Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 407 (7.12.1934)
- Date
- 1934-12-07
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 OIE STIMME . Nr. 407 — 7. Dezember 1984 Wo sind Haman und Hitler? .,T h e J e w i s h C h r o n i e 1 e“ (London) berichtet, daß in Bagdad ein „Tag der arabischen Renaissance“ stattgefunden habe, wobei Pfadfinder antizionistische Lieder sangen. Vor einer Menge von 10.000 Personen wurden aufreizende Reden gegen den Zionismus und die Juden gehalten. Der Direktor der Dar-el-Ulum-Universität rief zu einem anti,jüdischen Boykott auf. Es gelangte ein Gedicht zum Vortrag, das die Worte enthielt: „Wo sind Haman und Hitler?*' und mit den Worten schloß: „Seid bereit zum Kampf und Krieg“. Die Manifestation endete mit einem großen Demonstrationsumzug, in dessen Verlauf ein Jude schwer verwundet wurde und bewußtlos liegen blieb. Die Täter entkamen. Restaurant Rillet "0P3 Bestrenommierte Küche 'w'r Reichhaltige Menüs iS 1*90u.2*60 Schwechater Bräu II.. Hammerpurgstallgasse 3 (nächst Salztorbrückc Telephon A 41-0-25 Zurückweisung der Verleumdungen Rosenbergs Die Zionistische Vereinigung für Deutschland gibt folgende Erklärung ab: ..DeT Völkische Beobachter“ veröffentlicht — im Anschluß an den Aufsatz, der sich mit dem Berner Prozeß über „Die Protokolle der Weisen von Zion“ beschäftigt hatte — einen Artikel von Alfred Rosen- >b e r g, in dem verschiedene zionistische Äußerungen mit angeblichen Plänen zur Errichtung einer jüdischen Weltherrschaft in Zusammenhang gebracht werden. Bei dieser Gelegenheit werden auch gegen deutsche Zionisten schwere Beschuldigungen erhoben. Die Zionistische Vereinigung für Deutschland erklärt, daß alle Behauptungen dieser Art unrichtig sind und jeder Grundlage entbehren. Sie verweist auf den Leitartikel in der am Dienstag, den 4. Dezember d. J. erschienenen „Jüdischen Rundschau“, der den strikten Nachweis erbringt, daß die in dem Rosenbetgschen Artikel erhobenen Beschuldigungen von unrichtigen Voraussetzungen ausgehen. Dies gilt im besonderen auch von dem Vorwurf, die deutschen Zionisten hätten auf eine „Zerschlagung der Türkei“ h in g e a r b e i t e t; die im Wortlaut zitierte Erklärung, die die türkische Regierung und die deutsche Regierung Ende 1917 und Anfang 1918 abgegeben haben, erweisen eindeutig, daß die deutschen Zionisten, die während des Krieges ebenso wie vorher und nachher das „Baseler Programm“ in voller Öffentlichkeit vertreten haben, lediglich legale Besiedlung Palästinas im Einvernehmen mit den zuständigen Regierungen erstrebten. Die Zionistische Vereinigung für Deutschland erklärt sich ausdrücklich bereit, jeder berufenen Instanz das gesamte, ihr zur Verfügung stehende Material zu einer umfassenden Prüfung des Sachverhalts zur Verfügung zu stellen. Eine katholische Stimme über die „Protokolle“ Im „Vaterland“, einer großen katholischen Zeitung in Luzern, die den Juden keines-, wegs .sehr freundlich gegenübersteht, erschien ein Artikel ihres Berrier Redakteurs über die prinzipielle Bedeutung des Prozesses über die „Protokolle“. Der Autor stellt fest, daß die ,,Protokolle“ längst als Fälschung be k a n n t waren, und niemand hätte sich um sie gekümmert, wenn sie nicht Hitler geistig als Vorlage für gewisse Forderungen in seinem Buche gedient hätten. „Nach dem Stande des heutigen Beweismaterials“, schreibt das Blatt, „scheint tatsächlich der ,nordische Geist' den kürzeren zu ziehen, Israel hat gut pariert. Für die Heldensöhne Wotans aber ist es eine neue Gelegenheit, sich vor I der Welt zu blamieren, wie dies ihnen im Verlauf ihrer kurzen Herrschaft schon so oft begegnet ist. Man braucht nur auf den gegenwärtig noch aktuellen Kirchenstreit zu verweisen. Es ist -übrigens typisch für den Ungeist jeglichen Zeitalters, daß er, um seine eigene Magerkeit zu ,tarnen', nach einem Sündenbock greifen muß. Im letzten Jahrhundert mußten die Jesuiten herhalten, heute dürfen die Juden diese Rolle spielen. Man braucht kein besonderer Freund Israels zu sein, um zu dieser Stellungnahme zu gelangen. Man suche nicht jemanden anderen abzuwürgen mit Mitteln, die man beim Gegner mit Entrüstung zurückweisen würde.“ Juden, die für Deutschland gefallen sind... Aus Berlin, 4. Dezember, wird uns gemeldet: Mit der Übergabe des Buches „Krieg sh r i e f e gefallener deutscher Jud e n“, die im Mittelpunkt der Gefallenen- Gedenkfeier stund, die der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten um ersten Chanukkahtag in der Synagoge Prinzregentenstraße in Berlin veranstaltete, erhielt das Denkmal, das der Reichshund in seinem Gel'allenmi-Öedenkbuch den jüdischen Toten des Weltkrieges gesetzt hat, seine Ergänzung und seinen Abschluß. Das Mitglied der Bundesieitung Dr. Ernst F r a e n k e 1 schilderte in einer Ansprache Entstehung und Geist der Kriegsbriefe. Der Stimmung in diesen Briefen stellte Dr. Fraenkel die geistig-seelische Atmosphäre des Jahres 1933 gegenüber. Vergessen schien zu sein, daß auch jüdische Soldaten für Deutschland geblutet haben, vergessen schien zu sein, daß a u c h j ii d i s c h e Mütter um Söhne geweint haben, die ihr Leben für Deutschland ließen. Angesichts dieser Entwicklung sehe sich die deutsche Judenheit vor die Frage gestellt: Wo beginnt der Sinn des Lehens, wo der des Todes und des Opfers? Darn m mögen die Toten noch einmal ihre Stirn m e erheben. Die Briefe derjenigen, die nicht mehr sprechen können und doch immer sprechen werden, erzählen von der Sehnsucht nach Eltern und Heimat, nach dem Vaterland, nach Deutschland. Sie künden aber auch von jüdischem Stolz und Mut im Geist der Makkabäer. Der Vorsitzende des Reichsbundes, Dr. Leo Löwenstein, erklärte: Im Oktober 1933 hatte sich die Presse mit der Zahl der jüdischen Gefallenen im Weltkriege beschäftigt. Da in den Presse-Veröffentlichungen der Vorwurf enthalten war, daß das Gefallenen- Gedenkbuch unrichtige Angaben mache, haben wir bei den zuständigen Behörden eine Nachprüfung erbeten. Diese Nachprüfung hat kürzlich stattgefunden. Ihr Ergebnis zeigt, daß unser Schild rein geblieben ist und der Soldatenehre der jüdischen Frontkämpfer kein Makel anhaftet. Es muß die Mindestziffer von 12.000 j ii d isehen Kriegs toten als endgültig zutreffend gelten. Hierauf übergab Dr. Löwenstein das Buch der Kriegsgefallenenbriefe symbolisch der jüdischen Öffentlichkeit, indem er es in die Hände des Präsidenten der Reichsvertretung, Rabbiner Dr. Leo B a e c k legte, der hervorhob, für den Reichsbund nicht nur der Repräsentant der deutschen Judenheit von heute, sondern auch der Mann ist, der im Felde so oft jüdischen Kriegshelden den letzten Segen ins Grab mitgegeben hat. In seiner Erwiderungsansprache sagte der Präsident der Reichsvertretung Doktor Leo Baeck u. a.: Diejenigen, die hinnusgezogen und gefallen sind, taten dies nicht für eine Gruppe oder eine Partei, sondern für die Gesamtheit der deutschen Juden. Dr. Baeck schloß seine Ansprache mit den Worten des im zweiten Makkabäerbuch enthaltenen Briefes, den die Gemeinde in Juda an die Gemeinde in Ägypten’ gesandt hat: „Bleibet fest, bleibet einig, bleibet g e s c h 1 0 s s c n! Und der Ewige wird euer Gebet erhören und euch aufrichten in ernsten Tagen.“ llllllllllllllllllllIIlllllllllllllllllllllilllBllllllllllllllllHlillllM Frankreich gibt 6000 Flüchtlingen Arbeitserlaubnis Wie die Jüdische Telegraphen-Agentur erfährt, gestalten sich die Verhandlungen jüdischer Persönlichkeiten mit Mitgliedern der französischen Regierung über Gewährung von Arbeitserlaubnissen für deutsche Flüchtlinge in Frankreich hoffnungsvoll; es wird erwartet, daß die französischen Behörden in kurzem 6000 deutschen Flüchtlingen Arbeit s erlaub 11 isse gewähren werden. Eine weitere Abmachung betrifft das Schicksal der aus Frankreich ausgewiesenen Flüchtlinge; deren Lage dürfte in der Weise geregelt werden, daß die jüdischen Organisationen es übernehmen, die Ansgewiesenen allmählich in andere Länder zu befördern. In Belgien Brüssel, 3. Dezember. (Z. T. A.) Eine jüdische Abordnung besprach mit den Mitgliedern der interministeriellen FlUehtlingskommlscsion das Schicksal der jüdischen Flüchtlinge in Belgien, die unter behördlichen Maßnahmen schwer zu leiden haben Ahs Ergebnis dieser Besprechung ist an die Polizei die Weisung ergangen, von jetzt ab die jüdischen Flüchtlinge, die sich in Belgien nur so lange aufzuhalten gedenken, bis eie die Erlaubnis zur Einwanderung in ein Übenseeland erhalten, nicht zu belästigen. Gleichzeitig sind mehrere verhaftete Juden freigelassen worden. Flüchtlingstragödien in Paris Eine aus Deutschland geflohene russische Jüdin namens Czerwonagurska, die aus Frankreich ausgewiesen wurde, sprang nach Erhalt des Ausweisungsbefehls mit ihrem 8 Monate alten Kind in die Seine. Sie wurde gerettet, ist aber infolge der ausgestandenen Leiden geistig zerrüttet. Eine andere auegewiesene Flüchtlingsfrau, die ebenfalls in die Seine sprang, konnte nur noch als Leiche geborgen werden. Judenghetto in Triest wird abgetragen Etwa 40 Wohnhäuser und Nebengebäude, die einst das J u d e n g h e t, 10 in Triest gebildet haben, werden demnächst, abgetragen werden, unter ihnen die 1798 erbaute Synagoge, von der aber wertvolle Teile dem Museum der Altertümer einverleibt werden sollen. Juden in der künftigen päpstlichen Rechtsakademie Der unter dem Protektorat von Papst Pius XI. vor kurzem in Rom abgehaltene erste internationale katholische Kongreß für römisches Recht hat unter anderem den Beschluß gefaßt, in Rom eine internationale päpstliche Akademie für römisches Recht ins Loben zu rufen, der die hervorragendsten Gelehrten auf diesem Gebiete ohne Rücksicht auf ihre Konfession angehören sollen. Zu diesem Beschluß wurden dem JTA-Vertreter in Rom von einer hochgestellten Persönlichkeit aus vatikanischen Kreisen folgende Aufklärungen gegeben: „Der Papst, der sich von je mit wissenschaftlicher Arbeit befaßt hat, sprach den Wunsch aus, daß in Rom eine Akademie gebildet werde, für die die bedeutendsten Kenner des für die Kirche so wichtigen römischen Rechts verpflichtet werden sollen. Der Akademie werden Fachgelehrte ohue Unterschied des religiösen Bekenntnisses und daher selbstverständlich auch j (i d ische Gelehrte angehöron. Auf dem 85. Schuljahr Tel. U 46-4-37 Neues Wiener Konservatorium i Musikvereinsgebäude, l„ Bösendorferstraße i2! Unterricht in Gesang, Klavier und allen Orehesterinstrumenten von den ersten Anfängen bis zur künstlerischen Ans-; bildung. Eigene K 1 n d e r a b t e i 1 u n g. Anmeldungen und Aufnahmeprüfungen täglich vor-und nachmittags n ti fisch I i e LI I i c h im Musikvereinsgebiiude. letzten Kongreß haben jüdische Gelehrte, wie Prof. G r a d e n w i t z, Prof. D r o n th e i m und Prof. T a u b e n s c h 1 a g, sich durch Referate von besonderer Tiefgründigkeit und wissenschaftlicher Originalität ausgezeichnet.“ (Prof. Gradenwitz gehört der jüdischen Konfession nicht mehr an. Die Redaktion.) Neuordnung des jüdischen Ce• melndelebens ln Trlpolitanien Tripolis, 4. Dezember. (Z. T. A.) Im Aufträge des Verbandes der jüdischen Gemeinden Italiens weilte der Rabbiner Dr. Giustavo (' a s t. c 1 b o 1 o g n e s i mehrere Monate in Tripolitanien, um das jüdische Gemeindeloben in dieser italienischen Kolonie zu verein hoitlichen und auf neue Grundlagen zu stellen. Nunmehr ist Dr. Gastelbolognesi zum Oberrabbiner und Vorsitzenden des Rabbinerrates in Tripolitanien gewählt worden. Daß neue rabbinusche Oberhaupt wird d a. s j ii d ischc S e h u I s y s t. e m, das hier im argen liegt, reformieren und im traditionell jüdischen Geist ausbauen. Die jüdische Gemeinde in Tripolis zählt etwa 15.000 Seelen. Hebräische Lettern in der „Times" Lady E r 1 e i g h veröffentlicht ln der Times“ einen eingehenden Artikel über die Neuhelebung der hebräischen Sprache und Literatur. Zur IIllustrierung des Artikelinhalts veröffentlichen die „Times“ — ca ist dies ein Novum in der Geschichte der englischen Presse — B i a 1 i k s Gedicht. „Baesadeh“ („Im Felde“) in hebräischen Lettern. Selbstmordepidemie unter den Juden in Polen Warschau, 3. Dezember. (Z. T. A.) ln der letzten Zeit breitet sieb unter der jüdischen Bevölkerung Polen« wiederum eine S e 1 b s t. m o r d e p i d e m i e von bedrohlichem Umfang aus. Die Tageschronik weiß täglich von einer Reihe von Selbe trnorclfällen unter den Juden Warschaus und der Provinz zu melden, wobei da.s Selbstmordmotiv fast, ausnahmslos wirteohaftliohe Not ist. Für das unteT der jüdischen Bevölkerung herrschende Elend ist, es charakteristisch, daß sich unter den Selbstmördern sogar Chassidim befinden, die bei ihrem Selbstmordentschluß schwerste religiöse Bedenken uiederkämpfen mußten. Stawski in Warschau Warschau, 4. Dezember. Der des Morde« an Dr. Arlosorow angeklagt gewesene Revisionist Stawski ißt gestern in Warschau eingetroffen. Seino Ankunft hat hier große Sensation hervorgerufen. Zu Weihnachten veranstaltet, das polnische Reisebüro „Orbis“, gemeinsam mit, dem ü s t o r r e i c h i s c li e n V e r k o h r s b ii r o, eine billige Gesellschaftsreise nach Polen. Wegen starker Nachfrage nach Plätzen ist baldige Anmeldung erforderlich. Anmeldungen und Auskünfte: Polnisches Reisebüro ..Orb i s“, Wien, 1., Kürntnerstraßo 41, Telephon R-26-1-43, österreichisches Verkehrsbür o, Wien, L, Friodrichstraße 7. Telephon ß-27-500, und Graben 20, Telephon U-29-0-35. Das moderne praktische Lehrbuch zum Selbstunterricht Lerne Hebräisch ■■■■■■■■iMnBBHnnannMnaaHBBnnunsnvnti VON BEN-CHAVIV soeben erschienen? Das beste Lehrbuch aller Zeiten! Die ersten tooo Worte fürs tägliche Leben, praktische Grammatik, kein Vokabelbüffeln, kein Kopfzerbredien, mühelos, spielend leicht* Verlag: Jos. Schlesinger, Wien, i„ Seitenstetteng. 5 Dexember-nücösenleerung vom IG. bis 30. ‘Dcszember 1934 Nur Personen, die eine spezielle, fUr die Leerung ausgestellte Legitimation des Keren Kajemeth besitzen, dürfen leeren. Annexe sind strengstens abxuweisen.