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Die Stimme · 1935-01-29 · Heft 421 (29.1.1935) · page 4

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Journal
Die Stimme
Volume
8 (1934-1935)
Issue
Heft 421 (29.1.1935)
Date
1935-01-29
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 OIE STIMME Der arische Geschäftsweiser Von Rechtsanwalt Dt. Harry II erz- F r ä n k e 1 erhalten wir Hie folgende Zuschrift: Ich ersuche Sie höf liehstfolgende Mitteilung in Ihrem Blatte aufzunehmen: In der Nr. 412 Ihres Blatte« halben Sie unter der Überschrift ..Erklärung der Leihbibliothek Last“ einen Brief veröffentlicht, den die Leihbibliothek Last an den Herausgeber des .,Arischen Wegweiser“, Herrn Franz Wenger, Wien. IX., geschrieben haben soll. Dieser Brief ist wohl von Herrn Last an meinen Mandanten, Herrn Franz Wenger, geschrieben worden, doch ist mein Mandant niemals Herausgeber des „Arischen Wegweiser“ gewesen, noch stand er mit diesem Presseprodukt jemals in einem wie immer gearteten Zusammenhänge, da Herr Wenger Jude und Zionist ist. Es scheint sohin bei Ihrer Veröffentlichung ein redaktioneller Irrtum unterlaufen zu sein. Mit bestem Dank im voraus für die Mitteilung dieses Umstandes in Ihrem Blatte zeichne ich hochachtungsvoll Dt. Herz-Fränkel. Wien, 23. Jänner 1935. Wir bemerken hiezu, daß uns kein redaktioneller Irrtum unterlaufen ist, da uns die Korrespondenz von der Firma Last zur Verfügung gestellt worden war. Wir haben die Briefe in dem uns vorliegenden Wortlaut veröffentlicht. Der Irrtum kann nur auf Seite der Firma Last liegen. Zuschrift des Restaurants „Zur Linde" Der Besitzer des im „Arischen Geschäftsweiser“ an zwei Stellen erwähnten Restaurants „Zur Linde“, Wien, I., Rotenturmstraße 12, Herr Josef Lehner, sendet uns die folgende Zuschrift: 24. Jänner 1935. An die Redaktion der „Stimme“, Wien. Unter Bezugnahme auf verschiedene Zeitungsangriffe, denen ich ausgesetzt war, ersuche ich Sie höflich, folgendes zur Kenntnis zu nehmen: Die Inseftion im „Arischen Geschäfteweiser“ wurde seinerzeit ohne mein Wissen und ohne meinen Auftrag von meinem Büro aufgegeben, wobei meinem Büro selbstverständlich nicht bekannt war, daß der „Arische Geschäfteweiser“ das von Ihnen mit vollem Recht beanständete Vorwort enthalten werde. Demgemäß wurde die Insertion im „Arischen Geschäftsweiser“ von meinem Büro im gleichen Sinne aufgefaßt und aufgegeben, wie ich seit langem in Ihrem gesch. Blatte, in der „Reichspost“, im „Tag“, im „Telegraf“ und vielen anderen Zeitungen inseriere. Al® Geschäftsmann habe ich mich niemals mit Politik befaßt und es immer als meinen obersten Grundsatz angesehen, alle meine Gäste, welchen Ständen und Schichten der Bevölkerung sie auch angehören mögen, vollauf zu befriedigen. In diesem Sinne war ich und werde ich auch bestrebt bleiben, durch die verschiedenen Insertionen mein Unternehmen allen Kreisen in Erinnerung zu erhalten. Mit dorn Ausdrucke meiner vorzüglichsten Hochachtung Restaurant „Linde“ Lehner ra. p. Anwesenheit von Juden raubt Ariern die Intelligenz Leipzig, 25. Jänner. (2. T. A.) In der in Leipzig erscheinenden „Zeitschrift für pädagogische Psychologie und Jugondkunde“ untersucht Prof. Dr. L. J. Bykowsky „das intellektuelle Niveau der arischen und jüdischen Schüler an polnischen Gymnasien“. Er macht unter anderen die folgende Feststellung: „Es stellt sich heraus, daß eine größere Anzahl Juden in einer Klasse oder sogar in einer Anstalt einen deutlichen Rückgang d e r I n t e 11 i g e n z bei der arischen Jugend zur Folge hat.“ Brodetsky über den Revisionismus In einer in der Zionistischen Vereinigung von Stamford Hill gehaltenen Rede nahm der Leiter des politischen Ressorts der Londoner Zionistischen Exekutive, Prof. Dr. Selig Brodetsky, zu den von den Zionisteu-Revisionisten propagierten und anläßlich der Krakauer Konferenz neuerlich verkündeten politischen Grundsätzen und Methoden Stellung. Die Revisionisten sprachen von einer Koalition für den Fall, daß — die (ihrigen Parteien ihr Programm annehmen sollten. Aber in diesem Punkt kann es kein Kompromiß geben. Unser politischer Status in Palästina ist an England gebunden. Unsere Freunde in der Welt sind nicht so zahlreich, als daß wir es uns leisten könnten, zu einem von ihnen in Gegensatz zu treten. Jabotinsky hat die Bedeutung eines überall in der Welt von den Juden ausgeübten Druckes zu dem Zwecke, die Regierung zur Bewilligung erhöhter Einwanderung zu veranlassen, hervorgehoben. Zunächst aber müßten hiefür die Bedingungen geschaffen werden; das Wichtigste ist, die Arbeit in Palästina fortzusetzen. Lärm istkeine politische Methode; mit der Zeit gewöhnt man sich an fortgesetztes Schreien und hört nicht mehr darauf. Auch Druck ist keine politische Methode. Ein anderer revisionistischer Führer (W e i s 1) hat von Verhandlungen mit osteuropäischen Regierungen zwecks Ermöglichung der Auswanderung von Juden gesprochen. Solche Reden sind sinnlos, denn die Auswanderung stößt nicht auf Schwierigkeiten: staatsmännische Fähigkeiten sind erforderlich, um Länder ausfindig zu machen, in die die Auswanderer ziehen können. Die Einwanderungsraöglichkeiten außer nach Palästina sind verschwindend gering. Das politische Leben besteht nicht in Demonstrationen und Angriffen durch Worte. Das ist der Grund, warum die Exekutive gegen die Petitionsbewegung ist. Kann man annehmen, daß der jetzige Zeitpunkt geeignet ist, um zu versuchen, England vor die Schranken der internationalen Justiz zu fordern? Wo gibt os heute den Staat, der die Eignung hat, über England zu Gericht zu sitzen? Zum Schluß erklärte Dr. Brodetsky, daß nichts zugelassen werden dürfe, was die Sicherheit der jüdischen Position in Palästina gefährden könnte. Die offizielle Erklärung, daß das Mandatnicht den Judenstaat bedeute, sei eine der ersten Früchte der revisionistischen Petition in Genf gewesen. Diese Methoden seien nicht politische Strategie, sondern politische« Abenteuer. Die Einheit dürfe nicht aufs Spiel gesetzt werden. Die Führung müsse den Führern überlassen bleiben. Alles andere würde zum Chaos führen. Einigkeitsgefühl habe uns die Jahrhunderte hindurch erhalten. Um des Friedens willen, erklärte Professor Brodetßky, sei er bereit, Opfer zu bringen, jedoch nicht die Einigkeitzu opfern. Nicht durch Demonstrationen, sondern durch harte Arbeit werde die Nation wieder aufgebaut werden. Die Steine reden... Ein Vorfahre des Earl of Beaconsfield, ein kaiserlicher Faktor, ein Fisch und anderes Von Ch. VI. Es geschah der Legende nach zu Madrid, wo noch im aufgeklärten achtzehnten Jahrhundert die Scheiterhaufen loderten wie im tiefsten Mittelalter: „Nacht ist es. Im Palaste des Großinquisitors Diego D’Aguiilar flackern noch die Kerzen im schweren, kostbaren Leuchter. Diego D’Aguilar durohmißt ruhelos das hohe Gemach. Wider Willen muß er noch immer des blutjungen, sefardischen Mägdleins gedenken, das er gestern als judaisierende Ketzerin zum Feuertod verurteilt. Zum erstenmal seit er das harte Amt des Ketzerhammers innehatte, fühlte er heißes Mitleid. Freilich durfte er hier nicht fühlen, nicht Mensch sein. Und doch hätte er da3 Marranenkiud gerne gerettet, wie sie gebunden vor dem heiligen Tribunal stand, noch immer schön, auch kn San Benito, im rauhen Armsünderkittel. Kindlich fast das blasse, schmale Gesicht mit seltsam alten, samtschwarzen Augen darin, die um das Leid tausendjähriger Verfolgungen wußten. Er wehrte sich gegen sein Mitleid, das ihm gefährlich, ja sündig echiern. Trotadem hatte er ihr geradezu die Antworten in den Mund gelegt, die sie relnwaschen sollten. Sie aber — Maria Dolores hieß sie und ward in ihrer marranisohen Umgebung Mirjam genannt —, sie erwiderte mR zuckenden Uppen den Richtern: „Soll ich der Religion entsagen, die ich mit der Muttermilch eingesogen habe?“ So war ihr nicht mehr zu helfen. Eine von sehr vielen ... Diego seufzte. Die Morisken und Marranos Spaniens trugen ja nur zum Schein die ihnen aufgezwungene Religion zur Scliau, waren innerlich Mauren und Juden geblieben. Konnte er es ihnen eigentlich verübeln? Hatten nicht einst seine eigenen Eltern verpönte Gebräuche gehalten, bei fest verschlossenen Türen, in steter Furcht vor den Spähern des Santo Oficio? War nicht auch er selbst?... Nein, nein, er wollte nicht denken... Vergessen!... Doch was war das für eine Unruhe dort unten im Hof, auf den Stiegen des Palastes? Diego D’Aguilar lauschte. Ein Weib erzwang sich jetzt, zur nächtlichen Stunde, den Eintritt. Weder von Familiären des Inquisitors, noch von Wachen oder Dienern ließ sich die Verzweifelte zurückhalten. Eine Bittstellerin, die bis ins Gemach Diegos vordrang, nun zu seinen Füßen lag, seine Knie umklammerte, von wildem Schluchzen geschüttelt: „Erbarmt Euch doch einer Mutter, lieber, gnädigster Herr! Rettet meine einzige Tochter!“ Er ließ das Weib nicht hinausweisen. Absohütteln hätte er sie mögen, wie sie flehentlich in die Falten seines Mantels griff. Doch er mußte sie unwillkürlich zu Ende hören. Ihre Augen bannten ihn. War es nicht der gleiche dunkle Blick, voll namenlosen Todesgrauens, der ihn in den schönen Augen der von ihm Verurteilten so ergriffen? Für ihre Tochter Mirjam bat das Weib. Es quälte ihn, daß sie sich so vor ihm erniedrigte, die dem Alter nach seine Mutter hätte sein können. Schroff wandte er sich ab: „Das Mädchen zu befreien, steht nicht mehr in meiner Macht.“ Ein greller Aufschrei des marranischen Weibes: „Sie ist deine Schwester!“ „Weib, du bist rasend!“ Sip aber erhob sich von den Knien. Stand stell aufgerichtet da in ihren vielen, schwarzen Schleiern. Tonlos vor Erregung kam es von ihren angstverzerrten Lippen: „loh bin nicht wahnsinnig. Du bist Moses, mein Sohn, Mirjams Bruder. Das Muttermal auf deiner Brust wird dir bezeugen, daß ich nicht lüge.“ Die halb verschwommenen Erinnerungen einer fernen Kindheit werden dem Inquisitor von Madrid plötzlich wieder zum Greifen klar und deutlich. Und nun liegt er tief erschüttert dem Weibe Sarah Poreyra zu Füßen, da er aus ihrem Munde das „Höre Israel“ vernimmt. Mutter und Sohn haben sich gefunden. Liebe hat alle Abgründe überbrückt. Am nächsten Tag aber stirbt das Marranenkind doch auf dem Holzstoß. In der düsteren Prozession der Würdenträger, Nr. 421. - 29. Jänner 1085 ' 11—JMBgLl.'..mja Granden, Mönche, Richter und bannertragenden Familiäres der Inquisition, die zum Autodafö zieht und sich dort feierlich im Halbkreis aufstellt, fehlt der Inquisitor Diego D’Aguilar, der mit seiner Mutter nach England geflohen ist... Später taucht der einstige Inquisitor in Österreich auf. Als noch Karl VI. in Madrid weilte, soll er mit der jungen Prinzessin Maria Theresia von D’Aguilar glänzend bewirtet worden sein. Da gab ihm die junge Prinzessin einen ihrer Handschuhe mit der Erlaubnis, ihn vorzuweisen, wenn er Einmal ihre Hilfe benötigen sollte. Nun war der Zeitpunkt gekommen, von dieser Gunst der jetzt bereits Gekrönten Gebrauch zu machen.“ Soweit der Sagenkreis um Diego D’Aguilar. Die Historie berichtet, daß er Marrane war, zum Judentum übertrat und in London ein Asyl fand. Einer seiner Nachkommen war der englische Premierminister Benjamin Dlsraeli, Earl of Beaconstleid, ebenso bekannt als bedeutender Staatsmann wie als Romancier und Sittensehilderer seiner Epoche. Als Diego D’Aguilar, auch Dagiila genannt, von Karl VI. um der Finanzen des Landes willen nach Wien berufen wurde, war Maria Theresia aber in Wirklichkeit erst zehn Jahre alt. Jedenfalls erfreute er sich stets der besonderen Gunst der späteren Kaiserin. Durfte er ja als einziger unter seinen Glaubensgenossen mit dem Baronspaß reisen. Wo er nur konute, nahm der Baron .seine Stammesbrüder in Schutz. So die von Böhmen und Mähren in den juclenfeindlichen Strömungen der Jahre 1742 und 1744. Sein Grab ist im alten Judenfriedhof zu sehen, kn dämmerigen Hofgarten des Israelitischen Altersheimes des IX. Bezirkes in der Seegasse. Daneben ein schlichter, schöner Gedenkstein für jeaie Mutter, um die sich die ergreifende Legende wob mit dem tiefen Sinn, daß die ganze Menschheit nur eine Familie ist. Sie starb anno 1746 „als anmutige Frau, die geschmückt mit den Tugenden der Frauen kn Zeit, am Sabbath Gott entgegenging“. Aus dem Jahre 1628 stammt der Grabstein eines Mädchens mit dem Jungfrauenkranz im Ornament, das vor dem Stadttor von einem Pferd zertreten wurde. Der Vater dieses Kindes, Simeon Linz, ward im Jahre 1598 vom Kaiser Matthias als „Hofjud“ privilegiert, ein Privilegium, das Ferdinand II. erneuerte. Alle Grabsteine der Linz zeigen den springenden Wolf 1m Relief, nach dem diese Familie später Wolf hieß. Hier ist auch das Grab des kaiserlichen Faktors Samuel Oppenheimer zu sehen, der „der Judenkaiser“ genannt ward wegen seines Reichtums und Ansehens. Er kam aus Heidelberg nach Wien und dürfte mit dem „Jud Süss Oppenheim“ von Württemberg verwandt gewesen sein. Dem Wiener Faktor Samuel Oppenheimer wird in den Chroniken strenge Rechtschaffenheit und Wohltätigkeit naohgerühmt. Er war es, der den heutigen Alsergrund ankaufte und damit den Friedhofsgrund für seine Glaubensgenossen. Er war erst Heereslioferant unter Leopold L und Prinz Eugen und wurde später an die Spitze des Hofkammeramtes berufen. Er und sein Neffe Simson Wertheimer, der vom Kaiser die goldene Gnadenkette erhielt, verkehrten freundschaftlich mit dem Hofadel. Ihre Söhne ritten in Samt und Seide auf die Jagd. Es war ein gewaltiger Aufstieg für einen Mann, der, wie dieser Faktor, aus der Enge ärmlicher Verhältnisse gekommen war. Nach einer plötzlichen Wendung seines Geschicks aber starb dieser einst so einflußreiche Faktor im Jahre 1703, bankerott, vorschuldet, ärmer als er als junger Mann nach Wien gekommen. Auf manchen verwitterten Grabstein rieseln Herhstblätter nieder, die Abendnebel steigen und legen sich einem auf die Brust, feucht und Bchwer. „Nackt kommt der Mensch aus der Mutter Schoß, nackt muß er wieder von hinnen ...“ Dieser Friedhof lag einst auf einer Insel, außerhalb der Mauern Wiens. Mehr als einmal haben ihn Überschwemmungen ver- Sonntag, den 10. Februar 1935/ halb 8 Uhr abends Großes Hebräisches Konzert im Großen Kenzerthaussaale

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