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Die Stimme · 1934-12-07 · Heft 407 (7.12.1934) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
8 (1934-1935)
Issue
Heft 407 (7.12.1934)
Date
1934-12-07
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 407 — 7. Dezember 1934 DIB STIMME Seit© 3 Ein neues zionistisches Zentrum in Wien Die Geschichte des Zionismus in Wien 'ist noch nicht geschrieben worden, und doch ist nach Basel vielleicht keine Stadt der Welt so sehr durch historische Bande mit den Anfängen und der heroischen Epoche der modernen zionistischen Bewegung verknüpft, me gerade W i e n. Doch darüber und noch mehr über den Zionismus im heutigen Wien ausführlich zu sprechen, soll einem späteren Zeitpunkt Vorbehalten bleiben. Heute soll lediglich von einigen auch nach mißen hin sichtbaren und bemerkenswerten Erscheinungen und Vorgängen in der zionistischen Organisation Österreichs berichtet werden. Da ist vor allem die Übersiedlung des Zionistischen Landesverbandes in sein neues Heim als recht bemerkenswert zu registrieren. Seitdem die zionistischen Büros aus der im Herzen der jüdischen Leopoldstadt gelegenen Zirkusgasse, die aufs engste mit einer der interessantesten Epochen zionistischer Arbeit in Wien verkünpft bleibt, weggezogen sind, konnte der Landesverband mit den ihm angeschlossenen Büros eigentlich nirgends recht Fuß fassen. Über die Taborstraße (wo in den ersten Nachkriegsjahren ein Teil der zionistischen Büros untergebracht war) und eine kurze, zweite Ära Zirkusgasse, verließen die zionistischen Büros den judenreichen zweiten Bezirk und übersiedelten in die Hauptstraße der Wiener City, in die Kärntnerstraße. Hier vmrde zum erstenmal der Gedanke der Vereinigung sämtlicher zionistischer Büros und Fonds (freilich mit Ausnahme jener der Sonderverbände) verwirklicht. Zehn Jahre lang fanden hier die zionistischen Büros ihre Arbeitsstätte. Aber wohl hat man sich hier, in der etwas kalten Atmosphäre, nie gefühlt. Zu sehr war man, nicht nur räumlich, von dem warm durchpulsten jüdischen Leben der Stadt jenseits des Donaukanals entfernt. Mit der jetzt erfolgten Übersiedlung hat der Zionistische Landesverband für Österreich nicht nur eine Flucht ausreichender Bäume bezogen, die eigentlich so recht deutlich das Wachstum und die Expansion der Zionistischen Landesorganisation und ihrer Arbeit in Wien veranschaulicht, sondern auch in bezug auf ihre räumliche Lage eine glückliche Wahl getroffen. Das neue zionistische Heim des Landesverbandes, das ein ganz großes Stockwerk eines schönen Privathauses umfaßt, befindet sich ebenfalls in der Inneren Stadt, in der Marc-Aurel-Straße, die aber nur wenige Minuten von der zur Leopoldstadt führenden Marien- und Hollandbrücke ent fernt ist. Es ist zweifellos eines der schönsten zionistischen Zentralbüros Mittel- und Osteuropas. Der alte Herzenswunsch der Wiener Zionisten, auch in der von 190.000 Juden bewohnten Stadt Wien ein zionistisches Beth Am ähnlich anderen europäischen Großstädten (mit geringerer jüdischer Bevölkerung) zu besitzen, ist leider noch immer nicht erfüllt. Die Erfüllung dieses Wunsches erscheint heute in größere Ferne gerückt, als jemals zuvor. Aber das neue zionistische Zentrum, das nicht nur die Büros der Landesorganisation (Landeskomitee), sondern die Redaktion und Administration „Die Sti m m e“, deren ständiger Ausbau allein die Erweiterung seiner bisherigen Räumlichkeiten notwendig •machte, ferner die Büros der Nationalen Fonds Keren Kajemeth und Keren Haje s s o d, das ständig sich erweiternde Palästina-Amt und die ihm angeschlossene Wirtschaftsstelle des Palästina-Amtes umfaßt, wird mit seinem sehr schönen, einigen Hundert Personen Raum bietenden Vortragssaal das Fehlen eines Beth Am einigermaßen vergessen machen. Jedenfalls ist die Beziehung der neuen zionistischen Zentralbüros mehr als eine bloße lokale Übersiedlung: Sie bildet eine Etappe, eine jener wichtigen Etappen, die von dem Kellerlokal der ersten zionistischen Verbindungen und dem ersten, nur von Herzls Geist beleuchteten dunklen Büro in der Türkenstraße und Rembrandtstraße beginnt, und. zu den lichtdurchfluteten, aber nicht minder ernsten zionistischen Arbeitsstätten von heute hinfiihrt. Hoffentlich wird das neue zionistische Zentralheim auch ein geistiger Sammelpunkt der zionistischen Idee werden, getreu und würdig der alten zionistischnn Tradition dieser einzigartigen, zionsverbundenen, Stadt. R. Kapelle J. Geiger spielt ab 1. Dezember täglich im Sonn- und Feie tag N a c h m i tt ag s - Konzert bei normalen Kaffeehauspreisen Jenseits von Ben Gurion und Jabotinsky „Wir wiesen, daß die Fronten bei Ben Gurion und Jabotinsky nicht endigen. Die linke Front geht von Ben Gurion noch weiter nach linke und die rechte Front von Jabotinsky noch weiter nach rechte. Gelingt es, die Radikalsten der Radikalen in beiden Fronten zur Raison zu bringen, dann glauben wir, daß auch in der Frage der Hfetadruth ein gerechter Friedensschluß möglich ist.“ So schrieben wir in einem Artikel „V o n Ben Gurion bis Jabotinsky“ in unserer Ausgabe vom 9. November. Seither hat es in Palästina und teilweise auch in der Galuth Ereignisse gegeben, die unsere Feststellung über die äußersten Flügel in der zionistischen Bewegung bekräftigen. Es hat sich gezeigt, daß die Überradikalen auf beiden Seiten gegen den kaum geschlossenen Frieden Sturm laufen. Das führt naturgemäß zu Reibungen innerhalb der Flügelparteien. Bisher war es im allgeminen so, daß die Radikalsten zumindest nach außen hin Parteidisziplin hielten. Poale Zion und Revisionisten boten so dem Außenstehenden das Bild einheitlicher Parteien. Seit dem Friedensschluß zwischen Jabotinsky und Ben Gurion knistert es aber bedenklich im Gefüge der beiden Fltigelparteien. Jabotinsky hat zwar einen Befehl erlassen, wonach sein Pakt mit Ben Gurion wie ein von ihm, dem Führer, erlassenes Gesetz von allen Revisionisten zu befolgen ist. Nun hört man aber ungewohnte Töne. U r i Zwi Grünberg zum Beispiel erklärte in Versammlungen, er sei gegen die Revisionisten, die mit der gegenwärtigen Führung der zionistischen Organisation Frieden schließen wollen, denn die derzeitige Exekutive der Weltorganisation treibe „Verrat“, ihre Politik sei eine Negation der Judenstaateidee. Er und andere Revisionisten sehen in jeder Zusammenkunft mit einem poale-zionis tischen Führer einen sozialistischen Versuch, die sozialistische Position zu stärken. Die Politik der Sozialisten habe Bankrott gemacht und es handle sich um einen Versuch, sich mit Hilfe der Revisionisten am Leben zu erhalten. Der Radikalste der Radikalen, Aba A c h i M e i r, befindet sich derzeit in Haft, sonst würde man noch ganz andere Töne hören. Die im Jänner stattfindende Weltkonferenz der Revisionisten wird hoffentlich Klarheit bringen. Dort werden sich die Geister scheiden müssen. Wir wollen hoffen, daß ein klarer Beschluß gefaßt werden wird, dessen Hauptpunkte lauten müssen: 1. Primat der Disziplin der Weltorganisation, 2. Einstellung des Boykotte der Fonds, 3. Einstellung eigener Außenpolitik. Auf der linken Seite gehen ebenfalls die Wogen hoch. Die extrem-linke Jugendorganisation der Linken in Palästina, Hanoar Haowed poltert gegen einen Frieden .,mit Terroristen und Hitleristen“ und der H a s c h o m e r H a z a i r in Palästina protestierte ebenfall,s öffentlich gegen den Londoner Pakt, was den „Dawar“ zu einem polemischen Leitartikel veranlagte. Trotzdem hörte man linke Parteigenossen vom „Verräter Ben Gurion“ sprechen und die blutroten Plakate des Hanaor Haowed gegen Ben Gurion bilden in Palästina das Tagesgespräch. Es bestehen also im Schoße der Flügelparteien gewichtige Differenzen, insbesondere bei den Linken, bei denen der Haschomer Hazair in Palästina nicht erst seit heute eine Sondergruppe bildet. Zu den Kongreßwahlen stellten allerdings die Linken immer gemeinsame Listen auf. Eingeweihte wissen aber, daß die schroff ablehnende Politik der Arbeiter beim letzten Kongreß vielfach auf den Einfluß ihres radikalen Flügels zu rück zuführen ist-, der auch an dem Scheitern der Verhandlungen wegen Verbreiterung der Exekutive gelegentlich der A. C.-Sitzung in Jerusalem seinen An teil hatte. Es sei dem wie immer — die Tendenz bei den Flügelparteien ist, wenn nicht alle An Zeichen trügen, im allgemeinen eine friert liehe. Der Friedens vertrag Ben Gurion Jabotinsky ist eigentlich nur ein Burg friedensvertrag. Die Schwie keiten werden sich erst ergeben, wenn es zur meritorischen Austragung der Dif ferenzen kommen wird, an denen alle Parteien beteiligt sind, nicht nur die Flügel Im Verhältnis zur Arbeiterschaft ist der Zankapfel die Histadruth Haowdim Schon mehren ©ich selbst im allgemein zionistischen Lager die Stimmen, die für die Bildung einer eigenen Histadruth sind. Wir wollen aber hoffen, daß die Arbeiterpartei Mäßigung an den Tag legen und eine Neutralisierung und Entpolitisierung der Histadruth zugestehen wird. Alle Tatsachen sprechen gegen die immer behauptete Neutralität der Histadruth Wenn die poale-zionistische Arbeiterschaft ehrlich den Frieden will, muß sie der Entpolitisierung der Histadruth, deren Macht- und Beamtenappa rat zu 100 Prozent poale zionistisch ist, zustimmen. Sie wird vielleicht bald vor einem schweren Dilemma stehen: vor der Wahl, nur ihre radikalsten Anhänger zu verlieren, oder alle anderen Parteien gegen sich zu mobilisieren. Hat sie das Wohl Erez Israels im Auge und nicht ihr Partei prestige, dann kann ihr Entschluß nicht zweifelhaft sein. Von ebenso schweren, wenn nicht schwereren Entscheidungen stehen die Revisionisten. Sie sind viel weniger einheitlich als die Linken und es wird viel Mühe kosten, die unruhigen Geister, die einmal gerufen, wieder zur Ruhe zu bringen. Ob Jabotinsky der Hexenmeister sein wird, das wird die nächste Zukunft beweisen. Der Re- Adolff Stand 15 Jahre tot DER K » KONVERSION VOLKERBUND ANLEIHE IN DIE GARANTIERTE ÖSTERREICHISCHE KONVERSIONSANLEIHE ,934/taS* BIETET EIN INTERNATIONAL GARANTIERTES, WERTGESICHF.RTES vny Dieser Tage jährte sich zum 15. Male der Todestag des zionistischen Führers und einstigen jüdischen Abgeordneten im österreichischen Parlament Adolf Stand s. A. Adolf Stand in Briefen Die „Stimme“ ist in der Lage, eine Reihe bisher unbekannter überaus interessanter Briefe Adolf Stands, die uns freundlicherweise Herr Dr. Marek Scherlag zur Verfügung stellt, zu veröffentlichen. Die Briefe geben gleichermaßen ein anschauliches Bild vom Menschen und Zionisten Adolf Stand und gewähren überdies Einblick in eine der interessantesten Epochen der zionistischen Bewegung. Wir werden diese Briefe demi\ächst zum Abdruck bringen. Gang zum Grabe Adolf Stands Anläßlich des 15. Todestages des zionistischen Führers und ehemaligen Abgeordneten Adolf Stand s. A. findet Sonntag, den 9. Dezember, 10 Uhr vormittags, am Zentralfriedhof, I. Tor, ein Grabgang der Wiener Zionisten statt. Alle Freunde und Gesinnungsgenossen des verstorbenen Führers werden auf gef ordert, recht zahlreich am Grabgange teil zu nehmen. visionismus will aus der Sackgasse, in die er geraten ist, herauskommen. Man soll ihm eine goldene Brücke bauen, aber nicht dazu, daß er das alte Spiel des Kampfes um des Kampfes willen fortsetzt und die Weltorganisation zerrüttet. Man soll ihm die Normalisierung seiner Beziehungen zur Weltorganisation ermöglichen und man muß ihm helfen, sobald er Beweise eines guten Willens zeigt. Dabei ist es ohne Bedeutung, daß der Revisionismus nichts ist als das Produkt der Unzufriedenheit in den Massen und eine Reaktion auf die Politik der Linken. Er hat aber aus der Not eine Tugend machen wollen und sich damit schwer ins Unrecht gesetzt. Niemand kann die zügellose Politik des Revisionismus billigen, niemand sein Wüten gegen die Weltorganisation rechtfertigen. Er hatte es wohl schwerer als die Linken, Disziplin zu halten. Er saß nicht wie die Linken bei der Schüssel. Das befreit ihn aber nicht von seiner Schuld und er hat oft überflüssigerweise über die Stränge geschlagen und großen Schaden gestiftet. Er hat schließlich bisher in Palästina nichts geleistet, während die linke Arbeiterschaft Palästinas aufgebaut hat. Friede zwischen der Organisation und dem Revisionismus setzt e r t r ä g 1 i e h o B e Ziehungen zwischen Revisionismus und Arbeiterpartei, in erster Linie also zur Histadruth Haowdim voraus. Wie immer man die innerpolitische Lage betrachtet, die Histadruth ist der Angelpunkt für die Entwirrung der Lage oder ein gefahrdrohender Brandherd. Mit Sitteuspriiohlein ist die Frage der Histadruth nicht zu bereinigen; auch dadurch nicht, daß die Exekutive einer innerzionistischen Round-table-Konferenz ausweicht und sich an das Prinzip „divide et impera“ hält. Sie hat dabei schon einen Echec erlebt, denn die Verhandlungen mit dem W e 11 v c rb a n d der Allgemeinen Zionisten sind resultatlos. verlaufen. Man merkt eben die Absicht und ist verstimmt. Die Exekutive täte gut daran, sieh von dieser Taktik ihrer Mitglieder, die der Arbeiterpartei ann, zu distanzieren.

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