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Die Stimme · 1935-02-22 · Heft 428 (22.2.1935) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
8 (1934-1935)
Issue
Heft 428 (22.2.1935)
Date
1935-02-22
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. '428 — 22. Februar 1935 DIE STIMME fett« 3 Velos“ (Nachdruck verboten.) das Gespensterschiff Nach Mitteilungen eines Teilnehmers l/W De. }akok UoMhtUal Vor einiger Zeit ging durch die jüdische und allgemeine Weltpresse die Nachricht von einem griechischen Dampfer, dessen Passagiere nirgends an Land gehen durften und der Monate hindurch auf den Gewässern des Mittelländischen Meeres herumirrte, bis es den Interventionen einiger Länder, deren Bürger die Insassen dieses Dampfers waren, endlich gelang, die Teilnehmer in die Stadt Zalescziki in Polen zurückzubringen. Von hier durften sie, nach einem kurzen Aufenthalt in Konzentrationslagern, in die einzelnen Heimatländer abreisen. Fast alle Teilnehmer dieser verunglückten Expedition, deren Schilderung sich wie eine moderne Odyssee anhört, haben nun — das ist für die Betreffenden, oder vielmehr so hart Betroffenen das einzig Tröstliche — ihre so wohlverdienten Palästinazertifikate bekommen. Der Tatsachenbericht, den ich hier folgen lasse, basiert auf Mitteilungen eines jungen Wiener Chaluz, der an der verunglückten Expedition teilgenommen und sie mir knapp vor seiner Abreise nach Palästina — schon im stolzen Gefühl eines Zertifikatbesitzers ■— ohne jede Ausschmückung gemacht hat, auf Erlebnisse eines durchaus unromantischen, lediglich auf e i n Ziel gerichteten, kaum 22jährigen Heimatsuchers. Da'sitzt er vor mir in der Ecke eines kleinen Kaffeehauses auf der Landstraße und erzählt. Ohne Pathos, ohne Erbitterung. Der Reihen- und Datenfolge seiner bescheidenen kleinen Aufzeichnungen im Notizbuch entsprechend. Er schildert kaum, er erzählt bloß, wie es war, und während dieser fast monotonen Aneinanderreihung von Erlebnis »nd Erlebnis formt sich ein Bild, dessen Helden dreihundertsiebzig junge Juden sind, die ausfuhren, die Heimat zu suchen, ihre Heimat zu finden. Nicht erst entdecken wollten sie sie. Die Heimat Erez Israel lebte in ihren Herzen lange vorher schon. Viele von ihnen siedelten und säten und pflügten den Boden in Litauen und Mähren, in Österreich und Polen, um sich so für Palästina vorzubereiten. Aber eines blieb ihrem heißen Sehnen versagt: Jener beglückende Bogen, Zertifikat genannt. Nicht etwa, daß diese junge Menschen nir diesen Bogen nicht genügend qualifiziert gewesen wären, o nein, im Gegenteil: Ihre Hachscharah war seelisch, geistig und körperlich eine gleich gute. Aber die Zertifikate waren nicht da. Jung, wie sie waren, verstanden sie es ja überhaupt nur recht schwer, daß man Juden in ihrem Bestreben, ins jüdische Land zu kommen, diese Schwierigkeiten bereitet. Die Notwendigkeit des Zertifikatsystems schien ihnen mehr schlecht als recht einleuchtend. Aber sie warteten. Nachdem aber Monat um Monat verstrich, und sie, von quälendem Warten zermürbt, noch immer keine Möglichkeit sahen, in absehbarer Zeit ein Zertifikat zu bekommen, dachten sie mit der Logik ihrer Jugend: Dann soll, wird, ja muß es eben ohne Zertifikat gehen. Ihre Herzen schlugen nach Palästina. Mit, aber auch ohne Zertifikat: — Das war der tragische Sinn dieser Expedition. Kühler Abschied Am 26. August 1934 fuhren von den Bahnhöfen Wien, Warschau, Prag, Kowno insgesamt 370 Personen, durchwegs junge Menschen im Alter von 21 bis 30 Jahren der ungarischen Hauptstadt zu. Hier, in Budapest, war der Sammelpunkt der Expedition, deren Teilnehmer von einem einzigen Wunsche beseelt, von einem einzigen Gedanken erfüllt und getragen waren: auf raschestem Wege und unter allen Umständen nach Palästina zu gelangen. Alle Teilnehmer, die in der Folge so Furchtbares erleben mußten, wußten um den Einsatz, um den es hier ging: um die Gefahren, ohne Zertifikate sich die Einreisemöglichkeit nach Palästina zu verschaffen. Das Unternehmen war waghalsig — vom ersten Anbeginn an. Die jungen Leute, die es durchführten, waren es nicht weniger. Unsicher und beunruhigt waren bloß die zurückgebliebenen Verwandten dieser Palästinafahrer. Der Abschied an den Bahnhöfen — dieses fröhliche Abschiednehmen der Chaluzim für die Erez Israel schon in der Bahnhofshalle angesichts des Triester Schnellzuges beginnt, dieses singende und tanzende Abschiednehmen der Heimfahrer von der Ga luth, das sich seit Jahr und Tag am Wiener Südbahnhof gleichermaßen wie am Berliner Anhalter Bahnhof und am Masaryk-Bahnhof in Prag wiederholt und für jeden Teilnehmer ein Erlebnis bleibt — war diesmal kühl. Die Perrons widerhallten nicht von den Liedern und Gesängen des Horatanzes der abreisenden Chaluzim. Es war ein stiller Abschied, für die Verwandten und Zurückbleibenden der erste Auftakt zu dem beklemmenden Gefühl, daß dieser Chaluztransport einem ungewissen Schicksal entgegengehe. Die Bedenken, die sich wie schwerer Alpdruck in ihre Seelen senkten, und die bangen Ahnungen sollten bald zu angsterfüllter Gewißheit werden. Ein moderner „Fliegender Holländer“ Für die Sonderfahrt des Riesenozeandampfers „ROMA“ (33.000 Tonnen) TRIEST—PALÄSTINA 28. März 1935 wurden die Preise der EINHEITSKLASSE (ERSTE KLASSE) auf Lire 1220*- (das ist etwa S 562”-) herabgesetzt Nur drei Tage Überfahrt! EINE EINMALIGE GELEGENHEIT! Sichern Sie sich rasch Ihren Platz bei der Generalagentur des „Lloyd Trlestlno", Wien, I., Kärntnerring 6 An einem schönen Septembertage, es war der 5. September 1934, stand ich am Triester Hafenkai und war Zeuge, wie die stolze „Gerusalemme“ mit Hunderten von Chaluzim unter den Klängen der „Hatikwah“ den Triester Hafen verließ; an diesem Tage stach ins Meer auch ein anderes Schiff — von Varna aus ... ebenfalls mit Chaluzim gefüllt. Die Richtung hieß dort wie hier: Palästina. Es sollte die traurigste Odyssee moderner Palästinafahrer werden. Es war der griechische, zur Hälfte Passagiere, zur Hälfte Fracht führende Dampfer mit dem Namen „Velos“. In den 35 Kabinen dieses Unglücksschiffes waren die 370 Personen, darunter 15 junge Ehepaare, zusammengepfercht, wenn sie es nicht gerade vorzogen, am offenen Deck die Tage und Nächte zu verbringen. Am 10. September, an dem Tage, da die Chaluzim der „Gerusalemme“ bereits die Erde Palästinas betreten durften, langte die „Velos“ nach einer Fahrt durch die Dardanellen, den Bosporus und Konstantinopel vor Haifa-Jaffa an, aber ohne landen zu können. Zwei Tage trieb so das Schiff, immer in einer entsprechenden Entfernung von der Küste, auf offenem Meere, ohne eine Landungsmöglichkeit zu sehen. Da bricht plötzlich ein Sturm los, der unseren Palästinasuchern als ein günstiges Omen erschien. 53 Mann werden unter Lebensgefahr ausgebootet, in die stürmischen Wogen heruntergelassen, mit dem Ziel, schwimmend Palästinas Küste zu erreichen. Es sind kühne Schwimmer, getrieben von der großen Sehnsucht, die in ihren jungen Herzen nach Erez brennt, und sie haben, wie man später erfährt, das Ziel ihrer Träume, für das sie ihr Leben so mutig in die Wagschale geworfen, glücklich erreicht. 53! Es blieb noch ungestillte Sehnsucht von über 300 Palästina entgegenschlagenden Herzen. Für diese begann erst jetzt der Marterweg. Die erste Station hieß: Beirut-Tripolis. Das Schiff war inzwischen gezwungen, seine Rückfahrt anzutreten. Tripolis wurde der Anfang der verunglückten Expedition. Verfolgung durch arabische Schiffe Man hatte das Schiff bereits bei dessen ren, entdeckt — und es zu verfolgen begonnen. Es war eine Verfolgung durch zwei Segelboote der damals sehr agilen selbständigen arabischen Polizei, die vehemente Razzien auf illegale jüdische Einwanderer in eigener Regie, bisweilen aber auch unter offener oder stiller Duldung der offiziellen Behörden, durchführte. Das Schiff mußte sich immer mehr zum Rückzug bequemen. Vom 19. bis 28. September fuhren sie von Cypern nach Syrakus. Hier erfuhr die Expedition eine Reorganisierung und der Versuch zu einem zweiten Anfahren der palästinensischen Küste wurde unternommen. Zweiter Landungsversuch Nachdem das Schiff in der Nacht des 28. September in der Nähe der Insel Tymos mit knappster Not einer Katastrophe entgangen war, versuchte jetzt die Expedition ein zweitesmal, diesmal bei Jaffa, Palästinas Küste zu erreichen. Sie fuhren entlang den Gebieten des Wadi Chawarith. Bei ihrem jetzigen Landungsversuch schwamm zu ihnen ein Palästinenser hin über und riet, daß sich die Expedition nach Tel-Aviv wenden solle, da dort mehr Aus sicht auf Landungsmöglichkeit gegeben sei. Ein Gespensterschiff schwimmt Es sollte dies der dramatischeste Landungsversuch werden. Die „Velos“ fuhr jetzt ganz nahe an Tel-Avivs-Küste heran (etwa einen Kilometer). Das Schiff hatte längst jegliche Beleuchtung ausgeschaltet und war ganz in Dunkelheit gehüllt, überdies war es Neumond. So waren sie ganz nahe an Tel- Avivs-Küste angefahren, als, wie aus dem Grunde des Meeres emporgetaucht, ein Motorboot sichtbar wurde, das, wie sich später herausstellte, mit zwei am Boden des Bootes liegenden Arabern, auf das „Velos“- Schiff lossteuerte. Durch die Dunkelheit geschützt, glaubte die Expedition trotzdem jetzt Boote herunterlassen zu können. Die Boote waren noch kaum flottgemacht, als plötzlich riesige Leuchtraketen über das gespensterhalte Schiff sich ergossen, die den aus der schützenden Dunkelheit aufgescheuchten Schiffsteilnehmern mit einem Male ihre entsetzliche Situation zum Bewußtsein brachten. Diese Leuchtraketen i waren der Anfang, denen die photographi-1 erstem .Versuch die Küste Haifas anzufah- J sehe Aufnahme und schließlich eine arge I Zum Tode Emir Alle Der verstorbene Emir war der Sohn des Königl Faisals, ehemals König von Hedsdias Beschießung des „Velos“-Dampfers folgte. Es blieb diesem nun nichts anderes übrig, als mit Volldampf wieder — den wievielten? — Rückzug anzutreten. Diesmal ging es nach Castille Rossi. Doch noch immer gaben sich unsere Palästinasuchenden nicht geschlagen und versuchten, diesmal von Andonien (Türkei) aus, zum drittenmal Palästina zu erreichen. Mit 58 Seemeilen Geschwindigkeit in der Stunde steuerte das Unglücksschiff — in der Nacht ein dunkles Gespensterschiff — auf die so teure Küste Palästinas zu. Knapp vor der Küste sollte jedoch unseren ohnedies schwergeprüften Chaluzim noch ein weiterer Gegner erstehen, der in der Folge ein Groß* teil der Schuld an dem Mißlingen der Expe-i dition tragen sollte: Es war der Schiffsn besitzer, der, wie unser Gewährsmann hervorhebt, ein Interesse daran hatte, so. lange als nur möglich die Passagiere an Bord zu halten, da er pro Kopf und Tag seine bestimmten Beträge einhbb, auf die er nicht so ohne weiteres verzichten wollte. Also brach knapp vor dem dritten Versuch, Palästinas Küste anzufahren, ein anscheinend von der Schiffsleitung inszenierter Streik der Schiffsmannschaft aus, mit der Absicht, das Schiff nicht weiter führen zu wollen. Es begann der Tragödie zweiter Teil. Zweimal hatten jetzt die Chaluzim günstige Möglichkeiten und Gelegenheiten, mit Motorbooten die Küste anzufahren, als die Schiffsleitung die Herausgabe dieser Boote verweigerte. Zwei Leute schwammen glücklich ans Ufer. Später erfuhr man, daß die Schiffsführung für die Herausgabe der Boote nicht weniger als 3000 Pfund verlangt hatte, welchen Betrag aufzubringen für die ohnedies bis zum letzten Groschen ausgebeuteten Palästinafahrer ein Ding der Unmöglichkeit war. Doch alles bisher Erlebte sollte von den' kommenden Dingen in den Schatten gestellt werden. Tage des Hungers nahmen ihren Anfang. Inzwischen waren: aus dem schönen September der kalte Okto-i her und der noch kältere und nasse November geworden, ohne daß sich das Los der Expedition irgendwie geändert hätte. Mittö Oktober langte das Schiff im kleinen grie^ chischen Fischerdorf Chinini Evia an, wo ei sich endlich eine Landungsmöglichkeit er-i hoffte. Aber zum großen Entsetzen der Exn peditionsteilnehmer verbot die g r i e c h in sehe Polizei auch hier die Landung, soi daß das Schiff, auf dem inzwischen eiö fürchterlicher Nahrungsmangel ausgebrochen war, drei Tage lang wieder auf offenem Meere herumirren mußte. Nach langwierigen Ben mühungen gelang es schließlich Intervention nen bei den griechischen Behörden, die Em Iaubnis zur Landung für die Dauer eineal halben Tages zum Zwecke des BrotbaekenS ssu erhalten, da die Passagiere des Dampfers bereits dem Verhungern nahe waren. Ansonsten mußte das Schiff, das während seiner ganzen Fahrt stets die nie befahrenen Strekn ken gewählt hatte, auf dem Meere herumn irren, bis es nach Saloniki kam, .Vor Salon

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