Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 422 (1.2.1935)
- Date
- 1935-02-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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?«W 6 Dil STIMME Nr. 422 1. Februar 1935 BLICK IN DIE WELT JliHfrS ÜMS. IwtiiU Kleine Geschichten aus dem Deutschland von heute. Zwei Studienfreunde treffen sich bei der Beerdigung eines gemeinsamen Bekannten. Der eine von ihnen ist Rabbiner. Der andere, Akademiker, war noch vor zwei Jahren der Weihnachtsfeier näher gestanden als dem Chanukka-Fest. Beim Abschied drückt der Rabbiner dem zweiten die Hand: „Auf Wiedersehen in Simches.“ Der guckt, groß und macht ein verständnisloses Gesicht. „Dein Großvater hätte noch gewußt, was das heißt. Man sagt das bei traurigen Anlässen. Es heißt, daß man sich wieder treffen soll in Simches, in Freuden.“ Da wirft der andere sich stolz in die Brust: „Nicht, daß du meinst, ick bin schon bei Lektion sechs im Rath.“ (Das bekannte Lehrbuch der hebräischen Sprache.) Der Schauspieler, Knall auf Fall entlassen, schichtet sich um für Erez Israel. „Eine wahnsinnig schwere Sprache, dieses Hebräisch. Die Vokabeln, die Vokabeln, ich bring sie kaum in den Kopf. Nun habe ich einen feinen mnemotechnischen Trick heraus. Es geht schon besser, aber kürzlich bin ich schwer damit hereingefallen. Also ich lerne: ,,Ich trinke — Ani Schote.“ Feine Sache, muß man nur an Schote denken. Der Schote trinkt, ln der nächsten Stunde komme ich richtig an den Satz. Und wissen Sie, was ich antwortete: Ani Schlehmihl.“ Ein vielsagendes Inserat ln der Berliner „Jüdischen Rundschau“ lesen wir die folgende Anzeige: Herr (arisch). 40 Jahre alt. Frontkämpfer m. Auszeichnungen, gute Erscheinung mit gewandten Umgansformen, zielstrebige Arbeit gewöhnt, vertraut im Verkehr mit Behörden, Organisationstalent, sucht Vertrauensstellung Ia Referenzen. Gefl. Zuschriften unter C 10 an die Anzeigen- Abt., Berlin W 15, Meinekestr. 10 Jüdische Sfrdckwikiet Fiir’s Geld bekommt man alles, nur keinen Vater und keine Mutter. Besser ein alter Topf als ein neuer Scherben. Gott ist ein ehrlicher Zahler, aber ein langsamer. Zum Meschuggewerden gehört ein Kopf. Hütet euch vor den kleinen Siegen, sie machen den Menschen matter (für die großen Kämpfe). Klage nie über einen kleinen Schmerz; das Schicksal könnte ihn durch einen größeren heilen. L, Voraus muB man denken/ sich sichern — versichern Phönix j’j Allgemeine Versicherung«* I Oes./ Wien,IX., Alserplafz3 Es gibt ein unbekanntes Europa. Es gibt im Herzen unseres Erdteiles Landschaften, die uns fast ebenso fremd sind wie irgend ein Winkel in Afrika oder Australien. Dazu, gehört der Osten der Tschechoslowakei. Wie wenig wissen wir von jenen weiten Gebieten, die sich vom südlichen Schlesien bis hinüber nach Rumänien dehnen. Kaum bekannt sind uns die Namen der Städte, die sich dort, in den Tälern der Tatra, überragt von Eisgipfeln, verbergen oder am Abhang der Karpathen aus sonnverbranntem Gelände farbig emporwachsen, von Weinlaub umrankt, von verwitterten Burgen gekrönt, mit überwältigendem Ausblick auf die grandiose Eintönigkeit der ungarischen Pußta. Hier liegt Kaschau mit einem alten Dom in gotischem Stil, Uzhorod mit einem zerfallenen Schloß aus den Zeiten der siebenbürgischen Fürsten, Munkdcs, Huste, Beregszdsz. Voll von fremdartiger Schönheit ist dieses Land, bunt besiedelt von vielerlei Stämmen und von Sonnenglanz überströmt zu allen Zeiten des Jahres ... ln nebelgrauer Herbstnacht kam ich im tschechisch-schlesischen Bohumin an. Drei Stunden Aufenthalt bis zu dem Schnellzug, der von Prag her den langgestreckten Osten der Tschechoslowakei von der deutschen und polnischen Grenze bis nach Rumänien durcheilt. Entsetzlich dicht sind die Wagen besetzt: viele Menschen und noch mehr Gepäck, meist unförmige Bündel, elefantenhaft dick, als ob der Reisende nicht in die nächste Stadt, sondern gleich in die letzte Unendlichkeit fahre. Mühsam finde ich Platz zwischen Slowaken und Tschechen. Neben mir ein Jude mit wallendem Bart und spiralig geringelten „Peies“. Wie sich die Fmsternis draußen zu lichten beginnt, erhebt er sich und sagt zu den Reisegefährten in jidischer Sprache: „Die Herrschaften mögen gestatten, daß ich das Morgengebet spreche.“ Und sofort bricht die Unterhaltung der Reisenden ab. Der Jude aber holt einen kleinen Handkoffer hervor, nimmt den Talith und die Tefillin heraus, schlingt die Tefillin in den vorgeschriebenen Windungen um den Arm und den Kopf, hüllt den Kopf in den Talith und betet, nach Osten gewendet, während der Zug über Viadukte und Brücken das Karpathengebirge hinauf klimmt. Am Nachmittag sind wir in Kaschau, der zweitgrößten Stadt der Slowakei, mit mehr als 50.000 Einwohnern, am Ufer des llernad, eines Nebenflusses der Theiß. Hier atmet man schon die Luft einer fremdartigen Welt. Die Ankunft eines Schnellzuges ist in den Bezirken des Ostens offenbar ein Ereignis, das zahlreiche Zuschauer zum Bahnhofe lockt. Das Gemisch der Völkerstämme präsentiert sich in dem Kunterbunt der Sprachen, der Trachten, der Gesten und der Physiognomien. Slowakisch und Jiddisch, Magyarisch und Ruthenisch tönen laut durcheinander. Neben einer Gruppe tschechischer Offiziere in gelblicher Uniform stehen sehr alttestapientarische Juden mit seltsam geformten Filzhüten und hohen Schaftstiefeln und einige slowakische Bauern in grauen Jacken und gestickten Hemden mit ihren Frauen in grellgeblümten und steif gefälteten Röcken. Bald hinter Kaschau öffnet sich die Pußta in ihrer lichtüberströmten Unendlichkeit. Herden von weißen, langgehörnten Rindern schweben wie helle Pünktchen über die Fläche, die in unbestimmter Ferne verdämmert. Hier und da starrt — fast gespenstisch — das Gestänge eines Ziehbrunnens hoch in die Luft. Niedrige Bauernhäuser aus Lehmziegeln huschen vorüber. Wir halten in C o p, der ersten Station in Karpatho-Rußland, dem östlichen Teil der Tschechoslowakei. Noch größer als in Kaschau ist hier die babylonische ]’<">/kerverwirrung: ruthenische Holzfäller, die Lammfellmütze auf dem strohblonden Kopf, und den Lammfellmantel um die Schultern geschwungen; magyarische Bäuerinnen, in das schwarze Frauentuch eingehüllt; Zigeunerinnen, vorn und hinten mit Kindern und Bündeln bepackt, ein Pope der griechischuniierten Kirche und abermals sehr viele Juden mit Schläfenlocken und Bärten. ln der Ferne erblickt, man in zartestem Blau die Karpathen, an deren Fuß die Hauptstadt von Karpatho-Rußland, Uzhorod, liegt. Karpatho-Rußland? Der Name enthält eine Frage. In verflossenen Zeiten breiteten sich die Kleinrussen der Ukraine von ihren Stammsitzen nach Westen bis in den Süden Galiziens aus. Von hier aus drangen sie in die Karpathen hinein und besiedelten das urwaldhafte Gebirgsland. Wenn man durch die unterhaltsamen Straßen von Uzhorod wandelt, so sieht man, daß jedes Ladenschild in drei oder vier Sprachen und in zwei oder drei Schriftarten geschrieben ist: in lateinischen Buchstaben die tschechische und magyarische, in hebräischen Buchstaben die jiddische und in cyrillisch-russischen die ruthenische Aufschrift. Ruthenen und Juden sind unter den Völkerstämmen, die Karpatho-Rußland bewohnen, am stärksten vertreten. Hoch oben in der Werchowina, einer schwer zugänglichen Landschaft in den Waldkdrpathen, hausen Ruthenen und Juden, fern von aller Zivilisation, unter dem Alpdruck entsetzlicher Not, von einer fast unvorstellbaren Armut zerrüttet, durch Unterernährung und Krankheit an Leib und Seele zermürbt und vielfach entartet. „Kultur“ und Hygiene sind fremde Dinge. Einmal brachte ein Freund aus Uzhorod eine ganze Ladung von Zahnbürsten in ein Dorf der Werchowina hinauf. Als er nach einiger Zeit wieder kam, fand er die Bürsten zum Reinigen von Geräten und sogar zum Striegeln von Kleinvieh verwendet. Ein jüdischer Junge von 15 Jahren aus einem jüdischen Dorf erlebt, als man ihn im Wagen zum Besuch einer Schule nach Uzhorod bringt, unterwegs zum ersten Male in seinem Leben, die Eisenbahn. Angstvoll betastet er die eisernen Schienen. Als der Zug heranbraust, bricht er weinend und betend zusammen. Erstaunlich groß ist die Zahl der Juden in Karpatho-Rußland. ln Uzhorod sind fast 45 Prozent, in Munkdcs fast 80 Prozent der Einwohner Juden. Man findet sie in allen Berufen. Sie sind Schlosser und Schmiede, Barbiere und Bäcker, Lastträger und Kutscher, Fabrikarbeiter und Händler, Bankiers und Bettler. Ja, es gibt dort eine beträchtliche Zahl von jüdischen Bauern, sie reiten mit „Peies“ und wallenden Bärten hoch zu Roß über Land, und es gab sogar einmal eine jüdische Kleinbauernpartei im Karpatho-russischen Landtag, Juden sind die Träger des wirtschaftlichen Verkehrs. Am Sabbath sind die Eisenbahnzüge, sonst zumeist dicht von reisenden Juden besetzt, vollkommen leer, und Uzhorod und Munkdcs sind am Sabbath ausgestorbene Städte. Unter Slowaken, Magyaren, Ruthenen leben die Juden Karpatho-Rußlands als nationale Gemeinschaft, ln Munkdcs gibt es sogar ein hebräisches Gymnasium, daneben Talmudschulen und außerdem chassidische Sekten, deren Häupter sich zuweilen leidem schuf flieh bekämpfen. Als Angehörige eines ausgesprochenen. Volkstums sind, dort, die Juden durch ihre äußerliche Erscheinung, durch ihre Tracht, ihre Sprache, ihre Lebensformen und ihre religiösen Gebräuche von den anderen Volksgruppen unterschieden. Und dieser ganzen Situation, die den westeuropäischen Juden völlig fremdartig anmutet, entspricht es durchaus, daß der tschechoslowakische Staat •ihnen ebenso wie seinen magyarischen oder ruthenisclien Bürgern die Rechte einer nationalen Minderheit gibt. eld. GROSSFLEISCHHAUERE I IIEGM. KORNMEHL ZENTRALE, IX., BERGGASSE NUMMER 19 TELEP HONNUMMER: A 17-3-99 und A 16-9-34 Lieferant für Heilanstalten Abteilungen f. “WD-Fleisch unter Aufsicht dos Ehrwürdigen Rabtalnatsder israelitischen Kultusgemeinde Wien Autozustellung kostenlos IX., Berggasse 15, XVIII..Währingerstraße 71 Internationale Organisation getaufter Juden Im Warschauer Regierungskommissariat ist ein Gesuch um Legalisierung eines Vereins getaufter Juden eingelaufen. Einer der, Gründer, ein getaufter jüdischer Rechtsanwalt, gibt der nicht jüdischen Presse folgende Aufklärung über die Ziele der Organisation,: In Europa gibt es eine halbe Million getaufter Juden. Die Organisation der getauften Juden in Europa zählt bereits 50.000 Mitglieder. Es gibt katholische, evangelische, griechisch-orthodoxe und sogar baptistische Sektionen; zahlenmäßig am stärksten sind die Katholiken. Eine Monatsschrift wird in deutscher, französischer und englischer Sprache herausgegeben. Die Erklärung schließt: „Wir sind Renegaten. Wir organisieren uns, denn was sollen wir anfangen? Hitler erkennt uns nicht an. Morgen kann dasselbe in Österreich oder in der Tschechoslowakei geschehen. Und daher bleibt nur eines zu tun: uns zu organisieren.“ I epariertes Zimmer mit Bad und Telephon zu vermieten. XX., Rafaelgasse 6/2. Wichtig für Polenreisende. Am 10. und 20. Fobruar gehen besonders billige Gcsellselial't.sretsen nach Polen ab. Mehrere Aufenthaltsteriniao in Polen möglich. Rascheste Anmeldungen. Polnisches Verkehrsbtiro „Francopol“, Wien, III., Re-nnweg 1 (Gcbütule des Polnischen Konsulats). Tel. U-16-4-90. Für die uns bewiesene wohltuende Teilnahme an dem schweren Verlust, den wir durch das Hinscheiden der unvergeßlichen Frau und Mutter Frau Amalie Strum et litten haben, danken herzlichst die tieftrauernden Hinterbliebenen Keren Kajemeth, I., Marc-Aurel-Straße 5 ss.-.i.rin:1; ~ Club Erez Israel, II., Praterstraße 13 (Lloydhof) Sonntag, 10. Februar 1935, Im großen Saale des Konzerthauses Das große hebräische Konzert zu Ehren Chaim Nachman Bialiks s. a. Karten ui Vurvmkauf Zionistisches Landeskomitee fiir Oesterreich, I., Marc-Aurol-Stiaße 5, Tel. U 22-2-11; Zionistische Bezirkssoktion Lcopoldstadt, II., Praterstraße 13, Tel. R 42-407; Keorn Kajemeth; I., Man- Aurel-Straße 5. lei. U 29 1 20; Bücherstube Rath, II., Taborstraße 20a. Tel. R 45-305; Kaufhaus Halpern, II., Förstergasso 6, Toi. A 40-4-12; Jüdische Kulturstolle, 11., Aßpornbrückengasse 2, Bund jücL Frontsoldaten L, Brkuaeretrafie 2; „VyüzQ“ I., Schöttenrjng 25, Tel. A ll*ß-2G und in allen Sektionen. — Uebernommene Karten werden allabendlich im Heime verrechnet.