Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 424 (8.2.1935)
- Date
- 1935-02-08
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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?elff © Oll STIMME Nr. 424 — 8. Februar 1953 BLICK IN DIE WELT Die Puderquaste in der Synagoge In einer Zuschrift an den Herausgeber von s.Thc Jewish Chronicle“ (London) macht ein Synagogenbesucher darauf aufmerksam, daß viele Damen in der Synagoge, sobald man beginne Adon Olam zu singen, sofort ihre Toilettegarnitur herausnehmen und sich Gesicht und Haare herrichten, um die Synagoge so rasch als möglich verlassen zu können. Dieses Vorgehen sei nicht genug zu verurteilen. Der Einsender meint nun, nenn die Damen nicht separat, sondern mit den Herren zusammen sitzen würden, dann würden sie nicht ein derartiges Benehmen an den Tag legen, und wenn sie das doch tun würden, dann würden sie von den Männern bald eines Besseren belehrt werden. Engländer und Juden ln der englischen Zeitung ,,Sunday Expreß'‘ icird darüber berichtet, daß ein Herr Beverley Baxter zum Kandidaten der Konservativen im Wahlkreis Wood Green gewählt wurde, ln der Sitzung der Vertrauensmänner, die die Kandidierung vornahm, wurde Baxter von einem Vorsitzenden gefragt: „Sind Sie Jude?“ Baxter antwortete: „Wollen Sie durch diese Frage erfahren, ob ich zu demselben großen Volk gehöre, aus dem Jesus Christus und Disraeü hervorgegangen sind?“ „Ja“, antwortete der Vorsitzende. ,,Dann muß ich Ihnen leider zu meinem größten Bedauern mitteilen“, antwortete Baxter, „daß ich diesem Volk nicht angehöre.“ Die Juden im Irak ,,The Jewish Chronicle“ berichtet über die antijüdische und antizionistische Propaganda, die nach wie vor mit Duldung der j Behörden im Irak betrieben wird. Die Zeij tung „Al Hedaya“ ruft die Mohammedaner. zum Boykott der jüdischen Geschäfte auf und fordert die Regierung auf, es nicht dabei bewenden zu lassen, daß nur zwei jüdische Lehrer ausgewiesen worden seien, sondern alle Zionisten auszuweisen. Die Zeitung „Alam-ul-Arabi“ spricht von dem verderblichen Komplott der Zionisten gegen den Irak. Die Zeitung „Istikl-al“ verlangt eine Differenzierung zwischen den „verpesteten Zionisten“ und den nicht zionistischen Juden, die treue Bürger des Irak sind. Bekanntlich wurde kürzlich ein jüdischer Buchhändler namens Levy zu einem Jahr Zuchthaus verurteilt, weil er sich in einem Brief an die Zeitung „Manchester Guardian“ über die Diskriminierung der Juden und Zionisten im Irak beklagt hatte. Der Appellationsgerichtshof hat nun die Kerkerstrafe aufgehoben und Levy zu einer Geldstrafe von 75 Pfund verurteilt. ImKa Decfiulia In allen Ländern, wo Juden leben, haben sich begeisterte junge Juden spontan bereit erklärt, als Ghaluzim in das H u 1 e- Gebiet zu gehen und es trotz der mörderischen Malaria zu entsumpfen und urbar zu machen. In der Sprache des Talmud heißt das Hide-Gebiet Imka D e c h u 11 a. Die Hule-Ebene besteht aus zwei Teilen: im Norden befindet sich der bebaute Boden, im Süden der Sumpf, in dem Papyrus und Schilfrohr wächst. Manche rechnen auch den Meromsee als dritten untrennbaren Teil zur Ebene hinzu. Der Boden ist für viele wichtige landwirtschaftliche Gewächse brauchbar, und zwar sowohl Getreidewie Gemüsesorten wie auch für Pflanzungen. Alle Arten von Getreide, und zwar Sommer- und Wintergetreide, alle Sorten von Gemüse und Futtergewächsen lassen sich auf ihm erfolgreich anbauen, und von Bäumen findet man in einem der verlassenen Gärten, der vor zirka 25 Jahren angepflanzt war, die folgenden: Chuschchasch, Orangen, Mandarinen, Nußbäume, Dattelpalmen, Maulbeerbäume, Feigenbäume, ö 1 b ä u m e, W e i n s t ö c k e, Granatbäume sowie von Waldbäuimen: Pappeln, Ahorn und Eschen. Das Vorhandensein von Eschen an einigen Stellen der Ebene beweist, daß der Boden leicht und porös und brauchbar für den Anbau von Citruspflanzen ist. Auch das Vorkommen von Nußbäumen, die sich fruchtbar entwickeln, deutet auf weite Möglichkeiten hin. die Wirtschaftszweige durch neue Gewächse vielseitig zu gestalten. Der Reichtum an Kulturpflanzen in der Hule-Ebene und ihr schönes Aussehen, obwohl sie verwahrlost und ungepflegt sind, bringt die Schilderung des Josephus Flavius greifbar in Erinnerung, der in seinem Buch „Der jüdische Krieg“ das Hule-Gebiet folgendermaßen beschreibt: „Dieses schöne, wunderbare Gebiet wurde von der Natur so außerordentlich begnadet, daß alle Pflanzensorten in. ihm wachsen. Nußbäume, die sonst nur in kalten Ländern wachsen, gedeihen hie neben Dattelpalmen, die sich im Lichte der strahlenden Sonne in der heißen Zone entfalten. Feigenbäume und ölbäume, die ein gemäßigtes Klima brauchen. fehlen ebenfalls hier nicht, gleichsam als wollte die Natur mit allen Klimaten konkurrieren und alle Gegensätze an einem Punkt vereinigen.“ Die Hule-Ebene hat einen Überfluß a n W a s s e r. Am Fuße der Berge, die sie umgeben, strömen große und kleine Quellen. Die größten von ihnen sind die drei Bäche Banjas, Ladan und Hasbani, die das Gebiet der Länge nach von Norden nach Süden durchfließen, bis sie in den Meromsee münden und sich zu einem.Fluß, dem Jordan, vereinigen. Neben diesen Bächen strömen im Osten und Westen achtzehn kleine Bäche. Alle diese Wässer haben ihren Ausgangspunkt auf den Gipfeln oder am Fuße der Berge, so daß ihr Wasser geeignet ist, aus eigener Kraft den Boden zu bewässern. Nach Trockenlegung des Sumpfes und Regulierungder Bewässerung kann das Hule- Gebiet als Zentrum intensiver, auf einem Reichtum ökonomisch wichtiger Landwirtschaftszweige aufgebauter Wirtschaft dienen. Die Zahl der in der Hule-Ebene befindlichen Siedlungen beträgt 27, die Zahl der Inf ihnen lebenden Familien 2500 bis 3000. De® größte Teil dieser Siedlungen hat keinö Häuser und die Bewohner leben in Zelten und unter Matten, die von Mal zu Mal, von Ort zu Ort mitnehmen. Die Familien sind gering an Personen zahl, meist zählen sie nur vier Personen. Die Sterblichkeit und Unfruchtbarkeit sind infolge der in diesem Gebiet herrschenden Malaria außerordentlich groß, solange der Sumpf nicht trockengelegt ist. Die Bevölkerung ist seit der Volkszählung vom Jahre 1922 nicht gestiegen. Es ist daher keine Übertreibung, wenn wir die Zahl der Hule-BeVölkerung auf 13.000 Personen schätzen. Die übliche Wirtschaft ist einseitig! Wintergetreide an den Stellen, wo der Boden in der Regenzeit nicht weggesohwemmt wird, und Sommergetreide mit und ohne Bewässerung. Neben der Arbeit in der Wirtschaft beschäftigen sich einige Siedlungen — im wesentlichen die Frauen — mit der Herstellung von Matten und Stricken aus dem Sumpfschilf. Die Durchsohnittsproduktion beträgt zwei Matten pro Tag, die für acht Piaster verkauft werden. In vier Siedlungen, in denen die Zahl der Familien 400 beträgt, befassen sich die Bewohner in der Hauptsache mit der Zucht von Rindern, Schafen und Kamelen, und die von ihnen bearbeitete Bodenfläche ist gering, durchschnittlich zwanzig Dunam pro Familie. Der größte Teil des Bodens, etwa 65.000 Dunam, gehört syrischen Effendis, und auf ihm gibt es 21 Siedlungen mit 1085 Familien, die den Boden von seinen Besitzern gegen Zahlung von 37-5% des Ertrages gepachtet haben. Der Zehent geht zu Lasten des Verpächters. Nur in acht Siedlungen mit 990 Familien gehört der Boden mit zirka 45.000 Dunam ihnen selbst (durchschnittlich 45 Dunam pro Familie). Aber auch diese bearbeiten einen .Teil des Effendibodens in Pacht. In den dem Sumpf zunächst gelegenen Siedlungen züchtet man. Mastvieh.(Djemum), das als Arbeits¬ und Milchvieh dient. Der Wirtschaftstyp, den das Hule-Gebiet nach Trockenlegung des Sumpfes durch seinen besonderen Charakter verlangt, ist Thwdot tteteds HeiutUeUc Von Sammy Gronemann Die Überführung der Gebeine Theodor Herzls nach Palästina ist aktuell geworden. Es wird daher unsere Leser interessieren, welche Vorstellungen man von der Überführung der Gebeine Herzl.s unmittelbar nach seinem Tode hatte, als die Zionisten noch darauf hofften, vom Sultan den Charter (Freibrief) für die Kolonisation Palästinas zu erhalten. Die folgende Schilderung erschien unmittelbar nach Herzls Tod, am 1. August 1904, in der von Dr. Max Jungmann herauisgegebenen Zeitschrift „Schlemiel“. „Dort! — Dort hinten! — Ich sehe den Rauch ganz genau!“ ' „Wieder eine Täuschung! — Nichts!“ „Unser Auge ist unzuverlässig geworden durch das Auslugen Tag für Tag. — Was ist das?-Was ruft man?“ „Die Flagge auf dem Turm geht hoch!“ ,,Sehen Sie das Volk! — —“ „Ein Schuß! — Noch einer! — — Er kommt. Er ists! — Zum Telegraphen!“ * Wie mit einem Schlage war der Lärm des Volk« verstummt; mit angehaltenem Atem starrte man hinaus, der Kaiserjacht nach und auf die Horizontlinie; jeder wollte als der erste das Schiff erblicken. Das war ein Summen und Rauschen gewesen in diesen Tagen! — Unaufhörlich waren Schiffe gelandet und hatten ungezählte Mengen Schaulustiger gebracht; Extrazüge spien stündlich neue Scharen in langen Karawanen kamen Arbeiter aus dem Innern des Landes. Niemand wollte fehlen. - Es waren große geräumige Baracken als provisorische Hotels errichtet, doch bei weitem die meisten mußten auf freiem Felde kampieren, und die Schiffspassagierc zogen es vor, in ihren Kabinen zu bleiben. Der heutige Tag bildete den Höhepunkt: am gestrigen Abend war das Schiff gesichtet und seit dem frühefiten Morgen war der Strand dicht von einer ungeheuren, wildbewegten Menge erfüllt. — Am lebhaftesten ging es auf der Plattform des Jouraalistengebäudes zu; man verglich die Uhren, riß sich die Fernrohre aus der Hand, stritt sich über den wahrscheinlichen Zeitpunkt der Ankunft: unermüdlich liefen aufgeregte Knaben treppauf—-treppab, die langen Telegramme zu dem im Erdgeschoß befindlichem Postamt befördernd — blühende Schilderungen dieses seltsamen Bildes, das sich den Blicken der Korrespondenten bot und ihrem schon so abgestumpften Sinnen neue Anregung brachte. Das Märchen von dem nach tausendjährigen Schlummer erwachtem Volke war Wahrheit geworden; noch sah man, wie es nach dem langen Schlummer seine Glieder reckte und mit Staunen seine wiedergewonnene Kraft erprobte. Dort schritten die Landungstreppe hinab alte graue Männer in langen schwarzem Röcken, cingehüllt in den Gebetmantel, im Arm die Gefietzesrolle; aus mittelalterlichem Dunkel waren sie an« blendende Licht des Tages gezogen und schauten sich noch scheu und ängstlich um, als könnten eie diese große Veränderung nicht fassen, als fürchteten sie plötzlich zu erwachen, so wie sie oft aus ihien Träumen von Zions Herrlichkeit durch das Wufcgeschroi berauschter Pöbels oha ren aufge- --— ..... -- -um ib .' » ... .gana schreckt wurden. Oben — am Ende der 1 kamen viele der ältesten Zionisten geschrätgroßem Treppe, war ein weites Zelt geten, die einst mit Herzl das jetzt vollendete: spannt, über dem die blauweiße Fahne mit J Werk begonnen hatten. Sie stellten sich den sieben Sternen flatterte; dort waren die Vertreter der Regierungen um den kaiserlichen Statthalter versammelt. Rings um das Zelt, soweit nur das Auge blicken konnte, wogte das Volk. — Wie der erste Schuß erdröhnte, ging eine ungeheure Bewegung durch die Massen, und dann wurde es mit einem Schlage still; es war, als ob das ganze Volk den Atem anhielte. Nun kamen die Herren aus dem Zelt die Treppe herunter — an den Thoraträgern vorbei — und bestiegen die Jacht, die sich dort zur Ausfahrt fertig schaukelte. Dann setzte sich das Schiff in Bewegung, und fast im selben Augenblick verließen hunderte von kleinen Schiffen, die auf diesen Moment gewartet hatten, den Hafen. In die Menge kam wieder einiges Leben, aber man hörte kein lautes Wort, nur ein dumpfes, fast ängstliches Gesumme; alles starrte angestrengt und unausgesetzt der kleinen Flotte nach, die da dem ersehnten Schiffe entgegenfuhr. Wenige Stunden später legte der „Kongreß“ an. Das tiefe Schweigen der ungeheuren Menge hatte etwas fast Unheimliches. Jeder einzelne starrte so aufgeregt und so gespannt auf den breiten Steg, den die Mannschaft jetzt zum Lande hinüberlegte, als ob von dem, was jetzt geschehen sollte, Leben und Zukunft des ganzen Volkes abliänge, als ob es noch in diesem Momente ganz und gar unfaßbar sei, daß wirklich Theodor Herzl heimkehro, als ob jetzt sogleich irgend etwas geschehen müßte, etwas Ungeheures, das mit einem Schlage alle Hoffnungen vernichten, das auf ewige Zeiten das jüdische Volk in die Nacht des Exils zurückschleudern konnte. Über den Steg war ein schwarzes Tuch gebreitet; aus dem Innern des Schiffes kamen nun die Mitglieder dos Aktionskomitees, ernst und schweigend an beiden Seiten des Steges auf. In der vordersten Reihe stand der kaiserliche Statthalter — neben ihm ein junger Mann, dessen Erscheinen einen Augenblick das Volk sein Schweigen brechen ließ: „Sein Sohn“, ging es durch die' Menge. Die Thoraträger waren hinter dem dunklen Vorhänge verschwunden, der das; Schiffsiunere absohloß. Nun kehrten sie wieder, und in ihrer Mitte kehrte Theodor Herzl heim; er kehrte heim auf den Schultern seiner treuesten persönlichen Freunde, heimgeführt von der Liebe'seines Volkes. Er kehrte heim — zwar tot und zwischen den letzten Brettern gebettet, aber so wie er heimkehrte, schien er noch einmal durch sein Erscheinen schon dem Volke sein Sicherheitsgefühl zu verleihen; als Herrscher trat er unter sein Volk, und unter seinem gegenwärtigen Schutze schwand alle Besorgnis. — Wie jetzt der Sarg auf dem Stege niedergestellt war, trat der Statthalter vor und legte ein Dokument mit großem herabhängendem Siegel mitten auf den Sarg: den Freibrief des jüdischen Volkes auf das jüdische Land! — Die Träger hoben aufs neue den Sarg und trugen Theodor Herzl, dem das kostbare Dokument auf der Brust ruhte, hinüber zu dem heiligen Boden des Vaterlandes. Und in diesem Augenblick erkannten alle die Tausenden, daß in Wahrheit der Tag der Erlösung gekommen, daß für alle Zeiten das Exil beendet sei, — in diesem Augenblick löste sich die Erstarrung des Volkes, und in einem donnerartigen Getöse rief es immer wieder und wieder den einen Namen, in den es alle seine Hoffnung und Liebe, all seine Dankbarkeit und seine Schwüre zusammenfaßte, den Namen T li e o d o r Herz 1.