Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 405 (30.11.1934)
- Date
- 1934-11-30
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. AOX — 90. November 1031 PK tflMMl Seite 0 RABENSTEIG 3 KÜLLNERHOFQ. 1 SÄMTLICHE ARTIKEL IN WASCHE UND WIRKWAREN SPOTTBILLIG! FÜHREND IN ETERNA-HEMDEN (von S 680 aulw.) Sefardim, Aus Südeuropa und dom Orient stammende Juden. Sichah, Gespräch, Besprechung. Snlf, Zn:eigstelle. Solei, jüngste Altersstufe ln zionistischen Jugendbünden. Takziv, Budget; Zuschuß des Keren Hajessod an die Siedlungen. Tarbuth, Kultur; Organisation zur Verbreitung der hebräischen Sprache. Techelet Lawan, „Blau-Weiß“, zionistische Jugendorgan is ation. Techesakna, hebräisches Volkslied, Text von Bialik. Tel, Hügel. Tel Cliai, Siedlung in Nordpalästina, bekannt aus den Unruhen des Jahres 1921. Tikwah, „Hoffnung“, jüdische Volkshymne. Tnuwa, „Frucht“, Genossenschaft zum Vertrieb landwirtschaftlicher Erzeugnisse. Torah we Awodah, „Lehre und, Arbeit“, Parole der religiösen Arbeiterschaft. Tozereth Haarez, „-Produkte des Landes“; zionistische Losung zur Verbreitung palästinensischer Produkte. Trumpeldor Josef Jüdischer Arbeiterführer, Gründer des Hechaluz, gefallen bei den Unruhen 1921 in Tel Chaj. Waad, Komitee. Waad Lemni, Exekutive des jüdischen Nationalrates in Palästina, gewählt von der Assefat Haniwcharim. Waad poel, Exekutive der Arbeitergewerkschaft. Waadah, Kommission. Wadi, ausgetrockenes Flußtal. Wadi Chawarith, neues zionistisches Siedlungsgebiet südlich von Haifa (auch Emek Chef er benannt). ,WlZO (Abk. von Womens International Zionist Organisation), Zionistische Frauenorganisation, Zofe, Pfadfinder, Zofiut, Skauting. Zrif, Baracke. Der weide, qraue Mut zu Ihrem Whterrock S 9.80, 11.50, 13.50 Der elegante, leichte Steifliut S 14.-, 18. -, 25.-, 30.- II. Bsz.. Taborstraße 39 XIV Sochshauserstr. 39, XVil. Kalvarlenborgg. 34 Einzigartige Möglichkeit — zwei Tage Seefahrt nach Palästina. Am 8. März fährt der iRiesendampfer ..Rex“ außertourlich nach Palästina, zu Purim, bei der M a k k a b i a h, zu Ostern in Palästina. Auskünfte: Nordisches Reisebüro; Reiseleiter: F. M. Racker, I., Graben 10, Tel R 24-2-31. Juden lind Japaner IIIIIIIIIIIM Die „S t i m m e“ hat bereits darüber berichtet, daß ein japanischer Gelehrter, D r. Jenric hin o Oy ab e in einem Buche „Der Ursprung Japans und der Japaner“ den Nachweis zu führen sucht, daß die Japaner die Nachkommen der verloren gegangenen zehn Stämme sind. Der Herausgeber der in Schanghai erscheinenden jüdischen Zeitschrift „Israels Messe ng er, N. E. B. E s r a, stattete nun kürzlich Dr. Oyabe in Tokio einen Besuch ab. Doktor Oyabe drückte zunächst seinem Abscheu über die antisemitische Propaganda der Weißrussen in C har bin aus. Er erklärte: „Wir Asiaten werden niemals einen Antisemitismus dulden, wir bewundern die Juden. Sind wir Japaner nach der von mir vertretenen Ansicht doch Nachkömmlinge der verloren gegangenen zehn Stämme.“ Dann berichtete Dr. Oyabe seinem Gast, er habe einem japanischen Minister den Plan vorgetragen, daß die Japaner zu Jehova beten und den jüdischen Glauben annehmen sollen. Dr. Oyabe erklärte weiter: „Das erste der fünf Bücher Moses berichtet ausführlich über die S int fl u t. Ich weiß nicht, ob das jüdische Volk eine historische Erinnerung über die Sintflut bewahrt oder nicht, ln Japan aber wird seit unvordenklichen Zeiten der 17. Juli jährlich als ein nationales E rinne r u n g sf es t an die Sintflut gefeiert. Die japanischen Geschichtsforscher, Gelehrten und Priester wissen nicht, warum dieses Fest gerade dm 17. Juli gefeiert 'wird. Das geht aber aus dem 1. Buche Moses hervor, wo es (Kapitel S, Vers 4) heißt: Die Arche ruhte darin am 17. Tage des 7. Monates auf dem Berge Ararat. Die Japaner feiern also am richtigen Tage das Fest der Erinnerung an die Sintflut. An diesem großen Festtage wird der heilige Wagen aus dem Tempel geführt. Er trägt als Schmuck einen goldenen Vogel, der einen grünen Zioeig im Munde trägt. Die Japaner wissen sich dieses Symbol nicht zu deuten. Die Deutung findet sich in Kapitel 8, Vers 11, der Genesis, wo es heißt: „Da entsendete er die Taube von sich, um zu sehen, ob das Wasser auf dem Erdboden gefallen war.“ Wer kann also leugnen, daß die Japaner keine Verbindung mit den verloren gegangenen 1zehn Stämmen haben?“ Dr. Oyabe erklärte schließlich, daß sich im Isa-Tempel in Tokio die dr e i h e ilig en Schätze befinden, und zwar Arons Stab, eine goldene Schale g e f iillt mit M a n n a und die steinernen T af ein, auf die Moses die 10 G ebote geschrieben habe. Diese Schätze sind seit unvordenklichen Zeiten Eigentum des Kaiserhauses in Japan, das auch den Schlüssel zu den drei Schätzen verwahre. Niemand, auch nicht der Kaiser von Japan, dürfe den Schrein öffnen und seinen Inhalt besichtigen. Die Schätze sind in einem besonderen Behältnis versperrt, das mit seidenem Brokat bedeckt im Isa-Tempel aufbewahrt sei. Esra fragte mm Dr. Oyabe: „Wareum gibt man die heilig en Schätze nicht zur Aufbewahrung der hebräischen Universität in Jerusalem?“ Mau muß vorsichtig sein, wenn man in Millionen - Begriffen spricht. Nur zu oft ist der Wunsch der Vater des Gedankens und die Hoffnung steht Pate an der Wiege des Traumes. Aber in einem Lande, wo der Rekord die Sprache des Tages ist und wo das Gestern nur .als Maßstab gilt, der von dem Morgen tibertroffen werden muß, in Amerika kann man ruhigmit Millionen jonglieren, ohne sich dem Vorwurf der Übertreibung auszusetzen. Das gilt von den zehn Millionen Arbeitslosen, von den zwanzig Millionen unterernährten Kindern und von den dreißig Millionen bedürftigen Familienmitgliedern. Das gilt auch von der jüdischen Wohltätigkeit. Heute muß angesichts der Lage der Juden iii Deutschland, in Palästina und vielen anderen Ländern dieser Wohltätigkeit besonderes Interesse gewidmet werden. Als erste Frage drängt sich auf: was leistet die jü dis che Wohltätigkeit in Amerika? Nun, hier sind die Zahlen schwarz auf weiß: gegenwärtig werden hierzulande unter den Juden drei Millionen Dollar für die aus Deutschland vertriebenen Glaubensgenossen gesammelt; über die Hälfte ist bereits gezeichnet worden, und es unterliegt keinem Zweifel, daß der volle Betrag aufge- Dr. Oyabe lächelte und antwortete: „Wir werden uns von unseren heiligen Schätzen nicht trennen. Sie sind unser Eigentum und wir müssen sie in dem Land, behalten, das uns Gott gegeben hat. W i r sind auch Jude n und behaupten von uns, daß uns Gott auserwählt hat, die hei* Ilgen Schätze zu hüten.“ Esra antwortete: „Gut, aber es wäre doch fair, uns die Schätze zurückzugeben, da wir nun in unsere Heimat Palästina zurückkehren und unsere Nation nieder aufrichten.“ Darauf antwortete Dr. Oyabe: „Es ist ganz nutzlos, in mich zu drängen. Niemand wird die Zurückgabe gutheißen und niemand würde sich dazu bereitfinden.** Nun sprach Oyabe wieder über sein Buch „Der Ursprung Japans und, der Japaner“ und versprach seinem Gaste, er würde das Buch ins Englische übersetzen, um der breiten Öffentlichkeit die Möglichkeit zu geben, sich mit seinen wissenschaftlichen Forschungen auseinander zu setzen. Auf das Buch Oyabes kann man wohl gespannt sein. bracht werden wird. Ferner wurden in dem am 1. April abgelaufenen Jahr über eine Million Dollar für den gleichen Zweck überwiesen. Das sind die von der offiziellen Weltorganisation inszenierten Sammlungen. Daneben betragen die inoffiziellen Spenden' und Beiträge schätzungsweise weitere zwei Millionen Dollar. Nun gibt es natürlich Tausende von notleidenden Juden im eirgenen Lande, abgesehen von den vielen Flüchtlingen, die mit frischer Hoffnung im Herzen die Neue Welt betreten. Für alle diese wurden in dem im April abgelaufenen Jahr etwa 220.000 Dol-. lar gesammelt, wovon 2000 Familien unterstützt wurden. Im vorhergehenden Jahre wurden für die armen amerikanischen. Juden (man hört leider immer nur von den reichen) 400.000 Dollar aufgebracht, die etwa der doppelten Anzahl, oder 14.000 Familien zugutekamen. Von dem Ausmaß der amerikanischen Wohltätigkeit kann man sich einen' besseren Begriff machen, wenn man hört, daß die „Vereinigung Jüdischer Philantropischer Gesellschaften“ im letzten Jäh re allein 800.000'Dollar mehr ausgab, als sie vereinnahmte; das heißt dieser Betrag, der über das Budget hinausging, wurde durch besondere ■Spenden gedeckt. Im laufenden Jahre Amerika f&Ilfi Von Gerhard Hirschfeld, New-York: Umichichf uni der PersönSichke! Im wirtschaftlichen Loben hat man eich idaran gewöhnt, von Strukturänderungen zu sprechen, organisatorischen Änderungen im Aufbau der Wirtsohaftskörper, die so grundlegend sind, daß eie einer Neuschöpfung gleichen. Und im Berufsleben ist dae Wort von der Umschichtung aufgetaucht, unter dem die Umleitung ganzer Gruppen von einem Beruf du einen anderen zusaman enge faßt wird. Aber gibt os nicht auch eino Umschichtung der Persönlichkeit und ist sio nicht in unserer Zeit für den einzelnen fast wichtiger, mindestens aber ebenso wichtig geworden, wie diio berufliche Umschichtung für ganzo Gruppen? Aus einer Vielheit biologischer Schichten «setzt sieh das Material zusammen, aus dem der Mensch a.ufgebaut ist. Das Material ist überall das gleiche, erst die Art der Zusammensetzung dieser Schichten macht die Sonderheit des einzelnen Menschen aus. Nun ist cs klar, daß eine so alto Rasse, wie die jüdische, die auf eine Jahrtausende alto Ahnenreiho zurückblickeu kann, eine schier •unerschöpfliche Mannigfaltigkeit biologischer Zusammensetzungen Ln sich birgt. Nichts, was unsere Väter getan haben, bleibt für uns ungeschehen, nicht nur jede Tat, auch jodor Gedanko der Vergangenheit wirkt fortzeugcncl fort. Da die Juden seit jeher ein denkerisches Volk waren, darf sich jeder cinelne als reichen Erben eines Geistosbesibzes betrachten, dessen Erwerbung weit, weit m die Geschichte zurückreicht. Die Verwaltung dieses Geistosbesiitzes ist nicht immer die gleiche geblieben. Es hat gute und schlechte Verwalter gegeben, Mehrer des Besitzes und Verschleuderer, es hat Zeiten gegeben, in denen die überlieferten religiösen Wahrheiten Gemeingut waren, und Zeiten oberflächlicher Erstarrung und mechanischer Wortbefangenheit, in denen große Teilo der Judenheit sich ihrer Zusammenhänge kaum noch bewußt waren oder sich ihrer gar schämten. Kehrt man zum Schiehtungsgodanken zurück, so könnte man sagen, daß wesentliche Teile der Struktur dos jüdischen Menschen in eine Versenkung hin abgetan cht waren, aus der sie nur zu festlichen Zeiten cmporgoholt wurden, während Unwesentliches an die Oberfläche drang, und die Gestalt des jüdischen Menschen verfälschte. Wer könnte leugnen, daß innerhalb der letzten aVveii Jahre hier eine Umschichtung stattgefunden hat? Die Struktur der jüdischen Persönlichkeit ist eine andere geworden. Wenn wir das Wesen dieser Umschichtung richtig verstehen wollen, so müssen will* db Tatsache voranstcllen, daß sie nicht von innen, sondern von außen gekommen äst. Erst die berufliche Entwurzelung ließ den in das Netzwerk seines Berufes völlig eingesponnenen Juden wieder zur Schätzung jener menschlichen und rassischen Werte kommen, die er von s/ic.h aus völlig vernachlässigt hatte. Jeder einzelne hat diese Wandlung an sich erlebt. Aber sargen wir es offen: Dadurch, daß die Wandlung von außen nach innen ihren Weg nahm, statt umgekehrt, ist sie vielen Menschen gegen ihren Willen aufgedrängt worden. Ein wichtiger Entwicklungsfaktor kann sio erst werden, nachdem der innere Mensch zur völligen Erkenntnis von der Notwendigkeit dieser Wandlung gekommen ist. Daß dieser Vorgang noch geraume Zeit beanspruchen wird, ist selbstverständlich. Die Eisdecke beruflicher Glätte mußte erst gesprengt werden, damit die inneren Ströme zur Befruchtung eines neuen Weges frei wurden. Bei dem einen ist das früher, bei dem anderen später der Fall, aber zweifellos vollzieht sich dieser Vorgang mit der Gewalt eines Naturereignisses in allen Schichten der jüdischen Bevölkerung. Es wäre sicherlich vom biologischen Standpunkt au.s selir interessant, die verschiedenen Phasen diesos Vorganges für ganze Gruppen kurvenliaft aufzuzoiolmen. Wir befinden uns hier inmitten einer noch lange nicht zum Abschluß gekommenen Entwicklung. Wo sie sich noch nicht sichtbar vollzogen hat, dort liegt — um ein Wort von Jakob Wassermann zu gebrauchen — Trägheit des Herzens vor, gegen die angekämpft werden muß. Wie wir uns körperlich durch Atmung und Nahrungsaufnahme ständig zur Selbsterneuenmg zwingen, so ist auch der Vorgang der geistigen Selbsterneuenmg von der Schöpfung gewollt und wird ebenso dem einzelnen, wie ganzen Völkern durch besondere Sclvicksalsrnomente. immer wieder nahegelegt. An diesem Wachrütteln des neuen jüdischen Menschen, dessen Endzweck die Bewußtwerdung seiner göttlichen Verbundenheit ist, muß jeder einzelne für sich arbeiten und je weiter er dabei kommt, um so mehr wird er auch seinen Mitbrüdern Stütze und Hilfe sein können. Auf diesem Weg wird die Umschichtung der Persönlichkeit als notwendige Voraussetzung für den Neuaufbau unseres Lebens so rasch um sich greifen können, wie es im individuellen und SozialInteresse notwendig ist. Auch im geistig-seelischen Raum gäbt es Neuland zu entdecken, das im Grunde verlorenes Altland ist, und die Siodlungstätigkoit, die sich an diese Entdeckung schließt, kann sehr fruchtbar sein, Nietzsche hat einmal gesagt, daß man sich von Zeit zu Zeit verlieren müsse, um sich selbst, wiederzufinden. Vielleicht gilt dieses tiefsinnige Wort, niohl nur für den einzelnen Menschen, sondern auch für das Volksschicksal, das wir jetzt an uns ■ erleben. . II. Sch.