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Die Stimme · 1934-12-07 · Heft 407 (7.12.1934) · page 5

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Journal
Die Stimme
Volume
8 (1934-1935)
Issue
Heft 407 (7.12.1934)
Date
1934-12-07
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 407 — 7. Dezember 1994 Die «rtMMi Saite 9 mmsesm Polnisches Relsebttro Wien, I., KKrninerstraße 41 Weihnachten in Polen Billige Sonderfahrt nach Krakau, Lembers undStanislau 22. Dezember 1934 bis 7. Jänner 1935 Anmeldungen und Auskünfte: Österreichisches Verkehrsbüro Wien, 1., Fried! ichstrale 7, Tel. B 27-500 und Graben 20, Tel. U 29-0-i5 Offizielles Polnisches Reisebüro »ORBIS« Wien, 1., Kärntnerstraße 41, Tel. R 26-1-43 das- (fdkdtyUUt Von R. I. Maid Lange, sehr lange war Chanukkah das Fest, des wunder baren Krügleins, dessen ÖL sich nicht erschöpfen wollte. Unwichtig und nebensächlich schien das Wunder der jüdischen Freiheit, die stolze Tat der Makkabäer. Denn auch der Ruhm der Sieger war vergänglich und ihr Werk ohne Dauer. Spätere Generationen, die keinen andern Kampf kannten als das Ringen des Geistes und keinen andern Sieg schätzten als die Selbstbezwingung, haben die edle Heroengeslalt Juda Makkabis fast ganz vergessen. Die jüdische Mutter sang ihrem einschlummernden Sohn von der Glückseligkeit des „Thora-Lernens“ und nicht von dem flammenden Glauben der tapferen Schar um den greisen Matitjahu. Haben es denn wahre Streiter Gottes überhaupt nötig, sich in ein rohes Kampfgetümmel einzulassen und sich unheiliger Waffen zu bedienen? Wie näher und vertrauter war da dem jüdischen Gemüt das Wunder. Das gütige nie versagende Wunder, ohne das kein Geschlecht bestehen konnte und das jahrhundertelang als eine Voraussetzung und Realität jüdischen Daseins gewertet wurde. Wie oft schon drohte die schwache, schwindende Flamme unseres Lebenslichtes zu verlöschen. Aber immer hat sich in letzter Stunde noch ein vergessenes ölkrüglein gefunden, das unglaublich lange das kaum zuckende Licht nährte. Auch keute noch ist unser jüdisches Leben vom Wunderbaren und Abnormalen beherrscht. Das Unnatürliche unseres Seins tastet auf dem heutigen jüdischen Menschen schwerer und drückender als je auf einer Generation zuvor. Ein Wunder kann sich nur in Freude vollziehen. Heute ist aber der Himmel, der es spenden kann, grau; müde und freudlos unsere Herzen, die es empfangen. Wir sind des Wunderbaren — vielleicht ist es eine Sünde, dies auszusprechen — überdrüssig geworden. Wir lechzen nach einer greifbaren jüdischen Wirklichkeit, nach einem jüdischen Alltag ohne Wunder, aber dafür voll freudiger Natürlichkeit, voll gesunder Gewöhnlichkeit. Wir wollen einmal unser Heiligtum selbst bestellen und endlich öl genug für volle acht Tage darin vorrätig haben! So ist das ölkrüglein auch für uns wieder ein Symbol geworden und hat neuen Sinn gewonnen. Nicht ist die Tat der Makkabäer vollbracht, solange man nach einem anonymen Wunderspendenden ölkrüglein im Schutte eingefallenen Gemäuers suchen muß, solange die Schatzkammern des neuen „Mikdasch“, das wir unserem Gott weihen wollen, nicht vor Überfluß strotzen werden. Die uns vorangegangene Generation glaubte durch nichtige Phantome eine jil- „Times“ veröffentlichen einen epaltenlangen Artikel aus Berlin, in dem auf die Wirkungen des „stillen Pogroms'1 gegen die Juden in Deutschland hingewiesen wird. Dier Zeitung stellt fest, daß in neuerer Zeit weitere 10.000 Juden durch Maßnahmen der Regierung ihrer Existeuzb-isis in Deutschland beraubt wurden. Die Wirtschaf tsbasis der deutschen Juden verengt sich immer mehr, weil fortgesetzt die freien Berufe den Nichtariern versperrt werden. Die Schraube wird besonders gegen jüdische Angehörige der freien Berufe und gegen die jüdischen Kleinhändler angesetzt, der Druck ist ein stetiger und vernichtender. Die von Dr. Goebbels geleitete Kulturkammer wendet den Arier-Grundsatz erbarmungslos nicht allein gegen ausübende Künstler an, sondern auch gegen die mit dem Kunstleben verbundenen Wirtschaftsmänner und die Angestelltenschaft. Infolge dieser Wirksamkeit der Kulturkammer sind etwa 2000 jüdische Familien, deren Ernährer im Theater- und Filmleben beschäftigt waren, auf die Straße geworfen worden. Die gleichen Methoden werden von der Kammer für bildende Künste angewandt; auch diese Kammer hat es erreicht, daß 500 jüdische Künstler mit ihren Familien brotlos wurden. Außer den zahlreichen jüdischen Journalisten, die aus dem Presseleben eliminiert wurden, sind nun auch Tausende Juden, die wirtschaftlich mit dem Pressegesohäft verknüpft waren, durch Goebbels’ Presse-Kammer auf die Straße gesetzt worden. Man greife nicht zu hoch, wenn man die Zahl der jüdischen Familien, die in der letzten Zeit durch die Goebbelsschen Kammern ihrer Eristenzbasis beraubt wurden, mit 10.000 ansetzt. „Times44 bemerken noch, daß Doktor Schacht ernstlich bemüht sei, das Los der Nichtarier erträglicher zu gestalten. So zum Beispiel intervenierte Dr. Schacht kürzlich in Braunschweig gegen den in Zusammenhang mit Streichers Braunschweiger Besuch dort proklamierten antijüdischen Boykott. Er erließ als Wirtschaftsminister eine Verordnung, die dische Realität zu ersetzen. Der eitle Spuk ist längst verflogen, aber viele stehen noch immer auf ihrem alten Platz und greifen danach mit geschlossenen Augen. Aber auch bei uns gibt es solöhe, die vor der Vollendung zurückschrecken und auf halbem Wege verwirrt stehen geblieben, alle quälenden Fragen mit dem wundertätigen ölkrüglein beantworten. Wo bleibst du, neuer Juda Makkabi, ein Kind im sanften Glauben und ein Held ln entschlossener Tat?... Wann wirst du uns das neuelngeweihte Jerusalem erschließen und das größte aller Wunder vollbringen, unserem jüdischen Schicksal die Norm i iedergeben? Die Zeit ist reif, und wir wollen dir folgen. I Boykottposten vor den jüdischen Geschäften I zurtickzuziehen. Als dies geschah, strömte das Publikum, das anscheinend mit den antisemitischen Fanatikern nicht übereinstimmt, in die jüdischen Geschäfte. Erklärung des Ministers Frtck Wie dem „Berliner Tageblatt'1 aus Chemnitz berichtet wird, gab Reichsinnenminister I>r. Frick bei den dort stattgefundenen großen Kundgebungen, in denen er über die Reichsreform sprach, folgende Erklärungen zur Judenfrage ab: „Wir stehen auf dem Standpunkt, daß Deutschland den Deutschen gehört. Damit haben wir den Haß des internationalen Judentums auf uns gezogen. Aber die Herrschaften täuschen sich, wenn sie glauben, uns mit irgendwelchen Schwierigkeiten, besonders auf dem Gebiete des Exports, auch nur um Haaresbreite von unserem Wege a.bbringen zu können. Das internationale Judentum“, fuhr Reichsminister Frick fort, „habe bereits ein Friedensangebot unter der Voraussetzung gemacht, daß man die deutsche Einstellung zum Judentum ändere. Die Annahme eines derartigen Angebots könne •nicht in Frage kommen und kein Jude habe ein Recht, sich über ungerechte Behandlung in Deutschland zu beklagen.“ Von diesem Friedensangebot weiß nur Frick. Keine jüdische Stelle hat ein solches Angebot gemacht. Die Lüge von der jüdischen Führung der Kommunisten Wie sehr es den offiziellen Stellen in Deutschland darum göht, die antisemitischen Instinkte der Massen zu nähren, geht aus einem Bericht des offiziellen Deutschen Nachrichten - Büros hervor, der mit den Worten beginnt: „Nach fünftägiger Verhandlung verkündete der Zweite Senat des Volksgerichtshofes das Urteil gegen die 24 Leiter und Mitarbeiter der „Sozialistischen Arbeiterpartei“ (SAP) und ihrer Jugendorganisation, des „Sozialistischen Jugendverbandes“ Lindenkeller I,, Kotenturmstraße 12 GANSBRUST MIT SCHOLET GANSBIEGL MIT RITSCHERT FLADEN jeden Samstag (SJV), die unter der Bezeichnung „Die neue KPD“ nach der nationalen Erhebung zu einem illegalen Sammelbecken für die hochverräterischen Bestrebungen linksradikaler, unter jüdischer Führung stehender Elemente geworden war.*1 In Wirklichkeit ist von den zahlreichen Angeklagten einzig und allein die 25jährige Edith Baumann Jüdin; während der Verhandlung konnte ihr aber nichts anderes nachgewiesen werden, als daß sie den übrigen Angeklagten nur a 1 s Stenotypistin gegen Bezahlung behilflich war. Sie wurde trotzdem zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Glanzender Verdienst! iillllillllllilllllllllillllillllliilllllllllliiilllillli Herren und Damen mit guien Beziehungen zu jüdischen (zionistischen) Kreisen, werden für den Veitrieb hochinteressanter jüdischer Bücher gesucht. Vorzustellen bei R. Löii’lT, i„ Fleischmarkt 1 £■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■ Wo Streicher König ist Nürnberg, 3. Dezember. (2. T. A.) Unter der Überschrift „Nürnbergs Hindenburg-Hochsehule judenfrei44 meldet die „Fränkische Tageszeitung“, daß der Gau- Studentenbundsführer an Gauleiter Julius Streicher ein Telegramm gesandt hübe, in dein er meldet, daß diie Hindenburg Hochschule in Nürnberg als eine der ersten deutschen Hochschulen judenfrei sei. Synagoge in die Luft gesprengt Berlin, 3. Dezember. (2. T. A.) Die Synagoge in der Stadt Arhaus in Westfalen ist in der Nacht mit Dynamit in die Luft gesprengt worden. Die Andachtsstätte der Juden von Arhaus ist vollkommen zerstört. Die Polizei fahndet angeblich nach den Tätern. Bef ßrlältmtßBfranfljeifen, rftnmia« tifdjen umb gtdjfrfdjert öefcfytoerbert ftrtb Sogal* Tabletten unübertroffen. Sogal [djeibet bie ^arnfäure. aat3 umb ßeljt badjer birelt jur 2ßur,§el beS Übels. fragen ©ie $f)ren 2Irjt, $n allen 2lpotljefen erljältlidj. SJSretS S 2*40. Dgy stille Potfoni llllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllll Oberrabbiner Dr. David Feuchtwang Der Wiener Oberrabbiner, der in diesen Tagen das Lebensalter des Psalmisten überschritt, entzog sieh jeglicher Feier, mit der seine Gemeinde, seino Verehrer und Freunde die Erreichung dieses Lebensabschnittes zum Anlaß nehmen wollten, um ihm ihre Liebe und ihre Dankbarkeit zu bekunden. Die ihm eigene persönliche Bescheidenheit enthebt aber die jüdische Publizistik schon mit Rücksicht auf sein hohes Amt nicht der Pflicht, die bedeutsame und markante Persönlichkeit des OberrabbinTrs durch den Hinweis auf einige wenige Züg’o seines Olmrakterbijdes zu würdigen. Oberrabbiner Dr. Feuchtwang verbindet die Traditionen seiner Herkunft als Sohn dos konservativen Nikolsburger Rabbiners Dr. Meir Feuchtwang, der zu den anziehendsten und gelehrtesten Rabbiner-, Persönlichkeiten seiner Zeit zählto, mit den besten Überlieferungen des Wiener Oberrabbinats, das seit seiner Gründung durch das seltene Schicksal ausgezeichnet war, daß alle seine Träger, so vorschieden sie an sbh soin mochten, die klangvollsten Namen in der ganzen Judonhoit besaßen, „Helden seit je, Männer von Ruhm.“ Gleich diesen ist Oberrabbiner. Doktor Feuchtwang ein durch tiefe rabbinische Gelehrsamkeit und philosophische Bildung ausgezeichneter, durch und durch a u frechter und innerlich vornehmer Repräsentant der sittlichen und geistigen Ideale des Judentums; jener Ideale von Ewigkeitswert, die ihre Träger tragen, erheben und zu Helden machen. Zu Helden allerdings, deren Heldentum unbeirrt von einem zeitgegebenen abwegigen Begriffsinhalt, in reinster Menschlichkeit besteht und in dem heiligen Wächteramt der geistigen Freiheit des Menschen. Während aber seine Amtsvorgänger in diesem ihren jüdischen Heldentum durch die Gunst dos Geistes ihrer Zeit unterstützt waren, muß Dr. Feuchtwang diese Gunst entbehren. Man spricht heute voll Anerkennung von den Klugen und Allzuklugen, die „ihre Zeit verstehen“. Oberrabbinor Dr. Feuchtwang ist es mehr darum zu tun, den Goisfc des überzeitlichen, wahren Judentums zu vors toben, das die Ideale der unbedingten Gerechtigkeit und der uneingeschränkten Freiheit als Voraussetzungen hat, clor Menschenwürde lehrt. Er steht fest zur Fahne dieser sittlichen Ideale, unbekümmert darum, daß ihre richtigo Wertung in der gegenwärtigen Umwelt als unzeitgemäß gilt. Ihm ist das Gotteswort, das er kündet, zu heilig, als daß er es den Bedürfnissen gewisser Tagesströmungen anpassen könnte. Ihn erfüllt ein tiefer Glaube an die göttlichen, das heißt heiligen und ewigen Werte der jüdischen Religion, deren Kern der Menschheitsgedanke ist, ohne Schranken der Rasse und des Bekenntnisses. Dieser religiösen Ideale oberster Hüter zu sein, ist er sich allezeit bewußt. Ihn erfüllt ein tiefer Glaube an unser Volk, das in dieser Zeit die ernstesten Tage seiner schicksalschwtren Geschichte durchlebt. Und so zeichnet sich sein Wirken auf der ersten Kanzel der österreichischen Judenheit durch großen persönlichen Mut aus, mit dem er der dem Judentum unserer Zeit aufgezwungenen apologetischen Polemik sein flammendes Wort leiht. Es ist keine Phrase, wenn man die hohe Begeisterung, mit welcher der Siebzigjährige von der Aufgabo des Judenuims spricht, in unserer mannigfach zerrütteten Zeit ein Hort der Menschlichkeit zu sein, jugendlich nennt. Wie überhaupt sein brennendor Eifer, mit dem er unermüdlich, weit über seino Pflicht hinaus, sich der Kanzelarbeit widmet, durchaus jugendlich ist. Am liebsten ließe er keinen einzigen Gottes dienst verstreichen, ohne gesprochen zu haben, ohne nachdrücklich und eindrücklich von dem gesprochen zu haben, dessen sein jtidi&oheB Herz voll ist. Oberrabbinei; Dr. Feuchtwang hat erkannt, daß Seelsorge im Judentum mehr als die individuelle die, man könnte sagen, kollektivistische Sorge um das Wohl und Wehe der Seele des Volksganzen betrifft. Sie stellt dem Dienste Gottes den nicht minder heiligen Dienst am Volke zur Seite. In beiden erblickt er den Auftrag seines hohen Amtes, wie er es auffaßt. Das erklärt auch, daß er oft und oft in Wort und Schrift seine Stimme für den inneren Frieden erhoben und die Parteien im Judentum zu gegenseitigem Verständnis ermahnt hat. Ein wahrhaft priesterlicher Vorkämpfer des Friedens nach innen und außen, zeichnet ihn neben der Weisheit des jüdischen Gelehrten die Urbanität und die Konzilianz des feingebildeten Weltmannes aus. Auf Oberrabbiner Dr. Feuchtwang findet das Wort unserer Alten Anwendung: Die wahren Weisen gleichen dem Weinstoek, dem alten Symbole des jüdischen Volkes. Wie dieser, werden sie immer vorzüglicher, je älter sie werden. Möge es darum seiner Gemeinde und der Gcsamtjudenheit vergönnt sein, sich der reifen, edlen Frucht seines unermüdlichen Schaffens noch rocht lange zu erfreuen. Ihm aber, dem verehrten Jubilar, sei die Genugtuung beschieden, den vollen Segen des Himmels über seinem Wirken zu gewähren. „ Dr. M. R.

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