Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 405 (30.11.1934)
- Date
- 1934-11-30
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite S DIB 8TIMMB Kr. 40Ö — SO. November 1984 Rabbi auf dem Schiwohbänkchen; er trauerte nach seinem Sohne, der sich zur Wehr gesetzt hatte, als man ihn aufforderte, Geld herauszugeben, das er nicht hatte. Man hatte ihm die Augen ausgestochen, die Zunge ausgeschnitten und sie dem Vater ins Gesicht geworfen. Da saß dieser Vater, eine menschgewordene Ruine, ein Körper ohne Leben, und starrte in sich hinein. Wo Arje hinblickte, sah er gebeugte Gestalten, verweinte Augen und hoffnungslose Züge. Zusammengepferohte, in Sorge und Krankheit erstickende Familien. Menschen mit gekrümmten Rücken, als erwarteten sie jeden Augenblick den Todesstreich. Nein, die können keine Feste feiern! Aber ihr sollt auch keine Klagelieder ächzen, dachte Bunin. Und wenn ihr schon eterben sollt, hingemordet von euren Feinden, so sterbt wie Männer und wehrt euer Gut und kämpft um euer Leben! Verkauft ihnen euer Blut und das Blut der Euren um möglichst hohen Preis! Und Arje rennt durch die Gassen und klopft an die Häuser, und die zu Tode erschreckten Insassen verkriechen sich hinter jämmerlichen Barrikaden. Sie blasen rasch und furchtsam die Chanukkalichtchen aus; sie hören auf zu stöhnen, hören auf zu beten; eie sind nichts als Angst, zu Stein gewordene Angst. ..Heraus!“ ruft Arje Bunin mit lauter Stimme; „heraus, Brüder, heraus! Also sprachen die Söhne der Hasmonäer: „Wenn ■wir alle tun, wie unsere Brüder getan haben, und nicht für unser Leben und unsere Gesetze kämpfen gegen die heidnischen Hunde, so werden sie uns bald von der Erde vertilgen!' “ Und Arje läuft weiter und pocht und ruft: „Heraus, Brüder; es sprachen die Kinder de3 Hohepriesters Jochanan: ,Wenn jemand am Sabbattage wider uns ankommt, um uns anzugreifen, so wollen wir gegen ihn kämpfen, damit wir nicht alle umkommen, wie unsere Brüder umgekommen sind in den Höhlen'.“ Und Arje rennt weiter und pocht sie heraus. Der Glanz eines großen Ideals uraleuohtet sein Haupt, und wenn sie nicht alle so blind wären vor Furcht, müßten eie sehen, daß Gott in ihm lebt und eine höhere Zunge aus ihm spricht. „Heda!“ ruft er, „oh meine Brüder! He wo bist du, mein Israel, das den Syrerkönig Siohon schlug und 0g besiegte, den König von Basan? Wo seid ihr, wackere Kämpen, die Jericho genommen? Ihr Ju den, die ihr die Moabiter schlugt und die Midjaniter, ihr Nachkommen Matistjahus ihr Söhne Makkabis, der bei Mizzah und Beteur hunderttausend Syrer schlug, warum sitzt ihr gekrümmten Rückens und seufzt und erfüllt die Luft mit Klagen? Oh, möchte die Stimme Gottes über euch kommen, möchtet ihr euch besinnen auf euren alten Glanz, ihr Trödler, ihr Bettler, erhebt euch vom Staube und fasset Mut. Vertraut euren Armen und schlaget den Feind. Dann werdet ihr wieder ein Volk sein mit stolzen Häuptern und frohen Herzen- Horch! Sie kommen! Ja, sie kommen! Sie haben Waffen um ihre Lenden gegürtet und sie werden kämpfen. Gott wird ein Wunder tun. Oh, welch ein Jubel erfüllt meine Brust!“ Aus der Oesdiidite des Zionismus in Ungarn Rechtsanwalt Dr. Nisson Kahan, einer Z i o der Führer der ungarischen nisten, veröffentlicht zum 20. Todestage des einstigen Präsidenten der Zionistischen Weltorganisation David Wolffsohn das Stenogramm einer Unterredung Wolffsohns mit dem seinerzeitigen ungarischen Innen [ minister Grafen Julius Andrässy am 2. Dezember 1908, die für den ungarländi schon Zionismus von schicksalhafter Be deutung war. Die antisemitische Volkspartei richtete zu jener Zeit heftige Angriffe gegen die ungarischen Zionisten und der Reichs tagisabgeordnete Szmreesänyi hatte für den 3. Dezember eirie Inter pellation angemeldet, in der er das Verbot der „unpatriotischen“ zionistischen Landes Organisation fordern wollte. In einer Unter redung mit dem damaligen Präsidenten des Zionistenverbandes Dr. österreiche erklärte Innenminister Graf Andrässy, er halte das weitere Wirken der Zionisten nicht für wünschenswert, nooh weniger wolle er es zulassen, daß das ungarische Judentum ausländische Ziele materiell unterstütze. Daraufhin reiste David Wolff sohn nach Budapest und erlangte nooh am Tage seiner Ankunft, am 2. Dezember 1908 durch Vermittlung Armin Vamberys eine Audienz bei Andrässy. Aus der von Dr. Kahan mitgeteilten Unterredung zwischen dem Präsidenten der Zionistischen Weltorganisation, David Wolffsohn, und dem ungarischen Innenminister Grafen Andrässy 6ei vermerkt: Aber es sind nur Polizisten, zwei patrouillierende Polizisten; und gutmütig lächelnd führen sie Arje Bunin fort.- AUCH Berufiunfählflkclt toifllotu GÜNSTIGEM Wolffsohn bei Andrässy Wolffsohn bemerkte einleitend, daß selbst in Rußland die zionistische Arbeit von den Behörden nicht gestört werde — er hatte diesbezüglich mit S t o 1 y p i n und I s w o 1 s k i verhandelt. Es gehe nicht um die paar Tausend Kronen, die aus Ungarn für zionistische Zwecke ins Ausland fließen, sondern darum, das ungarländisohe Judentum für die zionistische Idee zu ge winnen. Darauf Andrässy: Eben das wünschen wir nicht. Wolffsohn: Wahrscheinlich deshalb, weil Sie unsere Absichten nicht kennen Unter zwölf Millionen Juden besitzen höchstens vier Millionen Bürgerrechte; die übrigen sind unterdrückt und zur Auswanderung gezwungen. Wohin 6ollen eie wandern? Wolffsohn informierte den Minister über die Aufbauarbeit in Palästina, wo — 1908 — bereits 30 jüdische Kolonien mit 8000 Kolonisten bestanden, und wies darauf hin, daß der Zionismus keine religiöse Bewegung sei. A n d r ä s e y: Das ist mir bekannt und das ist es, was Ihre Bewegung zu einer nationalen Aktion stempelt. Sie wollen das jüdische Selhstbewußtsein wecken, und das wünschen wir nicht! Wolffsohn: Können Exzellenz Staatsbürger gebrauchen, die kein Selbstbewußtsein haben? Andrässy: Die Juden sollen ungarisches Selbetbewußtsein haben! Wir haben hier Rumänen, Serben, Slowaken und nun sollen wir uns noch eine neue Nationalität schaffen? W olfssohn: Der selbstbewußte Jude ist ein viel besserer Ungar, als der Jude, der sein Judentum verleugnet. Andrässy: Für das Judentum wäre es vorteilhafter, sich zu assimilieren, Mischehen zu schließen, das Christentum anzunehmen. Wolffsohn: Das Judentum hat seit dreitausend Jahren viel schlimmere Zeiten durchgemacht als die heutigen, bisweilen auch bessere erlebt, aber sich nicht assimiliert. Es handelt sich nicht um das ungarische, sondern um das jüdische Problem, dessen Lösung im Interesse eines;eden Landes liegt. Andrässy: Wir kennen hier kein Judenproblem. Wolffsohn: Der Zionismus kann die Gleichberechtigung der ungarischen Juden keinesfalls gefährden. Es widerspricht absolut nicht den Interessen Ungarns, wenn für Juden, die aus ihren Heimatländern auswandern müssen, eine staatsrechtlich gesicherte Heimstätte geschaffen wird. Wir Zionisten tun nichts Gesetzwidriges, wir verheimlichen nichts und wollen uns nirgends dem Willen der Regierung entgegenstellen, Wir wollen für das Judentum die allgemeine \chtung wiedererlangen und ich glau *e, daß die ungarische Regierung unsere Arbeit nicht hindern wird, wenn sie über unsere Ziele informiert ist. Andrässy: Sie müssen auch unsere Lage berücksichtigen. Die Volkspartoi sagt, die Juden wollen sich assimilieren, werden aber hieran durch den Zionismus gehindert, der jüdisches Selbstbewußtsein predigt. Die Zionisten nennen die ausländischen Juden ihre Brüder. Wolffsjhn: Wenn Brüder in verschiedenen Städten wohnen, hören sie dann auf, Brüder zu sein? Andrässy: Wenn man sie nicht ständig daran erinnert, vergessen sie es, Wolffsohn: Der arme Bruder wird nie seines reichen Bruders vergessen, und wenn es in Ungarn reiche Juden gibt, werden die ausländischen armen Juden an sie denken. Andrässy versprach, solange keine Ver-1 fügun-gen zu treffen, bis er das Exposä1 Wolffsohns über das gesamte Problem des Zionismus erhalte. Als Tags darauf Szmrecsanyi seine Interpellation einbrachte, enthielt sich Graf Andrässy unter der Einwirkung der Worte Wolffsohns jeglicher Stellungnahme, nach seinem Beispiel nahm die große Mehrheit des Abgeordnetenhauses die Angriffe auf den Zionismus kühl auf. Wolffsohn schickte je ein Exemplar seines Exposäs dem Grafen Andrässy, dem damaligen Kultusminister Grafen Albert Appotiyi und dem Ziouistenfreund Grafen Theodor Batthyanyi. Am 17. Dezember besuchte Wolffsohn auf der Durchreise in Gesellschaft Batthyanyis den Kultusminister Grafen Apponyi, der ihn herzlich aufnahm. Kurze Zeit danach schrieb Graf Batthyanyi an den Präsidenten des Zionisterverbandes Dr. Österreicher, daß die Persönlichkeit und das Exposä Wolffsohns den denkbar beeten Eindruck auf Andrässy und Apponyi gemacht hätten und daß demnach die ungehemmte Tätigkeit der ungarischen zionistischen Organisation gesichert sei. Kleines zionistisches Wörterbuch (Fortsetzung) Jachin, „Vorbereiter“, Arbeitergenossenschaft für Pflanzung von Plantagen. Jarden, Jordan; revisionistische Tageszeitung in Jerusalem. Jewish Agency, Im Mandatsvertrage als Vertretung des jüdischen Volkes anerkannte, zur Hälfte aus Zionisten und am Palästinaaufbau interessierten Nichtzionisten, bestehende Körperschaft. Jischuw, „Einwohnerschaft“, die Judenschaft Palästinas. Joint, Joint Distribution Committee, amerikanische Organisation für jüdische Fürsorgetätigkeit. „Ma- Ar- Miflegeth Poalej Erez-Israele (abgek. paih“), Vereinigte palästinensische beiterpartei. Mischar we Taasiah, „Handel und Industrie?*, Monatsschrift. Mischpat haschalom, „Friedensgericht“, Organ der freiwilligen Gerichtsbarkeit unter den Juden Palästina$. Misrachi (Abk. für „Merkas Ruchani“, „geistiges Zentrum“), Orthodoxe zionistische Vereinigung. Moazah, Hat, Tagung gewählter Vertrauensmänner. Moschaw. Siedlung. Kadimah, „Ostwärts“; älteste zionistische jvioschaw Owdim, Genossenschaftliche Klein- Studentenverbindung in Wien. Keren, „Horn“, Fonds. Keren Hajessod (abgek. K. H.), „Grundfonds“, Kolonisationsfonds der Jewish Agency. Keren Kajemeth Leisrael (abgek. K. K. L.), „Ewiger jüdischer Fonds“; jüdischer Nationalfonds zum Ankauf palästinensischen Bodens in das dauernde Gemeineigentum des jüdischen Volkes. Kfar, Dorf. Kfar Ussischkin, Siedlung, die zu Ehren des zionistischen Führers Ussischkin in Palästina errichtet wird. Kibusch, Eroberung, Kibusch baawodah, „Eroberung der Arbeit\ Parole der jüdischen Arbeiterschaft zur Eroberung von Arbeitsplätzen für Juden in der gesamten jüdischen Wirtschaft. Kibuz, Landwirtschaftliche und städtische Arbeitergenossenschaft. Kibuz hameuchad, Arbeitergenossenschaften der der vereinigten jüdischen Arbeiterpartei nahestehenden Gruppen. Knesset Jisrael, Gesamtorganisation der palästinensischen Juden. Kongreß, gewählte Körperschaft der zionistischen Organisation. Kupath Cholim, Krankenkassa. Kwisch, Chaussee, Straße. Kwuzah, Mehrz. Kwuzoth, landwirtschaftliche Produktivgenossenschaft. Kwuzah Winaith, „Wiener Kwuzah“ des allgemeinen zionistischen Jugendbundes Gdud Zeirim (Wien) im Emek Sebulon. Llschkah, Kanzlei. Lischkat Awodab, Arbeitsvermittlungsstelle. Maasser, „Zehent“, einstige jüdische Steuer, jetzt Abgabe für den Keren Hajessod. Macblakah, Abteilung. Machaneh, Lager. Makabi, Jüdischer Turnverein. Makabi Hazalr, Jugendbewegung des Makabi. Maschbir, Jüdische Konsumgenossenschaft in Palästina. Matate, „Der Besen“, politisches Kabarett in Palästina, Merkas, „Zentrum“, Leitung. Merkas Chaklei, Landwirtschaftliche Kommission der jüdischen Arbeitergewerkschaft, Merkas Mischari, „Handelszentrum“; Platz in Haifa. Meschek, Wirtschaft. Meschek Poalot, Mädchenwirtschaft der jüdischen Frauenorganisation WIZO, Mifal, Aktion. Miflagah, Partei. bauernsiedlung. Moschawah, Kolonie. Nescbef, Abendfeier. Negew, südlicher Teil Palästinas. New Judea, englische Wochenzeitung der zionistischen Exekutive. Nir, Organisation zur Förderung von Hüfswirtschaften der landwirtschiftlichen jüdischen Arbeiter. Noar owed, „Arbeitende Jugend“; sozialzionistische Jugendorganisation in Palästina. Noar Zioni, Allgemein zionistische Jugendorganisation. Ohel, „Das Zelt?*, Theatertruppe der palästinensischen Arbeiterschaft. Olim, Palästinaeinwanderer. Olej Austria, Vereinigung der österreichischen Einwanderer. Oneg Schabath, „Sabbath-FreundeSabbathfeier. „Ort“, Gesellschaft zur Verbreitung des Handwerkes und der Erziehung zur produktiven Arbeit unter den Juden. Palestine Electric Corporation, von Ruthenberg gegründete Gesellschaft zur Elektrifizierung Palästinas. Palcor, Palästina-Correspondenz, Nachrichtendienst der zionistischen Palästina- Exekutive. Pardes, Orangegarten. Pegischah, Treffen, Zusammenkunft. Pica, Abk. von „Palestine Jewish Colonhsation“, Gesellschaft zur Verwaltung der Besitzungen des Barons Rothschild in Palästina. P. L. D. C., Abk. von „Palestine Land Development Company“, Bodenkaufsgesellschaft, die Parzellierung und Weiterverkauf von Grundstücken vornimmt. Plugah, Arbeiter gruppe. Poale Zion, Zionistische Arbeiterpartei. Poäle Misrachi, Religiöse Arbeiterpartei. Poel, weibl. Poeleth, Mehrz. Poallm, Poaloth, Arbeiter. Rechow, die Straße. Schalom, „Friede“, Begrüßung. Schechunab, Gasse. Schechunath Owdim, Vorstädtische Arbeitersiedlung. Schekel, Mitgliedsbeitrag der zionistischen Organisation. Scheliach, Abgesandter. Schmlrah, Wache. Schomer, Der Wächter. Schomer Hazalr, „Der junge Wächter“, zionistische Jugendbewegung, Schomron, Samaria, Mittelpalästina.