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Die Stimme · 1934-11-27 · Heft 404 (27.11.1934) · page 4

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Journal
Die Stimme
Volume
8 (1934-1935)
Issue
Heft 404 (27.11.1934)
Date
1934-11-27
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 0» SUMM! Nr. 404 — 27. November 1984 sagte: „Ich halte in einer Dunggrube keinen Gottesdienst ab!“ Everling holte mich aus der Grube- Gummiknüppel und Gewehrkolben sausten auf mich nieder. Bewußtlos wurde ich in meine Koje gebracht. Zwei Stunden lag ich ohne Besinnung. Am Nachmittag wurden wir in die gleiche Dunggrube gebracht, in der die anderen am Vormittag hatten arbeiten müssen. Nunmehr forderte Everling mich auf, einen Vortrag über das Judentum und die anderen Religionen zu halten. Ich begann: „Die jüdische Religion hat wie andere Religionen die Zehn Gebote zur Grundlage und den schönen Bibelsatz: „Liebe deinen Nächsten wiedich selbs t!“ — Da unterbrach mich Everling: „Hör auf, du Schwein, wir werden dir beibringen, was man unter Nächstenliebe versteht!“ — — Nun wurde ich so fürchterlich mißhandelt, daß ich hohes Fieber bekam und in Krämpfe verfiel. Mein Körper war wundgeschlagen, ich konnte weder sitzen noch liegen. So verbrachte ich eine schreckliche Nacht voll wirrer und grausamer Fieberphantasien. Am nächsten Morgen wurde ich in bedenklichem Zustande in die Krankenstation gebracht Hier war ich nur mit nichtjüdischen Kameraden zusammen, mit Sozialdemokraten und Kommunisten, die sich aufopfernd um mich bemühten. Ich werde ihnen ihre kameradschaftliche Hilfe nie vergessen. — Als ich am Versöhnungstage trotz meines schwächlichen Zustandes gefastet hatte, versahen sie mich am Fastausgang mit Nahrung. Zwei Wochen blieb ich in der Krankenstation. Später erfuhr ich, daß ich einige Tage ernstlich in Lebensgefahr geschwebt hatte. Die Hakenkreuzler verleugnen die «Protokolle4 Die in Berlin erscheinende völkische Zeitung „Die Wahrheit“ schreibt in ihrer Ausgabe vom 8. d. M. im Zusammenhang mit dem Berner Prozeß über die gefälschten „Protokolle der Weisen von Zion“: „,Die Wahrheit* hat sich niemals für die Echtheit der „Weisen von Zion“ eingesetzt, was auch von der völkischen Bewegung der Vorkriegszeit gesagt werden kann. Soviel uns bekannt ist, kann dasselbe von der nati onalsozialis bis che® Bewegung behauptet werden. Nur von ganz bestimmter Seite, die in keinerlei Beziehung zur NSDAP, steht, ist der Kampf gegen die „Weisen von Zion“ in Deutschland in besonders scharfer Weise geführt worden. Wie also auch der Prozeß in Bern ausgehen mag, die antijüdische Einstellung in Deutschland kann davon nicht berührt werden.“ Die Notiz bezweckt offenbar, einem etwaigen (vielleicht vom Ausland her erwarteten) Einwand zuvorzukommen, daß nach einem Berner Urteil, das die „Protokolle“ als Fälschung entlarvt, die antijüdische Einstellung in Deutschland revidiert werden sollte. Dies, so meint die „Wahrheit“, kommt schon deswegen nicht in Frage, weil ja die Einstellung in Deutschland nicht auf dde „Protokolle“ begründet wurde. Dazu bemerkt die „Jüdische Rundschau“: „Wenn in diesem Zusammenhang gesagt wird, daß auch die nationalsozialistische Bewegung nicht für die Echtheit der „Protokolle“ eintritt, so wäre dies, falls es zutrifft, eine wichtige Feststellung, die in ihren Konsequenzen gewiß die Lage der Juden nicht ändern würde, aber doch manche der seelisch besonders schwierigen Begleiterscheinungen mildern könnte.“ Wir erinnern daran, daß Hitler in „M e i n K a m p f“ sich fü r d i e Echtheit der Protokolle einsetzt. Tatsächlich stützt sich diie gesamte Juden¬ Die Vereinslaltung des Vereines der Lemberger In Wien gibt hiemit die traurige Nachricht, daß der Vater ihres Obmannes, Herrn Oswald Reicher, Herr Dawid Reicher am Samstag, den 24. November in Lemberg verschieden ist, und pricht den Hinterbliebenen das innigste Beileid aus. Dar QasamtaussclinD. praxis im Dritten Reich auf die gefälschten Protokolle. Jüdisches Warenhaus von Streicher gestohlen Nürnberg, 25. November. (2. T. A.) Das jüdische Kaufhaus Julius Strauß, gegen das auf Betreiben des Gauleiters Julius Streicher ein unerhörter Boyköttterror angewendet wurde, so daß kein Käufer das Geschäft betreten konnte, ohne insultiert und zwecks Diffamierung photographiert zu werden, mußte den Betrieb e i n s t e 11 e n. Wie die Gauleitung mitteilt, wird das Geschäft nunmehr als ein deutsches Warenhaus geführt werden; Nürnberger Fabriksbetriebe und Handwerker werden es beliefern. Die letzte Nummer der „Deutschen Medizinischen Wochenschrift“ vermerkt, daß in Nürnberg zehn nichtarische Ärzte, die boykottiert wurden, ihre Praxis aufgeben mußten. Ausschreitungen in Westfalen Münster, 22. November. (2. T. A.) Im Zusammenhang mit dem antijüdischen Boykott fanden in den letzten Tagen in westfälischen Orten antijüdische Ausschreitungen statt. In Niedermarsberg, Kreise Arnsberg, haben SA-Leute in Uniform jüdische Passanten niedergeschlagen, unter anderem einen 80jährigen Juden schwer verletzt. Sie drangen in einen jüdischen Laden ein und mißhandelten alle Käufer und Käuferinnen. Nazipartei in Südwestafrika verboten London, 28. November. (2. T. A.) Reuter meldet aus Prätoria: Am 29. Oktober wurde in Südwestafrika auf Grund des Gesetzes gegen die Rassenpropaganda die Nationalsozialistische Partei verboten. Der nationalsozialistische Führer, Oberst We i g 1, wurde ausgewiesen. Das Außenministerium hat jetzt ein Communique veröffentlicht, in welchem es heißt: Wenn die Ziele dieser Partei verwirklicht würden, dann würden der deutsche Staat und die deutsche Regierung über eine Organisation disponieren können, die die gesamte Bewohnerschaft deutscher Zunge in Südwestafrika beherrschen würde. Es istklar, daß die Südwestafrikanische Union als Mandatsmacht eine solche Organisation eines fremden Staates auf dem Mandatsgebiet nicht dulden kann. Antisemitische Kundgebungen in Zürich Zürich, 22. November. (2. T. A.) Das von der Nichtjüdin Erika Mann, der Tochter Thomas Manns, geleitete Künstlerkabarett „Die Pfeffermtihle“ (es handelt sich nicht, wie anfänglich gemeldet, um ein Theaterstück „Die Pfeffermühle“) gastierte in Zürich ungestört seit dem 3. November. Aber erst vor wenigen Tagen brach bei einer Vorstellung ein antisemitischer Tumult aus. Die Schweizer Presse weist darauf hin, daß es sich keineswegs um eine spontane Reaktion eines Teiles des Publikums auf die Darbietungen des Kabaretts, sondern um eine planmäßig organisierte Aktion der „Nationalen Front“ handelt. In den folgenden Abenden konnten die Vorstellungen der „Pfeffermühle“ in Ruhe durchgeführt werden, dafür sammelte sich außerhalb des Kursaales, wo die Vorstellungen stattfinden, jüngere Leute in größerer Zahl an, störten den Verkehr, belästigten jüdisch aussehende Passanten und stießen in Massenchören judenfeindliche Rufe aus, wie „Juda verrecke!“, „Hinaus mit den Juden!“, und „Wir brauchen keine Juden in der Schweiz“. Mit Ausnahme der „Front“-Organe verurteilt die ganze Schweizer Preise auf das schärfste die Zürcher Krawalle der „Fröntler“, denen vorgeworfen wird, daß sie sich eng an bekannte deutsche Vorbilder anlehnen. Die antisemitischen Radauszenen waren auch Gegenstand einer ziemlich bewegten Debatte im Zürcher Kantonsrat. Gelegentlich dieser Debatte wies der Polizeiobef Regierungsrat Pfister darauf hin, daß der Grund der Demonstration gar nicht bei der „Pfeffern! üble“ liege, sondern bei einem Artikel des „Reichsdeutschen“ (eines in der Schweis verbreiteten mtler-Oiga»), der in außerordentlich scharfer Weise gegen die „Pfeffermühle“ hetzte. Die Regierung habe sieh daher überlegt, ob nicht Anlaß besteht, gegenüber ausländischen Zeitungen, die in derart scharfer Wedse Stellung zu innerschweizerischen Angelegenheiten nehmen und die in solcher Weise hetzen, Maßnahmen zu ergreifen. In der Debatte protestieren Sozialisten und Bürgerliche sehr scharf gegen die Methoden der „Fröntler“. Der demokratische (reöhtsbürgerliche) Abgeordnete Dr. Maag erklärte: „Es ist Deutschlands Privatsache, wenn es sich von einer Mörderbande regieren läßt. Nicht verständlich hingegen ist, wenn man in der Schweiz den Künstlern kein freies Wort mehr erlauben will.“ Regierungsrat Hafner bedauerte im Namen der Regierungsmehrheit den Ausdruck „Mörderbande“, den Dr. Maa-g gegen die deutsche Regierung gebrauchte. ★ Eine Kundgebung des Sehweizerisefidsraeliti« sehen Gemeindebundes Zürich, 2o. November.. (2. T. A.) Der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (Lokalkomitee Zürich), wendet sich im Zusammenhang mit den antisemitischen Krawallen anläßlich der Darbietungen des niebtjüdiechen Kabaretts „Die Pfeffennühle“ mit folgendem Aufruf an die schweizerische Öffentlichkeit: „Da wir es ablehnen, uns mit Sprechchören auf der Straße mit dem Volksbund, der Heimatwehr, der Front, den nationalsozialistischen Eidgenossen und allen übrigen sogenannten Erneuerungsbewegungen zu messen, und es ferner ablehnen, den Kampf gegen diese Verleumder, gewissenlosen Aufwiegler und Feinde der Demokratie mit dem Schlagring, der Stählrute, der Gaspistole und Tränengasbombe zu führen, wenden wir uns an die Züricher Öffentlichkeit und legen Verwahrung ein gegen den aus dem Dritten Reich seitens der sogenannten Erneuerer übernommenen Kampfruf des ,,Juda verreck e!rt, wie er in schändlichster Weise mitten in unserer Stadt dieser Tage erneut erhoben wurde. Wir sind uns dabei bewußt, daß wir die Elemente, die einen sogenannten politischen Kampf auf diese unschweizerische, undemokratisebe und vor allem ungeistige Weise führen, nie und durch nichts eines Besseren belehren werden. Jedoch geben wir der festen Überzeugung Ausdruck, daß das Züricher Volk au! Grund alterprobter politischer Erfahrung diese Methoden, die morgen zum Untergang der Rechte des souveränen Volkes führen würden, verurteilt, daß es daher unentwegt festhält an der Gleichberechtigung aller Bürger, welcher Konfession oder Rasse sie auch immer angehören mögen, und daß es daher seine Behörden unterstützt in dem Bestreben, solche Kampfmethoden radikal auszurotten.“ Antisemitische Propaganda in den skandinavischen Landern Helsingfors, 25, November. (2. T. A.) Die antisemitische Presse Finnlands und der skandinavischen Länder ist in letzter Zeit dazu übergegangen, sich in ihrer Propaganda der „Protokolle der Weisen von Zion“ zu bedienen. Man bemüht sich außerordentlich, dieses Buch, das ins Finnische und Schwedische übersotzt wude, zu vorbreiten. Zur Abwehr dieser Propaganda hat der Oberrabiner von Helsingfors, Dr. Federbusch, ein Buch in finnischer und schwedischer Sprache erscheinen lassen, das den Titel führt: „Die geheimen Protokolle der Weisen von Zion im Lichte der Wahrheit“. In dem Buch wird nac-hgewieeen, daß es eich bei den Protokollen um eine Fälschung handelt, und im Zusammenhang damit die Methodik der antisemitischen Propaganda im allgemeinen dargel°gt. Das Werk de« Qberrabbmers Dr. Federbuech wurde von der finnischen, schwedischen und norwegischen Presse äußerst günstig angenommen. Die Zeitungen wenden sich in ihren Besprechungen scharf gegen die Benutzung von Fälschungen und die Vorbreitung von Verleumdungen bei der antisemitischen Agitation. Oberrabbiner Dr.David Feurhtwans ein Siebziger Am 27. November feiert unser allseits vef* ehrter Oberrabbiner Dr. David Feuchte w a n g seinen 70. Geburstag. Über ausdrücklichen Wunsch des Jubilars unterbleiben alle Ehrungen. Wir nehmen aber diesen Anlaß wahr, um Herrn Oberrabbiner Dr. Feuchtwang die herzlichsten Glückwünsche des Zionistischen Landesverbandes zum Ausdruck zu bringen. Oberrabbiner Dr. David Feuchtwang wurde am 27. November 1864 in Nikolsburg in Mähren geboren. Er studierte in Wien und Berlin. Im Jahre 1892 wurde er Nachfolger seines Vaters Meir Feuchtwang in Nikolsburg und 1908 Rabbiner in Wien. Im Jahre 1933 wurde er als Nachfolger von Zwi Perez Chajes s. A. Oberrabbiner von Wien. Oberrabbiner Dr. Feuchtwang hat eine Reihe von wissenschaftlichen Werken veröffentlicht, so zum Beispiel „Nachum im Lichte der Assyriologie“ (1888), 6 Bände Kanzelreden (1902 bis 1906), „Zur Aufklärung über Babel und Bibel“ (1903), „Das Hebräische und wir“ (1908), „Das Wasseropfer und die damit verbundenen Zeremonien“, „Der Tierkreis in der Tradition und im synagogalen Ritus des Judentums“, „Studien zura Buche Ruth“ (1925), „Über den Sabbat-h“ (1926) usw. Interessant ist der Stammbaum Oberrabbiners Dr. Feuchtwang. Seine Eltern stammen aus Bayern, sein Vater, ein bedeutender Talmudgel ehrter und Rabbiner in öttingen in Bayern, war der erste bayrische Rabbiner mit dem Doktorgrad. Sein Großvater mütterlicherseits war Talmudgelehrter und reicher Großgrundbesitzer. Sein Urgroßvater war ein Handwerker (Siebmacher) und Grundbesitzer zugleich. Oberrabblner Dr. Feuchtwang, ein überzeugter Zionist, erfreut sich nicht nur in allen Schichten der Wiener Judenschaft, sondern auch in christlichen Kreisen außerordentlicher Wertschätzung und hat wiederholt mannhaft in seinen Kanzelreden gegen die antisemitische Hetze Stellung genommen. Die Wiener Judenschaft wünscht ihm vom Herzen, daß es ihm noch gegönnt sein möge, sein schweres Amt noch viele Jahre in voller Rüstigkeit zum Nutzen und Frommen der Wiener jüdischen Gemeinde auszuüben. Zion. Bezirks-Sektion VIII—IX, IX., Währingerstraße 6—8. Samstag, den 1. Dezember, 149 Uhr abends, große Makkabäerfeier. Näheres (Programm) in der Freitag-Nummer der „Stimme“. Kinoprogramme der Woche KREUZ-KINO yflü! Prolongiert t Die Jagd nach dem Piratenschatz mit Richard Talmadge Beginn: 4, 8/*6, ‘/a8, */410 Uhr Leopoldstödter Volkskino Tnlenhon8Rr"S-0-2a Vom 27. bis 29, November CARIOCA mit Dolores dal Rio Wochentags '/»S, V«10 Uhr, Sonn- und feiertags V,4 Ubr SCHAFFER-KIM VI Triephon * Br20-208 3? Vom 27. bis 29. November-. Spiel am Abgrund mit Silvia Sldney Beginn : l/,4, '/*6, \8, 1 »10 Uhr Helmut-Kino Telephon ABlg8 0-76*9 Prolongiert I Rosy Barsony, Fritz Schutz, Fel x Bressart in: Salto In die Seligkeit Wochentag: 6, 7, 9 Uhr, Sonn u. Feiert, ab 8 Uhr Votiopnrk-Kino ^Telephon08^?^-^12 Vom 27. bis 29 Novomben Königin Christine mit (trete Garbo Täglich: 4, */A VA V*10 Uhr

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