Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 415 (8.1.1935)
- Date
- 1935-01-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Satt» 4 Dtl STIMMI Nr. 415 — 8. Jänner 1935 Wie der erwachter Pogrom• geist in Rußtand London, 3. Jänner. (2. T. A.) „Daily Expreß“ bringt die aufsehenerregende Meldung aus M o s k a u, daß im Zusammenhang mit dem Mord an Kirow und der darauf folgenden Vernichtung des oppositionellen ..Leningrader Zentrume“ Judenhaß und Pogromgeist wiederum in Rußland, wo sie nie ganz erloschen waren, erwacht seien. Es wird behauptet, daß an der Verschwörung gegen die Sowjetleitung unverhältnismäßig viele Juden beteiligt waren; 40 Prozent der Verhafteten sollen angeblich Juden sein, auch seien die geistigen Urheber, Trotzki, Sinowjevv und Kamenew, Juden. „Daily Erpreß“ berichtet, daß in einer Anzahl Fabriken in Leningrad und Moskau junge Arbeiten ihre jüdischen Arbeitskollegen angriff e n. Den entstandenen sehr heftigen Kämpfen machte erst die Polizei ein Ende. Zahlreiche verletzte jüdische Arbeiter wurden in das Hospital überführt. Unter den vierzehn Hingerichteten des angeblichen „Leningrader Zentrums“ j waren vier Juden: Sergej Mandelstam, I Wladimir Lewin, Ljew Soschitzky, Ljew Chnnik. Alle erklärten, sie hätten von dem geplanten Mord an Kirow nicht das geringste geahnt. Geschäftsantisemltisimis Wie sich Herr Anton Orel die wahre Ständeordnung vorn eilt Antieemitismius war in Mitteleuropa immer ein gutes Geschäft: Er erfordert wenig gcisiiges Betriebskapital und die erzeugte Ware, mag sie noch so abgelegen ,<ein. zieht immer wieder. Eine solche Karriere, wie sie damit H i 11 e r in Deutschland gemacht hat, muß notwendig auch anderswo Schüler anlocken. Besonders Leute, die wie Herr Anton Orel schon seit Vor- Die Sowjetregierung dementiert Moskau, 4. Jänner. (2. T. A.) Pas Außenkomraiseariat der Regierung der Sowjetunion in Moskau dementiert mit äußerster Entschiedenheit die vom Londoner „Daily Express“ gebrachte Meldung, daß im Zusammenhang mit der Niederringung des oppositionellen „Leningrader Zentrums“ Ausschreitungen russischer gegen jüdische Arbeiter in Staatsfabriken Moskaus und Leningrads vorgekommen seien. Diese Meldungen, so wird erklärt, entbehren jeder Grundlage und sind in Anbetracht der wirklich benschenden Verhältnisse und Stimmungen als barer Unsinn zu verzeichnen. Die jüdischen Flüchtlinge aus Persien in der Türkei Istanbul, 6. Jänner. (2. T. A.) Die türkische Regierung hat den jüdischen Organisationen nahegelegt, die in der Türkei sich aufhaltenden jüdischen Flüchtlinge aus Persien weiterzuleiten. Andernfalls sei mit ihrer Ausweisung zu rechnen. Die Zahl der Juden Deutschland in Berlin, 3. Jänner. (2.T.A.) In Auswertung der 1933 durchgeführten Zählung der Reichsbevölkerung wird jetzt ejne Zusammenstellung über die Religionsgliederung des deutschen Volkes durch Veröffentlichung des Rassepolitischen Amtes der N. S. D. A. P. bekannt. Es wird darauf hingewiesen, daß im Jahre 1925 in Deutschland noch 564.379 Angehörige der jüdischen Konfession gezählt worden sind, was damals 0'9 Prozent des Gesamtvolkes ausmachte. 1933 betrug diese Zahl noch 499.682 oder 077 Prozent. Es ist also ein Rückgang der Angehörigen der jüdischen Konfession in Deutschland um 64.697 oder 11‘5 Prozent festzustellen. Dieser Rückgang sei in der Hauptsache auf Auswanderung und auf den Geburtenrückgang bei den Juden zurückzuführen. Seit dem Stichtag des 16. Juni 1933 dürfte die Zahl der Juden in Deutschland weiterhin abgenommon haben, well die Auswanderung anbält und die Fruchtbarkeit der jüdischen Ehen besonders gering gewesen sei. Im einzelnen entfallen allein auf Berlin gegenwärtig rund 160.500 Juden. Die Ziffern, die »ich aus der Konfeflsionszugehürigkeit ergeben, seien aber, so erklärt das Rassepolitische Amt, unvollständig, weil sie nicht nach Rasse unterschieden sind. Man muß vermuten, daß der Antoil der jüdtech vermischten Bevölkerung in Deutschland mehrfach so groß sei wie der Antoil derer, die sich auch heute noch zum jüdische« Glauben bekennen. IV. ». 7,. O. Wien. I. Mehnti« kriegezeiten aus der ,,Branche“ sind und bald nach Kriegsende die antisemitische Konjunktur gewittert, schon damals in GeschäftsantLsemitiemus, beziehungsweise in „Volkssturm“ gemacht haben und dieses Gewerbe jetzt unter der Marko „Ständische Politik in ößterrcich“ fo-rtsetzen. Das Kochrezept ist ungeheuer einfach uni von jedermann leicht auszuführen: Man nehme einen Sack voll Kommunismus, nicht viel weniger Nationalsozialismus, den man aus „taktischen“ Gründen auch durch den minder durchsichtigen „Deutschen Sozialismus“ Sonibartschcr Erzeugung ersetzen kann, rühre das Ganze zu einem dicken Brei, würze es reichlich mit Zitaten — von Gooihe und Marx angefangen, bis zu dem ehemaligen Pressedirektor der Niederösterreiehisohen Escomptegcsellschaft Doktor Berthold Sprung und aus früheren Werken des Herrn Orel. Als Überguß und zur Garnierung verwende man reichlich Katholizismus, am besten in Form von Auszügen aus den päpstlichen Enzykliken „Rerum novarum“ und „Quadragesimo anno“. Um das nach diesem Rezept zubereitete Gericht möglichst wirkungsvoll zu servieren, hat sich Herr Orel mit einigen Gesinnungsgenossen oder vielleicht auch nur Stammtischgenossen zu einer politisch zwar bedeutungslosen, aber sich hochtrabend „Studienrunde katholischer Soziologen“ nennenden Gruppe zusamimengetan — die Analogie zur Gründung der nationalsozialistischen Partei durch Hitler mit sechs seiner Getreuen an einem Münchner Stammtisch liegt auf der Hand. Diese Studienrunde gibt in einer eigenen Schriftenreihe die Bücher des Herrn Orel heraus und verfügt auch über ein eigenes „Redaktionskomitee“, das hauptsächlich aus Herrn Orel selbst besteht und auch ein „katholisch-soziales Manifest“ veröffentlicht hat. Eine offensichtliche Anlehnung an das kommunistische Manifest von Engels und Marx, weich letzteren Herr Orel beharrlich ,,Mardukaj“-(sic!)-Marx nennt. In diesem Manifest und daraus zitierend in seiner „Wahren Ständeorganisation“ stellt Herr Orel einleitend die nicht gerade originelle Behauptung auf, daß die Krise seit 1929 den Zusammenbruch des kapitalistischen Wirtschaftssystems bedeutet und versucht im folgenden Stand und Beruf zu definieren. Diese Definitionen sind zu be. zeichnend, als daß wir sie unseren Lesern vorenthalten möchten. Danach ist „Stand jene auf gleichem Beruf beruhende Gemeinschaft, doren Funktion es ist, als spezielles Organ der Gesellschaft in bewußtem und gewolltem Hinblick auf diese das eigene Kultursachgebiet zu regeln, die wirtschaftliche und soziale Existenz der Standesgenossen zu sichern, schließlich dafür zu sorgen, daß deren Berufsleistung der Gesamtgesellschaft dienstbar gemacht wird.“ „Wenn wir Stand sagen, so meinen wir dawird man es nur selbstverständlich und folgerichtig finden, daß Herr Orel ein erbitterter Gegner auch des römischen Rechtes ist, dem er ein eigenes Kapitol seiner „Wahren Ständeordnung“ widmet. Ebenso nebensächlich, wenn auch sehr charakteristisch für die Quello seiner Offenbarungen ist es auch, daß Herr Orel die „unnöt ig e n, g e m e i n e c h ä d 1 i c h e n Großbetriebe“ abbauen und Brotfabriken, Schuhfabriken, Möbelfabriken itsw. abschaffen, mit anderen Worten sich nach altbewährtem Rezepten die Gefolgschaft der Bäcker, Schuster, Schneider usw. sichern will. Nach ihm soll es keinen Industriestand geben, weil doch die Industrio abgeschafft wird, aber auch keinen Arbeiterstand, weil alle Arbeitsfähigen in der ständischen Gesellschaft Arbeiter zu sein haben, daher also vielo Arboiterstände, aber nicht bloß einen einzigen. Das ist kommunistische Klassenj anderes kampftheorie in Reinkultur, während im Gegensatz hiezu der italienische Faschismus und die österreichische ständische Iico das Wesen dos Standes gerade in einer Zusammenfassung der in einem bestimmten Zweige tätigen Arbeiter, Angestellten und Unternehmer zu einer Korporation, beziehungsweise zu einem Stande erblicken. In all dom liegt aber nicht der Kern der „Wahren Ständeordnung“, sondern, wie bei Herrn Orel nicht anders zu erwarten, im Antisemitismus. Daß wir diese Verdrehungs-, Haßuni Schimpforgie (mit endlosen Zitaten aus Sombart und aus früheren Erzeugnissen Orels, namens „WeitanUitz“ und „Judaismus“, wo angeblich die tiefsten Beziehungen zwischen Judentum und Kapitalismus klargelegt werden) auch nur stückweise reproduzieren, kann man uns nicht zumuten. Interessant ist die feine Unterscheidung, die Herr Orel zischen „Israelitißch-chrißtlich“ und „judaiötiscb-talmudißtisch“ macht, wobei er nach berühmtem Muster definiert: „Das Wesen des Judaismus ist der Wahngüaube an eine bedingungs- und pflichtenlose Auserwählung der Fleisoheß- und Blutnachkoaninem Abrahams zur schrankenlosen selbst geben. Sie sollen dort ihre jüdischen Aktiengesellschaften und ihre Börse für sich haben, ihre jüdischen Zeitungen und Theater, ihre jüdischen Literaten und Musiker — all dies für sie selbst, aber in jüdischer Abgeschiedenheit und außerhalb des Bereiches unserer nationalen Kultur und unseres ständischen Wirtschaftslebens. So allein ist ein ehrlicher Friede mit den Juden und in unßeren christlichen Ländern eine wahre Ständeordnung möglich.“ Herr Orel will nicht nur den Ausschluß der Juden au« der ärztlichen und Rechtsa n w a 11 s p r a x i s, aus Presse u n d Literatur uew., sondern er will uns wieder in ein Ghetto sperren. Neu ist dieser Gedanke gewiß nicht, und wenn dieses Ghetto Erez Israel heißen würde, so hätten wir auch nichts dagegen einzuwenden. Aber Herr Orel schweigt vollkommen über die Staatlichkeit dieses von ihm empfohlenen abgeschlossenen jüdischen Siedlungsgebietes und über die damit zusammenhängenden liechte, wie zum Beispiel der Steuerhoheit. Es ist kein ehrlicher Friede, den Herr Orel meint, sondern etwas ganz Eine Art jüdischer Strafkolonie, aus deren SteuerleistunTen Herr Orel für seine „Wahre Ständeordnung“ wahrscheinlich den großen Staatspreis für „Literatur“ erhalten eoll. Geschäft ist eben Geschäft uncl für Geschäftsantisemiten vom SchhiTo des Herrn Orel und seiner Vor- und Nachläufer sind ßo’che Krisenzeiten wie die letzten Jahre eben Hochkonjunktur. Jüdischer Angestelltenverband „Emunah“, I., Biberstraße 17. Mittwoch, den 9. d. M., J49 Uhr abends, modernor Französisch-Kurs (mit Schallplatten). Donnerstag, den 10. d. M., 8 Uhr abends, zweiter Vortrag über Verkaufstechnik und Reklame. Anmeldungen für den Esperanto-Kurs für Anfänger sowie Hebräisch (Konversation und Lektüre) werden an Wochentagen von 7 bis 9 Uhr abends ent» gegengenommen. Kinoprogramme der Woche Wollzeil" 10 Tel. R 24-216 mit Beruf in sozialer Entfaltung.“ ,,Beruf ißt die durch Befähigung und Neigung, aber auch durch äußere Lebonsumstände nahegelegte Beßtiimmung einee Menschen zu jener Lebensarbeit, die ihn als speziellen Leistungsträger im Kulturganzen charakterisiert, ihn befähigt, die Entfaltung seiner Persönlichkeitswerte arbeitsfreundig zu vollziehen und ordnungsgemäß den standesgemäßen Lebensunterhalt zu beschaffen haben.“ Vergleicht man die kristallklaren, präzisen und knappen Definitionen des römischen Rechte« mit dieser Begriffsverwirrung und diesem Schwall tönender Phrasen, so Tulenhwn \ ».».»« Im Kähmen de' Veramtalturg der W. I. Z. O. liest em Samitag, den 19. Jänner, 8 Uhr abends, RICHARD BFFR-HOFMANN aus eigenen sedrudten und ungedruckten Weden im Festsaale de* Induitrlehauses I., Schwarzenbe'golatz 4. Karten von S 2*50 bis S 7'* erhältlich Im Sekretariat der W. I. Z. O. 1, 1 diottennng 25, I. Stock Weltherrschaft.“ ,,Das Judentum sieht im absoluten Eigentum an allem Erdengut seine göttliche Auserwählung zur pfliebten- und schrankenlosen Weither schalt.“ „Die Erfüllung des Weltherrschaftstraumes des Essens vom Erkenntuisbaum ist ihm (dem Juden) mit Fanatismus erstrebtes pseudoreligiöses Nationalziel.“ Man kennt diese ekle Speise ßohon aus der Sudelküche, in der die „W e i 6 e n von Z i o n“ gebraut wurden. „Wo Naturrecht und christliche Moral vom Beruf reden, da sagt der Jude Geschäft, wo das christliche Naturrecht Arbeit sagt sagt der Jude Erwerb“ — wo oin Autor immer in der Einzahl „der Jude“ sagt, wie Hitler, Orel usw„ dort geht er von der bewußt falschen Voraussetzung aus, daß ein Jude dem anderen so gleicht wie ein neues Schillingstück dem anderen. Das bedeutet: Er verallgemeinert zu demagogischen Zwecken, um dem denkfaulen Pöbel, den er aufhetzen will, das Denken/ die Unterscheidung und Differenzierung zu ersparen. Herr Orel stellt fest, daß „sie nicht Juden sein und bleiben und zugleich der Lebens¬ und Kulturgemeinschaft der anderen, der arischen Völker, der Christen, teilhaft werden können.“ Hier ebenso wio an anderen Stollen dieses Kapitols, wo Herr Orel „v o n gefährlichen rassischen Erbkrankheitßstoffen“ spricht, schlägt im Denken ebenso wio in der Terminologie deutlich die nationalsozialistische Rasßenlohro durch, die zwar sohr gut zu Herrn Orel, aber unseres Wiesens sehr schlecht zum katholischen Dogma uncl zu einer „k a t h olisch-soziaion“ Runde paßt. Was hat Herr Orel nach alledem zur Lösung der sogenannten „J u d e n f r a g n“ zu sagen? „Wir sollten dem jüdischon Fromdvolk eigene jüdische Siedlungsgebiete zuweisen. Dort mögen die Juden ihron Acker bobauen und auf ihren Schulen und Universitäten jüdischo Geistigkeit pflogen. Sie mögen ihr Handwerk und ihre Fabriken auf ihrem Territorium betreiben, ihre Juristen sollon ihr jüd’aehes Rechtslebon regeln, ihre Ärzte ihre jüdischon Kranken heilen. Sie mögen untereinander Handel und Wucher, treiben nach eigenen Gesetzen, die sio sich KREUZ-KINO Uraufführung I Nit dem Tod um die Wette mit Tim Me. Boy Beginn: 4, °/»ß, */48. 1 /410 Uhr leopoidstddter Volkskino II. «(imnalernuaese 7a Telephon K 40-0-28 Vom 8. bis 10. Jännor 1035 Abschiedswalzer VVnchenlaas ‘Ml •/,», '/,IO Uhr. Sonn und lelertinrH '/,4 Uhl' Rochus-Kino 'ielephon ü lü-O-OS NEUES PROGRAMM Wochentag«; V*6, 7, 0 Uhr; Sonntags: '/■,<>, V,8, 0 Uhr V!., Mar'ahiiferstraüe 37 Telephon Ü 20-203 Vom 8. bis 10. Jännor 1035 SCHAFFER-KINO Vom 8. bis Pefer mit frimlika flaal, Hans Jaray Beginn : %4, ‘/4ß, */*8, 1 *10 Uhr 1X„ Porzelinngasse 19 Telephon A 18 0-76 Jttnnei 1035 Heimat-Kino Vom 8 bis K Fahrt In dfe Juaend mit Liane Haid, Thimlg, Leo Sfeiak Wochentag: f>. f. 9 Uht. Sonn u. I‘e nt. nl> H Uhr UotivpnrK-Kino IX., Wülirlngeratruße 12 Telephon A 18-8-96 Vom 11. bis 17. Jttnnei 1086 Viva Villa Täglich: 4, %6, 7.8* V410 Uhr