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Die Stimme · 1935-01-01 · Heft 413 (1.1.1935) · page 2

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Journal
Die Stimme
Volume
8 (1934-1935)
Issue
Heft 413 (1.1.1935)
Date
1935-01-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Sette Z Die STIMM! Nr. 413 — 1. Jänner 1935 sehen Land geht unbeirrt weiter. England hat die Pflicht Übernomen, uns zu helfen. Es versucht, aus der Wohltat eine Plage zu machen. Aber der jüdische Wille, die jüdische Zähigkeit, aus zwei Jahrtausenden Ghettolebens erwachsen, sind stärker. Dort wie hier ist es der Ungeist des Hasses, der diese zwei Jahrtausende des Ghettolebens fortsetzen will und sich noch nicht mit der großen Wandlung abfindet, die sich im Judentum vollzogen hat. Es war einstmals viel die Rede von der Mission, die dem Judenvolk auf erlebt ist — daß es die Völker lehren soll. Wir haben keine Mission, und wenn wir sie hätten, so hätten wir uns wahrlich als unfähige Lehrer erwiesen. Das jüdische Volk hat aber eine Mission für sich, und seit es dies eingesehen hat, ist ihm auch der Weg in die Freiheit lichter und klarer geworden. Wir bauen das jüdische Land, und dieses Werk ist schön. Es wird immer größer und am Ende des Jahres, das eben zurücktritt, ist das Hule- Land jüdisch geworden, iet neue Arbeit und Brot für 20.000 Menschen erstanden, ist die erste nationale Anleihe des jüdischen Volkes unter Dach gebracht worden, ein Beweis des Vertrauens in die wirtschaftliche Fähigkeit lind zugleich des Vertrauens in die politischn Kraft des Zionismus. Es gibt noch immer viele im Judentum, ‘die am Zionismus mäkeln, die ihm vorwerfen, daß er die Judenfrage nicht lösen kann, und die in Südamerika und in Südafrika und in Angola und in Madagaskar Territorien suchen. Wir weichen keiner Kritik aus, wir haben keine Scheuklappen und wir wissen so gut wie alle anderen, daß Palästina nicht 17 Millionen Juden aufnehmen kann. Aber es gibt rings um Palästina Länder, die noch geöffnet werden können und die Vorgänge in Europa arbeiten für diese Forderung des Zionismus und e® tun sich sehr weite Möglichkeiten auf im Zusammenhang mit dem ununterbrochenem Wachstum der jüdischen Siedlung in Palästina. Alle Theorien der Assimilation sind in sich zusammengebrochen und die zionistische Idee ist die einzige geblieben, die sich schon bewährt hat, indem sie in dem Zeitraum, in dem die europäischen Politiker an Giftgas und Maschinengewehr denken, 300.000 Menschen zum Boden der Väter zurückgeführt und fest verwurzelt hat. Wir lösen vielleicht nicht die Judenfrage, weil man die Frage eines Volkes überhaupt nicht lösen kann, die täglich anders aussieht. Aber wir gehen den Weg zur Lösung, zur Errichtung eines Staates der jüdischen Freiheit, der jüdischen Macht, die einmal jeden Juden auf der Welt unter starken Schutz wird nehmen können. Man kann uns nicht mehr davon abbringen. Wir halten Palästina fest, wir machen es jüdisch, und wir streben unserem Ziele zu, unbeirrt durch Schikanen einiger englischer Kolonialoffiziere, unbeirrt durch die unbelehrbaren Assimilanten, die doch nur Phantasten bleiben, rari nantes in gurg'te vasto, einsame Schwimmer auf dem Strudel. Sie reden, ja sie bewisen die Illusion. Wir arbeiten. Das jüdische Volk denkt in Jahrhunderten. Ein Jahr ist nichts. Zu neuen Ufern lock ein neuer Tag. Wird Herzl nach Palästina überführt werden? Warschau, 28. Dezember. (2. T. A.) Die polnische Schiffsgesellschaft „Gdynia- America Line“ machte dem früheren Senator Dr. Ringel, Präsidenten der Kommission für die Überführung der sterblichen Reste Theodor Herzls nach Palästina, das Angebot, die Überführung mittels ihres Dampfers „Polonia“ vorzunehmen und den Dampfer aus diesem Anlaß entsprechend einzurichten und zu dekorieren. Sollte dieses Angebot von der Kommission und der Zionistischen Exekutive akzeptiert werden, dann dürfte die Überführung Mitte März 1935 vor sich gehen; Herzls Gebeine würden von Wien nach Warschau und von da nach dem rumänischen Hafen Constanza mit Eisenbahn gebracht und von Constanza mit der „Polonia“ nach Palästina weiterbefördert werden. Der Weg würde durch mehrere wichtige jüdische Zentren führen, wo der jüdischem Bevölkerung Gelegenheit gegeben werden soll, dem Begründer des politischen Zionismus und dem Schöpfer der Zionistischen Organisation ihre Ehrung zu erweaen, Die Jüdische Minderheit in Litauen Wie in anderen Ländern ist auch in Litauen ein „Antisemitismus auf Gummisohlen“ am Werk. Die jüdischen Gewerbetreibenden, Kaufleute, Intelligenzler usw. werden durch mehr oder minder harten Zwang, durch einen schleichenden Boykott und durch eine listige Gesetzgebung aus ihren Positionen verdrängt und dem Ruin preisgegeben. Selbstverständlich weiß die Regierung nichts über diesen Prozeß und wenn sie darüber befragt wird, so findet sie nichts Auffälliges. Die I. T. A. berichtet über eine Unterredung ihres Vertreters in Kowno mit dem Innenminister Oberst S u s t e i k a das folgende: Der Minister sagte: Die Beziehungen zwischen Litauern und Juden sind traditionell freundschaftlich, etwa entstehende Mißverständnisse werden gleich zu Beginn durch die Regierung aus der Welt geschafft. Beim Streben der litauischen Bevölkerung, in die verschiedensten Zweige des Wirtschaftslebens einzudringen, ereignen sich jedoch oft Reibungen mit jüdischen Gruppen, die ihre beherrschenden wirtschaftlichen Positionen behalten wollen. Diese Reibungen seien aber nicht allzu scharf. Mehr negative Beziehung ruft bei der litauischen Bevölkerung das Festhalten gewisser jüdischer Intelligenzkreise an russischer Kultur und Sprache hervor. Seit einiger Zeit aber ist in der jüdischen Gesellschaft ein Streben bemerkbar, sich der litauischen Kultur zu nähern und die litauische Sprache zu erlernen. So haben die Juden auf eigene Initiative letztens ein Gymnasium mit litauischer Unterrichtssprache gegründet. SUCHI Fräulein oder Frau, 30—35 Jahre, aus gutem Hause, mit entsprechender Mitgift, zwecks Ehe für Palästina. Bin selbständiger Tischlermeister mit Zertifikat. Unter „Palästina“ an die Verwaltung. Zur Frage der Ausschließung der Juden aus verschiedenen ökonomischen Gebieten in Litauen erklärte der Minister, die II egic r u n g mische sich nicht in F ä 11 e e i n, in denen zum Beispiel der Privatexportcur nicht in der Lage ist, sich den Forderungen des ausländischen Absatzmarktes anzupassen. Weder die jüdischen, noch andere Kaufmannskreise leiden unter Regierungsmaßnahmen auf diesem Felde. Der Minister erklärte, daß die antisemitische Organisation „Werslininkas“ keine Subs i d i e von der Regierung erhält. Es sei erklärlich, daß die Litauer unter ihren Volksgenossen eine Werbearbeit für deren Zuführung zu Handwerk, Handel usw. führen. Die Regierung könne eine solche Propaganda nicht hindern, sie wache aber darüber, daß diese Arbeit im Rahmen der Gesetze geführt wird. Auf die Frage, warum die Schulen d i e jüdischen Jugendorganisationen geschlossen wurden, erklärte der Minister, es seien lediglich die Hachscharah- Kibbuzim für die Dauer eines Jahres geschlossen worden, weil bei denselben unnormale Bedingungen geherrscht haben und die Chaluzim für allzu billige Löhne arbeiteten. Die Regierung habe selbstverständlich gegen die Übersiedlung von Juden nach Palästina nicht einzuwenden und sie wünsche den Palästina-Wanderern guten Erfolg in der Aufbauarbeit; sie hindere auch nicht die Auswanderer, ihr Kapital nach Palästina zu bringen. Was die allzu geringe Zahl der neuaufgenommenen Juden an der litauischen Staatsuniversität betrifft, so erklärte der Minister, im Herbstsemester 1934 wurden in den ersten Kurs der medizinischen Fakultät zwölf Juden aufgenommen, sieben Juden besuchten den zweiten Jahrgang der Fakultät, das sind 19 Juden unter 227 Medizinstudenten, als 8%. Es herrscht, schloß der Minister, an den Hochschulen eine allgemeine Tendenz, die Studentenzahl von Jahr zu Jahr zu verkleinern. Die jüdischen Gemeinden gehen leer aus Im Bundesgesetzblatt Nr. 430 ist das Bundesfinanzgesetz für das Jahr 1935 erschienen. Im Kapitel „K u 11 u s“ finden wir folgende bemerkenswerte Auegabenziffern: Katholischer Kultus S 14.921.400 (gegenüber S 14,645.000 im Jahre 1934). Evangelischer Kultus S 572 700 (gegenüber S 566.800 im Jahre 1934). Sonstige Kultusausgaben S 14.600 (gegenüber S 10.600 im Jahre 1934). Diese nüchternen Ziffern sprechen Bände. Wir haben nichts dagegen einzuwenden, daß der Katholische und Evangelische Klerus aus Staatsmitteln dotiert wird. Es ist aber nach unserer Meinung nicht angängig, daß auch in diesem Jahre die Israelitische Kultusgemeinde aus Staatsmitteln nicht gefördert wird. Die Israelitische Kultusgemeinde Wien entlastet das staatliche und städtische Budget dadurch, daß e« Millionenbeträge für Fürsorge, Spital und Unterricht aufbringt. Es wäre daher nur recht und billig, wenn die österreichische Bundesregierung endlich die Versprechungen einlösen würde, die von zahlreichen Bundeskanzlern gemacht wurden. Das Budget des Bundesstaates Österreich sieht Gesamtausgaben von S 1.297,824.300 vor, und es muß im Rahmen dieses Budgets die Möglichkeit bestehen, für eine entsprechende Dotierung der Kultusgemeinden Vorsorge zu treffen, um so mehr als dadurch die von den maßgebenden Stellen wiederholt verkündete und in der Verfassung verankerte Gleichberechtigung am besten Ausdruck finden würde. Dio berufenen Vertreter der Wiener Judenschaft werden jedenfalls, wie dies der Vizepräsident der Wiener jüdischen Gemeinde, Dr. Löwenherz, gelegentlich der Budgetdebatte erklärte, mit Nachdruck auch weiterhin die Forderung vertreten, daß es Pflicht des Staates ist, einen entsprechenden Beitrag zur Erhaltung der Institutionen der jüdischem Gemeinden zu leisten, Die Übernahme des Direktors Dr• Kellner in den Bundeslehrerdienst Von unterrichteter Seite wird uns geschrieben: Die mit 1. Dezember vollzogene Übernahme des Direktors des Chajes-Realgymnasiums Professor Dr. Viktor K e 11n e r in den Bundesdienst darf als erfreulicher Beweis der Förderung dieser infolge ihrer hohen Frequenz als Bedürfnis empfundenen und ihrer von den Schulbehörden jederzeit anerkannten Leistunoen bewährten Bildungsanstalt durch das Unterrichtsministerium, somit durch die Bundesregierung gewertet werden. Sie ist dem unmittelbaren Eingreifen des Staatssekretärs für Unterricht Dr. Pernter zu danken. Die trotz der namhaften Subvention der Kultusgemoinde, der Schulgeldleistungon der Eltern, der Beiträge der Vereinsmitglieder und Spenden privater Gönner großen materiellen Schwierigkeiten der Anstalt, zu denen noch die mit den Mitteln .des Erhalters der Anstalt, des Vereines „Chaj es-Realgymnasium“, nicht zu bewältigenden Raumfragen kommen, veranlagte den Präsidenten des Kuratoriums des genannten Vereines, Hofrat Professor Dr. Frankfurts r, mit dem Direktor Dr. K e 11 n o r beim Staatssekretär vorzusprechen, um persönlich für dio in einem Memorandum unter Darlegung der Verhältnisse vorgebrach ton zwei Wünsche: 1. Übernahme von Lehrern in den Bundosdienst und 2. Zuweisung eines geeigneten Schulgebäudes in passender Lage, einzutreten. Staatssekretär Dr. Perntor zeigte nicht nur überaus entgegenkommendes, verständnisvolles und tatkräftiges Wohlwollen, sondern ließ auch seiner Zusage die Tat folgen, indem der Stadtschulrat kurzfristig beauftragt wurde, den berechtigten Wünschen, für deren Erfüllung in der neuen Verfassung und im Konkordat dio Voraussetzung gegeben ist, Rechnung zu tragen. Als ganz besonderes Entgegenkommen darf die Übernahme des Direktors, dio sich für den Verein am meisten auswirkt, bezeichnet werden. Es steht zu hoffen, daß auch der zweite Wunsch, dio Beschaffung eines geeigneten Schulgebäude^ ki absehbarer Zeit ihre befriedigende Erfüllung zum Nutzen der Anstalt finden wird. Die Schwarzwaldschulen unter dem Weihnachtsbaum In keiner einzigen Bundesmittelschule hat, unseres Wissens, eine Weihnachtsfeier stattgefunden. Nur ausgerechnet die Schulen der konfessionslosen Frau Schw a r z w a 1 d sahen sich bemüßigt, ihre Schülerinnen unter dem Weihnachtsbaum zu versammeln. Würde es sich um eine ausschließlich für christliche Kinder veranstaltete Feier handeln, so würden wir selbstverständlich dagegen nichts einzuwenden haben. Die Schwarzwaldschulen werden aber bekanntlich zu fast 90% von jüdischen Kindern besucht. Seit Wochen wurden die Unterrichtsstunden mit Zeichnen von Weihnachtsbäumen, Aufsätzen über Weihnachten und der Sammeltätigkeit für die Bescherung ausgefiillt. Daran mußten sich natürlich die jüdischen Kinder beteiligen. Das alles findet offenbar Frau Dr. Schwarzwald als höchst pädagogisch und es gibt noch immer jüdische Eltern, die sich das gefallen lassen, ja sogar ihre Kinder zur Weihnachtsfeier schicken. In diesem Zusammenhang seien uns aber auch einige Fragen an den Religionslehrer der Anstalt, Herrn T a g 1 i c b t, gestattet: Warum lassen Sie es zu, daß die jüdischen Kinder an Weihnachtsfeiern teiinehmen? Warum haben Sie nicht den jüdischen Kindern verboten, hinzugehen? Warum haben Sie nicht für die jüdischen Kinder eine Ohanukkahfeier veranstaltet? Was sagt übrigens Herr Inspektor R edisch dazu? WIR BERATEN SIE . N ALLEN BAU- UND GRUNDSTUCK- ANGELEGENHEITEN FOR PALÄSTINA DURCH UNSER BORO IN WIEN UND HAIFA AUSKUNFT UNTER „ARCHITEKTU R-B 0 R O" AN DIE REDAKTION DER „STIMME" Österreichische Völkerbundliga gegen antisemitische Druckschriften Bei Drucklegung des Blatte® erfahren, wir, daß die österreichische Völkerbund- Liga in Angelegenheit der Druckschrift „Kenn dich aus ..an Bundeskanzler Dr. Schuschnigg die folgende Eingabe gerichtet hat: Wien, den 24. Dezember 1934. Sr. Exzellenz Herrn Bundeskanzler Dr. Kurt von Schuschnigg Euer Exzellenz! Wir erlauben uns die Aufmerksamkeit Euer Exzellenz auf eine Druckschrift zu lenken, die geeignet ist, das Ansehen Österreichs im Auslande, besonders aber in den Völkerbundstaaten zu gefährden. Es Ist dies die Druckschrift „Kenn dich aus“, herausgegeben von Ludwig Habermann, Wien, X„ Riepeigasse 2. Die Druckschrift enthält die Namen der Geschäftsinhaber der Mariahilferstraße. Die rot angeführten Firmen bezeichnen die jüdischen Inhaber, die schwarz gedruckten die arischen und die mit einem roten Punkt versehenen jene Geschäfte, deren Besitz sich nur teilweise in jüdischen Händen befindet. Die Absicht, die mit dieser Druckschrift verfolgt wird, steht im flagranten Gegensatz mit dem Geiste der neuen österreichischen Verfassung und weiters in Widerspruch mit dem gesetzlich gewährleisteten Schutz der auf dem Bundesgebiet Österreich wohnenden Minderheiten. Die Duldung solcher Druckschriften bringt uns in Gefahr, die Sympathien des Auslandes zu verlieren, da leicht die Meinung entstehen kann, als würden wir die allseits abgelehnten und verurteilten Methoden eines Nachbarstaates nachahmen. Derartige Druckschriften sind auch weiters geeignet, unsere Wirtschaft zu beunruhigen und die große Aufbauarbeit der hohen Bundesregierung zu erschweren. Wir erlauben uns daher, Euer Exzellenz ergebenst zu bitten, die erforderlichen Schritte anzuordnen, um diese Druckschrift zu verbieten, die unter dem Deckmantel nationaler Wohlfahrt ein rein geschäftliches Interesse verfolgt. Wollen Euer Exzellenz den Ausdruck unserer besonderen Verehrung und Ergebenheit genehmigen. Der Präsident: C. Dumba. Botschafter a. D.

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