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Die Stimme · 1935-01-08 · Heft 415 (8.1.1935) · page 5

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Journal
Die Stimme
Volume
8 (1934-1935)
Issue
Heft 415 (8.1.1935)
Date
1935-01-08
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 415 — 8. Jänner 1935 Oll 8Y1MMI Seite 5 Chaluziuth - die Grundlage des Aufbaues Palästina-Hadisdiarah und Galut-Hadischarah Die Prüfung in diesen Lehrgegenständen müßte nicht, wie es derzeit und oft nur um einer Vorschrift zu genügen, gelegentlich der Übergabe des Zertifikates erfolgen. Sie müßte vor der Beziehung eines Hach* scharahplatzos stattfinden und erst die erfolgreiche Ablegung der Prüfung sollte die Anwartschaft auf einen Hachscharahplatz geben. Wir sind uns klar darüber, daß dieses System erst nach einer gewissen Vorbereitungsfrist in Wirksamkeit treten kann. Seine Wirksamkeit sollte aber so rasch als möglich beginnen. Auch die körperliche und fachliche Hachscharah muß grundlegend reformiert werden. Das Wiener Palästina-Amt ist eben dabei ein Hachscharah-Inspektorat einzuführen, um dem Mißbrauch ein Ende zu machen, daß Sommerlager als Hachscharahplätze getarnt werden und unrichtige Angaben über die Dauer der Hachscharah gemacht werden. Damit wird aber nicht genug getan sein. Es ist klar, daß niemand in sechs Monaten ein perfekter Landwirt sein kann. Das ist auch nicht notwendig, da der Landwirt in Erez Israel unter anderen landwirtschaftlichen Bedingungen arbeitet. Dreierlei aber sollte jeder Chaluz von der landwirtschaftlichen Hachscbarah mitbringen: 1. Theoretische Kenntnisse der Landwirtschaft. 2. Körperliche Ertüchtigung. 8. Liebe zum Gemeinschaftsleben als Vorbereitung zum Leben im Kibbuz oder in der Kwuzah. Die Absolvierung von Gärtnerei- oder Ackerbauschulen ist natürlich besser, als die Form der derzeit betriebenen landwirtschaftlichen Hachscharah und muß an sich als erfolgreich absolvierte Haohscharahtätigkeit gewertet werden. Ähnlich muß die Absolvierung einer durch die betreffende Genossenschaft bestätigten, für die Ablegung der Gesellenprüfung befähigenden Lehrzeit-, als absolvierte handwerkliche Hachscharah gewertet werden. Die derzeit beliebten Schnellsiederkurse sind nur ein Notbehelf. Es fällt kein Meister vom Himmel. Aber gerade in Erez Israel können wir nur Meister brauchen und keine Pfuscher. In dem Maße, als Palästina industrialisiert wird und seine Handwerker sich spezialisieren, werden nur Chaluzim mit gediegener Ausbildung Arbeitsplätze finden können. Bisher war nur von der Hachscharah als Vorbereitung für Palästina die Rede. Die zionistische Bewegung als so ziale Erneuerungsbewegung .muß aber, und nicht in letzter Linie, für die soziale Umschichtung jenes Teiles der jüdischen Jugend sorgen, die nicht nach Palästina geht. Diese Jugend muß eine g e d i egene geistige Hachscharah mitmachen. Für ihre fachliche Ausbildung-muß das beste noch gerade gut genug sein. Es gibt da nur einen Weg: Absolvierung öffentlicher landwirtschaftlicher Schulen und Absolvierung der Lehr und Gesellenzeit bei einem Meister mit abschließender Meisterprüfung, darüber hinaus Absolvierung gewerblicher Mittelschulen und von Spezialkursen. Nur so können jüdische Existenzen geschaffen werden. Alles andere ist Humbug und Verbrechen an der Jugend. Die Zionisten müssen auch hier die F ü h r u n g übernehmen. Unsere in zionistischen Händen befindliche G emeinde hat einep konstruktiven Plan in Vorbereitung. Er muß so rasch als möglich verwirklicht werden. Das gehört zum Programm der Volksgemeinde, worüber wir nicht Reden halten, wofür wir aber arbeiten. Diese Ausführungen, so skizzenhaft sie auch sein mögen, entspringen der Sorge für unsere Jugend, die uns gleich am Herzen liegt, ob sie sich nun für die Alijah vorbereitet oder nicht. Die zionistische Bewegung als die einzige konstruktive Bewegung des jüdischen Volkes und als Hüterin der jüdischen Zukunft muß die Verantwortung für die Ausbildung der ganzen jüdsichen Jugend übernehmen. Sie allein hat das Recht upd die Pflicht auch hier die Führung zu übernehmen. Chaluzische Dekadenz? .. Ada Fischman, eine nur den Palästina-Aufbau verdiente Fälhrerin der Wizo, hat kürzlich in einem in der „Stimm e“ wiedergegebenen Interview vom „Zertifikatismus“ gesprochen. Sie versteht darunter eine leider nur allzu zeitgemäße Art realistischen Denkens, das sich blau-weiß drapiert und nach Papageienart mit Fachausdrücken der zionistischen Terminologie um sich wirft, um zionistische Gesinnung zu beweisen. Wir haben es hier mit einer aus utilitaristischen Denken geborenen blauweißen Assimilation zu tun, deren Endzweck die Erlangung eines Palästina- Zertifikates ist. Diese neue Assimilation hat, wie jede Assimilation, verschiedene Spielarten, angefangen vom Heuchler, der den Zionismus nur vom hören-sagen kennt, bis zum „guten“ Zionisten, der einige zionistische Fachausdrücke beherrscht, aber weder die Geschichte des Zionismus kennt, noch den Zionismus geistig verdaut hat, wenn er auch weiß Gott wie lange zionistisch organisiert ist. Hier wächst eine große Gefahr heran. Diejenigen, die sich damit trösten, daß jede Bewegung ihre Mitläufer hat und daß es nur darauf ankomme, sie in den Geist des Zionismus einzuführen, denken falsch und assimilatarisch. Mitläufer sind wie Spreu im Winde. Der Zusammenbruch der sozialdemokratischen Parteien in Italien, Deutschland und Österreich spricht da eine beredte Sprache. Für uns Zionisten sind aber die Mitläufer eine noch größere Gefahr. Wir haben keine Beamtenstellen, keine Abgeordnetenmandate und keine Gemeindewohnungen zu vergeben, sondern bestenfalls für das jüdische Volk in der ganzen Welt in einem Jahre — und das auch erst in der letzten Zeit — ungefähr 17.000 Zertifikate für Arbeiter und Handwerker, also Zertifikate für ein Promille des 17,000.000 zählenden jüdischen Volkes. Dabei muß man aber noch bemerken, daß es nicht immer die besten jungen Menschen sind, die wir nach Erez Israel schicken. Die Zugehörigkeit zu bestimmten Organisationen scheint manchmal wichtiger zu sein, als fachliche Eignung und verläßliche zionistische Gesinnung. Daraus ergibt sich, daß die Frage der Hachscharah, also der Vorbereitung für Erez Israel, sowohl was die fachliche als die ideologische Ausbildung der Chaluzim betrifft, auf dem Gebiete der Jugenderziehung außerordentlich brennend ist. Als wichtigste und als die primäre Frage erscheint uns die Frage der geistigen Vorbereitung. Das derzeitige System erscheint uns als durchaus verfehlt. Die verschiedenen chaluzischen Organisationen wetteifern darin, einander dadurch zu übertrumpfen, daß sie mehr Leute nachweisen wollen, die auf eine landwirtschaftliche oder handwerksmäßige Hachscharah hinter sieh haben. Landwirtschaftliche oder handwerksmäßige Hachscharah, sei sie noch so gründlich und ehrlich, produziert aber bestenfalls tüchtige Arbeiterhände, abor keine zionistische Chaluzim. Hachscharah ruchanith, geistige Vorbereitung, die nach Feierabend auf den Hachscharahplätzen, mit nicht vorgebildeten und körperlich ermüdeten jungen Menschen betrieben wird, noch dazu oft in der Form müßigor politischer, Debatten, ist wertlos und Augenauswischerei. Dieses System muß grundlegend geändert werden. Der körperlichen Hachscharah muß die geistigo Hachscharah vorangehen. Auf landwirtschaftliche oder handwerkliche Hachscharah sollten nur Menschen gehen dürfen, die eine ihrem Alter und Bildungsgrad entsprechende zionistische Schulung hinter sich haben und ihre Kenntnisse in einer Prüfung bewiesen haben. Die Lehrgegonständo müßten sein: 1. Hebräische Sprache, 2. Jüdische und allgemeine Geschichte. 3. Geschichte der zionistischen Bewegung und der Arbeiterbewegung. 4. Geographie Palästinas. Die Klagen über die Landflucht in Palästina nehmen immer mehr überhand und bilden unseres Erachtens eine viel ernstere Gefahr als die teils mandatswidrige, teils widerwillige Haltung Englands uns gegenüber. Kürzlich fand nun in Warschau eine Pressekonferenz der Histadruth Haowdian statt, bei der der Leiter der E Ln Wanderung«- abbeilung der Histadruth Elijahn D o b k i n einen umfassenden Überblick über die Probleme der jüdischen Einwanderung nach Palästina gab. Nach einer Darstellung des zahlenmäßigen Wachstums der jüdischen Bevölkerung Palästinas in den letzten Jahren gab er die Zahl der Juden in Palästina Ende 1934 mit rund 310.000 an. 1988 habe die jüdische Bevölkerung Palästinas um 20 Prozent, im Jahre 1934 um 22 Prozent zugenommen. Während im November 193.1 die palästinensischen Juden 17 Prozent der Gesambbevölkerung (170.610 Juden und 861.200 Araber) ausmachton, sei dieser Prozentsatz Ende 1934 auf 25 Prozent (310.000 Juden gegenüber 940.000 Arabern) gostiegen. Die jüdische Einwanderung nach Palästina habe schon heute 60 Prozent der durchschnittlichen Jah rese in wände ru ng von Juden in die Vereinigten Staaten zur Zeit des Hoc.hstande3 dieser Einwanderungsbewegung in den Jahren 1800 bis 1915 erreicht. Im Jahre 1933 sind die Investitionen auf 6 Millionen, 1934 auf 10 Millionen Pfund gestiegen. Hiebei sind Investitionen in Handelsunternehmungen, Bodenkauf und Kulturarbeit nicht inbegriffen. Der Import betrug 1932 7 Millionen, 1933 11 Millionen und 1934 16 Millionen. Im Halbjahr April bis September 1984 wurden 1800 Automobile importiert. Es entfällt somit auf jeden neuuten Einwanderer in dieser Zeit ein Automobil. Die drei letzten Jahre seien durch starken Arbeitermangel charakterisiert. Während es 1931 noch große Mühe kostete, 600 ne<u eingewa-nderte jüdische Arbeiter auf die verschiedenen Kolonien aufzutoilen, sind heute in den Arbeitsvermittlungsämtern durchweg mehr Arbeitgeber als Arbeitnehmer angemeldot. Was die arabische Einwanderung betreffe, so sei die vor kurzem in der „Neuen Freien Presse“ und einer Anzalü jüdisoher Zeitungen veröffentlichte Angabe, es seien 67.000 Araber aus dem Hauran eingewandert, unzutreffend. Die Zahl der Araber, die infolge des Arbeitermangels aus sämtlichen Nachbarländern, Syrien, Transjordanien usw. eingewandert sind, sei auf etwa 15.000 bis 20.000 zu schätzen. Dann kam D o b k i n auf die Landflucht zu sprechen und führte unter anderemaus: Von den 135.000 Juden, die in den letzten drei Jahren nach Palästina einwanderten, sind 114.000 in den Städten geblieben und nur 21.000 siedelten sich auf dem Lande an. 1931 betrug die jüdische Bevölkerung Jerusalems 53.100, heute beträgt sie 66.500 Seelen. Die Bevölkerung von Tel-Aviv ist von 45 600 im Jahre 1931 auf 115.000 Menschen heute gestiegen. In Jaffa, mit Einschluß von Bajith Wegan, gab es 1931 7250 Juden, heute beträgt ihre Zahl 14.100. Die jüdische Bevölkerung Haifas ist von 16.000 im Jahre 1981 auf 36.000 gestiegen. In Tiborlae und Safed lebten 1931 8000, heute 10.500 Juden. Die jüdischo Bevölkerung aller dieser Städte zusammen betrug im November 1931 129.900 Menschen, die Zahl der jüdischen Landbevölkerung war 44.710 (26 Prozent der jüdischen Gesamtbovölkerung). Heute leben 244.000 Juden in den Städten und 66.000 oder 21 Prozent der jüdischen Gesamtbe völkerung auf dem Lande. 1919 war der Anteil der jüdischen Landbevölkerung an der Gesarntjudenheit Palästinas 10 Prozent, 1931 26 Prozent und Ende 1934 21 Prozent. In denselben Richtung gehe die Entwicklung des M i tg 1 i e d erstand es der Histadruth. Am 1. Jänner 1932 lebten von den 30.070 Mitgliedern der Gewerkschaft 11.600 (39 Prozent) auf dem Lande. Heute ist der Mitgliederstand um 113 Prozent auf 64.000 gestiegen. Der Anteil der auf dem Lande Arbeitenden habe jedoch im Verhältnis um 34 Prozent abgenommen. Die Zahl der jüdischen Bauarbeiter ist von 3000 auf 13.000 gestiegen. Die Zahl der Plantagenarbeiter aber ist mit 4500 dieselbe geblieben. Endo 1934 entfiel ein jüdischer Arbeiter auf 35 Dunam jüdisches Plantagengebiet. Man müsse in Betracht ziehen, daß von dem Gesamtgebiet von 35.000 Dunam zwei Drittel noch nicht fruchttragend sind, so daß in den Jahren 1935 bis 1939 weitere 29.000 Arbeiter für sie notwendig sein werden. 1932 sei im Durchschnitt ein jüdischer Arbeiter auf je 10 Dunam jüdischer Pflanzung entfallen. Es müsse noch darauf hingewiesen werden, daß manche Punkte der jüdischen Wirtschaft eine Tendenz zur Industrialisierung zeigen. So sei R i e c h o n I e Zion heute schon mehr Fabriksiedlung als landwirtschaftliche Kolonie. Dasselbe sei der Fall in Ramath Gan, wo von 14.000 jüdischen Arbeitern nur 200 bei Pflanzungsarbeiiten beschäftigt sind, und. auch hier handle es sich um Pflanzungen im Anschluß an Wohnbauten. Bedauerlicher-- weise werde von den Juden auch der Gemüsebau vernachlässigt. Man habe berechnet, daß die jüdische Bevölkerung Palästinas im Jahre 1934 Gemüse im Wert von einer halben Million Pfund konsumiert hat. Hievon seien jedoch nur 15 Prozent von jüdischen Landwirten geliefert worden. Das übrige wurde importiert oder von arabischen Bauern gekauft. Die Befriedigung der jüdischen Nachfrage .nach Gemüse würde die Zuführung von weiteren 6000 jüdischen Familien zur Gemüsegärtnerei erfordern. Auch andere Wirtschaftszweige, die große Aussichten für die Zukunft hätten, würden von den Juden vernachlässigt, weil sie sich vor allem der Bauanbeit zuwenden; dabei vergessen sie aber, daß bei einer Krise dieser Arbeitszweig in erster Reihe betroffen und die 13.000 jüdischen Bauarbeiter erwerbslos werden würden. Das Budget der Regierung und der Gemeinden für öffentliche Arbeiten 1934/35 beträgt etwa eine Million Pfund. Bei der Durchführung der Arbeiten sind jedoch neben tausenden arabischen Arbeitern kaum 200 Juden beschäftigt, obwohl die Regierung bereit ist, 33 Prozent Judon zu beschäftigen. Im Hafen von II a i f a arbeiten 2000 Araber und w e n i g e r als 200 Juden. In der Polizei wollen Juden nicht Dienst tun. Für den Anbau in diesem Jahr benötige man 8000 Arbeiter, die später auf dem Lande bleiben könnten, diese Arbeitskräfte sind jedoch nicht vorhanden. D o b k i n hat also mit schonungsloser Offenheit — und das ist gut so — die wahre Lage gekennzeichnet. Zur Abhilfe schlägt er vor: Für die Zukunft des Jischuw ist es eine weit geringere Gefahr, wenn man wegen des Arbeitermangels beim Häuserbau in den Städten 5000 Araber beschäftigen würde, als wenn man ihnen Arbeit in den Plantagen der Seharonebene gibt. Schließlich erklärte Dobkin: Nur eine Einwanderung von Chaluzim kann die vernachlässigten Positionen auf dem Lande und bei den öffentlichen Arbeiten retten. Ein Maximum von Ausbildung und Einwanderung von Chaluzim ist notwendig. Nichts sei törichter, als zu erklären, in dieser Zeit der Prosperität brauche man keine Chaluzim mehr. Das gerade Gegenteil sei der Fall. Damit ist Dobkin im Recht. M e h r d e n n jo ist heute der Chaluz notwendig, aber nicht der Chaluz von jenem Typus, der der Landwirtschaft den Rücken kehrt und dem höheren Lohn in die Stadt luichläufi, Dobkins Vorschlag, den Arabern

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