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Die Stimme · 1935-02-08 · Heft 424 (8.2.1935) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
8 (1934-1935)
Issue
Heft 424 (8.2.1935)
Date
1935-02-08
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 424 — 8. Februar 1935 DIE STIMME Sette 3 2u*n 125. (je&uctst&g. am 3. Tefouac 1935: Von Dir. Siegfried AUmann Auf den 3. Februar 1935 fiel der 125. Geburtstag Ludwig August Frankls, der zu den populärsten Gestalten gehörte, von dem aber die Gegenwart kaum mehr als den Namen kennt. Ereignisreich war der Zeitraum, den sein Leben, dessen hervorragendsten Momente an unserem Blick vorüber ziehen sollen, durchmaß. Frankl« Wiege stand in Ohrast, einem kleinen böhmischen, landschaftlich entzückenden Bisohofsstädtchen, in dem er auch die Kindheit in glücklichen, wenn auch bescheidenen Verhältnissen verlebte. Des Dichters Vater zählte zu jenen Männern, „deren frommer Wunsch es ist, das, was ihnen selbst abgegangen, an den Söhnen realisiert zu sehen.“ Zur näheren Charakteristik der Eltern sind die Momente spärlich gegeben, doch läßt das wenige, das aus deren Leben mitgeteilt wird, auf ein reiches Gemütsleben und auf eine tiefgründende Religiosität schließen. Den ersten Unterricht erhielt der Knabe im Hanse der Eltern, wo er neben der deutschem auch die tschechische Sprache erlernte. Durch einen Hauslehrer und katholischen Pfarrer in den literarischen Gegenständen vorbereitet, wurde er zu Ende 1823 Schüler des Piaristengymnasiums in Prag, wo er durch seine historischen und stilistischen Aufgaben — freilich aber immer wieder nur durch diese — die Aufmerksamkeit seiner Lehrer auf sich lenkte. Doch der Ernst des Lebens pochte schon in der allernächsten Zeit an der Tür des Jünglings. Nach dem 1825 erfolgten Tode seines Vaters sollte er als ältester Sohn Leiter im Geschäfte — einem Tabakdistriktsverlag — Werden. Da aber dieser Plan zu Frankls Freude keine feste Gestalt annahm, so ging er, sieh selbst überlassen, nach Leitomischl, um am dortigen Lyzeum Philosophie zu hören. Schon der Sommer des folgenden Jahres bildete einen entscheidenden Wendepunkt’in Frankls Leben. Auf einer Ferienreifee nach Wien übergab er dem Freiherrn von Hormayr ein episches Gedicht, „Jan Panöir“, durch dessen Abdruck im „Archiv 1828“ dem jungen Poeten der Weg in die Literatur gebahnt war. Unter poetischen Beschäftigungen und historischen Arbeiten vollendete er jetzt eifrig die vorbereitenden Studien, und als es galt, ein bestimmtes Fach als Lebensberuf zu wählen, entschloß er sich zur Medizin. Im Herbst des Jahres 1828 bezog Frankl die Wiener Universität. Beständij mit Not und Armut ringend, waren es nur der Glaube an sich selbst und die Kraft seines unbeugsamen Charakters, die ihn so aufrecht erhielten. Wie ganz ihn auch der Kampf uras Dasein in Anspruch nehmen mochte, die Freude am Schönen und Großen konnte in dem jungen, feurigen Herzen nicht getötet werden. Die Lust zum Fabulieren war nun einmal geweckt und realisierte eich vorerst im „Habsburgerlied“, einer chronologischen Folge historischer Balladen. Das Buch, das gute poetische Anlagen zeigte, führte ihn bald in die besten Kreise ein und brachte ihn mit vielen hervorragenden Persönlichkeiten in Verbindung, von denen er ganz besonders Hammer-Pungstall kennen und schätzen lernte, der ihn auch zum Studium orientalischer Sprachen und dadurch des Hebräischen anregte, für das er bald eine solche Wertschätzung hegte, daß er es für erforderlich erachtete, die jüdische Jugend au befähigen, die Schöpfungen der Literatur der Juden in der Ursprache zu lesen. In seinem Buche über Hebbel erzählt er von dem tiefen Eindruck, den auf diesen die hebräische Sprache bei Gelegenheit einer Trauerfeier machte. Hebbel hörte sie gespannt an und Frankl plötzlich beim Arme fassend, sagte er: „Ich höre heute zum ersten Male die Laute der Bibel und der Propheten in der Ursprache. Es ist wunderbar, eine Sprache aus Jahrtausenden an das Ohr schlagen zu hören. Weil sie an ihrer Sprache festhalten, sind die Juden ewig.“ Mit jedem Schritte in seinen Arbeiten — es erschienen in kurzen Zwischenräumen „Epischo und lyrische Dichtungen“ und „Morgenländische Sagen“ — läuterte sich sein dichterisches Schaffen] das Rhetorisch- | Phrasenhafte, das Überschwängliche verlor I sich immer mehr, .und in „Christoforo Colombo“ gelang es ihm bereits, schöne Form mit poetischem Gehalt zu verbinden. Eine besondere Rolle im Entwicklungsgänge Frankls spielte seine Reise nach Italien. In Padua erwarb er sich auf Grund seiner lateinisch abgefaßten physiologischpsychologischen Dissertation „Über den Einfluß der Phantasie“ die medizinische Doktorwürde. Frankl durchquerte das Land der Sehnsucht, machte fruchtbare historische und literarische Studien und hatte die anregendsten Berührungen mit Torwaldsen Nicolini, Leopardi, Marsano, Cantu und Kardinal Mezofanti, diie teilweise zu innigen und anhaltenden Bekanntschaften führten. Freundschaftlicher Verkehr, Genuß der Kunst, literarische Besprechungen ’ind wissenschaftliche Unterhaltung waren es, welche auch seinen späteren Reisen, auf denen er A. v. Humboldt, Meyerbeer, Gutzkow, Alexis, Mündt und andere kennenlernte, einen besonderen Hintergrund liehen. Des Dichters Plan, sich nach seiner Rückkehr aus Italien um eine Seknndararztstelle zu bewerben, scheiiterte. Und so leistete er den gleichzeitig au ihn ergangenen Einladungen des Wiener Konservatoriums und der Israelitischen Rultusgemeinde, hier die Stelle eines Archivars, dort die eines Professons der Ästhetik anzunehmen, Folge. In der folgenden spannungsvollen, ereignisreichen Ära, deren Signatur das Ringen für Freiheit auf politischem und geistigem Gebiete bildete, begründete Frankl die „Sonntagsblätter“, in denen er, der vorkämpfende Optimist, unermüdlich für die Hebung literarischen und geistigen Lebens sich mühte. Von nah und fern verstand er bedeutende Mitarbeiter für diese einzige nennenswerte belletristische Wochenschrift Wiens im Vormärz zu gewinnen. Mit Grillparzer, Bauernfeld, Lenau, Raimund, Grün und Ebert traten jüngere Talente, zu denen damals auch Helbbel und Kürniberger noch zählten, in Wettbewerb, die unser Dichter stets lancierte. Die „Sonntagsblätter“ wandelten sich zu einer politischen Chronik, als Frankl „mit hoffnungstrunkener Seele eintrat in den Kampf um die unveräußerlichen Menschenrechte“ in den Märztagen des Sturmjahres 1848. Begeistert begrüßte er „den Völkermorgen“ mit dem damals in vielen Tausenden von Abdrucken verbreiteten lind von zahlreichen Komponisten vertonten ersten zensurfreien Gedicht „Die Universität“. Der Frühling des Jahres 1856 führte den Dichter über Meere und Wüsten nach Jerusalem, das er Ende Mai erreichte. „Dies also ist die Stadt des Beiden des Dichters, des Königs. Von hier leuchtete eine Zentralsonne der Geister: der Glaube an nur einen ungeteilten Gott der Welt, über die ganze Erde hin und machte diese kleine Stadt zur Weltstadt, zu der •man, wenn man sie erreichen will, nach den Worten der Schrift: ,hinauf ziehen' muß. Ich hielt den Zügel meines Pferdes; mich im Sattel vor der Stadt Jehovas beugend, fielen Tränen in die Mähnen meines Pferdes... Schon als Knabe erwachte in mir eine Sehnsucht nach dem Gelobten Lande und tausend Fragen, wie man dahin gelangen könne, wie es jetzt aussehe, quälten m.eine fromme Mutter, den nicht immer Bescheid wissenden Lehrer. Der Vers: ,lm kommenden Jahre in Jerusalem!‘ wirkte jedesmal Tage und Wochen in mir nach, denn ich glaubte an die Erfüllung. Ich suchte die frühesten geistigen Jugendeindrücke zu verkörpern. Ich schrieb Sagen aus dem Morgenlande, einen Beitrag zur Geschichte der Juden in Wien; ich durfte die fromme Brüderschaft zur Erhaltung ihrer alten Denkmale veranlassen und beschreibend herausgeben. Ich sammelte alle poetischen Stimmen der Völker, welche die Mythe, die Legende, die Geschichte, das Familienleben des jüdischen Volkes verklären. Die lesende Welt kennt das Buch für Familie und Schule unter dem Titel ,Libanon'. Als ich diesen Kamen wählte, hatte ich auch nicht die entfernteste Ahnung, daß ich ein Jahr später unter dem Schatten der Zedern des Libanons wandeln sollte.“ In Jerusalem erfüllte Frankl die Mission des Lehrertums. Im Aufträge der reichen Wohltäterin Elise Herz geh. Edle von Lämel gründete er hier eine Kinderbewahransta.lt. Eine Fülle von Anregungen brachte ihm auch diese Reise, deren Frucht die Werke „Nach Jerusalem* und „Aus Ägypten“ sind. Wie es bei tief angelegten Naturen ist, fühlte Frankl sich bei der Abfassung der beiden Bücher nach der wissenschaftlichen Richtung ebenso stark hingezogen, wie nach der poetischen. Die zwei Bände, die. Jahrzehnte als das beste Reisewerk über das Morgenland galten, fanden — in mehrere Sprächen übersetzt — große Verbreitung und erregten viel Aufsehen. Auf der Höhe seines dichterischen Schaffens steht Frankl in dem Epos jüdischreligiösen Inhaltes „Der Primator“. Ohne die Erscheinungszeit strikte zu beachten, seien , weiters erwähnt: „Don Juan de Austria“, „Tragische Könige“, „Ahnenbilder“, „Gusle“, eine Übersetzung serbischer Nationallieder; ferner die satirischen Gedichte „Hippokrates und die moderne Medizin“, „Die Oharlatane“, „Hippokrates und die Cholera“ — und die „Biographien berühmter Zeitgenossen“. Über den Dichter Frankl dürfen wir den ungleich größeren Menschen nicht vergessen. Wie Wien seinem rührigen Wirken das Schiller- und Beethoven-, Mozart- und Lenau-, Grün- und Gluck-Denkmal verdankt, so steht die große Kiilturwelt in seiner Schuld durch jenes alle seine Werke überragende Denkzeichen, das er sich auf der Hohen Warte in dem Israelitischen Blindeninstitute begründet hat. Fast nahe den Tagen, die der Psaknist als Grenz- und Warum verlangen Alle Sdimidl-Mazzoth weil Die Mazzoth werden aus feinstem Mehl erzeugt! Seit vielen Jahren genießen die »Schmidl-Mazzoth« das beste Renommee und werden von allen bevorzugt Auf die Extraqualität meiner Fabrikate „Marke Schmidl N. B." auf Mazzoth, Grieß und Farvel wird besonders aufmerksam gemacht. Audi beim Kauf von Mazzoth-Grieß wahren Sie Ihr eigenes Interesse und vergangen Sie ausschließlich Schmidl- Mazzoth-Grieß. Zentrale: N. Brodetzky Schmidl-Mazzoth in Geschmack und Qualität unübertroffen sind i Schmidl-Mazzoth werden unter streng orthodoxer Aufsicht des ran dws armn -rasa pidt* am hergestellt II., Leopoldsgasse 43, und in allen besseren einschlägigen Geschäften erhältlich Telephon A 40-0-90, A 60-2-63 und A 48-4-48 rffojOosfuDirfschaft cn Rotenturmstrassa ff W/enst Bis 3 Uhr früh geöffnet! Markstein des menschlichen Lebens bezeichnet, ging Frankl mit Begeisterung au die Gründung dieser erlösenden Bildungsstätte, der er gleichsam als Wiegengeschenk den Kongreß der Blindenlehrer und Blindenfreunde ins Leben rief. Wie schön sprechen die Worte eines seiner Verehrer im Palast der Nacht Und wenn im Leben du sonst nichts vollbracht, Entzogen dich dem rauschenden Getriebe, Nicht mitgeschlagen jene heiVge Schlacht, Belebt von Seelenschwung und reinstem Triebe —« Und nur gegründet den Palast der Nacht, Gemildert Leiden, so unendlich trübe, Dein Angedenken wäre schon vermacht Der Nachwelt, daß es unvergessen bliebe. Der Lebensabend Lud den Dichter zur Einkehr in sich selbst ein; doch nicht in starrer Zurückgezogenheit verlebte er ihn. Nach wie vor bildete den Mittelpunkt dee Wiener Kunstlebens sein gastliches Haus, wo Amerling, Saar, Pichler, Weilen, Franzos, Mosenthal, Greif, Brandes, Björnson und andere innig verkehrten. Am 12. März 1894 fand das Leben Frankls, dessen Wirken auch der ihm verliehene Adelstitel „Ritter von Hoohwart“ kennzeichnet, seinen Abschluß. Von Ferdinand Saar stammt die Grabschrift auf Frankl Es war ein Dichter, der ms schied, Wie Harfenton erklang sein Lied. Dem Wirken edler Menschlichkeit War seines Daseins Kraft geweiht. So lebt mit seines Namens Ruf, Was er im Geist und Herzen schuf. Ludwig August Frankl war ein Bewegungsdiohter, ideal und voll dithyrambischen Schwunges. Zu den Pfadfindern zählt er nicht; er hat nichts zu unserer Weltanschauung beigetragen. Zu bereichern vermag er. Ein kräftiges ästhetisches Bewußtsein begleitete ihn stets auf seinen Gängen' in das Land der Poesie. Alle Töne weiß er anzuschlagen: Drang und Pein der Jugend, Scherz und Satire, idyllisches Behagen. Seine Reden sind Kunstwerke und seine literarischen Porträte — meisterhaft gezeichnet — werfen für die Literaturgeschichte einen wertvollen Gewinn ab« Seine Werke sind nicht allgemein bekannt* Sie erscheinen uns heute vielfach fremd, wie die Ideale seiner Zeit und die Art, wie man um sie kämpfte. Jahre voll Umsturz und Entwicklung sind über sie hinweggegangen. Das eine aber steht fest: es ist Frankl Vieles und Tiefes gelungen, das an Hoheit der Gesinnung und schlichter Größe bei der Schar Mitstrebender nicht gefunden wird. Die jüdische Neuorientierung Von Dr. Josef-Kaste in. Der vor einigen Monaten vom Zionistischen Landesverband veranstaltete Vortrag Dr. Josef Kasteins über die „Jüdische Neuorientierung“ war für alle Zuhörer ein großes Erlebnis. Aus allen Kreisen der jüdischen Bevölkerung wurde dier Wunsch geäußert, daß Kasteins Vortrag in Druck erscheinen möge. Der Zionistische Landesverband ist nunmehr in der Lage, seinen Angehörigen und der jüdischen Öffentlichkeit den Vortrag Kasteins in einer schön ausgestatteten, zirka 40 Seiten star ken Broschüre zu vermitteln. Diese Broschüre wirkt durch die Wucht ihrer Diktion geradezu erschütternd. Es gibt heute kein zweites Werk, das mit einer derartigen Prägnanz und unerbittlichen Folgerichtigkeit die jüdische Situation und die Richtung ihrer Neuorientierung ins hellste Licht setzt. Kasteins Broschüre geht jeden Juden an, der in den Wirrnissen unserer Zeit sich orientieren und neue Kraft für den Kampf um seine jüdische Zukunft schöpfen will. Wir sind überzeugt, daß die Broschüre, auf welche dem Landeskomitee bereits hun-

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