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Die Stimme · 1935-01-11 · Heft 416 (11.1.1935) · page 1

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Journal
Die Stimme
Volume
8 (1934-1935)
Issue
Heft 416 (11.1.1935)
Date
1935-01-11
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Frei« dieser Nummer 20 g V. b. b. Unsere nächste Nummer erscheint Dienstag, den 15. Jänner1935 JÜDISCHE ZEITUNG Wist WAIIACE ’OPERNl- ®wm\) F10TTENVI Nr. 416 | Wien, IX. Jänner 1935 | Redaktion und Administration; Wlon, l., Mare-Aur.J-StraBe 6. I fm G|»||Awath Tel.: U 22-3*91. .ledaktionssehluB Montag und Mittwoch vorm. I \/# ®W*»eaa *V7./ 8. Jahrgang 13. Jänner 1935: Der Schicksalstag der Saar-Juden Von Rabbiner Dr. Ruelf/Saarbrüdcen Am 'kommenden Sonntag, den 13. Jänner, dem Plebiszit-Tag im Saarland, entscheidet sich das Schicksal der Saar-Bevölkerung und damit auch der Juden dieser Provinz. Herr Rabbiner Dr. Ruelf, der diie Rechte und Interessen der Saar-Juden mit Würde und Mut vertritt, stellt der JTA die folgenden Ausführungen, in denen er die Bedeutung der Saar-Abstimmung nicht allein für die Saarjuden, sondern auch für die Juden Deutschlands, ja der Welt überhaupt, kennzeichnet, zur Verfügung: Im Saargebiet leben etwa 5000 Juden, davon etwa die Hälfte in der Hauptstadt Saarbrücken. Sie ernähren eich ähnlich wie die deutschen Juden vom. Groß- und Detailhandel, auf dem Lande zum Teil vom Viehhandel. Es gibt eine Anzahl Ärzte und Rechtsanwälte, einige Fabrikanten und Großhändler für Produkte der Eisenindustrie. Die Juden in allen Berufen leiden schwer unter der Wirtschaftskrise. In den letzten vier. Jahren sind viele Existenzen des Mittelstandes zusammengebrochen und verarmt. ... Nach dem Umschwung in Deutschland flutete die Welle der jüdischen Emigration durch das Saargebiet. Die ansässigen Juden halfen ihren vertriebenen Brüdern,' soweit es in ihren Kräften stand. Die meisten Flüchtlinge zogen weiter in die westlichen Länder. Ein Teil blieb i.m Saargebiet. Viele, die bereits mehrere Monate jri Frankreich zugebracht hatten, wurden vor kurzem auf Grund sehr harter Bestimmungen von der französischen Regierung ausgewiesen und setzten sich, da sie nicht nach Deutschland zurückkehren konnten, im Saargebiet fest. Ein großer Teil von ihnen ist mittellos und wird von den Saar-Juden ernährt. . In dieser Situation, die schon an sich recht schwierig ist, führen die Juden des Saargebiets seit eineinhalb Jahren einen furchtbaren Kampf um ihr Leben. Nach dem Vorbild des Dritten Reiches und unter dem Zwang der Gleichschaltung und des Terrors begannen die meisten Saarländer gegen ihre jüdischen Mitbürger, mit denen sie bis dahin im allgemeinen friedlich zusammengelebt hatten, eine feindliche Haltung einzunehmen. Boykott, Diffamierung, Überfälle, physische Bedrohung, Mißhandlung der jüdischen Kinder durch die nichtjüdische Jugend, wurden fast alltäglich Erscheinungen. Zwar sucht die vom Völkerbund eingesetzte Regierungskommission des Saargebiets die Juden zu schützen, aber ihre Macht ist gering gegenüber einer Bevölkerung, die ihre Direktiven von der deutschen INSTALLATIONEN ELEKTRISCHE KRAFT-, MODERNE BELEUCHTUNGS- UND RADIO¬ ANLAGEN /ELEKTR.HAUSH AL- TUNGSGERÄTE/LUSTER /RADIO Fachmännische Beratung kostenlos Paul Heller, I-, Llchtensteg 1 Tel. U «1-9-U Regierung bezieht und diese Befehle — teils willig, teils unter Zwang — gehorsam befolgt. Am 1. März 1934 begann der Abstimmungskampf mit der Gründung der „Deutschen Front“. Dieser Name ist nur eine Umschreibung für die Nazi-Front, denn Organisation und Einfluß sind' allein in den Händen der Nazis, denen sich die übrige Bevölkerung unterordnet. Jedes Mitglied der. „Deutschen Front“ -— und wer könnte es wagen, nicht Mitglied zu sein! — wird vom Blockwart, dem jeweils einige Häuser zugeteilt sind, streng' beaufsichtigt, ob er keine hitlerfeindlichen Zeitungen liest, ob er die Versammlungen der „Deutschen Front“ besucht, ob er an den dafür bestimmten Tagen die Hakenkreuzfahne aus ' dem Fenster hängt und dergleichen. So wird das Bild einer einheitlichen politischen Meinung vorgetäuscht. Anfänge wagten es nur wenige, sich diesen Befehlen, die meist direkt aue dem Propagandaministerium in Berlin stammten, zu widersetzen. Die Dohung mit, Repressalien nach der Rückgliederung tat ihre Wirkung. Wer noch über das Jahr 1935 hinaus Heimat, Vermögen und Stellung .behalten wollte, glaubte sich unter ordnen zu müssen. Das Produkt des Drukkes war Gesinnuiigsheucheled. Die „Deutsche Front“ verstand es, durch eine ebenso geschickte wie skrupellose Propaganda den Sieg Hitlers bei der Abstimmung als völlig gesichert hinzustellen und mit der Dr oh u n g „W ir werden uns d i e . V errät e r für 1935 merken“ Furcht und Schrecken zu verbreiten. Die Oopposition der Sozialisten und Kommunisten, zu denen sich später ein Teil dpr glaubenstreuen Katholiken gesellte, wurde als ein Häuflein von Verrätern und Emigranten bezeichnet, die keinen Anhang in der Bevölkrung hätten. Zwar wuchs die Opposition von Monat zu Monat, besonders nach dem 30. Juni und der Ermordung prominenter * 1 2 deutscher Katholikenführer. Aber die Wahrheit konnte nur langsam und unvollkommen durchdringen, weil der Saarländer nur die Zeitungen der „Deutschen Front“ lesen durfte, die ihm solche Tatsachen verschwiegen oder entstellt zur Kenntnis brachten. Seit dem ersten Dezember 1934 hat sich die Lage sehr stark geändert, und zwar durch drei Tatsachen: 1. Die glaubenstreuen Katholiken traten aus ihrer vorsichtigen Reserve heraus und gründeten den „Deutschen Volksbund für christlich-soziale Kultur“, Dieser Bund, bei dessen Gründung ein großer Teil der katholischen Pfarrer anwesend war, tritt offen für den Status quo ein; sein Organ ist die hitlerfeindliche „Neue Saarpost“. Etwa 90 Prozent der Pfarrer stehen hinter dem Volksbund. Allerdings sind die Pfarrer durch ein von Hitler erzwungenes Verbot der Bischöfö von Trier und Speyer daran gehindert, in Versammlungen und in den Kirchen offene Propaganda, zu machen.. Aber ihr Einfluß auf di'e Bevölkerung, die zu 70 Prozent katholisch ist, ist noch immer ziemlich groß. Im G-egensatz zu den beiden Bischöfen hat der, V.a,t i k a n seine Neutralität erklärt und jede der drei Entscheidungein des Plebiszits als mit dem Gewissen .des Katholiken vereinbar bezeichnet.. ' 2/ Hiezu kommt eine sehr wichtige Befreiung des n a t i on,al e n Gewissens. Der Völkerbundrat hat. in seiner Dezembertagumg die Möglichkeit einer zweiten Abstimmung für den Fall, daß sich jqtzt die Bevölkerung für-den. Status quo entscheidet, als zulässig bezeichnet. Die Ratsmitglieder Laval und I.itwinow und der Ratspräsident Benes haben dies ausdrücklich .festgestellt. Dadurch kann der national empfindende Deutsche seine Entscheidung, für deu Status quo treffen, ohne damit die dauernde Abtrennung des Gebietes von Deutschland herbeizuführen. Nach einer Reihe von Jahren, wenn Deutschland wieder vom Joche der Hitler- Herrschaft befreit ist, kann das Saargebiet auf Grund einer neuen Abstimmung wieder zu Deutschland zuriickkehren. So stellt die jetzige Abstimmung die Bevölkerung nicht vor die Frage: „Deutschland oder Frankreich?“, sondern vor die Frage: „H i t- 1er - Deutsch1and oder ein Deutschland d e r. Fr e i h e i t und Gerechtigke it?“. Die Abstimmung wird zu einer großen und für die ganze Welt — besonders auch die jüdische Welt —, wichtigen Entscheidung für oder gegen Hitler. 3. Der Völkerbundrat hat ferner verfügt, daß im Falle der Rückgliederung schon sehr bald die im Saargebiet im Umlauf befindlichen französischen Francs in Reichsmark umgetauscht werden müssen.. Die deutschen Devisenbestimmungen treten sofort in Kraft. Kein Saarländer darf dann noch Francs besitzen oder freie Konten auf ausländischen Batiken haben, wenn er sich nicht schweren Strafen aussetzen will. Das ist ein schwerer Schlag für alle Besitzenden, die bei einer Rückgliederung für ihr gutes Geld schlechtes und fragwürdiges erhalten. Diese drei Tatsachen haben bewirkt., daß sich ein großer Teil der Mitglieder der Die Stadt Tel-Aviv für die Saar-Juden Tel-Aviv, 9. Jänner. (Z. T. A.) Eine von mehr als 2000 Tel-Aviver Jqden besuchte Versammlung nahm nach Ansprachen des Bürgermeisters D i z e n g o f f, Dr. Nahum Goldmanns und Dr. Ben- Zion Mossinsons eine Entschließung an, von dem Völkerbund die Sicherung der Rechte der jüdischen Minderheit im Saargebiet zu fördern. „Deutschen Front“ heimlich entschlossen hat, für den Status quo zu stimmen. Es sind dies Katholiken —* insbesondere katholische Arbeiter Besitzende und gewisse Gruppen von Patrioten, die zu Hitler in Opposition stehen. Wenn man hiezu die Sozialisten und Kommunisten rechnet, kann man ermessen, daß de Abstimmung am 13. Jänner wahrscheinlich eine recht beträchtliche Minderheit, vielleicht sogar eine Mehrheit für den Status quo ergeben wird. Welches sind die Konsequenzen für die Juden des Saar* g e b i e t e s? 1. Bleibt der Status quo erhalten, so werden die Juden in leidlicher Ruhe und Sicherheit an der Saar verbleiben können. Zwar wird der Antisemitismus nicht verschwinden, solange Herr Goebbels in Berlin Propagandaminister ist. Aber die Saarländischen Behörden haben dafür gesorgt, daß die Juden ungestört ihren Berufen nachgehen können und vor den schlimmsten Angriffen und Diffamierungen geschützt werden. Viele Juden, die bereits das Saargebiet verlassen haben, werden zurückfahren. An der Saar wird es eine friedliche Insel geben, wo für das deutsche Judenproblem eine Teillösung erreicht ist. Aber was das wichtigste ist: Das Prestige Hitlers wird sehr stark geschwächt sein, wenn sich die Mehrheit der Bevölkerung eines zweifellos deutschen Landes gegen ihn und sein System ausgesprochen hat. Sein Sturz kann dadurch beschleunigt werden. Auf jeden Fall wird die judenfeindliche Propaganda in allen Ländern einen schweren Schlag erleiden. 2. Wenn das Saargebiet im Prozentverhältnis des Abstimmungsergebnisses geteilt wird, so gelten alle unter 1. genannten Vorteile für den autonom bleibenden Teil des Saargebietes. Auf Grund eines Options- ACHTUNG HAUSBESITZER! Eure Häuserverwaltungen, Geldbeschaffungen mmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmt unc* Reparaturkredite kulantest nur durch das behördlich konzessionierte Realitäten-, Hypotheken- und Veryraltungsbüro Tel. A *8-9-8* Re TAUBMANN Wien, II., Nordpolstraße 2/3

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