Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 405 (30.11.1934)
- Date
- 1934-11-30
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 405 — 30. November 1934 Dtl STIMMI 9 Seit* 7 ANUKKAH-BEILAGE CUaHukkaU-ltihdedied (msdeMsdtleutd Moans zur jeschuossi, Ich hab’ kein Geld was tu ich hie? Geh’ ich e bißle weiter, Begegnet mir e Beiter, Der Beiter will mich schlagen, Geh’ ich zum Poked*) klagen. Der Poked, hat a Hindla, Das Hindla will mich beißen, Macht’ ich’s gleich zerreißen. Vcdee gießt Tveftdelcheti... In der Chanukkabwoche bildet das Spiel mit dem traditionellen Trendelcben noch immer die Hauptunterhaltung der Jugend. Und der Reiz liegt nicht nur in der Beschäftigung mit einem fertig gekauften kleinen Drehwürfel, sondern in der Herstellung des Trendejs. Die nachfolgende kleine Skizze aus einer kleinen Gemeinde gibt die Festesstimmung wieder, wie sie unter der Jugend schon vor Chanukkah herrscht. Viele, viele Tage vor Ohanukkah, schon bald nachdem der Monat Kißlew seinen Einzug gehalten hat, beginnt die Arbeit in der „Werkstatt“ meines Vaters. Als Werkstatt dient ihm nämlich — die Küche, sehr zum Leidwesen der weiblichen Angehörigen der Familie, die sich in der Ausübung ihrer Macht in ihrem ureigensten Herrschaftsbereich beeinträchtigt fühlen. Aus der Tiefe der Sohreibtißahsehuiblade werden seltsame, mit Schnüren umwickelte Holzstücke hervorgeholt; t löst man die Schnüre, so fallen vier gut zusammenpassende Viertel auseinander, in deren jedes etwas eiingekerbt ist. Das ist die Gußform für das Trendelohen, von der Hand meines Vaters gefertigt, der sich auf Basteleien und Schnitzarbeiten versteht. Die alten Formen werden noch einmal überprüft, damit erforderlichenfalls ein Ersatzstück aus einem Kiefernzweig geschnitzt werden kann. Die dienstbaren Geister sind auch bald zur Stelle, um das für den Guß notwendige Material heranzuschaffen. Schulkinder bringen irgendwoher aufgestöberte Bleireste und alte Zinnsoldaten, um nachher als Lohn ein eigenes Trendel zu erhalten. Die Formen sind gußbereit gemacht und warten schon darauf, das flüssige Blei in sich aufzunehmen, um es dann nach einer Pause der Abkühlung in Gestalt eines Trendelchens aus ihrer Umklammerung freizugeben. In verschiedenen Ausführungen werden die Trendelohen hergestellt: eins hat Flügel, das andere ist kubisch und das dritte wiederum hat Tropfenform. Alle sind von einer Achse durchzogen, damit sie auch gedreht werden können. Nach dem Gießen wird jedes Trendelchen noch fein mit der Feile verputzt, daß es besser seine Kreise ziehen kann, wenn ee in rotierende Bewegung versetzt wird. Allen Abnehmern wird streng eingoßchärft, diese kleinen Chanukkahbeglücker recht sorgsam aufzubewahren, damit mau im kommenden Jahr die Arbeit spart. Aber die Ermahnung' ist in jedem Jahr gleich wirkungslos und erfolgt ebenso sicher, wie die Instruktion über die Anwendung des Trendels und die Bedeutung der Buchstaben: N, G, H und S, von denen jeder gesondert auf einer Seite des Trendels sichtbar ist. Nüsse, die nun einmal zum Chanukkahfest gehören, sind der Einsatz, um den gespielt wird. Je nachdem, welcher Buchstabe nach oben weist, nachdem das Trendelohen seine Kreise auf der Tischplatte gezogen und, zur Ruhe gekommen, sieh auf eine Seite gelegt hat, bekommt man beim N nichts, beim II dio Hälfte, beim G den ganzen Ein* satz, während man beim S „stellen“, also zusetzen muß. Aber dieso Buchstaben des Trendelchens werden auch als dio Anfangsbuchstaben der Worte gedeutet: „neß godaul hojo sohom“, V Poked (Pokid) Beamter. ein großes Wunder geschah da. Dieser kurze Satz, in dem die ganze Bedeutung des Chanukkahfestes enthalten ist, soll die Spielenden auch beim Spiel an den Heldenkampf der Makkabäer ebenso wie an den wunderbaren Vorgang mit den ölkrüglein gemahnen. Ar je Bunin stand mit glühendem Kopf vom Stuhle auf. Er hatte sich die Krone einer großen Begeisterung aufs Haupt gesetzt und er lechzte nun nach Taten. Die Geschichte der Makkabäer, die er eben gelesen hatte, war in ihm lebendig geworden und es kochte etwas in ihm von jenem tiefen Ingrimm, der in seinen Vorfahren, in jenen Helden vergangener Jahrtausende gelebt hatte. Ach, hinausstürmen! Die letzten Häuflein seines Volkes sammeln und mit dem Schrei Gottes auf den Lippen gegen den Feind an stürmen, den Feind zermalmen! Die Tyrannei abschütteln! Ihnen die Zähne zeigen! Die Kosaken von den Pferden reißen und alles dem Staube gleichmaohen! Denn im Grunde, war es nicht empörend, daß man in fremden Landen Geld zusammenbettelte, imi den Unglücklichen und Armen, den Krüppeln und Elendigen zu helfen? Warum sammelte man Geld, anstatt sich selber zu sammeln, anstatt die Kräfte zu sammeln und die Henker des Volkes zu erschlagen?« Denn also stand es ja in der Bibel: Wer Blut vergießt, des Blut soll wieder vergossen werden! Hatto Gott seinem Volke keine Arme gegeben? Und gab es denn Waffen nur für dio Feinde? Oh, er würde sich a.uf den Marktplatz stellen, mit lauter Stimme sein Volk zusammenrufen, sio um sich scharen, sie mit dem Odem beseelen, der in ihm lebte, und dann mit Gott frisch an gegen den Feind! Er würde schon Worte finden, deu erstorbenen Mut in ihnen aufzuwecken; Worte, um ihnen den Glauben zu geben an ihre eigene Kraft; Worte, um sie dio tiefe Schmach empfinden zu lassen, daß man für eie bettolto, indes sie sich ruhig töten ließen. Und er dachte an all die grauenerregenden Schlachten der letzten Wochen, dio er gesehen. Und das Blut der freventlich Geschändoton, der unschuldig Gemordeten und erbarmungslos Hingesohlaohteten quoll Wenn nun am Chanukkah die Lichter angezündet und die Melodien verklungen sind, dann bildet sich am Tisch eine fröhliche Runde, um das kleine Trendelchen, den Chanukkahbegleiter und -beglücker, zu Ehren kommen zu lassen. A. Saretzki, Krojanke. zu einem Strome zusammen, der an seinem Auge dampfend vorüberrauschte, ein Strom heißen Blutes, desselben Blutes, das auch in seinen Adern siedete. „Es muß etwas geschehen!“ rief er, und seine Gedanken kämpften gegen das Bewußtsein der Ohnmacht, die er trotzdem in sich schlummern fühlte; „ee muß etwas geschehen, und heute noch. Noch heute will ich sie daran erinnern, heute, am Chanukka. Oh, fülle meinen Mund mit Flammenworten, Ewiger, daß sie sich aufraffeu möchten, daß sio wieder Söhne werden möchten, würdig ihrer Ahnen!“ Ar je Bunin ging hinaus auf die Straßen und er hatte es nicht weit zu dem Viertel, wo die Juden wohnten. Er lebte mitten unter ihnen, unter bedrückten, freudelosen Menschen, deren Leiden die seinen waren und deren Not und Betrübnis in seinem Herzen eine so starke Resonanz gefunden hatte, daß er oft Tränen der Verzweiflung weinte, weil er ihnen nicht gründlich zu helfen vermochte. Er glich einer großen Meereswoge, die gegen eine mächtige Mole ankämpfen -wollte. Er ging und wundervolle Nacht war über ihm. Der Himmel war wie ein gewaltiger Pfauenschweif mit tausend goldenen Augen bestirnt. Bunin kam in die elendsten Winkel, die die Sonne nie erwärmte und in die der Mond nie einen Strahl warf. Verschlafene Häuschen standen da; magere, alte Baracken mit zerbröckelten Dächern, schmutzigen Ziegeln und schlammigen Rinnen. Htiudelöcher, in denen die Schönheit keinen Raum hatte, in denen Mark und Kraft verkümmern mußten, in denen große, freie Gedanken nicht zu reifen vermochten. In der kalten Luft lagerte der Rauch, der aus den verwitterten Schornsteinen drang, und kümmerliche Lampen warfen durch kleine geborstene Fenster ab und zu einen Lichtschein, der die trostlosen Gassen und Winkel mit noch größerem Elend färbte und füllte. All das schaute „Ein Lied der Erneuung des Hauses Davids“ (Psalm 30, 1). Unser Rabbi lehre uns, v o n w ann an es geboten ist, das Chanukka blicht anzustecken. Es lehrt unser Rabbi: Vom Sonnenuntergang an bis kein Schritt mehr auf der Straße klingt. — Und. an welchem Orte steckt man es an? Spricht er: Wer ein Fenster hat, das nach dem Markte blickt, der stecht es darin an; nur in Zeiten der Gefahr steckt man es im Hause an. — Und warum steckt man zu Chanukkah Lichter an? Darum: in der Zeit, da die Söhne des Hasmonäers, des Hohenpriesters, das Königreich der Griechen niederwarfen — wie es geschrieben steht bei Secharja (9, 13): „Ich will auf wecken deine Kinder, Zion, über deine Kinder, Hellas, und will dich machen als ein Schwert der Biesen“ —, damals kamen sie in den Tempel und fanden daselbst acht Speere von Eisen, die pflanzten sie auf und steckten Kerzen daran. — Und warum liest man den Lobgesang? Weil es heißt (Psalm 118, 27): „Gott ist der Herr, er hat uns geleuchtet.“ — Warum aber liest man ihn nicht am Tage des Purim? Zwar erlaubte Ahasveros den Juden, ihre Feinde zu vertilgen, zu erwürgen und umzubringen (Esther 8, 11), doch aber liest man den Lobgesang nicht da, sondern nur wegen des Falles eines Königreiches Das Reich des Ahasveros blieb noch lange nachher bestehen; das der Griechen jedoch hat Gott vernichtet. Darum stimmten sie ein „Hymnen“ und Loblied an und sagen: „Einst waren wir Knechte dem Pharao und Knechte den Griechen; jetzt sind wir die Knechte des Herrn. Lobet, ihr Knechte des Herrn, lobet den Kamen des Herrn!“ (Psalm 113, 1). — Und wie viele Erneuungen oder Chanukkah gibt es? Es gibt ihrer sieben: Die Erneuung der Welt (I. Buch Moses 2, 1), die Erneuung des Altars durch die Fürsten Israels, zur Zeit Moses (IV. Buch Moses 7, 84), die Erneuung des Hauses (Psalm 30, 1), die Erneuung des zweiten Tempels (Esra 6, 17), die. Erneuung der Mauer Jerusalems (Nehernia 12, 27), die Erneuung des Heiligtums durch die Hasmonäer und die Erneuung der kommenden Welt bei der auch Licht leuchten wird, wie bei Jesajah geschrieben steht (30, 26): „Des Mondes Schein wird sein wie der Sonne Schein und der Sonne Schein wird siebenmal heller sein denn jetzt, zu der Zeit, wenn der Herr den Schaden seines Volkes vergüten und seine Wunden heilen wird.“ Arje, und schwere Beklommenheit befiel ihn. Das waren die Wohnungen des armen Juden! Arje fragte sich, warum sie hier wohnen müßten, wo keine Sonne hineinschien und jede Pflanze verwelken mußte. Warum starben sie ohne Licht und Luft und lebten ohne Freude und Jubel! Warum sahen sie alle so verdorrt und zusammengeschrumpft aus und hatten Gesichter, in die Verzweiflung und Kummer mit scharfen Messern ihre Runen schnitten? Aber wie? War er nicht selber von ihrem Stamme? Gehört er nicht zu ihnen? Es stürmte so überwältigend traurig und wehevoll auf ihn ein, daß er regungslos Stillstand in dem beängstigenden Dunkel; er seufzte schwer. - Ach, warum hockten sie da mit scheuen Mienen, wie aufgeschreckte Nachtvögel? Man sah cs ihren gehöhlten Wangen an, daß ihnen vor Angst das Herz in der Brost erstarb. Warum waren sie die Verfolgten, die Verfluchten, die Sündenbocke? Er blickte durch ein Fenster und sah eine vielköpfige Familie, die mit glanzlosen Augen die armseligen fünf Chanukkaliehtchen anstarrte, die man unter dern Bett versteckt hatte, um vor den Vorübergehenden zu verbergen, daß hier Juden wohnten. Und die brausende Hymne „Moaus zur Jeschuossi“ klang wie eine gramgeseinvängerte Jobiado aus heiseren Kehlen; Kehlen, die nicht mehr wußten, was Singen ist. In einem anderen Stübchen saß ein alter MENORAH Von Marek Scherlag Wie ist die Sehnsucht tief in solchen Stunden! Es zieht ein Wölkchen wie ein graues Boot Durchs blaue Meer der Luft, die Bänder rot, Ein Wand’rer, der noch keine Bast gefunden, Ein Seufzer, ehe er in Nacht entschwunden. Ein Windhauch stößt das Boot in dunkle Flut. Mich schauert’s, und so flüchte ich ins Zimmer. Wie tröstend grüßt mich der Monorah Schimmer, Gib mir die Hand, mein Kind! Nun ist mir gut. Und Träume blühen auf in sanfter Glut. Den Träumen ist der Glanz der Sterne eigen Und ist ein Blitzen drinn von Schwert und Speer, Ein Schreiten, wie von einem Heldenheer, Das gegen Feindesmacht in Trutz und Schweigen Zu kämpfen zieht für Gott und Heim und Eigen. Ein Traum nur ist’s. Und meine Sehnsucht glüht: Oh, wenn wir heute doch die Helden fänden, Die uns aus Nacht mit gottgeweihten Händen Zum Lichte führten, wo die Freiheit blüht! — Strahl’ Hoffnung mir, Menorah, ins Gemüt. Von J. ]£. 5®©r£teSs.y