Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 424 (8.2.1935)
- Date
- 1935-02-08
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 424 - 8. Februar 1035 DIB STIMM! Seite 5 Or. J, Schwarzbart, Krakau: Der Allgemeine Zionismus in der Stande seiner Entscheidung Ist es wahr, daß die Meinungsverschiedenheiten im allgemein-zionistischen Lager so groß sind, daß der Ruf nach Schaffung einer einheitlichen und disziplinierten Bewegung von Allgemeinen Zionisten aueeiohtlos i»t? Behandeln wir jetzt diese Frage, weil sich mit ihr ein Großteil der Zionistisohein Bewegung, im Zusammenhang der letzten Geschehnisse im Allgemeinen Zionismus in Erez, beschäftigt. Welche Streitpunkte bestehen zwischen den Allgemeinen Zionisten? Wodurch der Weltverbanid der Allgemeinen Zionisten behindert wird, will ich heute zu erklären versuchen. In einem Briefe an die Loitung des Weltverbandes charakterisierte Ussischkin den Gegensatz zwischen den beiden Teilen des Allgemeinen Zionismus durch den Ausdruck '„Mazaw mach“ (etwa Geisteszustand, Stimmung — Red.), also keine Verschiedenheit der Meinungen. Der Schwerpunkt liegt also nicht in den Meinungsverschiedenheiten bei Lösung von konkreten Fragen — wenn auch solche vorhanden sind, wie zum Beispiel dieser Mazaw ruach. Es ist schwer, diesen Begriff zu definieren. Es ist schwer, seinen Inhalt wiederziigeben, weil dieser tatsächlich wie ein Wind sich bewegt und einen Zustand schafft, der schwer wieder gmtzumnohen ist. Analysieren wir nun diese Erscheinung, die sich in die zwei Pole des Allgemeinen Zionismus eingeschlichen hat. Der Allgemeine Zionismus war seinerzeit der Hausherr in der Zionistischen Bewegung. Er hat den Weg der Zionistischen Bewegung vorgezeichnet, wurde aber im Laufe der Jahre geschwächt und ist in jedem einzelnen Lande seinen eigenen Weg gegangen. Schließlich wurde er zum Ausbeutungsobjekt der sich neu bildenden Richtungen. In der Politik kennen wir eine Erscheinung, die wir „die Politik der offenen Tür“ nennen, und diese erstreckt sich gewöhnlich auf einen Teil eines Landes. Dafür gibt China ein gutes Beispiel ab. So haben die zwei Mächte der Zionistischen Bewegung, die sozialistische und revisionistische, eine Politik der offenen Tür in der „Kolonie“ des Allgemeinen Zionismus proklamiert. Der Vorgang spielte sich genau wie in China ab. Der Allgemeine Zionismus war in kleine Länder eingeteilt, ohne Zen¬ Hotel Erzherzog Rainer WIEN IV., Wieeiner Hauptstraße Nr. 27/29 DAS MODERNE WIENER FAMILIENHOTEL tralleitung, geführt von Generalen mit eigenen Armeen. Jeder General besaß eine eigene Jugendorganisation ausschließlich für sich. Es ist daher kein Wunder, daß die zwei Kolonialmächte der Zionistischen Bewegung auf dem Gebiete des zerklüfteten und zerspalteten Allgemeinen Zionismus große 'Erfolge aufweisen konnten. Dank dem Einfluß der außenstehenden „Mächte“ konnte sich der Kampf der Generale gegen Generale ausbreiten. Genau so wie in China ruft man einmal den linken Flügel, ein anderesmal den rechten Flügel zur Hilfe. Dies ist der Geist von zwei versklavten Gruppen. .Hier liegt die Entstebungsquelle für den sogenannten „Mazaw ruaoh“. Die Entstehung dieser Erscheinung entspricht der eigenen Schwäche und dem Willen, anderen Göttern aber nur nicht dem eigenen Ideale zu dienen. Dies ist der Konkurrenzkampf eines Sklaventums gegen das zweite, dessen Herren eich gegenseitig befehden — das ist der „Mazaw ruach“. Deshalb Ist diejenige Bewegung, die über die meisten Generale und die meisten eigenen Armeen verfügt, die schwächste in der Zionistischen Bewegung. Genau wie ln China! loh werde noch andere Vergleiche heranziehen. An der Peripherie der Zionistischen Bewegung befinden sich zur Zeit zwei starke Magnete, der sozialistische und der revisionistische Flügel. In dem magnetischen Feld zwischen diesen zwei Magueten befinden lllllllllilll sich die Eisenspäne der allgemein-zionisti-jganisation sehen Bewegung. Zerschnitten wie Eisenspäno werden dicvso Allgemeinen Zionisten von diesen zwei Magneten angezogen — der eine von der Linken, der andere von der Rechten. Sie werden von magnetischen Kräften angezogen, welche der nationalen Ideologie des echten Allgemeinen Zionismus fremd sind. Der Grundgedanke meiner Idee ist, zwischen diesen zwei Magneten einen neuen Magneten einzuschalten, welcher die zersprengten Eisenspäne an sich heranziehen soll. Dieser neue Magnet mit einer eigenen starken Anziehungskraft soll die Aufgabe haben, die Eisenspäne aus dem Bereiche der erwähnten zwei Gegenmagnete herauszuziehen und um sich zu sammeln. Dieser Magnet — das ist der W e 11 v e rbandderAIIgemcinen Zionisten. Dieser soll stärker ausgebaut werden als zur Zeit seiner Entstehung. Was steht also der Entstehung dieses neuen Magneten, der den Geist der Knechtschaft ausmerzen will, im Wege? Im Laufe von mehreren Jahren ist der Allgemeine Zionismus stark geworden und seine Generale sind denjenigen Sklaven ähnlich, denen man die Freiheit wieder geben will, die es aber verziehen, weiter Sklaven zu bleiben. „Die Tradition der Sklaverei“ verhindert also die Entstehung dieses Verbandes. Man wird vielleicht gegen meine starken Worte Protest erheben. Im Gegenteil, dieser Protest würde für mich ein Zeichen der err wachenden Freiheit bedeuten. Es ist deshalb so schwer, diesen Sklavengeist, diesen „Mazaw mach“ zu bekämpfen. Wollen vielleicht die Allgemeinen Zionisten.das Schicksal von China erleben? Und nun einige Worte über die Meinungs? Verschiedenheiten. Es sind tatsächlich verschiedene Frage, vorhanden, welche uns voneinander trennen. Und ein Teil von ihnen entstammt ja diesem „Mazaw ruach“. Aber schließlich und endlich können wir doch über diese Probleme verhandeln. Die erste Meinungsverschiedenheit, die im Lager des Allgemeinen Zionismus besteht, ist die Frage der Organisierung unserer chaluzischen Jugend. Die Weltkonferenz der Allgemeinen Zionisten in Krakau war nicht in der Lage, dieses Problem zu lösen, weil das Einigkeitsgefühl des Weltverbandes noch zu locker war. Man hat die Entscheidung darüber verschoben, weil man die Verhandlungen mit so schweren Problemen nicht beschweren wollte. Dieses Problem läßt sich folgendermaßen erklären: Sollten die allgemein-zionistischen Chaluzimmin ihrem eigenen „Chaluz“ in dem „Chaluz Haklal Zioni“, oder sollen sie gemeinsam mit don linken Chaluzim, im sogenannten „M e r k a s H e e h a 1 u z“ organisiert sein? Das ist das erste beherrschende Problem, das die Einheit im allgemein-zionistischen Lager zerklüftet. Die Jugendorganisation Akiba kämpft für das Verbleiben im Merkas Hechaluz und die beiden Jugendorganisationen Hanoar für das Verbleiben im Hechaluz Haklal Zioni. Und genau wie bei uns ist bei diesen Organisationen alles logisch und konsequent. Die „Akiba“, welche eine ablehnende Stellung zum linken Flügel zeigt, setzt sich für den Merkas Hechaluz ein, und die beiden „Hanoar Hazioni“, die mehr zum linken Flügel tendieren, erstreben den Hechaluz Haklal Zioni. Diesen Jugendorganisationen sekundieren ihre Landesorganisationen und so kommt es, daß ein Teil unserer Jugend den Merkas Hechaluz vernichten und vertilgen möchte und der andere den Hechaluz Haklal Zioni. „That is tbe question.“ Das große zionistische Problem, um welches der Kampf seit Jahren geführt wird — und welcher Kampfl — Ist, daß in einem Lande die „Akiba“ anerkannt wird und Im anderen der „Hanoar Hazioni“. Der Weltvehband der Allgemeinen Zionisten hat eine diesbezügliche Entscheidung bereits getroffen. Sie ist diplomatisch verklausuliert und nicht endgültig. Deshalb müssen wir eine abwartende Stellung einnehmen. Meine Meinung ist: Unsere chaluzischen Organisationen müssen sich vereinigen, sie dür len nur einer chaluzischen Orange h ö r e n. Dies ist mein Standpunkt bezüglich des Hechaluz Haklal Zioni. Ich frage also: Ist diese Frage ein Problem der Weltanschauung, oder ist dieses Problem nur ein Vorwand, den Weltverband der Allgemeinen Zionisten zu sprengen? Ja oder nein! Wenn dies eine Gewissensfrage bedeutet, dann müssen die kämpfenden Gruppen auseinander gehen. Da aber meiner Meinung nach dieses Problem keine Gewissensfrage bedeutet, muß es durch Mehrheitsbeschluß entschieden werden. Dann aber müssen unsere Chaluzim entweder in den Merkas Hechaluz hineingehem oder alle müssen sich im Hechaluz Haklal Zioni vereinigen. Der jetzige Zustand ist ein Unsinn. Keine Bewegung der Welt erzieht ihre Jugend zu zwei verschiedenen Richtungen. Ich werde mich mit allen Kräften für die Erziehung unserer Chaluzim in unserem eigenen magnetischen Felde eineetzen. Aber entscheiden soll dies der Weltverband. Früher oder später muß er die Entscheidung treffen. Sein größter Schatz, die Jugend, muß sieh in freier nationaler allgemein-zionistischer Athmosphäre entwickeln. Aber darüber soll souverän der Weltverband entscheiden. Der zweite Streitpunkt ist die Frage einer eigenen Histadruth. Die Beschlüsse der Krakauer Tagung des Weltverbamdes sind bekannt, ebenso die inzwischen in Palästina erfolgte Gründung einer allgemein-zionistischen Histadruth und die Streitigkeiten, die infolgedessen entstanden sind.; loh glaube, daß im Interesse der Selbständigkeit und im Interesse der Expaneionsbestrebungen des Allgemeinen Zionismus der Aufbau eigener Organisationen auf_ allen Gebieten des sozialen Lebens notwendig ist. Aber gleichzeitig liegt es nicht im Interesse des Allgemeinen Zionismus, den Kampf zu verschärfen und deshalb bin ich für die Lösung dieser Frage in einem me in samen Dachverband. Alle A rbeiterOrganisationen im Lande können selbständig ihre nationalen und ideologischen Angelegenheiten entwickeln und sich selbständig organisieren, Ein gutes Beispiel hiefür bietet der Vertrag zwischen LUISE U LLRIC H | in der Wiener Spitzenproduktion || Vorstadtvariete ( (Oie Amsel vom Lichtental) J Gartenbau I. Kärntner I. Busch II. | Haydn VI. Heimat IX. Kolosseum IX. | Ulli Verleih Or. Hauser & Co., Bes. m. b. H. mHIIM'Jli'lltf verschieden oder hat es zwei Pole? Wird sieh das Bewußtsein der Mitglieder des Weltverband es vereinheitlichen, das heißt worden die Meinungsverschiedenheiten zum Ausdruck kommen wie Zweige auf einem Baume oder wie zwei Bäume in einem Garten, dann wird die Frage der Vertretung durch dieses oder jenes Mitglied des Weltverbandes nicht mehr bestehen. Ich will ein radikaleres Beispiel auf Uhren. Wird der Allgemeine Zionismus stark »sein, dann wird Brodetzky der Vertreter von Suprasky sein und umgekehrt. Das Hauptprinzip muß sich diurchdringen: Für den 19. Kongreß und bei allen künftigen Kongressen muß gelten: Entweder der ganze Verband entsendet seine Vertreter in die Exekutive oder der ganze Verband bleibt außerhalb derselben. Das sind die Streitfragen, andere eimd nicht vorhanden, außer dom „Mazaw ruach“. Uns bindet ja die allgemein-zionistische Weltanschauung. Die anderen Fragen werden im nächsten Artikel behandelt. RESTAURANT HOTEL STEFANIE (vorm. Operer) II., Taborstraße 12 Telephon R 46-5-67 •mm«* Ausgiebige Rraten-Menüfl S 1-RO ' l£/«J „ Geflügel-,, S2.20~W-*7 Vorzögl’Ae Zubereitung-Schwechater B ere Natui weine Palästina-Reisen 1. Einzelreisen jede Woche zu Originalpreisen. 2. Gesellschaftsreisen zu Purim, zurMakkabiade und zu Ostern, darunter am 8.Märzl935 mit Dampfer„Rex“ (51.000t) u. mit den Damp.’ern des Lloyd Friedino Reiseleitung: N. M. Racker Nordisches Reisebüro Wen, I., Q,abtn 10, lei. R 24-2-31 der Histadruth und dem Hapoel Hamißrachi. Dieses Problem also kann gelöst werden, sei es mit Rücksicht auf die SeIbständigkeitsbestrobungen des Allgemeinen Zionismus, &ei ee mit Rücksicht auf den allgemeinen Frieden in sozialen Fragen. Nach meiner tiefsten Überzeugung muß der Weltverband diese Richtung einschlagen und sogar der am weitesten rechts stehende Allgemeine Zionist wird nicht seine Hand •egen einen derartigen Daohverband erheben, der in sich alle organisierten Arbeiterorganisationen einschließt. Nach diesen Darlegungen kann diosor Streitpunkt kein Grund für eine Auflösung des Welt verbanden sein. Der Weltverband soll in dieser Frage seine Entscheidung treffen... Die dritte Streitfrage ist das Verhältnis zur Exekutive. Ich will mich hier kurz fassen. Der Zustand, daß ein Teil des Verbandes in der Exekutive vertreten ist und der andere nicht, ist unerträglich. Während des 18. Kongresses sind verschiedene Auffassungen zu den aktuellen Fragen entstanden, weil ein Teil des Weltverbandes allem zustimmen mußte, was dde Exekutive wollte, und der andere Teil des Weltverbandes entweder seine Zustimmung geben konnte oder nicht. Ist das Bewußtsein innerhalb des Weltverbandes bei dem Mitgliedern Abkommen zwischen Hechatuz—Halhal Zioni Warschau, 4. Februar. (2. T. A.) In Warschau hat eine gemeinsame Sitzung des Zentralkomitees des He cha- 1 u z und des Hechaluz Haklal Zioni (die den Allgemeinen Zionisten angeschlos; sene Chaluzgruppe) stattgefunden, iii der eine weitgehende Koordinierung der Tätigkeit dieser Verbände vereinbart wurde. Ge maß dem Abkommen werden gemein eame Arbeitsbüros in allen Ortschaften gegründet, in denen Kibbuzim beider Organisationen bestehen; ferner werden gemeinsame Erholungsstätten geschaffen; eine Reihe von Kursen, darunter solche zur Ausbildung von Krankenschwestern, werden gemeinsam veranstaltet; es werden gemeinsame „Pro-Kibbuz-Komitees“ geschaffen; die Hilfsarbeit für die Hachscharah- Kibbuzim und der Kampf um das Recht a.uf cha-luzische Alijah werden gemeinsam geführt. Zur Durchführung dieser Beschlüsse wurde ein paritätisches aus Vertretern beider Verbände zusammengesetztes Komitee gewählt. Antijüdische Ausschreitung gen in Algerien Paris, 4. Februar. (2. T. A.) „Havae“ meldet aus Setief (Algerien): In der Nacht zum Samstag kam es hier zu blutigen Ausschreitungen, die vielfach antijüdischen Charakter trugen. Bei diesen Ausschreitungen wurden zwei Personen getötet, fünf verletzt, darunter auch Polizisten. Die Menge griff fünf Kaffeehäuser an, von denen zwei vollständig verwüstet wurden. Aus anderer Quelle wird gemeldet: Die Kämpfe begannen, als edn eingeborener Scharfschütze namens S a o u l a in einem Cafd von einem Polizisten tödlich verwundet wurde. Es entstand das falsche Gerücht, daß es ein jüdischer Polizist gewesen sei, der den Scharfschützen getötet hatte, Auf dieses Gerücht zog ein Teil der Menge ins Juden viertel, »schlug an mehreren jüdischen Geschäften die Schaufenster ein, plünderte die Läden und griff die Bevölkeg an. Ein Polizist wurde zu Tode gesteinigt, ein eingeborener Soldat getölet. Erst als Verstärkungen eintrafen, konnte die Ruhe einigermaßen wiederhergestellt werden.