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Die Stimme · 1935-01-11 · Heft 416 (11.1.1935) · page 2

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Journal
Die Stimme
Volume
8 (1934-1935)
Issue
Heft 416 (11.1.1935)
Date
1935-01-11
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 DIE STIMME Nr. 41.8 — 11. Jänner 1985 Besuchet Eminsers Gaststätten am Praterstern! •UJttijfmTii;jmiiuuiiMiM»ia;i:jji;juumMwiNiiMMiiuiuim Saar-Juden und Judenschicksal rechtes werden alle Saar-Juden In den autonomen Teil ü b e r s i e d e 1 n lähmen und dort gleichsam eine Zu* f 1 u c h t s s t a 11 besitzen. 3. Dagegen wäre eino Rückgliederung des gesamten Saargeb ictes an Hitler-Deutschland (•in furchtbares Unglück für die 8 a a r - J u d e n und für das Judentum ii b e r h a u t. Der Siegesübermut des Dritten Reiches würde keine Grenzen kennen. Alle Rücksichten, die heute noch auf die deutschen Juden genommen werden, würden aufhören. Die antisemitische Propaganda in allen Ländern würde einen gewaltigen Auftrieb erhalten. Den Juden an der Saar aber stände ein schlimmes Los bevor. Die meisten von ihnen können nicht auswandern. Denn die Besitzenden können ihre Immobilien nicht verkaufen, da es eohon heute kaum noch einen Käufer gibt, der einem Juden selbst zu einem sehr billigen Preis ein Haus abkauft, das er später gratis zu erhalten meint. Die Vermögenslosen aber besitzen nicht die Mittel zum Auswandern. Man wird ihnen in den westlichen Ländern, die bereits mit Emigranten überfüllt sind, nicht einmal die Aufenthalts-, geschweige denn die Arbeit'Sgenehmigung erteilen. Und wenn sie im Saargehiet bleiben? Das Elend, das sie hier unter Hitlers Herrschaft treffen würde, kann keine Feder beschreiben. Es wäre schlimmer als das Elend, das die deutschen Juden seit zwei Jahren erdulden. Denn der Zündstoff, der im Abstimmungskampf angehänft ist, drängt zu einer Explosion. An wem wird er sich, wenn die Besatzungstruppen abgezogen sind, entladen? Zu allererst an den Juden. Eür die Dauer eines Jahres hat Deutschland auf Grund der Vereinbarungen von Rom und Genf den Minderheiten der Rasse und Religion Schutz zugesagt. Für zwölf M'onate! Und dann? Dann kann das Dritte Reich seine Willkür an ihn üben. -Für diesen dritten tmd ungünstigsten Fall gäbe es nur eine Hilfe: Das Gewissen der Welt muß aufgerüttelt werden. Die zivilisierten Nationen der 'Welt müssen erkennen, daß die Minderheiten an der Saar nicht einem Regime ausgeliefert werden dürfen, das keine Gerechtigkeit, keine Menschlichkeit und kein Erbarmen kennt. Es darf nicht geschehen, daß eine Bevölkerung, für die der Völkerbund 15 Jahre lang die Verantwortung getragen hat, schutzlos einem System der Rechtlosigkeit und der Unterdrückung unterworfen wird. Die ganze Welt muß dem Völkerbund, wenn er die Absicht haben sollte, sich seiner Pflichten des Schutzes der Minderheiten zu entziehen, ihr „N e i n“ zurufen. Denn es handelt sich nicht nur um 6000 Juden (außer den 5000 Saar-Juden befinden sich im Saarland noch eine Anzahl von Juden, die nicht Bürger des Saarlandee sind. Die Red.), sondern auch um die übrigen Minderheiten der Religion und der Gesinnung: um Katholiken, Arbeiter und freiheitsliebende Demokraten. Mindestens 200.000 Menschen sind bedroht. Wird die Welt diese Menschen ohne Schutz lassen? Wird der Völkerbund seine feierlich beschworenen Grundsätze opfern und die deutsche Judengesetzgebung dadurch legalisieren, daß er Deutschland das Recht gibt, nach Ablauf eines Jahres diese Gesetze an den Saar-Juden zu praktizieren? Da« darf nicht geschehen! Auch das jüdische Palästina muß mit der übrigen Menschheit in den Ruf des Protestes einstimmen. Der Völkerbund wird diese Stimme nicht überhören können. »toi m bs ittwi ab Arnold Heumann Ungarische Küdie WIEN, I., VORLAUFSTRASSE 2 Telephon U 31-2-83 Volkstümliche Preise, beste Bediennng Vorteilhafte Arran^em"ritH Ihr fTorh/elton n. Diners IWS RESTAURATION Nach der Machtergreifung durch Hitler und nach den ersten Nachrichten über die schmähliche Behandlung der Juden in Deutschland durch da« neuo Regime g’ing ein Schrei de« Entsetzens durch das ganze Judentum und durch die ganze Kulturwelt. Seither ist es in der sogenannten Kulturwelt ziemlich still geworden. Es hat sich wieder einmal die alte Binsenwahrheit bewiesen, daß uns Juden niemand hilft, wenn wir uns nicht selber helfen. Schwer wiegt die Schuld jener führenden deutschen Juden, die es nach dein Ende des Weltkrieges abgelehnt haben, sich der Hilfe des Comites des Delegations J u i v e s zu bedienen, lim auch für den Friedens vertrag von V ersah 1 es die Minderheitenschutzklausel durchznsetzen. Nach der Geistesverfassung der deutschen Juden, derselben Juden, die öffentlich dagegen protestierten, als nach Theodor Hcrzls Plan der erste zionistische Kongreß im Jahre 1897 in München stattfinden sollte, war etwas anderes gar nicht zu erwarten. Heute' mögen sich so manche Juden in Deutschland Gewissensbisse darüber machen, daß sie damals die ihnen vom Comitö des Delegations Juives angetragene Hilfe a.bgelehnt haben. Unendliches Leid wäre den 500.000 deutschen Juden erspart geblieben. Wäre Deutschland durch den Friedeußvortrag verpflichtet gewesen, den Minderheiten den gleichen Schutz wie der Mehrheit im Staate einzuräumen, dann hätte Hitler seine S. A.- und S. S.-Abteilungen nicht ungestraft auf die Juden lo-slasscn können. Die Juden wären geschützt worden und sie wären nicht zu dem Stand der Paria herabgesunken, den sie heute in Deutschland bilden. Der oberschlesische Vertrag und die Petition Bernheim sind ein Beweis dafür, daß der Minderheitenschutz trotz seiner derzeitigen Mängel überaus wertvoll ist. Dem oberschlesischen Vertrag ist es zu danken, daß die deutsche Regierung in Oberschlesien die jüdischen Ärzte, Rechtsanwälte und Richter in ihren Ämtern und Berufen belassen mußte. Am 13. Jänner wird sich das Schicksal von ungefähr 5000 Juden im Saargebiet entscheiden. Das Schicksal dieser 5000 Menschen greift schon heute dem jüdischen Volk und allen Christen, die sich noch ein Gefühl für Sittlichkeit bewahrt haben, ans Herz. Es ist symptomatisch für die Sinnesänderung der Massen des jüdischen Volkes und für ihre Erweckung aus einer todbringenden Lethargie, in welche es durch die Assimilation versenkt wurde, daß sich daß Judentum um die 5000 Juden im Saargebiet heute mehr sorgt als um die 500.000 Juden vor der Machtergreifung durch Hitler. Es ist keine Ehre für viele Juden, daß der Nationalsozialismus sie erst zum Bewußtsein ihrer nationalen Existenz und ihrer moralischen Verpflichtung, für diese Existenz Opfer zu bringen, gebracht bat. Es erweckt in uns Zionisten keine Freude, sondern nur tiefen Schmerz, daß wir 30 Jahre lang der Assimilation vergeblich gepredigt haben, daß wir ein Volk sind und daß unser Unglück darin besteht, daß wir keinen eigenen Boden unter den Füßen haben und eine ungesunde soziale Schichtung aufweisen. Wir tragen es nicht nach, daß man uns die kalte Sohulter gezeigt hat und unsere Bestrebungen in Palästina und in den Ländern der Galufch sabotiert hat. Mehr denn je fühlen wir Zionisten uns heute mit allen Gliedern des Volkes v-v»pndeu. wissen, d-iß uns die Fülh : dos jüdischen V '''.rs obliegt. Wir, die Jünger Theodor Herzls, haben alles kommen gesehen, was leider eingetreten ist und waren wir die einzigen, die durch den Aufbau Paläetinas und die Stärkung des jüdischen Selbstbe wu ßtseins i n der Galuth, den Weg in eine bessere Zukunft bereitet haben. Es gibt heute, von Deutschland gar nicht zu roden, in Österreich kaum eine jüdische Familie, die nicht durch einzelne Mitglieder, Bekannte oder Freunde mit Palästina verbunden ist. Es gibt heute kaum noch jüdische Familien, die sich noch zionistischen GedanketigiLngen verschließen, wenn sie cs auch oft noch nicht wagen, sich öffentlich von den falschen Theorien der Assimilation loszusagen. Was für Österreich vielleicht nur in einem beschränkten Maße gilt, das gilt für Deutschland im allgemeinen. Was wäre mit den vielen tausenden Juden geschehen, die in Palästina heute frei und glücklich leben, wenn sie in der Welt umherirren müßten. Was wäre mit diesen Juden geschehen, die eine Zeitlang auf die freundlichen Pressestimmen in den verschiedenen Ländern vertrauten. Langsam aber sicher hat man die j ii d i s c h e n Emigranten hinausgeekclt und gerade in der letzten Zeit hören wir die verzweifelten Klagen jüdischer Emigranten, die geglaubt haben, in Frankreich ein ßicheres Asyl zu finden. Auch der Völkerb u n d hat uns fast nichts gegeben, aber dafür das Recht, daß wir einen Hohen Kommissär für die Flüchtlinge und sein großes Büro aus jüdischen Geldern erhalten dürfen. Nun kommt der Schicksals tag der 5000 Juden im Saargebiet. Wieder war es das Comite des Delegations Juivee, das, wenn nicht viel, so doch eine Galgenfrist von einem Jahr beim Völkerbund für die Saar- Juden erwirkt hat. Das Judentum in der ganzen Welt darf aber den Kampf für die Saar-JudeE auch dann nicht aufgeben, falls das Saargebiot an Deutschland zurückfallen sollte. Wir müssen für die Saar-Juden kämpfen, solange es noch überhaupt die Möglichkeit einer Hilfe gibt. Der Kampf muß dafür geführt werden, daß die Saar-Juden auch dann, wenn das Saargebiet an Deutschland zurückfällt, den M i nderheitenschutz bekommen, sowie ihn die Juden in Oberschlesien bekommen haben. Noch eine Lehre müssen wir aus dem- Schicksal der Saar-Juden ziehen: Wir müssen unsere Anstrengungen verdoppeln, um jenes Land zu einem freien und starken jüdischen Land aufzubauen, daß heute schon dank der zionistischen Arbeit unsere einzige Hoffnung ist. Das ist Palästina, das noch Millionen Juden aufnehmen kann. Hand in Hand mit dieser Palästina-Arbeit muß unsere Arbeit in den Galuth-Ländern gehen. Wir dürfen nicht damit zufrieden sein, daß heute ■Millionen Juden im Kielwasser des Zionismus herumplätschern. Es muß unsere Aufgabe sein, das JudentumdeT ganzen Welt zionistisch zu machen und damit zu erneuern. Gerade heute, wo 5000 Juden im Saar-Gebiet bangend auf den Ausgang der Abstimmung warten und einem schwarzen Schicksal entgegensehen, müssen wir den Vorsatz fassen, nichts unversucht zu lassen, um ein g 1 ü c klichee Palästina und ein starkes, rechtlich und faktisch gleichberechtigtes ludentum in der Galuth zu schaffen. Gerade das Schicksal der Juden im Saar-Gebiet lehrt uns, daß es um das Ganze geht. Wir Zionisten werden auf unserem Posten etehen. Die Frage der Saar-Juden ist symptomatisch und ein Alarmsignal für das ganzo jüdische Volk. Die Saarjuden verlangen Minderheitenschutz Das „Nachrichtenblatt der Synagogen- Gemeinden des Saargebietes“ führt unter anderen aus: „Es ist erfreulich, daß das Comite des Ddldgations Juives der Enttäuschung Ausdruck gibt, die alle Kreise des jüdischen Volkes erfaßte, als sie von den geringen Schutzaussichten für die Saar-Juden im Eventualfall der Rückgliederung Kenntnis bekamen.. Die Teilnahme des gesamten jüdischen Volkes für das Schicksal der Saar-Juden Ist geweckt. Der Völkerbund als Wahrer der Internationalen Humanität wird diese Stimme nicht überhören können! sollte das Resultat der Abstimmung ihn in die Lage versetzen, über unser Schicksal als das Schicksal einer Minderheit zu bestimmen. Die übernationale Stellung und Aufgabe des Völkerbundes kann nur in einem vollständigen Minderheitenschutz ohne Preisgabe der Forderungen der Menschlichkeit erfüllt werden...“ «Jot ©tiUDC fdjiifit MIOHCt S)id) ©oucrSrutt» Zur Erklärung des österreichischen Außenministers London, 9. Jänner. (2. T. A.) „Daily T e 1 e g r a p hu erfährt, daß die vor kurzem vom österreichischen Außenminister Dr. B e r g e r - W a 1 d c n e g g vor den Vertretern der Auslandspresse in Wien abgegebene Erklärung betreffend Gleichberechtigung und gleiche Behandlung der österreichischen Juden auf gewisse Besprechungen zurückzuftihren ist, die in London anläßlich der Verhandlungen über die Aufnahme einer Anleihe durch die österreichische Regierung zwischen dem Finanzminister Dr. B u r e s c h und dem Mitglied des Verwaltungsratee der Bank von England Sir Otto Niemeyer im Dezember v. J. stattgefunden haben. Sir Otto machte Dr. Buresch bei dieser Gelegenheit ernste Vorwürfe wegen der Behandlung der Juden inösterr reich, besonders wegen der Entlassungen jüdischer Ärzte und Lehrer. Dr. Buresch soll versprochen haben, daß die gegen Juden gerichteten Maßnahmen annulliert und eine Anzahl der entlassenen, jüdischen staatlichen und städtischen Angestellten w.i eder in Dienst genommen werden würden. SS. Schul fahr Tel. U 46-4-37 Neues Wiener Konservatorium Mu8ikverein80ebäude, U Bösendorterstraße »2 Unterricht in Gesang, Klavier und allen OrobOBterinstnimenten von den ersten Anfängen bis v.ur künstlerischen Aus* bildnng. Kigoni Kindorabteilung. Anmeldungen und Aufnabmsprlllung täglich vor- und nachmittags au«- Bohlietllioh im Musikveroinsgebäude. „Der freie Arzt" In Wien erscheint die „Monat sschrift für sozial ärztliche Fragen und ärztliche Fortbildun g“. Sie ist da« offizielle Organ des Vereines der freipraktizierenden Ärzte Österreichs und erscheint im Aasculap-Verlag für medizinische Zeitschriften Ges. m. b. H., Wien, I., Seilerstilt.to 2. In Nr. 7 vom 25. Dezember 1934 finden wir eine Besprechung einer nationalsozialistischen Broschüre: Warum Arier-Paragraph? Verfasser Dr. E. H. Schulz und Dr. R. Frecks, in der es unter anderem ■heißt: „Die Verfasser versuchen auf Grund einwandfreier (? Die Red.) statistischer Daten den Nachweis zu erbringen, daß der Arierparagra.ph infolge des seit dem Weltkriege in ganz erhöhtem Maße eingetretenen Zustromes von ausländischen, — besondere aber von Ostjuden, die sich zumeist den merkantilon, besonders aber den freien Berufen zuwandten und dadurch eine unerwünschte Verschiebung des Zahlonverhältniisses gegenüber den Nichtjuden zustandebrachten, seine volleBorochtigung findet.“ Der Rezensent schließt mit folgenden Worten: „Jedem, der einen Einblick in die Bestrebungen und die Probleme des Nationalsozialismus genießen und dabei gerne auf die orgiastischcn Haßgefühle, von denen manche andere Publikationen durchsetzt sind, verzichten will, kann die Lektüre dieser Broschüre ompfohlen werden.“ Ist es schon an sich befremdlich, daß sich in einer österreichischen Zeitung eine derartige Gutheißung nationalsozialistischer Methoden bo findet, so wird dies um eo befremdlicher, daß der Rezensent — ein gotaufter Jude ist. Es ist der O b o r m o d i z 1 n a 1 r a t Doktor Ludwig Froy, Wien, IV., Prinz« Eugen-Straße 16. Sapienti satt

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