Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1935-01-18 · Heft 418 (18.1.1935) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
8 (1934-1935)
Issue
Heft 418 (18.1.1935)
Date
1935-01-18
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3053752-3054140-3054173--4777-3060434
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

>.'r. 118 — 18. .TUnner 1035 DIE STIMME Seife 5 Uad Geschäft Die yafl Juden bewohnten Quartiore in der L'iM^pfddstadt und in der Brigittenau werden jüngst ma.ssenlmft von Mtsaionilrtm besucht, die sich bei einlachen Len len und namentlich hei Kranen oft Einlaß zu vcmehaffen ■wissen. Man sicht, auch bei Versammlungen von Missionsgcsellsehaften, so am Walle.nsteinplat/, und anderwärts stets sehr viele .Juden, Gewisse private Schulen, die es darauf abgesehen haben, Judenkinder abtrünnig zu machen, werden sogar von Kindern strengreligiöser Juden besucht. Die Unkenntnis über den Charakter solcher Anstalten ist allgemein und die jüdische Bovölkorung Wiens weiß auch nicht, wie oft in religiöser Maske Betrüger an die Tiiro klopfen, Schwindler, die sich fälschlich als Missionäre ausgeben, um den Leuten Geld abzuknöpfen. Vor Gericht, trifft m-a,n (kann solche Leute als Angeklagte wio.ior und erführt Dinge, die einen weiteren Kreis interessieren können. Eine Bande von Gaunern halte sich sogar ejme Art Ka.pelle eingerichtet, wo man regelrechte An lachten abhiolt und wenn man gerade nicht mit dem „Gottesdienst,“ beschul tig-t, war, gingen die Mitglieder dieser Gesellschaft, auf dio Sammeltour. Man nannte sich mal ,,Christliche) Kmmiiiifsion“, mal ..Deutsche Heilsarmee“, dann wieder „Christliche Volksboten“, ließ sich entsprechende Pension fcHsjein - Semmering Stampiglien machen, um Sammelbögen abstempeln zu können, lockto die Leute a.uoh zu den Versammlungen ins Betlokal, ließ sich Geld, Lebensmittel, Kleidungsstücke für die Armen geben und verteilte schließlich alles unter sich, überflüssig zu sagen, daß inan die kirchlichen Bezeichnungen mißbraucht hatte und keinerlei Genehmigung zu Sammlungen besaß. Der in einer ehemaligen Werk-Stätte eingerichtete Betsa.al hatte jeden Mittwoch und Samstag abends rund 100 Besucher, die die Predigten des „M i s s i o n s g o n or a 1 s“, des arbeitslosen Kellners Horbort J a h n, andächtig anhörten und fleißig zu den Kollekten und Sammlungen beitrugen. Besonders in der Zeit vor Weihnachten gab es reiche Ernte, und bei verschiedenen Firmen gelang es sogar, erhebliche Mengen Lebensmittel herauszu,schwindeln. Unter Oberleitung Jahns bestand die Bande aus neun Mitgliedern, die nun wegen Betruges und unbefugt,er Sammlung zu Gefängnisstrafen verurteilt wurden. Vor Gericht beschuldigten sich die Herren „Missionäre“ gegenseitig verschiedener Gaunereien. Es stellte sich auch. heraus, daß es am Weihnachtsabend in dem Betsaal bei der Verteilung der Beute zu einer großen Prügelei kam, hei der die heiligen Männer mit. Stühlen gegeneinander losgingen und die Einrichtung der Kapelle größtenteils demolierten. * Felix Lierau ist bereits 54 Jahre alt und hat im Jahre 1013 seine erste Kerkerstrafe bekommen. Jetzt, wo er wieder wegen Betruges vor dom Gericht stobt, eiu sehr wohlgenährter, von frommen Redensarten triefender Herr, hört man die unglaublichsten Dinge über ihn. Er wäre demnach der Sohn eines reichen Fabrikanten, hätte das Gymnasium absolviert und die Universität in Straßhurg besucht; 1003 erhielt er, nachdem er als Priester einer englischen Missionsgcse.l Isohaft auf der von Wildem bewohnten Insel Barbados sich große Verdienste erworben .hatte, dio Würde eines „Medizindoktors“, worüber ein Diplom irgend einer Sehwindelunlversltät dem Gerichte vorlag; neun Jahre lang war er Missionär in Delhi, wo er nach eigenen Angaben IlnndeiTttausomde luder zu gläubigen Christen bekehrte und kehrte nach dom Krieg nach Europa zurück, um in Berlin die „Sovya-Mbslon“ zu begründen und die Juden in den Schoß der Kirche zu führen. Nun folgte er dem Rufe nach Palästina zur „lutornatiioniilen Orientmission“, bekehrte dort, .luden, Araber und sonstige Heiden und ... Und der Vorsitzende stellt aus den Akten fest., daß das alles nicht wahr ist: weder dio Mission ln Barbados, noch die in Indien und schon gar nicht jene in Palästina. Lierau ist weder Doktor, noch Priester, sondern ganz einfach ein ehemaliger Buchdrucker, der einmal in einer Druckerei für religiöse Schriften arbeitete, sich nachher ein Schema für Schwindeleien zurec.htle.gte. indem er sich als Missionär ansgah, für kirchliche Zwecke und Wbhlfahrtsanstalten, die nicht existieren, rammeln ging, nebstbei auch „arische Angestellte m.it Kaution“ suchte, die ihre Kaution nie wieder zurückbekamen. Zuletzt wollte Herr Lierau ein „seelisches Ambulatorium“ einrichten, um notleidenden, verzweifelten Menschen Trost und Rat zu gewähren, bei diesem Geschäft aber onfcdeckte ihn wieder einmal die Polizei. Nun wird e,r wieder ein Jahr lang Umzüge nach Palästina Transporte aller Art nach dem gesamten In* und Ausland fachgemäß und kulant durch Gottlieb Kantor, Wien I. Bez., Mellerstorferstraße 4 Telephon: U 27-5-35 Serie hinter Schloß und Riegel fromme Buße für seine Handlungen tun können. Man sieht, die Warnung ist nicht überflüssig: Achtung vor „Missioären“, die zu Vorträgen, „seelischen“ Kliniken und frommen Veranstaltungen emlad-en! Dr. H. Zeit spießet Goebbels in Lersien Deutschland bezahlt bekanntlich nicht seine Schulden, hat aber ungezählte Millimen Mark für Auslandspropaganda übrig. Das dem deutschen Propagandaminister Goebbels zur Verfügung stehende Geld, rollt nun auch in Persien, ln Teheran lebt ein ge misset Sef Ass ad, der längere Zeit in Berlin lebte und dort eine deutsch-persische wirtschaftliche 'Zeitschrift herausgab, die jedoch nach einigen Nummern ihr Erscheinen cinstellte Dann ging Sef Assad nach Teheran, wo er einen „Klub der Parsen" gründete. Dio Parsen leben in Indien, sind Anhänger Zarathustras, und der derzeitige Schah von Persien bemüht sich, die reichen Parsen aus Indien zur Aus- Wanderung nach Persien zu bewegen. Sef Assad schien jedoch bei dieser Arbeit nicht auf seine Kosten zu kommen und entdeckte wieder sein Herz für den Nationalsozialismus. Mit Unterstützung des deutschen Botschafters in Persien gründete er in Teheran die erste illustrierte Wcchenzeitung unter dem Namen „Bastane .ran" (iranischer Garten). Die Perser nennen sich jetzt bekanntlich Iranen und Persien heißt jetzt Iran. Der deutsche Gesandte stellte Sef Assad auch das Material für die Zeitung zur Verfügung, durchwegs Zeitungsausschnitte aus nationalsozialistischen, Zeitungen, und die Firma Krupp in E sse n stellte Inserate bei. Sef Assads Geschäft blüht, da seine Zeitung keine Konkurrenz hat und die ’ranen smd stolz darauf, daß ihnen in der Zeitung Sef Assads versichert wird, daß sie reine Arier sind. Herr Goebbels hat also großen Erfolg und Herr Goering die Aussicht, den persischen Sonnen- und Löwenorden. seiner Ordenssammlung einzuverleiben. Rassenkunde ln Die Kind erb e lder I. Klasse läge der von Julius Streicher herausgegebenen „Fränkischen Tageszeitu ng“ enthielt kürzlich den Bericht eines Volksschullehrers aus Nürnberg über den Unterricht in Hassenkunde in der ersten Klasse, der nach der „Fränkischen Tageszeitung“ folgendermaßen vor sich geht: „Woran erkennen wir die Juden?" Antwort: „Sie haben Hakennasen." Ein zweites Kind antwortet: „Die Juden haben Schweißfüße." Da meldet sich der kleine Hans B., der offenbar Gewissensbisse hat: „Bitte, Herr Lehrer, ich habe auch Schweißfüße.“ Ich tröste ihn und mache ihm klar, daß er von einem Juden weit entfernt ist. Ein Kind sagt: „Die Juden sind keine DeutschenIch frage: „Woher weißt du das?" Antwort: „Mein Vater hat es mir gesagt." Ich sage: „Bravo!" — „Die Juden sind Gauner". — „Wieso?" — „Weil sie immer schwindeln. Meine Mutter hat von .einem Juden Stoff gekauft und er war nicht gut." Ein anderes Kind: „Ich ging zu einem jüdischen Doktor und jetzt tun, mir die Zähne wieder weh." — „Bitte, Herr Lehrer, meine Tante kauft noch bei den Juden." So erzählen die Kinder und ich bin in der Lage, sie auf die Eigentümer jüdischer Geschäfte aufmerksam zu machen. Nun kommt. Arithmetik an die Reihe. Ein Kind zeigt auf und sagt. „Zwei Hitler und zwei, Hitler sind vier Hitler.“ Ich antworte: „Nein, in dem Falle, ist es nicht so, es gibt nur einen H itle r." — Ein zweites Kind sagt: „Drei Streicher und zwei Streicher sind fünf Streicher." Ich. sage: „Auch das ist falsch, es gibt nur einen Streicher." Daraufhin meldet, sichern drittes Kind, und sagt: „Drei Juden und drei Juden sind sechs Juden." „Das ist richtig", sage ich. „Aber ich gebe euch eine andere Aufgabe: In der Stadt wohnen sechs Juden, vier fahren ab, wieviel bleiben zurück?" ’ch erhalte die Antwort: „Zwei." .,Und wenn auch diese zwei abfahren?" Antwort: „Keiner". Über diese Antwort freuen, s ich all e. K > nde r und auch der famose. Lehrer ist darüber erfreut. Wir meinen, daß das Volk, das einmal dos Volk der Dichter und, Denker hieß, einmal sehr gute. Lehrer brauchen wird, und, einen sehr langen Unterricht, um den kulturellen Schotten gutzumachen, den ihm die nationalsozialistischen Lehrer zugefügt haben. Das Urteil der In der in Benares wahren Arier (Indien) erscheinenden Hinduzeitung „Maha-Bodhi" berichtet der Hindu Devapriya. V a Hs i ti h a über die Leiden der Juden in Deutschland und schreibt: „Die Juden haben im Laufe der Jahrhunderte unausgesetzte Verfolgungen mit gemacht. Es wird den Juden als Schuld ungerechnet, daß Ihre Vorfahren Jesus Christus gekreuzigt hüben. Tatsache ist aber, daß der römische Landpfleger das Urteil fällte und vollstrecken ließ. Trotzdem hat sich der Furor der Christen durch Jahrhunderte gegen die hilflosen Juden ausgetobt. Fanatiker haben die christlichen Völker durch die Jahrhunderte hindurch gegen die Juden auf gehetzt und geben auch heute noch nicht Ruhe Die Juden werden unter dem Vorxoand von Ort zu Ort getrieben, verfolgt und. ermordet, weil man behauptet, daß sie Jesus Christus gekreuzigt hätten. Selbst wenn das wahr sein sollte, besteht kein Grund, daß die Juden noch nach 2000 Jahren dafür büßen sollen." 93ct tC)cutnaiif d$ettS3ef d) toetbett in ben ©eleitfen u. ©liebem fotoie bet 1t>eb lntrfeit TogaLJablctten tafdf) uit-b fieser. SBemt 2ciufen.be tomt Kirsten biefeä fOlittel ber* orbneit, föttnen auefy ©ie e§ bertrauen§boU laufen. $n aßen Slpot^eten. fßreiS S 2-40. Aus der jüdischen Presse Die Exekutive und Doar Hajom (Teldie Allgemeinen Aviv) kritisiert das Zionisten Vorgehen der Exekutive gegen die Allgemeinen Zionisten in Polen. Die Führung des in den Händen der Radikalen befindlichen Warschauer Zentralkomitees habe sich unter dem Eindruck der Krakauer Konferenz dazu verstehen müssen, mit dem Weltverband der Allgemeinen Zionisten Verhandlungen einzuleiten. Als aber eine Gruppe Allgemeiner Zionisten in Polen sich dein Weltverband der Allgemeinen Zionisten anschließen wollte, da habe die Zionistische Exekutive den Versuch gemacht, das zu verhindern. Wie könne die Exekutive Allgemeine Zionisten zwingen, in einer Organisation zu bleiben, die dem Allgemeinen Zionismus Opposition mache und zu den Ansichten der Allgemeinen Zionisten in einem schroffen Gegensatz stehe? Wenn die Exekutive die Radikalen für die Unterstützung beim letzten Kongreß und nachher belohnen wolle, so sei es ihr Recht, das so zu tun, wie sie es wolle, keinesfalls aber auf Kosten der Allgemeinen Zionisten in Polen. Jabotlnsky zur In der „Chwlla" Erwägung (Lemberg) schreibt Doktor Schwarzbart: Die starrsinnigen Theorien Jabotinskys von der Struktur der Zionistischen Organisation sind schädlich, verderblich, unlogisch und ad hoc konstruiert. Laut der Theorie, die Jabotinsky neuerlich wieder im „Moment" entwickelte, soll die. zionistische Bewegung aus zwei Teilen bestehen, und zwar einer offiziellen Organisation (Jewish Agency), welche laut dem Mandat ihre Tätigkeit, aus übt und eine legale, gemäßigte Politik führt, und einer zweiten, nichtsoffiziellen Organisation, welche ungehemmt eine maximal,ist Ische Politik führt und die Mandatarmacht durch Druck beeinflußt. Die zweite Grundlage dieser pUpulistischen Theorie, ist die anarchistische Anschauung von der Disziplin. Laut Jabotinskys Ansicht kann sich die Disziplin nur auf solche Angelegenheiten erstrecken, in welchen alle Gruppen geeinigt sind, ln anderen Angelegenheiten soll jede Gruppe das Recht haben, nicht, nur im Innern zu kämpfen, sondern auch nach außen zu wirken. Nur unter solchen Bedingungen ist der Eintritt der R,evisionisten in die Zionistische Organisation denkbar... Wir lehnen diese Theorie von A bis Z ab. Ist die zionistische Bewegung ein nationales Instrument der Volkseinheit, eine Auflehnung gegen die Anarchie des Volkes und den krankhaften Hyperindividualismus einzelner, so ist die von Jabotinsky gepredigte Zweiheit eine Affirmation unserer nationalen Untugenden und steht in diametralem Widerspruch mit dem, was IJerzl wollte. Bedeutet aber Jabotinskys Theorie einen Maeciavcllismus der Taktik, so ist die Verkündung dieser Theorie einfach lächerlich. Die Theorie ist verderblich, denn sie muß zu einem unaufhörlichen Kampfe zwischen der offiziellen und nicht offiziellen Organisation führen. Was Disziplin anbetrifft, besteht ein merkwürdiger Abgrund zwischen der Methode, die Jabotinsky in seiner Organisation anwendet und der, welche er der Zionistischen Organisation empfiehlt. Wir verwerfen seine Theorie, obwohl wir vielfach unter dieser Disziplin leiden. Unser allgemein zionistisches Ideal ist. die Disziplin der Nation. Es ist unser Wunsch, daß der Revisionismus sich in die Zionistische Organisation einspannt und mit allen Kräften eine Richtung verfolgt. Die fehlerhafte „Nowy Dziennih" Taktik des Betar (Krakau) schreibt: Auf der Konferenz des Betar erklärte Jabotinsky, daß die Revisionisten weiter danach streben werden, der Agency-Executive das Monopol auf Verteilung der Zertifikate zu entziehen. Im Jahre 1033 hat die Revisionistische Union in dieser Richtung mehrere politische Schritte unternommen, sowohl in London wie auf internationalem Gebiete, und direkt mit den Arbeitgebern in Palästina verhandelt. Diese revisionistische Aktion ist unverständlich. Wir glauben, daß nur die Jewish Agency das Recht auf Zertifikate und. auf Regelung der Einwanderung hat, und daß ohne Rücksicht auf die Fehler, die sic macht, sie die Institution ist, welche zur Verteilung der Zertifikate berufen ist. Die Rede Jabotinskys zeigt, daß der Revisionismus sieh noch immer im Kreise seiner ulten, fehlerhaften Meinungen bewegt. dan 10. Februar 1935 Hebräisdies Konzert im Großen Konzerthaussaal

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.