdoti gehörte dem engeren Kreis um den Regier n n g s c li e f Mussolini an. Fr war im Jahre 1030 neben dem damaligen Präsidenten des Jüdischen Gemeinde-Verbandes, Adv. S ereni und dom Professor für Kanonisches .Recht an der Mailänder Universität, Mario F a 1 e o, einer der drei jüdischen Vertreter 5n der von Mussolini mit. dem Entwurf des neuen j ii d i s c li e n Ge m e i n d ege^etzes betrauten Spezialkommission. Durch dieses Gesetz wurde der dem korporativen System Italiens eingegliederte Zwangs verband der jüdischen Gemeinden geschaffen, dem neben der Pflege der religiösen, auch die der national-kulturellen Aufgaben der Judenheit. Italiens obliegt. Als jüdischer Gelehrter genoß Professor Sacerdoti hohen Ruf. Besondere groß war sein Einfluß auf die sep'bardischen Gemeinden der M i 11, e 1 m e e r 1 ä nd e r. Als Anfang 1033 Hitler in Deutschland ans Ruder kam und die Flucht der Juden aus Deutschland einsetzte, widmete Sacerdoti seine ganze Kraft der Hilfsarbeit für die deutschen Juden. Er wurde von Mussolini empfangen und unterbreitete ihm eine von der Exekutive des Verbandes jüdischer Gemeinden Italiens angenommene Resolution, in der die brüderliche So 1 id a r i t ä t der italienischen Juden mit den unterdrückten deutschen Juden zum Ausdruck kam und die Hoffnung geäußert wurde, daß so schnell wie möglich normale Lebensbedingungen für die deutschen Juden geschaffen und die bürgerlichen Rechte ihnen wiedergegeben werden. Ferner wurde der Wunsch geäußert, daß alle zivilisierten Völker sich in der Form einer sie bindenden Klausel verpflichten, Juden vor Verleumdung, und Verfolgung zu schützen. „Ein Führer des Judentums“ Sacerdoti gehörte einer berühmten jüdisch-italienischen Familie an, die von König Humbert geadelt wurde. Viele Mitglieder (dieser Familie bekleideten wichtige Positionen im italiensch-jüdischen Leben. Eines der ältesten Mitglieder der Familie war Theodor Sacerdoti, der im 16. Jahrhundert Arzt des Papstes Julius III. war. Ein anderes Mitglied der Familie vertrat die italienische Regierung 1927 und 1928 in verschiedenen Ländern, so auch in den Vereinigten Staaten. Im Dezember 1933 feierte Oberrabbiner Sacerdoti sein 25jähriges Rabbiner-Jubiläum. Der Verband jüdischer Gemeinden Italiens hielt aus diesem Anlaß im Tempel zu Rom einen feierlichen Gottesdienst ab. Der Präsident der Jüdischen Gemeinde Rom, Signor R a c a n a t i, feierte in einer Ansprache Sacerdoti als einen Führer des Judentums. Die Bestattung Die Bestattung des im Alter von 49 Jahren verstorbenen Oberrabbiners Dr. Sacerdoti fand am 20. Febaruar in Rom statt. Mehr als 1000 Mitglieder der römisch-jüdischen Gemeinde und zahlreiche Vertreter der Behörden, sowie sehr viele hohe Offiziere, unter ihnen der Gouverneur der Stadt und Provinz Rom als Vertreter des militärischen Oberkommandos (Prof. Sacerdoti war auch Feldgeistlicher) folgten dem Sarge. Alle jüdischen und auch viele nichtjüdische Geschäfte waren zur Zeit der Bestattung zum Zeichen der Trauer geschlossen. Die T rau er prozession hielt vor der Hauptsynagoge, wo der Präsident des Verbandes der jüdischen Gemeinden Italiens Advokat S e r e n i und der Präsident der Jüdischen Gemeinde Rom Ing. Racanati Gedenkreden hielten und die Verdienste Sacerdotis um das Judentum und um die jüdische Wissenschaft würdigten. Am offenen Grabe sprachen der 83jährige Rabbiner von Mailand d a F a n o, ein persönlicher Freund des Papstes aus früheren Jahren, und der Leiter des Jüdisch-Theologischen Seminars Prof. C a s su to. •amaammmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmemmmmmmnmmmmmsmm Billige Gesellschaftsreisen nach POLEN Abfahrt am 10. und 16. Min Rückfahrt am 7. April 1995 Andere Aufenthaltsarrangementslinöglich. Anmeldungen und Auskünfte beim Poln. Reisebüro „F r a n c o p o 1“, Wien III., Rennweg 1 (Tel. U 16-4-90) Die Jüdische Gemeinde Rom hat dem Königlichen Hof und dem Regierungschef Mussolini vom Ableben des Oberrabbiners Sacerdoti offiziell Kenntnis gegeben, woraufhin vom König, von Mussolini, von der obersten Leitung der faschistischen Partei und vom Präfekten der Provinz Rom Kondolenzkundgebungen einlangten. Vor einigen Tagen erkrankte Prof. S ac e r d o t i an der Grippe. Als er sich nur etwas besser fühlte, traf er die Vorbereitungen zu einer Reise nach Paris, um an der Konferenz des Weltverbandes der sephardischen Juden und an den Sitzungen des Comit6 des D614gations Juives und des Exekutivkomitees für den Jüdischen Weltkongreß teilzunehmen. Vorher war er zur Audienz bei Mussolini für 6 Uhr nachmittags bestellt. Plötzlich befiel ihn ein Unwohlsein. Ais sein Hausarzt bei ihm erschien, rief ihm der Patient die Worte zu: „R e 11 e n Sie mich, ich habe eine wichtige Aufgabe für das Judentum zu erfüllen!“ Das waren Sacerdotis letzte Worte. Kurz darauf verschied er. Trauer um Sacerdoti Paris, 21. Februar. (Z. T. A.) Anläßlich des II i lisch ei den s des Oberrabbiuers von Tlotn, Commodore Professor Dr. Angelo Sacerdoti, Exekutiv-Mitglied des Comitc des Delegations Juives und des Jüdischen Weltkongresses, hat .sich das Präsidium des Exekutiv-Komitees entschlossen, die für den 23. Februar anberaumte Exekutiv-Sitzung in Paris, an der Professor Dr. Angelo Sacerdoti als eines der wichtigsten Mitglieder teilnehmen wollte, auf ein späteres Datum zu verschieben, das noch bekanntgegeben werden wird. Der tiefen Erschütterung über den schweren Verlust, den das Exekutiv-Komitee erlitten hat, gal) es in nachstehendem Telegramm Ausdruck, das an den Verband der jüdischen Gemeinden Italiens gerichtet wurde: „Schmerzlich erschüttert durch das jähe Hinscheiden des Grand Rabbin Dr. Angelo Sacerdoti neigen wir uns ehrerbietig vor den Manen des verstorbenen geistigen Führere der italienischen Judenheit, eines der edelsten Vertreter des Weltj u d e n t u m s. Sein Andenken und Beispiel werden in unserem Gedächtnis und iu unseren Herzen unvergessen bleiben. Gez.: Goldmann, Jefroykin.“ Falaschas in Abessinien. ) Der Konflikt Italiens mit Abessinien ruft wieder die Erinnerung daran wach, daß der jüdische Orientalist und Forschungsreisende Jacques F a i 11 o v i t c h, der in den Jahren 1904 und 1905 im Auftrag von Baron Edmond Rothschild eine Forschungsreise nach Abessinien unternahm, das Leben der Falaschas, der schwarzen Juden Abessiniens, erforscht hat. Er legte die Ergebnisse seiner Reise in einem Bericht „Notre d'un voyage chez los Falaches“ (1905) nieder. Über seine zweite Reise nach Abessinien (1908) berichtete er in seinem 1910 erschienenen Buche „Quer durch Abessinien“. Auf Initiative von Faitlovitch wurden „Pro-Falascha-Komitees“ gegründet, durch deren Vermittlung einige junge Falaschas nach Europa kamen und hier als Lehrer ausgebildet wurden. Auch der verstorbene Oberrabbiner Chajes war in dieser Richtung tätig. Faitlovitch errichtete im Jahre 1913 in Abessinien Wanderschulen und im Jahre 1923 in der abessinischen Hauptstadt Addis Abeba eine Zentralschule mit abessinisch-jüdischen Lehrern. Lebensweise Die Falaschas wohnen in kleinen Dörfern von höchstens 50 bis 60 Familien. Ihre Hütten unterscheiden sich durch größere Reinlichkeit von denen der Abessinier, haben aber meist dieselbe runde Form mit Strohdach ohpe Fenster und sind von einem Zaun umgeben. Wo die Falaschas gezwungen sind, mit Andersgläubigen zu leben, sondern sie sich ab und bilden getrennte, durch Hecken umzäunte Viertel. Ihre Siedlungen befinden sich stets in der Nähe eines Flusses, da die Falaschas die biblischen Reinigungsgesetze und Waschungen streng einhalten. Auf dem höchsten Platz des Dorfes steht die Synagoge (Mesgid). Auch befindet sich in jeder Gemeinde mindestens ein Haus für Unreine (Mergem-Biet), in dem diese die Zeit bis zu ihrer Reinigung und Wiederaufnahme in die Gemeinde verbringen. Die Falaschas beschäftigen sich mit Landarbeit, Viehzucht und Gewerbe. Kaufleute gilbt es bei ihnen fast gar nicht. Fast alle europäischen Reisenden sagen über sie aus, daß sie zu den fleißigsten und betriebsamsten Stämmen Abessiniens gehören. Sie sind hochgewachsen, kräftig, von dunkler Hautfarbe, krausem Haar und Bart, der nicht rasiert, sondern geschoren wird. Eine Kopfbedeckung (Turban) ist nur bei Priestern üblich. Das Tabakrauchen ist ihnen verboten. Sie leiten das Verbot aus Ps. 72, 9, her. Auch die Priester (K a h e n) leben von ihrer Hände Arbeit, meistens von der Weberei und der Bearbeitung des dem Tempel gehörenden Grund und Bodens; doch erhalten sie von jedem geschlachteten Vieh — sie versehen auch das Amt eines Schächters — und von jedem Opfer (K o r b a n) bestimmte Teile. Außerdem wird ihnen das Zehent vom Getreide und das Erstgeborene des Viehs gegeben. Sie sind verheiratet, doch dürfen sie nach dem Tode ihrer Frau keine zweite heiraten. Den Priestern zur Seite, etwas niedriger im Rang, stehen die Gelehrten (D e b t e r a), die ihnen beim Gottesdienst, beim Opfern und Schlachten behilflich sind, hauptsächlich aber den Unterricht der Knaben besorgen, der im Lehren der Bibel und der Gebete besteht. Zu den Lehrern gehören auch einige in Europa ausgebildete Falaschas. Unter den Falaschas gibt es auch Mönche. Diese leben in Gemeinschaften, essen kein vom Kahen oder Debtera geschlachtetes Vieh und üben Kastration. Neben den Mönchen gibt es auch Nonnen. Die Gemeinden einer jeden Provinz werden von einem Oberpriester verwaltet, die alle demjenigen von Quara unterstehen und von ihm ernannt werden. Der Zutritt zu dem Priesteramte steht allen Falaschas frei; meist werden von den Eltern die Erstgeborenen dazu bestimmt. Religion Der Gottesdienst der Falaschas besteht im Absingen von auswendig• gelernten Hymnen und Psalmen in äthiopischer und Agau-Sprache, wobei der Gesang vom Kahen und der Gemeinde ausgeführt wird. Besonders heilig wird der Sabbat gehalten, der von den Falaschas als personifizierte Königin Sanbat verehrt wird. Das biblische Verbot des Feueranzündens am Sabbat wird von den Falaschas streng beobachtet. Daher werden die Speisen schon am Freitag bereitet und zum Mesgid gebracht. Dort werden sie nach dein Gottesdienst vom Kahen gesegnet und an Ort und Stelle unter die Mitglieder der Gemeinde verteilt. Dies nennen diie Falaschas das Brotopfer. Die Priester bleiben die ganze Nacht im Mesgid, um beim ersten Hahnenschrei mit dem Morgengebet zu beginnen. Die Heiligung des Sabbat wird so streng beobachtet, daß die Beschneidung und sogar das Fasten am Versöhnungstag, wenn beides auf einen Sonnabend fällt, verschoben werden. Jeder siebente Sabbat wird Lengeta Sanbet genannt und zeichnet sich durch höhere Weihe aus. Für die Priester ist das Beten siebenmal am Tage Vorschrift, während die Laien nur bei Sonnenaufgang und Untergang beten. Das Fasten wild an jedem Montag und Donnerstag und am Neumondfest beobachtet; sogar Kinder über sieben Jahre werden dazu angehalten. Die Falaschas fasten außerdem am Vortage des Pessachfestes, als Sühne dafür, daß sie vergessen haben, welches die bitteren Kräuter sind, die die Bibel für das Pessachlamm vorschreibt. Das Pessachfest (Bala Fassika) wird am 15. Tage nach dem Neumond im April durch das Schlachten des Osterlamms eingeleitet. Das Erntefest (Maerer) wird am 12. Siwan gefeiert, da die Falaschas die Oraerzählung nach dem Osterfest beginnen. Am 1. Tischri feiern sie das Neujahrsfest (Beshana serk Leuchte des Mondes). Das Versöhnungsfest, gefeiert am 10. Tage nach Neumond im September, besteht im Fasten, Beten und Beichten. Am Tage selbst werden pomphafte Tänze aufgeführt, zu denen heitere Hymnen angestimmt werden (vgl. Taan. 26 b). Am Ausgang des Festes werden den Vögeln Körner gestreut, und die Gemeindemitglieder begrüßen einander mit den Worten: „W i e geht es dien Kindern Israels? Friede! Fried e!“ Das Laubhüttenf e s t wird wie das Pessachfest sieben Tage gefeiert. Laubhütten werden nicht gebaut, aber während des ganzen Festes nichts Gesäuertes gegessen. Von Purim und Chanukka wissen die Falaschas nichts. Im November wird zu Neumond das Volksfest (Amata Sau) durch Vorlesung von Bibelstellen, Liebesgaben der Reichen und ein im Mesgid dargebrachtes Brandopfer gefeiert. Erwähnenswert ist der Gedenktag Abrahams (Taskara Abraham), der am 11. Tage nach Neumond im Juli (nach Faitlovitch am 5. September) gefeiert wird. Die Falaschas glauben an einen Messias, der sie nach Jerusalem führen und alle Völker zum Judentum bekehren werde. Sie nennen ihn, wie die Christen, Theodoros, Ihr Kalender gleicht dem christlich-abessinischen, der 12 Monate zu 30 Tagen und. fünf oder sechs am Ende des Jahres einge-s schaltete Tage kennt. Doch feiern sie die Feste nach dem Mondjahr. Das religiöse Jahr beginnt im Nissan. Außer diesem Mo-: nat kennen die Falaschas noch die Monate' Ab, Lul (Elul) und Teschran (Tischri). Opfer Die Falaschas haben das Opfern als Be-* standteil des Gottesdienstes beibehalten. Sie bringen u. a. als Neumondsfestopfer einen Farren dar, Ziegen zum Brand-, Sühn- und Reinigungsopfer, das Osterlamm, Dank- und Gelübdeopfer, sowie Ährenopfer am Erntefest. Die Gotteshäuser der Falaschas (Mesgid) sind dem Tempel in Jerusalem nachgebildet. Sie bestehen aus dem All erheiligsten (Kedusake dusan), zu dem nur die Priester Zutritt haben, dem Mekdes, in dem die Gemeinde versammelt ist, und dem Vorhof. Im Allerheiligsten befindet sich rechts von der Tür ein Tisch, auf dem eine äthiopische Bibel (Orit) liegt, links stehen zwei irdene Gefäße, deren eines die Asche der roten Kuh, das andere Weihwasser enthält. Dort hängen auch die heiligen Kleider der Priester. Gebetmäntel, Schaufäden, Phylakterien und Mesusot sind den Falaschas unbekannt. Außerhalb des Mesgid, mit ihm durch einen Zaun verbunden, befindet sich' der Altar aus unbehauenen Steinen, fünf Ellen im Geviert und eine Elle hoch, auf dem die Opfer dargebracht werden, Gesetze Das Fleisch wird solange mit Wasser gespült, bis kein Blut an ihm bleibt. Dagegen wird es, im Gegensatz zur allgemein-jüdischen Vorschrift, in Butter gekocht oder gebraten. Das Blut der Opfer wird gesammelt und verbrannt. Die Reinheitsgesetze werden strikt beobachtet. Unrein wird man durch Berührung mit Andersgläubigen, Leichen usw. Die Frau ist sieben Tage während der Periode unrein (Nidda) und verbringt diese Zeit, ebenso wie die Zeit nachi der Niederkunft — und war bei einem Knaben 40, bei einem Mädchen 80 Tage lang — im Mergem-Biet (s. o.) Nach Ablauf dieser Zeit wird ein Opfer dargebracht und eine Waschung vorgenommen. Erst dann darf sie in ihr Haus zurückkehren. Die Beschneidung wird bei Knaben (Zirkumzision) am achten, bei Mädchen (Exzi-> sion) am 14. Tage nach der Geburt ohne jede Feierlichkeit von alten Frauen volL zogen. Die erstgeborenen Knaben werden entweder durch Geld oder durch ein Schaf ausgelöst. Das Erstgeborene der Tiere wird, wenn es ein Jahr alt wird, dem Priester gegeben. Die Ehe (Monogamie) ist, wie bei allen Abessiniern, kein Sakrament: sie wird

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