Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 412 (28.12.1934)
- Date
- 1934-12-28
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 412 — 28. Dezember 1034 DIE STIMME m Sette 7 Direktor Prof. Dr. Viktor Keitner, der Direktor des Chajes-Realgymnasiums in Wien, ist, wie wir erfahren, am 1. Dezember in den Bundcslehrerdienst unter Belassung auf seiner bisherigen Wirkungsstätte übernommen worden. Wir beglUekwünschen Direktor Prof. Kellner und die Anstalt des Chnjcs-Realgymnasiums zu dieser Ernennung ihres Leiters, da sie zweifellos eine beachtenswerte Anerkennung des rein jüdischen Gymnasiums durch die leitenden Schulfaktoren der Stadt Wien bedeutet. Eröffnung des neuen W zo-Helmes Vor einem illustren Publikum — unter den zahlreichen Festgästen sah man Oberrabbiner Dr. David Fe u c h t w a n g, den Vizepräsidenten des Zionistischen Landcskomi tees Dr. Paul B e r g e r, den Vizepräsidenten der Kultusgemeinde Dr. Josef Löwe nh e r z, den Rat der Stadt Wien Dr. Jakob Ehrlich, Kultuevorsteher Dr. K1 a b e r, Regierungsrat Fuchsgelb — wurde am Samstag, den 22. d., das neue Klubhoim der „Wizo“ im 1. Bezirk, Schottenring 25, mit einer schlichten, aber eindrucksvollen Feier eröffnet. Die Präsidentin der „Wizo“ Österreich, Frau Sophie L ö w e n h e r z, begrüßte die Fcstgäste und wies in einer überaus gehaltvollen Ansprache auf die Bedeutung des neuen Heimes hin. Das neue Klubheim der „Wizo“, führte Frau Löwenherz aus, stelle einen Versuch dar, in Wien ein jüdisches Kulturzentrum für die jüdische Frau zu schaffen. Durch Vorträge und Kurse soll es ermöglicht werden, den Wiener jüdischen Frauen die Schätze der jüdischen Vergangenheit zu vermitteln und sie der Palästina-Arbeit, wie sie von der „Wizo“ geleistet wird, näherzubringen. Das neue Heim soll die Solidarität aller jüdischen Frauen bekunden, an der geistigen Wiedergeburt des jüdischen Volkes tätigen Anteil zu nehmen. Mit Genugtuung stellt Frau Präsidentin Löwenherz fest, daß die „Wizo“ als einzige zionistische Körperschaft in der Weltorganisation bisnun glücklicherweise von Parteienbader und Kampf verschont geblieben ist. Dieses Bewußtsein gibt der „Wizo“ die Kraft und den Mut, weiter im bisherigen Sinne zu arbeiten und alle jüdischen Frauen der Orientierung Palästinas zuzuführen. Nach der mit großem Beifall aufgenommenen Ansprache der Präsidentin Frau Löwenherz ergriff Oberrabbiner Dr. Feuchtwang das Wort zu einer überaus herzlichen Beglückwünschung der „Wizo“ und insbesondere ihrer Präsidentin Frau Löwenherz zu dem neuen Werk. In gedankenreicher Analogie wies der Oberrabbiner auf die außerordentliche Bedeutung der jüdischen Frauenarbeit in Vergangenheit und Gegenwart hin und gab seiner besonderen Freude und Genugtuung Ausdruck, daß die Eröffnung des „Wizo“-IIeimes nunmehr die dritte Einweihung eines zionistischen Heimes in Wien innerhalb einer ganz kurzen Spanne Zeit sei. Vizepräsident des Zionistischen Landeskomitees Dr. Paul Berger überbrachte die Glückwünsche namens des Landesverbandes und des am Erscheinen verhinderten Präsidenten Dr. Oskar G r ii nbaum. Nachdem noch die Vizepräsidentin der „Wizo“ und des Zionistischen Landeskomitees, Frau Sabine P a ß w e g, in einer kurzen herzlichen Ansprache an die Präsidentin Frau Löwenherz den Dank der „Wizo“ durch Überreichung des Diploms ihrer Eintragung ins Goldene Buch des Jüdischen Nationalfonds zum Ausdruck gebracht und eine Vertreterin der „Jung- Wizo“ namens ihrer Gruppe die Glückwünsche vermittelt hatten, folgte der künstlerische Teil des Abends. Diesen bestritten mit großem Erfolg Frau Dr. Martha Hofmann durch Vortrag ihrer reizenden Palästina-Romanzen und -gedichte, Frau Hilda D u 1 i t l k a j a mit ihren stets gorn gehörten jüdischen und hebräischen Volksliedern und schließlich Professor Joachim Stutschewsky mit einem schönen Cellovortrag. Die Hatikwah beschloß die kurze, aber eindruckvolle Eröffnungsfeier. In den von Architekt Gerhard Karplus überaus geschmackvoll und künstlerisch ausgeführten neuen Räumen hat die Wiener „Wizo“ ein wirklich reizendes Heim gefunden. Das jüdische Wien ist'um ein schönes jüdisches Zentrum reicher geworden. r. Tßeaier * Kunsi!lllllllllllllllllllllllllli!ll!llllllllll!llll!llll!ll!l Aäetf v. Softftentitid Zum 100. Geburtstag des berühmten Schauspielers am Wiener Burgtheater Aus Anlaß des 100. Geburtstages Adolf von S o n n e n t h a 1 s, der, im Budapester Ghetto geboren, mit 27 Jahren an das Burgtheater kam und hier, an der größten deutschen Bühne, in einer in der Theatergeschichte wohl einzig dastehenden Art fast ein halbes Jahrhundert lang wirkte, bringen wir den folgenden Brief des größten jüdischen Schauspielers an den großen Wiener Theaterkritiker Ludwig Speidel. Der Brief, den wir dem soeben erschienenen Buch „Juden und Judentum in deutschen Briefen aus drei Jahrhunderte n“, herausgegeben von Franz Kob ler (Saturn-Verlag, Wien), entnehmen, zeigt deutlich, wie bei Sonnenthal trotz Täuschendster Erfolge — als äußere Etappen seines einzigartigen, schnellen Aufstieges seien nur erwähnt: Schauspieler, Regisseur, Oberregisseur und schließlich die Erhebung in den Ritterstand durch Kaiser Franz Josef — das Judentum und Judesei.n zeitlebens lebendig geblieben sind. Mit Recht sah und bewunderte die Judcnsohaft in Sonnenthal den Sprecher und Deuter ihrer Ideale. Er war nicht nur der beste „Nathan“-Darsteller, er war die Inkarnation des Nathan selbst. S&HneHtkal oh XudwtCf. Speidel Riga, 10. April 1889. Teuerster Freund! Hat Sie meine Depesche überrascht oder wußten Sie davon, daß die „Heue Freie Presse“ an die hiesige Rigasche Zeitung ein Ttlegramm gesendet, in welchem sie anf rafft, ob es wahr sei, daß ich als Österreich er ausgeioiesen wurde. Die Rigasche Zeitung konnte nicht anworten, denn sie gehört hier zu den „Gemaßr eg eiten“, und ihre Depesche wäre sicherlich inhibiert worden; sie bat mich also zu antworten, aber nicht an die Zeitung selbst, weil sonst meine Depesche dasselbe Schicksal erlebt hätte, sondern privatim, und so erlaubte ich mir, mich direkt an Sie zu wenden. Nun, die Sache ist richtig, aber die Ursache ist eine andere. Nachdem ich bereits dreimal gespielt hatte, kämmen eines Morgens — welche Ironie! ich probierte gerade den Uriel — ein Polizeihauptmann und Polizeileutnant auf die Bühne, vom Polizeimeister abgesendet, mit dem Aufträge, mich zu fragen, welcher Religion ich sei. Nun mußte dies aber der Polizeimeister ja gewußt haben, denn gleich bei meiner Ankunft hier wurde mir der Meldezettel vor gelegt, auf welchem ich unter der Rubrik „Konfession“ mit großen, deutlichen Lettern „J u d e“ setzte. Denn ich besitze die Schioäche, mich dessen nicht zu schämen. Die beiden Polizeibeamten, die mich auszuforschen hatten, mochten wohl das Entwürdigende ihres Auftrages gefühlt haben, denn sie schämten sich, mich selbst zu fragen, sondern wendeten sich an den Regisseur. Dieser gab ihnen die Auskunft, daß ich Jude sei, ivorauf sie erwiderten, daß ich in diesem Falle ohne spezielle Erlaubnis mich nicht in Riga auf halten dürfe. Mir wurde der Zwischenfall vorläufig verschwiegen, und die Direktion des Theaters, die durch mein plötzliches Abbrechen zu bedeutendem Schaden gekommen wäre — worauf es, wie ich nachträglich erfuhr, im Grunde abgesehen war —, wendete sich sofort an den hiesigen österreichischen Konsul, Herrn Lübeck, der in loyalster, licbensicürdigster Weise die Sache nach Petersburg berichtete, von wo noch denselben Abend folgende Depesche eintraf: „An Polizeimeister ergeht heute telegraphischer Befehl des Ministers des Innern, wonach Herrn Sonnenthals Aufenthalt in Riga bewilligt wird, österreichische Botschaft.“ Als dies geschehen war, wurde mir erst der Vorfall berichtet. Im ersten Augenblick war ich starr — ich wußte nicht, sollte ich lachen, sollte ich weinen —, zufällig las ich einen Tag zuvor im Feuilleton der „Neuen Freien Presse„Padre Agostino“ mit den einleitenden Worten über unser Jahrhundert! Ich rekapitulierte im Geiste diese Zeilen und beruhigte mich einigermaßen. Ja, wir leben im neunzehnten Jahrhundert, im Jahrhundert der Aufklärung! Man rüstet Schiffe aus zur Befreiung der Negersklaven am Kongo, und im Herzen Europas weist man einen Menschen aus, ireil er ein Jude ist! Grüßen Sie mir herzlichst die Ihrigen und seien Sie selbst innigst umarmt von Ihrem treuergebenen A. Sonnenthal. den das Ensemble der „Jüdischen Künstlerspiele“ letzten Donnerstag veranstaltete, war in jeder Beziehung ein großer Erfolg. Wie wir erfahren, war auch das materielle Ergebnis des Abends, dank der Selbstlosigkeit, mit der sich die jüdischen Künstler für den edlen Zweck zur Verfügung stellten, ein beträchtliches. Mehr als das aber mag vielleicht dem so schwer heimgesuchten Schauspieler Josef Kamen, an dem am folgenden Tage die schwere Beinamputation vorgenommen wurde, einigermaßen Trost in den schwersten Stunden seines Lebens bedeuten, daß sich in Wien, wenige Stunden vor der Operation, im Gedenken an ihn die jüdische Künstlerschaft und ein überaus zahlreiches jüdisches Publikum vereinigt haben, um ihm so den Dank unid Tribut für die vielen, vielen genußreichen Stunden, die Kamen uns allen einst geboten, zu zollen. Die Darbietungen, die im Rahmen eines „Bunten Abends“ vor sich gingen, standen durchwegs auf hohem künstlerischem Niveau. Sie wurden eingeleitet durch den vom gesamten Ensemble der Siegler-Truppe überaus flott und stimmungsvoll gespielten zweiten Akt der Komödie „Eine Komödiantin“, in der wieder das übersohäumende Theatertemperament der Frau Sevilla Pastor dominierte. Der Regisseur der Wilnaer Truppe, der Bruder Kamens, .Alex Stein, brachte voll Ergriffenheit zwei Gedichte zum Vortrag. In dem Gedieht „Kinder“ hörte man förmlich den dumpfen Aufschrei, der sich der Seele des Proletarierkindes entringt. Bei beiden Gedichten fühlte man mit Stein den inneren Schmerz und die gänzliche innere Aufgelöstheit des mit-leidenden Bruders. Frau Betty K a m a y überraschte mit ihren Tanzdarbietungen. Die junge Künstlerin verdient um so mehr Anerkennung und Aufmunterung, da sie sich ihre Sache durchaus nicht leicht machte und die schwersten, an höchste Kunstakrobatiik grenzenden Tänze für ihr Programm aussuchte. Frau Hilda Dulitzkaja erntete, wie immer, stanken Beifall für ihre jüdischen und hebräischen Volkslieder. Den Schluß bildete der mystische Tanz aus der Komödie „M a s e 11 o w“, getanzt von Frau Sevilla Pastor. Frau Pastor tanzte, nein, schwebte, losgelöst von allem Irdischen, wie in Zwiesprache mit Gott, diesen „Maseltow-Tanz“, eines von der Umwelt verlachten und verkannten Einsamen. Ergreifend dieser Tanz! Eine solche Gestalt konnte nur von einem Granovsky oder einem Josef Kamen in seinem unvergeßlichen „H e r s c h e 1 e O s t r o p o 1 e r“ auf die Bühne gebracht werden. Es konnte kein schönerer, kein würdigerer Abschluß des Abends sein. Bravo, Sevilla! j. r. Jüdische Künstlerspiele. Gastspiel der Bukarester jüdischen Komödie mit Sevilla Pastor und Erna Siegler. Von Freitag, 28., bis inklusive Sonntag, den 30. Dezember (nachmittags und abends „F y n K a s r i 1. i w k e bis New York“, Lachsciblager in 3 Akten, Text von Sigel, Musik von Sekunde. Montag, 31. Dezember, „Das importierte Wabe 1“ Komödie in 3 Akte von Richter. — „Die A s i v e fin Chelm“ — Fußballmatch Sevilla Pastor kontra Publikum und Solovorträge. Dienstag 1. Jänner 1935, „Der B a b e s J e r i s c h e . Mittwoch, den 2. Jänner, und Donnerstag, den 3. Jänner, „Hulie IC a b t z e n“. Sondervorstellung im Theater-Reklame. Mittwoch, den 16. Jänner 1935, findet eine Sondervorstellung unter Mitwirkung der beliebten Soubretto Sevilla Pastor, der Primadonna Erna Siieglor sowie des gesamten Ensembles etatt. Karten im Vorverkauf: Grünberg, Cafe National, II., Taborstraße 18, und Zuckermann, vegetarische Küche, II., liotenstemgasse 14. Gustav Pedurs Debüt an der Volksoper, über da« wir bereite in unserer letzten Nummer kurz berichteten, hat dem jungen Künstler einen schönen Erfolg gebracht. Die gesamte Wiener Musikkritik spricht sich lobend über die schönen stimmlichen Qualitäten und die gediegene Schulung Peduns aus. Es wird allgemein die hohe Gesang skultur des jugendlichen Tenors hervorgehoben, die ihm noch schöne Erfolge bringen wird. Der aufstrebende Sänge hat mit seinem Debüt als Linker ton in der neuinszenierten „Butterfly“ sich das Entreebillett für das Opernhaus gesichert. Gustav Pedur soll demnächst in einer weiteren tragenden Rolle in der Volksoper singen. Man darf auf die weitere Entwicklung des jungen Künstlers gespannt sein. ttUuc JÜeüeon&HH ecndUcU erkrankt Professor Max Liebermann, der große jüdische Maler, früher langjähriger Präsident der Preussisohen Akademie der Künste, dem man aber ziuletzt als Juden die Ausübung seines Berufes untersagt hat, ist ernstlich erkrankt. Er ißt 87 Jahre alt. Professor Isay. StUür 60 fahre’ Am 10. Jänner 1935 vollendet der Mathematiker und Ordinarius der Berliner Unisität Prof. Isay Schur sein 60. Lebensjahr. Lsay Schur ist ein Algebraiker von Weltruf, der auf dem Geibiete der Zahlentheorien nicht nur Hervorragendes geleistet hat, sondern a-uoh die allgemeine Anerkennung der mathematischen Wissenschaft genießt. Nach dem Sieg Hitlers wurde er zuerst beurlaubt, bald aber wieder zurück berufen und doziert nach wie vor an der Berliner Universität, Autounfall Dr. Paul Baratoffs Der bekannte jüdische Tragöde Dr. Paul Baratoff (Ben Zwi), der gegenwärtig in Litauen eine Gastspieltoumee absolviert, erlitt dort einen AuitounfaR. Dr. Baratoff trug Verletzungen an Gesiebt und Händen davon und wurde ins jüdische Spital nach Klaipeda überführt. Seine Partnerin, Rachel Berger, die mit ihm im Wagen fuhr, blieb unverletzt« Die Rambamfeiern in Wien In der am 15. Dezember 1934 unten dem Vorsitz dies Herrn Oberräbbiners Dr. Feuchtwang stattgehäbten zweiw ten Plenarsitzung des erweiterten Maimo-i nideskomitees wurden nach Anhörung der, Berichterstatter der fünf Subkommis« sionen nachstehende Beschlüsse gefaßt! Der Mamondidesmonat wird für die Zeit vom 4. April bis 4. Mai proklamiert« In diesem Monat werden Rambamfeiern in allen jüdischen Korporationen', Verbänden, Vereinen, Anstalten, zionistischen Sektionen, Jugendigruppen usw. veranstaltet. Hierüber wenden besondere Zirkulare mit Instruktionen rechtzeitig zuii Aussendung gelangen. Zwei Hauptveranstaltiungen für Erwachsene und die Jugend werden am 20. April und am 27. April 1934 stattfinden. Die erste im Großen: Musikvereüimssaal unter Mitwirkung des jüdischen Gesangvereines, des Orchesters des. Bundes jüdischer Frontsoldaten, des Wiener Kantorenvernbanides, wobei Herr Oberrabbtiner Dr. F e u c h t w a n g die deutsche Festrede und Herr Dr. Roth bl um die hebräische Ansprache halten werden, Diie zweite unter Mitwirkung derselben Künstlervereiniigungen und zweier Redner (deutsch und hebräisch) für die Jugend im Leopoldstädter großen Tempel. In allen Tempeln und Synagogen und sonstigen Bethäusern seilen am ersten Tage des Passahfestes Predigten über MaimonMels gehalten werden. Die Religionslehrer haben im zweiten Semester des Schuljahres 1934/35 in den öffentlichen Schulen über Maimon-ides vorzutragen. Außerdem sollen zwei Exhorten über Maimonides stattfinden. Die israelitische theologische Lehranstalt in Wien veröffentlicht im nächsten Jahresbericht wissenschaftliche Abhandlungen: über den Rainbam. Eine populäre Broschüre über Maimonides wird in großer Auflage veröffentlicht. Als Verfasser wurde de® Schriftsteller Max Brod bestimmt.