Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 408 (11.12.1934)
- Date
- 1934-12-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 408 — il. Dezember 1034 DIE STIMME Seife 3 Oberrabbiner Dr. Feuchtwang über „Die Erfüllung" In einer amerikanischen Korre spondenz polemisierte Dr. Friedrich Funder gegen die Behauptung', daß die prekäre Lage der österred chischen Juden schaff, von der katholischen Mission in Wien zur Bekeh rung von Juden zum Christentum ausgenützt werde. Die Londoner I. T. A, beauftragte daher ihren Wiener Korrespondenten, den Oberrabbiner von Wien, Dr. Feuchtwan g, über seine Ansicht zu befragen. Herr Dr. Feuchtwang erklärte das folgende: Es ist Tatsache, daß die Panhus-Aktion ßich die Judenbe kehrt mg zur Aufgabe gemacht hat, wobei sie Hand in Hand mit der Leo-Gesellschaft und der Zeitschrift „E rf ü11un g“ eine sehr rege Tätigkeit in dieser Richtung hin entfaltet. Die Vertreter der katholischen Kirche, nach deren Auffassung das jüdische Volk auf einem Irrwege ist und Christus zurüokgeführt werden miißse, halten es nicht nur für ihre allgemeine Pflicht, die Juden zu bekehren, sondern in der /gegenwärtigen Zeit für eine besondere Aufgabe, eine Missionstätigkeit unter den Juden zu entfalten, da daß Jahr 1934 als Gnadenjahr zur Heimholung I ß r a e 1 ß angesehen wird. Selbstverständlich wird diese von so hohen Stellen ausgehende und von den Kirchenfürßten geförderte christliche Bekehrungsaktion in jüdischen Kreisen sehr schmerzlich empfunden, da die Vertreter der jüdischen Religion überzeugt sind, daß das jüdische Volk in seiner unerschütterlichen Treue zur Religion der Väter auf dem richtigen Wege ißt, und es nicht so ohne weiteres hinnehmen können, daß die Millionen gläubiger Juden als auf 'einem Irrwege Befindliche bezeichnet werden. Nim tritt diese erhöhte Juden-Bekeh- B^ungsaktion gerade zu einer Zeit auf, da 'die Situation der Judenheit in Mitteleuropa fco trist ist, wie man es eich vor ein paar wahren noch kaum vonstellen konnte. In diesem zeitlichen Zusammentreffen beider Erscheinungen sieht die Welt offenbar "je i n e n direkten Zusammenhang i$nd €6 ist daher kein Wunder, wenn von €15161 Ausnützung der prekären Lage der dfudcnheit zwecks ihrer Bekehrung zum Christentum gesprochen wird. Man muß feagen, daß die eben erschienene Zeitschrift ^Erfüllung“ tatsächlich geeignet fefc, einen solchen Eindruck zu eriw ecken. Dem ehrlichen Beobachter kann fes auch nicht entgehen, daß gerade in diesem Jahre unter geistlicher Ägide eine ganze Reihe von Schriften erschienen ist? die die Tendenz haben, das Judentum gegenüber dem Christentum herabzusetzen. Das in diesen Wochen erschienene und kürzlich erst beschlagnahmte Ritualm o r d b u e h gehört allerdings nicht in diese Reihe. Man muß nun bedenken, in welcher absonderlichen Lage sich speziell die österreichische Judenschaft befindet. Dieses Österreich ißt unser Vaterland, dem wir auf das tiefste verbunden sind, und diesen österreichischen Staat haben wir immer lind selbstverständlich als ein allen seinen Bürgern gemeinsames Gut betrachtet, das allen gleichermaßen gehört, den jüdischen nicht minder alß den nichtjüdiechen. Jetzt wird von hochoffizieller Seite wohl erklärt, daß die Minderheiten Rechts- und Kulturschutz genießen sollen, dabei wird jedoch hnmor wieder der christliche Charakter des Staates betont, aus welcher Definition schon oft, wenn auch mit Unrecht, die Erlaubnis abgeleitet wurde, die Position dier jüdischen Bevölkerung dieses Landes zu schmälern und zu bedrängen. Wir haben volles Vertrauen zu den verantwortlichen Regierungemitgliedem hinsichtlich dies uns zugesagten Rechte- und Kulturschutzes. Aber man wird begreifen, daß in Zeiten der Bedrängnis eine mit erhöhtem Eifer einsetzende christliche Missionstätigkeit unter den Juden eine ganz andere Beurteilung erfahren muß, als in ruhigen Zeiten, wo es aFrin auf die Kraft der geistigen Argumente ankommt. Wir Juden waren gegenüber der rein geistigen Werbetätigkeit der katholischen Kirche in unseren Reihen nie sehr besorgt, und die von Pater Bichlmaier kürzlich veröffentlichten Ziffern der relativ gelingen Judentaufen in normalen Zeiten hafym unsere Ansicht auch yoilfepwiapen bestätigt. Diese Ziffern zeigen aber auch, daß in Zeiten der Not und Bedrängnis die Judentaufen zunehmen können, was sich speziell im letzten Jahre in auffallender Weise gezeigt hat. Wa.s wir vom religiösen Standpunkt aus dagegen tun können, ist, Menschen in ihrem Glauben der Kultur unseres Volkes verknüpfen. die jüdischen zu stärken und noch tiefer zu Prof. Selig Brodetsky: Huleh, Einwanderung, Parlament In einer Ansprache an die Brondesbury Wo men’ß Zionist Organisation machte Prof. Selig Brodetsky, Leiter der politischen Angelegenheiten der Exekutive der Jewish Agency in London, Ausführungen zu der Erklärung des High Couimissioner for Palestine Sir Arthur Wauchope in einer Ansprache an die arabischen Führer in Jerusalem — die Erklärung wurde dann auch in Form eines amtlichen Communiques veröffentlicht — über Einwanderung, Boden und Legislative Council in Palästina. Der High Commissioner, sagte Brodetsky, machte diese sehr wichtige Erklärung zu den drei wesentlichen Palästina-Problemen: Einwanderung, Boden, Legislative Council, in Erwiderung auf eine Klage einer arabischen Delegation, daß die jüdische Einwan derung in Palästina eine zu große sei. Dieser Klage gegenüber betonte der High Commdssioner, daß die Politik der Regierung einzig und allein von der Rücksicht auf die Entwicklung des Landes diktiert sei. Es ißt wichtig, daß der High Commissioner die Frage der Entwicklung des Landes mit der Frage der jüdischen Einwanderung verknüpft hat. Es kann kein Zweifel darüber herrschen, daß die Fortschritte Palästinas eben ein Ergebnis der jüdischen Einwanderung ist. Der Fortschritt ist nicht allein jenen Juden zu danken, die Geld ins Land bringen, sondern noch viel mehr jenen, die ihre Arbeitskraft dem Lande geben. Die Nachfrage nach Arbeiterhänden steigt stetig: vermehrte Einwanderung erhöht die Arbedtsmöglichkeit. Wir haben das voraußgesehen. Nach dem Kongreß 1929 prophezeiten wir dem Colonial Office eine neue große Welle jüdischer Palästina-Einwanderung. Das Colo nial Office zeigte sich überrascht. Wir aber haben recht behalten. Denn gerade damals begannen die Juden, Palästina zu entdecken. Vor Jahren gingen nur Pioniere nach Palästina, heute haben die Juden der Welt Palästina entdeckt. Mindestens eine Million Pfund fließt allmonatlich nach Palästina, und zwar nicht von reichen Juden, denn tausend Menschen mit je 1000 Pfund bringen die Summe mit. Die syrische Regierung, fuhr Brodetsky fort, erließ kürzlich eine Erklärung, in der sie die Einwanderung von Juden in Syrien vor Ablauf dieser sechs Monate uns wiederum eine Ergänzungssohedule gewähren wird. Die Araber klagen, daß Juden ihnen den Boden wegnehmen. Die Regierung hat nach sorgfältiger Prüfung festgestellt, daß diese Klage grundlos ist. Der High Commissioner sagte dies den Arabern in seiner letzten Erklärung an sie und teilte ihnen gleichzeitig den Entscheid der Regierung mit, uns im Huleh-Gebiet eine Konzession zu gewähren. Dieses Gebiet ist heute Sumpfland, wie es der Emek war, bevor er von Juden bearbeitet wurde. Heute noch ist der Boden öde, wir wissen aber, daß er landwirtschaftlich der beste Boden Palästinas ißt. Seit 1914 war er in den Händen syrischer Konzessionäre, die ihn brachliegen ließen, so daß er zu einem Krankheitsherd für die Umgegend wurde. Darum eben hat die Regierung verfügt, daß der Boden einer jüdischen Gesellschaft übergeben wird, die ihn sanieren und bearbeiten lassen wird. Die betreffenden Dokumente sind bereits formell dem Bevollmächtigten der Jewißh Agency ausgehändigt worden. Es ist dies ein bedeutsames Ereignis in der Geschichte Palästinas. Die Araber werden aus der Sache sehr viel Nutzen ziehen, denn die Regierung stellte zur Bedingung, daß wir den Boden trocken legen, zwei Drittel für uns behalten und ein Drittel den Ärabern geben Der1 „Odol“ und „Eg Polen- Weihnachtsreise Abfahrt 20. und 23. Dez. 1934 Vormittag Rückkehr 6. Jänner 1935 Besonders billig — bequem — bewährte Führung. Anmeldungen, Auskünfte: Poln. Verkehrsbüro ,,Francopol“ (Gebäude d. Poln, Konsulats) Wien, III. Rennweg I. T. U16-4-90 High Commissioner hat die Kosten für die» Trockenlegung auf rund 1,000.000 Pfund veranschlagt. Es wird vielleicht mehr kosten, aber ein großer Teil des Geldes ißtbereit-6 verfügbar. Für uns bedeutet, die Konzession einen großen Schritt vorwärts in der landwirtschaftlichen Entwicklung Palästinas, besonders jetzt, da infolge der törichten Bodenspekulation die Bodenpreise so hoch hinaufgetrieben worden sind. Zur Frage des Legislative Council sagte Brodetsky: Wir widersetzen uns dem Plan, wie wir uns ihm besher widersetzten und in Zukunft wklersetzen werden. Die Araber möchten sich des Council als eines Instruments bedienen, um jüdische Einwanderung und jüdischen Bodenkauf zu unterbinden, wie überhaupt die Balfou.r-Deklaration unwirksam zu machen. Wenn wir in Palästina eine Gesetzgebende Körperschaft haben, in der wireine Minderheit ß i n d, so bedeutet dies nichts anderes als eine Fortsetzung der Gaiuth. Das können wir nicht zulassen. Der High Commissioner hat den Arabern gesagt, er wolle erst sehen, die die Munizipalitäten arbeiten. Weiter kann er jetzt noch in dieser Angelegenheit nicht gehen. Unser diesbezügliches Memorandum an die Regierung, schloß Brodetsky, muß ein©, etarke Wirkung gehabt haben. Diese; Dinge können erst entschieden werden, wenn zwischen Juden und Arabern ein At>* kommen besteht. Ist ein solches Abkommen möglich? Ja, es ist möglich. Und wenn dies erreicht ist, ist auch das andere möglich. Aber biß dahin ist es übereilt und gefährlich. Hannes-Sdineider- Cord schneedicht, glattgeschoren, unzerreißbar. Das unübertroffene heimische Qualitätserzeugnis. Skianzüge daraus für Damen und Herren in zweckentsprechender und eleganter Ausführung bei Schneider JOSEF HOROWITZ Wien, I., Graben 89 (Trattnerhof 1), I. Stock. Telephon U 24-607 unter bestimmten Bedingungen als wünschenswert bezeichnet. Eine dieser Bedingungen ist, daß die Juden Kapital ins Land bringen und Unternehmungen begründen. Wir kennen das: wir begründen Unternehmungen in den Ländern, verechwenden unsere Arbeitskraft, dann werden wir ausge schlossen. Palästina aber ist der Endpunkt unserer Wanderung. Nach Palästina müssen immer mehr Arbeiter hinein. Der High Commisßdoner selbst hat von einer Arbeiter-Knappheit gesprochen. Dieser Ausspruch muß dahin ergänzt werden, daß wir es, sogar mit einer steigenden Arbeiter-Knappheit zu tun haben. Wenn wir erklären, daß die neu erwandernden Arbeiter Juden sein müssen, so bedeutet dies nicht Boykott arabischer Arbeit. Es ist nur recht und billig, daß der jüdische Unternehmer jüdische Arbeiter beschäftigt. Die bewilligten 7500 Zertifikate für das laufende Halbjahr können den akuten Arbeitermangel nicht beheben. Wir hoffepj dajä der In einer Klage des Direktors Oswald Glaser gegen die Wiener Firma „Odol Vertriebs G. m. b. H.u, die vor dem Gewerbegericht (Vorsitz LGR. Dr. Pechtold) verhandelt wurde, hörte man Einzelheiten darüber, wie die deutschen Nationalsozialisten in von ihnen abhängigen österreichischen Betrieben alle jüdischen Angestellten. aufs Pflaster setzen. Die Wiener Juden dürften diese Vorgänge umso mehr interessieren, als sie zu den besten Abnehmern der Zahnpflegeartikel der Finna „O d o 1“ und der Schuh cremes, sowie des Bodenwachses der Firma „E g - G ü“ gehören. Die Firma „Eg-Gii“ (Egbert Günther Weltwachswerk) wurde auf Weisung der Zentrale in Dresden von der Wiener „Odol“-Niederlas6Uiig liquidiert, das heißt die Angestellten wurden entlassen und die Verkaufsorganisation in der Weise reorganisiert, daß die „verludet e“ „Eg-Gü“ über Nacht judenrein wurde. Eine große Anzahl jüdischer Existenzen dßt auf diese Weise zerstört worden. Um die Liquidierung durchführen zu können, übernahm die „Odol“ von der „Eg- Gü“ bloß den früheren Direktor Glaser, der den ganzen Apparat der reichs deutschen Fir m.a in ö s t e r- •reich in zwölfjähriger Wirksamkeit aufgebaut hatte, sowie die älteste Btiroangestellte der „Eg-Gü“, ein Fräulein Eugenie Goldenberg. Als die den Nationalsozialisten notwendig erscheinenden Arbeiten beendet waren, wurde auch diese jüdische Angestellte entlassen. Fräulein Goldenberg ist durch die herzlose Art, auf die mau ihr und ihren Angehörigen das Brot nahm, ßo verzweifelt gewesen, daß sie schwer erkrankte. Direktor Glaser — nunmehr der letzte jüdische Angestellte bei der Firma „Odol“ — suchte auf die Leitung der „Odol“-Gesellschaft einzuwirkejjj daß map der langjährigen, yerdien|pi Angestellten mindestens einen Monats* g e h a 11 noch ausbeza.hle, um sie für den Augenblick vor der Not zu retten, und erklärte, als seine Vorstellungen wirkungslos blieben, er wolle diesen Monatsgehalt, wenn nötig, aus eigener Tasche zahlen. Gegenstand der Klage vor dem Gew e r b e g e r i c h t bildet dieser eine Monatsgehalt, den die „Odol“ auf Rechnung Herrn Glasers, der kurz darauf ebenfalls gekündigt w u r d e, an Fräulein Eugenie Goldenberg ausgezahlt hatte. Der Kläger machte geltend, daß Fräulein Goldenberg nicht seine, sondern Angestellte der „Odol“-Werke war, ebenso wie er selbst, und daß er. sich nicht verpflichtet halte, nachdem er selbst postenlos geworden ist, der „Odol“ dieses Geld zu schenken. Prokurist S i eb e r von der „Odol“ gab als Zeuge zu, daß Herr Glaser gar keinen Anlaß gehabt habe, den Betrag, der ihm von seinem Gehalt abgezogen wurde, an Fräulein Goldenberg zu zahlen und ließ durchblicken, daß, wenn der eine Jude mit dem andern Juden Mitleid hat, dies eine arische Firma, wie die „Odol“ eine ist, gar nichts angehe. Das Gericht beschloß, zur Einvernahme der kranken. Eugenie Goldenberg eine neuerliche Verhandlung anzusetzen. Dr. ff. Wie alljährlich, veranstalten wir auch heuer, zum Besuch der Angehörigen und Freunde in Polen eine billige Reise. Für Bequemlichkeit unserer P. T. Reisenden ißt bestens vorgesorgfc. Kommen Sie bald und sichern Sie sich gute Plätze im Reisebüro: E. Ferstel, I., Kärntnerring 12, Tel. U-40-301. Warenkredit und Kundenkreis sucht Kompagnon(in) mit zirka 3000 S zur Miete eines Lokales. Zuschriften unter: „Flottes Genra“^u die Administration der „Stimme“,