Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 420 (25.1.1935)
- Date
- 1935-01-25
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite <1 Oll STIMME Nr. 420 — 25. Jänner 1935 BLICK IN DIE WELT II DU- \JmUnUactedes. Staai&ftcä-sicUhteH Vor einigen Jahren hatte die jüdische Schülerin Helene Horn aus Warszawa anläßlich eines polnischen Staatsfeiertages an der Spitze einer Schuldelegation den Staatspräsidenten Prof. Moscicki besucht, dem sie einen Blumenstrauß überreichte und hierbei eine kurze Ansprache hielt, die dem Präsidenten so gefiel, daß er ihr seine Karte mit der Aufschrift schenkte: „Wenn es dir einmal schlecht gehen sollte, so wende dich an mich.“ Helene Horn hatte die Schule beendet und war als Chaluzah nach Palästina ausgewandert, wo sie nach einiger Zeit erkrankte und keine Verdienstmöglichkeit fand. Da fiel ihr die Karte des Staatspräsidenten ein und sie schrieb an ihn einen Brief, schilderte ihre Kotlage und bat, ihr doch zu einem Posten in der polnischen PKO-Bank in Tel-Aviv zu verhelfen. Es vergingen einige Monate und Helene Horn hatte ihren Bittbrief bereits vergessen. Da Alijah-Sorgen im Mittelalter Seit der Zerstörung des zweiten Tempels ist die Palästina-Sehnsucht im jüdischen Volke lebendig. Das war auch im Mittelalter der Fall und es hatten sogar rabbinische Autoritäten des öfteren Anlaß, sich mit Rechtsfragen zu beschäftigen, die aus Anlaß beabsichtigter Auswanderung entstanden. So finden wir in der Responsenliteratur des Mittelalters (Scheeloth und Teschuboth) interessante Nachrichten, ln der Zeitschrift „T he New J udae a“ berichtet mm der bekannte englisch-jüdische Historiker C ecil Roth einige interessante Fälle. ln den Responsen des Rabbi Simeon D ur an, der im 15. Jahrhundert in Nordafrika wirkte, lesen wir zum Beispiel den Fall, daß ein Jude, der nach Palästina auswandern wollte, einem zweiten Juden seinen Boden verkaufte, sich aber die Rücknahme ^schien bei ihr eines Tages ein Sonderbote\des Botfe„s vorb'MAt falls es ihm nlM fl ör k I rt /">*• 1 t* rf Am Ta/i/m e/* « rl At» T\ Df I der PHO, der ihr den Wunsch des Direktors überbrachte, sich unverzüglich bei ihm vorzustellen. Als sie dorthin kam, wartete der Direktor der Bank schon auf sie und auch der polnische Konsul war anwesend. Auf dem Tisch aber lag ein persönliches Schreiben des Staatspräsidenten, der um die Einstellung der Bittstellerin bat, und wenige Minuten später war Helene Horn als Angestellte in die Bank aufgenommen. Ernste Lage der Juden in Persien Das Büro der Jewish Agency in Jerusalem erhielt erschütternde Berichte Über die Lage der Juden in Persien, die sich in neuerer Zeit wiederum infolge des judenfeindlichen Verhaltens der Behörden und der Bevölkerung sehr verschlechtert hat. ln einer besonders katastrophalen Lage befinden sich über 200 jüdische Familien, die vor den JWienverfolgungen in Buchara nach Persien geflüchtet wären. Das Einwanderungsdepartement der Jewish Agency, das vor einiger Zeit 100 Zertifikate für die Buchara- Flüchtlinge nach Teheran gesandt hat, hat nun weitere 25 Zertifikate den Buchara- Juden zur Verfügung gestellt. Professor Strnad entwirft das Herzt"Bahrtuch Wie wir erfahren, hat sich Herr Professor Dr. Oskar S t r n a d in liebenswürdiger Weise bereit erklärt, den künstlerischen Entwurf des Bahrtuches das bei der Überführung der Leiche Theodor Herzls nach Palästina Verwendung finden soll, herzustellen. Die Zusage des Herrn Professor Strnad, der bekanntlich auch der Schöpfer des Grabdenkmals für Oberrabbiner Zwi Perez Chajes s. A. am Wiener Zentralfriedhof ist, ist von dem Damenkomitee mit Freudien begrüßt worden, das aus Mitgliedern der Wizo und des Zionistischen Landesverbandes besteht, und dem Herr Dr. Tulo Nussenblatt beigezogen wurde. Das Bahrtuch wurde bereits in Arbeit gegeben. Es wird von einer jüdischen Handweberin hergestellt. In ungefähr vierzehn Tagen wird mit den Stickarbeiten der Inschriften begonnen werden. Die Schrifttypen werden vom Larisch-Schüler Herrn Weiß hergestellt werden. Der Wiener Öffentlichkeit wird rechtzeitig der Termin mitgeteilt werden, von dem angefangen es den jüdischen Frauen Wiens möglich sein wird, gegen eine entsprechende Spende für die Kfar Kremenezky Aktion, durch welche die Ansiedlung von fünfzig jüdischen Familien in Palästina ermöglicht werden soll, einige Stiche mitzuarbeiten. lingen sollte, Palästina zu erreichen. Dieser Fall trat auch ein, da Kriegswirren herrschten. Außerdem konnte unser Palästinawanderer in seinen früheren Wohnort nicht zurück, da er unerlaubterweise ausgewandert war und der Käufer verweigerte nun die Rückgabe des Grundstückes. Das ist ein für die Verhältnisse im Mittelalter typischer Fall, ln einem anderen Falle, der sich in den Responsen des Rabbi Meir von Padua vorfindet, hatte ein Jude einen Eid geleistet, spätestens im Jahre 5298 (1538) nach Palästina zu reisen, was durch Kriegswirren unmöglich war, obwohl der Jude, um sein Gelübde zu erfüllen, alle möglichen Hafenplätze aufsuchte. Unter den Responsen des Rabbi N issim von G er ona findet sich der Fall, daß die Frau eines Juden sich weigerte, mit ihrem Mann mitzufahren, der einen Eid geschworen hatte, nach Palästina zu übersiedeln. Ihre Verwandten hatten ihr abgeredet und sie wollte sich auch nicht scheiden lassen, ln einem ähnlichen Fall entschied Rabbi Meier von Rothenburg, als die Frau die Einwilligung in die Scheidung verweigerte: „Du weißt sicher aus dem letzten Kapitel des Traktats Ketuboth, daß in einem derartigen Fall der Mann das Recht hat, die Frau von sich zu scheiden, und daß sie in einem solchen Falle der Bestimmungen des Heiratsvertrages verlustig geht. Ich weiß, daß manche sagen, es müsse ein Unterschied gemacht werden zwische?i der Zeit, als der Tempel noch stand und der jetzigen Zeit, und daß die zitierte Bestimmung sich nur auf die Zeit beziehe, als der Tempel noch stand. Ich muß daher erklären, daß dies nicht entscheidend ist. — Das gilt nur, wenn der Mann nach Palästina geht und nicht zurückkehrt. Kehrt er aber zurück, um außerhalb Palästinas zu leben, wenn auch nach mehreren Jahren, dann kann die Frau das ihr im Vertrag Zugesagte verlangen, wenn sie noch am Leben ist. Ist sie inzwischen gestorben, dann können es ihre Erben fordern.“ Eine überaus komplizierte Angelegenheit behandelt ein gewisser Jakob ben Hananel in einem Briefe aus dem Jahre 1318 an Rabbi Ascher ben J ec hi el, der in Toledo wohnte. Dieser Jacob ben Hananel und ein gewisser Rabbi llezekiel, beide in Cordova wohnhaft, hatten feierlich beschlossen, zusammen nach Palästina zu übersiedeln. Als sie mit ihren Familien nach Sevillia kamen, fanden sie keine Gelegenheit zur Überfahrt, und außerdem hatte der König Juden und Moslim die Benützung von Schiffen verboten. Auf den Rat des Rabbi llezekiel, der in Sevillia blieb, kehrte Jacob ben Hananel nach Cordova zurück und wartete auf gute Nachrichten, die nicht kamen. Nach vier Jahren — inzwischen starben ihm vier Kinder, was er als Strafe Gottes auffaßte — kam endlich der ersehnte Brief, nun war aber die Reise von Cordova nach Sevillia wegen kriegerischer Ereignisse unmöglich. Rabbi Hezekiel wartete vergeblich und segelte schließlich allein ab. Damit ist aber die Geschichte noch nicht zu Ende. Rabbi Hezekiel mußte widriger Umstände halber in den Hafen zurückkehren und wanderte noch für eine Zeit in den Kerker. Und, nun verlangt Jacob ben Hananel von Rabbi Ascher, er solle Rabbi Hezekiah veranlassen solange zu warten, bis er dem Gelübde gemäß mit ihm zusammen die Reise antreten könne. Rabbi Ascher entschied, daß die Umstände so zwingend seien, daß man Hezekiel nicht verwehren könne, allein zu reisen. Die Tatsache, daß sich manchmal, in den Takkanoth, den Statuten jüdischer Gemeinden, Vorschriften vor finden, die sich auf die Palästinawanderung beziehen und die Res ponse nlit er atu r beweisen, daß zumindest die Sehnsucht, nach Palästina auszuwandern, schon im Mittelalter sehr stark war. ln den Takkanoth der jüdischen Gemeinde von Avignon, die aus dem Jahre 1779 stammen, aber auf eine viel frühere Zeit zurückgehen, findet sich folgende Bestimmung: „§ 27.... Diejenigen, die nach Jerusalem oder dem heiligen Land auswandern wollen, sind frei, das zu tun, aber nur unter der dingung, daß sie vorher ihre Schulden an die Gemeinde bezahlt haben ...“ Man sieht also aus den Ausführungen C e eil Roths, daß die Zionsliebe immer und nicht nur in den Zeiten einer messianischen Bewegung im Judentum stark war. Heute, im Zeitalter einer organisierten jüdischen Massenwanderung nach Erez Israel ist es vielleicht ein schwacher Trost für jene Chaluzim, die lange auf ein Zertifikat warten müssen, wenn sie sich an die Alijah- Leiden ihrer Vorfahren im Mittelalter erinnern. Jüdische Gemeinde gewinnt halbe Million Bei der letzten Ziehung der Prämie für Besitzer italienischer Staatspapiere gewann die Jüdische Gemeinde von Livorno eine halbe Million Lire. Die Gemeindeleitung beschloß, den Gewinn sofort auf die Armen und die sozialen Institutionen zu verteilen. Dr. Alfred Klee —- 60 Jahre alt Am 25. Jänner feierte der bekannte Vorkämpfer für national jüdische Gegenwartsarbeit, Rechtsanwalt Dr. Alfred Klee, Vizepräsident des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden und Mitglied des Direktoriums der Jüdischen Gemeinde zu Berlin — bekanntlich einer der ersten Verteidiger vor deutschen Gerichten — seinen 60. Geburtstag. Dr. Klee hat sich von seiner frühesten Jugend an im jüdischen öffentlichen Leben betätigt und hier eine führende Rolle gespielt. Seit dem ersten Auftreten Theodor Herzls wandte sich Dr. Klee der zionistischen Bewegung zu. Mit seinen Berliner Altersgenossen Friedemann, Hantke und Kalmus war er einer der ersten deutschen Zionisten. Von 1899 an nahm er an den Zionistenkongressen regelmäßig teil, war jahrelang Mitglied des großen Aktionskomitees und gehörte zu dem engeren Mitarbeiterkreis Theodor Herzls und Max Nordaus. In besonderer Freundschaft war er David W o 1 f s o h n, dem Nachfolger Theodor Herzls, verbunden. Dr. Klee war auch zeitweilig Vorsitzender der Zionistischen Vereinigung für Deutsch-* land. Dr. Klee stellte im Laufe seiner Tätig-* keit im jüdisch-öffentlichen Leben seine Persönlichkeit nicht zuletzt in den Dienst einer allgemeinen jüdischen Hilfs- und Rechtsßchutzarbeit. Als Vertreter des Zionistischen Aktionskomitees nahm er an einer Reihe politischer Aktionen teil. Bei der Konferenz von Algeciras veranlaßte er durch Fühlungnahme mit den in Betracht kommenden Regierungen eine Sicherung der Rechte der marokkanischen Juden. Er unterstützte Leo M o t z k i n bei der Begrüne düng der jüdischen Welthilfskonferenz. Auch in der Hilfe für die Falaschas in Abessinien tat er sich hervor. Er gehörte dem Conseil der JCA. an und ist Mitglied der zentralen Hilfs- und Kolonisations-Gesellschaften. Die Haupttätigkeit Dr. Klees liegt seit 25 Jahren irr der Durchdringung der jiidi-: sehen Gemeinden Deutschlands mit nationaljüdischem Gedankengut. Er gehörte 1909 zu den Begründern des Neuen Jüdischen Gemeindevereins in Berlin, aus dem später die Jüdische Volkspartei (jetzt Jüdischer Volksbund) und ähnliche Vereine im Reiche hervorgingen, die für allgemeines, gleiches Wahlrecht, jüdische Schule und Förderung des Palästina-Gedankens eintraten, Doktor Klee tritt stets für die Erhaltung der traditionellen Werte und für eine Vertiefung des religiösen Gefühls ein. Palästina meldet: Daniel Auster — erster Vize- Bürgermeister von Jerusalem Jerusalem, 21. Jänner. (Z. T. A.) Der neugewählte Stadtrat von Jerusalem begann am Montag, den 21. Jänner, seine Tätigkeit mit einer Sitzung, der der High Commissioner für Palästina, General Sir Arthur Wauchope, beiwohnte. Anstelle des zunächst in Aussicht genommenen jüdischen Stadtratsmitgliedes Chajim Solomon wurde im letzten Augenblick der jüdische Advokat Daniel Auster mit dem Amt des ersten Vizebürgermeisters betraut. Bürgermeister ist bekanntlich der moslemitischo Araber Dr. Khaldis, zweiter Vizebürgermeistor ist der christliche Araber Jakub Farradseh, Vizepräsident der von Ragheb Bey Nashashibi geführten neuen arabischen „Partei der nationalen Verteidigung“, die vor kurzem bei der Palästina-Regierung gegen die Übertragung der Hule-Konzession an Juden Protest erhoben hat. Jerusalemer Stadtrat beschlußunfähig Jerusalem, 23. Jänner. (Z. T. A.) Die für den 21. Jänner einberufene offizielle Eröffnungssitzung des neugewählten Stadtrats von Jerusalem ist nicht zustandegekommen, weil die jüdischen Mitglieder des Stadtrats zu der Sitzung nicht erschienen waren. Der Grund hiefür ist die scharfe Krise, die infolge der Ernennung Daniel Austors zum ersten Vizebürgermeister entstanden ist. Maßgebende jüdische Kreise und Körperschaften nehmen dagegen Stellung, daß die Regierung dio Ernennung vornahm, ohne sich vorher mit der Leitung der Jeru- Zlonlstlsche Bezirkssektion und Wizo Marlahllff-Neubau, Cafe Helenenhof (ehemals Lurion), VII., Siebensterngasse Nr. 49 Donnerstag, 31. Jänner 1835, */>9 Uhr abends Werbeversammluna Redner: Frau Dr. Sophia LÖwenherz, Präsidentin der Wizo (Organisation Zionistischer Frauen Oesterreichs) „Die Rolle der Frau im Aufbauwerk Erez Israels" Dr. Oskar QrUnbaum, Präsident des Zionistischen Landesverbandes für Oesterreich „Wohin steuert des Judentum!“