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Die Stimme · 1934-12-28 · Heft 412 (28.12.1934) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
8 (1934-1935)
Issue
Heft 412 (28.12.1934)
Date
1934-12-28
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 412 — 28. Dezember 1934 DIE STIMME Seite 5 Riedls Gfe de Ifuro’p AM STEPHANSPLATZ HEUTE SAMSTAG ERÖFFNET Dr. Ehrlidis Rede in der Wiener Biirgersdiaft Revision der Gewerbescheinei Wir halben kurz berichtet, daß Doktor Jakob Ehrlich, Rat der Stadt Wien, bei der am 21. Dezember durohgeführten Budgetverhanidhing der Wiener Bürgerschaft das Wort ergriffen hat, um den Standpunkt der jüdischen Einwohnerschaft zu zeichnen. Amtlich wird hierüber miitgeteilt: Erklärungen Dr. Ehrlichs Rat Dr. Ehrlich bittet um Nachsicht, wenn er den Rahmen der Debatte überschreiten werde. Der Bürgermeister hat in seiner ersten Rede in der Wiener Bürgerschaft auf den c h r i s 11 i ch-deutschen Charakter des Bundesstaates und der Bundeshauptstadt hingewiesen. Niemand kann bestreiten, daß die erdrückende Mehrheit der Bevölkerung im Bundesstaat und in der Bundeshauptstadt christlich und deutsch ist, weshalb au eh der Mehrheit nicht das Recht abgesprocheu werden kann, das Verfassungsileben nach der christlichen und deutschen Weltanschauung einzurichten, wenn sie es so für gut findet. Jede kulturelle Gemeinschaft, die nicht der christlich-deutschen angehört, und so auch die jüdische Minderheit, wird sich in das neue Verfassungsleben in aufrichtiger Loyalität und williger Bereitschaft zur Mitarbeit eingliedern können, wenn man unter deutsch nicht jenen, nicht auf österreichischem Boden gewachsenen Rassendünkel versteht, und wenn unter christlich, wie auf der ganzen Welt, wahres Christentum verstanden wird. Redner verweist auf den Schutz der Minderheiten, der auch in unserer Verfassung verankert sei. Die Minderheit kann auch unter der Herrschaft des christlich-deutschen Staatsgedankems die uneingeschränkte Anerkennung ihrer bürgerlichen Gleichberechtigung auch in der Stadtverwaltung, und die Respektierung und Förderung ihres eigenen kulturellen Lebens beanspruchen. Werden diese Grundsätze eingobalten, so ist die Voraussetzung für ein friedliches und ruhiges Zusammenleben und Zusammenarbeiten an den Aufgaben des Staates und der Stadt Wien gegeben. Eine Mitarbeit, ziu der jeder Bürger verpflichtet, aber auch berechtigt ist. Redner verweist auf Artikel 181 der Bundesverfassung, wonach Minderheiten von den Beträgen, die im Budget für öffentliche Erziehung und für Wohltätigkeitszwecke auf scheinen, ein angemessener Teil gesichert wird und nimmt von diesem Gesichtspunkt aus mm Voranschlag Stellung. Die Lage der Wiener Judenschaft ist derart, daß sie außerstande ist, auf diese Unterstützung zu verzichten. Durch ihre Befürsorgunig entlastet die Kultu'Sgemeinde in sehr merklicher Weise den Haushalt der Stadt Wien und es ist nur ein Gebot der G e r e c h t i gk e i t, daß ihr ein Teil der Kosten rüokerstattet werde. Redner verweist auch auf die mißliche Lage des Spitals der Israelitischen Kultusgemeinde, das nicht nur jüdischen Kranken Aufnahme gewährt, sondern auch christlichen. Auch das jüdische Sc ih ulwerk, das im Aufbau begriffen ist, entbehre einer Unterstützung aus öffentlichen Mitteln. Schließlich verweist Redner darauf, daß in den Fonds spitälern jungen jüdischen Ärzten die Ausbildung unmöglich gemacht werde und bittet den Bürgermeister, er möge nicht gestatten, daß dieses System auch auf das J u b i 1 ä u m s s p i t a 1 ttbengreif e. Erwiderung des Bürgermeisters Auf die Ausführung dos Rates Dr. Ehrlich gibt der Bürgermeister folgende amtliche E r k 1 ä r u n g ab: Kurze Zeit nach Amtsantritt als Bundeskommis-sär von Wien eitscbieu iböi mir eine. Alboidnumg der Wiener Israelitischen Kultusgemeinda, die eine Reihe von Wünschen und Beschwerden vorbrachte. Ich ersuchte die Herren damals, dies schriftlich zu formulieren. Ich habe vor einiger Zeit bereits dieses schriftliche Memorandum erhalten und habe die Prüfung desselben vom amtlichen Standpunkte aus eingeleitet. Ich behalte mir vor, dem Herrn Rat von der Antwort in Kenntnis zu setzen, sobald die Bearbeitung des Memorandums abgeschlossen ist. Es ist selbstverständlich, daß an dem Grundsatz der Gerechtigkeit und Billigkeit gegenüber den religiösen und nationalen Minderheiten unserer Stadt wie im ganzen österreichischen Vaterlande künftighin festgehalten wird. „Abwehr“ Außen den verschiedenen wirtschaftlichen Boykottweisern erschienen in Wien auch „weltanschauliche“ Hetzschriften. Neuerdings wird zum Preis von zehn Groschen eine 32 Seiten starke Broschüre „Abwehr“ an allen Straßenecken angeboten. Darin wird über Einstein, Freud, Zamenhof und andere weltberühmte jüdische Gelehrte maßlos geschimpft und als Kronzeuge für das Bestehen einer „jüdischen Geheimorganisation Kahul“ der berüchtigte Jakob Brafmann geführt. Dann heißt es: „Das Judentum, das internationale jüdische Machtsystem, begründet seine ganze Existenz auf unserer arischen Schwäche, arischen Uneinigkeit, arischen Zersplitterung. Wir wollen uns wehren und wieder wehren mit all unserer Kraft gegen die jüdische Umklammerung, solange bis wir getrost unseren Kindern sagen können Du wächst hinein in ein wahnhaft neues freies deutsches Österreich. Wir haben mitgeholfen, es zu reinigen und zu befreien — Eure geliebte Heimat.“ Die an die „Protokolle der Weisen von Zion“ und an Loges Buch „Gibt es jüdische Riutalmorde“, erinnernde Hetzschrift, durfte bisher anstandslos verkauft werden, zumeist von den Kolporteuren der „arischen“ Zeitschriften. Die I. T. A. meldet: Wie man erfährt, haben führende Wirtschaftskörperschaften, darunter auch die Handelskammer, beschlossen, eine behördliche Revision der Gewerbescheine zu verlangen, damit festgestellt werde, ob die von den Inhabern betriebenen Geschäftszweige in vollem Umfange den Bestimmungen der neuen Gewerbeordnung entsprechen. Diese Beschlüsse gehen auf das Betreiben der verschiedenen Gewerbegenossenschaften zurück. Eine Überprüfung aller etwa 200.000 Gewerbescheine in Österreich würde einen ungeheuren Apparat erfordern. Es besteht jedoch die Möglichkeit, stichprobenweise, in der Form von Razzien, die Geschäftsleute zu drangsalieren. Sehr viele Geschäftsleute haben nämlich, den Krisenverhältnissen Rechnung tragend, oft neue, ihrer Branche verwandte Handelsartikel eingeführt. Die neue Gewerbeordnung gibt jedoch den einzelnen Gewerbegenossenschaften eine ungeheure Machtfülle und ermöglicht es ihnen, den ihr engeres Monopolgebiet einbrechenden Outsider eventuell mit dem Entzug der Gewerbeberechtigung bestrafen zu lassen. Von diesen außerdem oft sehr antisemitisch orientierten Fachvereinen wird der jüdische Geschäftsmann in seiner weiteren Existenz abhängig werden. Welche Befürchtungen die fast diktatorische Gewalt, die die neue Gewerbeordnung den Genossenschaften und den Behörden einräumt, in Kreißen der jüdischen Geschäftsleute auslöst, geht aus den Ausführungen des Organs des Verbandes der jüdischen Kaufleute und Gewerbetreibenden Österreichs „Die Wirtschaft“ hervor. Das Blatt erklärt: „Wir würden die Interessen der jüdischen Kauf!eilte und Gewerbetreibenden Österreichs nicht vertreten, wenn wir nicht unumwunden öffentlich und mit aller Klarheit sagen würden, daß die Bestimmungen der neuen Gewerbeordnung, die die Erteilung neuer Gewerbeberechtigungen und die Verlegung der Betriebe betreffen sowie alle sonstigen Bestimmungen, die die Behörden und Genossenschaften ermächtigen, auch bei Zutreffen aller sachlichen Voraussetzungen ihre Entscheidungen ohne Begründung so zu treffen, wie sie es im einzelnen Falle für gut finden, d i e schwersten Besorgnisse auslösen.“ Die von den Wirtschaftskörperschaften beschlossene Forderung nach behördlicher Revision der Gewerbescheine läßt in noch viel höherem Maße eine ungleiche Behandlung verschiedener Schichten von Gewerbetreibenden befürchten. Die Besorgnisse der jüdischen Geschäftsleute und Gewerbetreibenden sind leider sehr begründet. Ihre persönliche Note kommt zur Geltung in einem Anzug, der in allen Details auf Ihre Individualität abgestimmt ist. Die vornehme und gediegene Kleidung bei Herrenschneider JOSEF HOROWITZ Wien, I., Graben 29 (Trattnerhof 1) I. Stock Telephon U 24-607 Audi Pater Cyrill Fischer... Der Wiener Franziskanerpater Cyrill Fischer hat vor kurzem im Ring der Alte-Herren-Verbände der zionistischen Verbindungen einen Vortrag über die Verständigung zwischen Katholiken und Juden gehalten. In dem von diesem selben P. Fischer als Hauptschriftleiter redigierten Kirchen-! blatt „Katholisches Leben“ lesen wir — nach dem Vortrag! — den folgenden Aufruf: „Christen, macht Eure Weihnachtseinkäufe bei Christen! Christliche Solidarität kauft bloß in Geschäften, die als wirklich christlich bekannt sind oder die wenigstens in christlichen Zeitungen annoncieren. Kauft also nicht bei Juden und nicht bei Nazis!“ Tschechoslowakische Post befördert nicht Karten mit Hakenkreuz und „Heil Hitler“ Das tschechoslowakische Postministerium hat seinen Erlaß vom 6. Februar d. J. über die Ausschließung von Sendungen mit gedruckten Hakenkreuzen von der Postbeförderung nunmehr infolge der Entscheidung des Innenministeriums durch einenneuen Erlaß ergänzt, wonach Ansichtskarten und andere offene Sendungen mit Drucksachen, auf denen der Gruß „Heil Hitler“ angebracht ist, vom Verkehr ausgeschlossen sind, auch wenn dieser Gruß nicht aufgedruckt ist, also auch dann, wenn er mitten im Text handschriftlich geschrieben wird. Die Postämter werden hauptsächlich die Weihnachts- und Neujahrskorrespondenz auf diesen Umstand hin überprüfen (Z. T. A.) Arbeitsmittel kaufen Sie in der Spezialerzeugung Berta Enqel l.f Maro Aurel-Straße 3 (Eing. Sterng.) Tel. U 25-6-36 Unverbindlicher Besuch sofort Aerztemäniel.von S 6.40 Modellmäntel .... . . . von S 8.40 Servlerkleld kompl.von S 8.40 auch nach MaBI Gesellschaftsreise nach Krakau. Zur Weltkonferenz des „Botar“ vom 3. bis 13. Jänner 1935 findet eine Gesellschaftsreise nach Krakau statt. Technisch« Durchführung und Anmeldung-Mi: l’oln. vn kclirsbureau „Francopol“, Wien, iii. Keunwcg i (Gebäude des polnischen Konsulats), Ted. U 16-4-90. Die österreidiisdien Bischöfe über religiösen Frieden Aus Anlaß der Weihnachtsfeiertage haben die österreichischen Bischöfe — Kardinal I n n i t z e r, Füreterzbischof Dr. W a i t z, die Fürstbischöfe Dr. Hefter und Dr. Pawlikowski sowie die Bischöfe Dr. G f ö 11 n er und Memelauer — eine Kundgebung an das katholische Volk erlassen, die die Notwendigkeiten des gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, bürgerlichen und religiösen Friedens darlegt. Im Abschnitt über den religiösen Frieden heißt es: „Der katholische Gedanke hat nichts zu tun mit religiöser Unduldsamkeit. Davon gibt Österreich wahrlich klares Zeugnis. Wo wird so wie in Österreich mit aller Sorgfalt nach den Erfordernissen des Naturrechtes vorgegangen, das vorschreibt, daß man die Gewissensfreiheit anderer achten, die Rechte der anerkannten Religionsgemeinschaften auf öffentliche Ausübung ihres Bekenntnisses und die volle bürgerliche Gleichberechtigung der konfessionellen Minderheiten voll anerkennen soll? Die katholische Kirche hat allerdings immer das sogenannte liberale Prinzip der Toleranz verurteilt, den Grundsatz, der alle Religionen für gleich wahr erklärt und den Staat allen gegenüber zur völligen Neutralität verpflichtet.“ Hier ißt ein gewisser Widerspruch zwischen dem Bekenntnis zum Naturrecht und der Ablehnung des Grundsatzes der Toleranz zu merken. Steht man auf dem Boden des Naturrechtes, so ist die Toleranz eine Selbstverständlichkeit. Ungleich schärfer und konsequenter wird der religiöse und nationalistische Haß in der Weihnachtsbotschaft des Papstes verworfen. Papst Pius XI. sagt dort, die Glorifizierung des Rechtes sei um so wichtiger, da man von einem Recht der Rasse und einem Recht der Nationalität heute sprechen wolle, als ob Recht und Gerechtigkeit sich auf Sonderberechtigungen gründen könnten. Die Gerechtigkeit sei berufen, zu urteilen, wie es schon der heidnischem Seele eines Cicero Geist und guter Wille eingegeben hätten. Ee sei nicht das Recht, das die Gerechtigkeit schaffe, sondern die Gerechtigkeit schaffe das Gesetz. Der Papst stellt somit klar und eindeutig den Grundsatz der Gerechtigkeit an sich auf. Das ist das Votum der höchsten autoritärsten Stelle der katholischen Kirche. Kapelle J. Geiger spielt ab 1. Dezember täglich Im Cafö Splendide Sonn- und Feiertag Nach m utags-Konzert bei normalen Kaffeehauspieisen

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