Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 404 (27.11.1934)
- Date
- 1934-11-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nt. m — 21, November 19S4 wmemm mxMsaemmaBmemam Dil STIMM! Seit« 3 Mit (Ml ili ab (: f D ('in tis (Mi l;u id S 1 > eg n üg e n 'tVH'- -i-f Die,Judenkompagnie1 von Oranienburg Rabbiner Max Abraham war vier Jahre Prediger und Lehrer der jtidtechätf Gemeinde in Rathenow bei Berlin, einer Industriestadt voft 28.000 ßlnWöh» liern mit einer kleinen jüdischen Gemeinde, die er nebst mehreren umliegenden Öd' meinden, wie die in Stendal, Tangermünde und Gardeleben) zu betreuen hatte Poli« tisch hat sich der junge Rabbiner nicht betätigt, doch hat er in Gemeinschaft mit den Vertretern anderer Konfessionen, so auch mit dem katholischen Pfarrer de! Ortes, eine Arbeitsgemeinschaft für konfessionellen Frieden und Eintracht gegründet und in deren Rahmen Vorträge gegen Antisemitismus gehalten. Zuletzt Im Oe» zember 1932 in einer Tannenbergbund-Versammlung in Rathenow waren Abraham und der katholische Geistliche gegen einen wüsten Beächimpfer der jüdischen und der katholischen Religion aufgetreten. Die Anklage, die die j u g o ft 1 a w i s c li o I Regierung beim Völkerbund erhoben bat,, i-ftt. die erste ihrer Art. Es soll die Frage dbr Verantwortung für das Attentat ,von Marseille auf die Tagesordnung der nächsten Soss-irm gestellt, werden. Es handelt sich demnach im Wesen um eine Festste! In ngsk l;tgo, wie sie noch niemals vor ein internationales Forum gebracht worden ist,. Diese Klage betrifft das seit Jahren f-ehr weit gewordene Gebiet des politischen Hördes und der Völkerbund, den die Note a.ls den Wahrer der internationalen Moral anmft, soll das Problem „gewisser politischer Methoden“ aufrollen. Die Note bezieht die Anklagen Jugoslawiens auf eine gewisse Macht, und sie wird den Beweis zu führen haben. Die angescliuldigte Macht wird dann erwidern und da die italienische Presse schon jetzt einer Erweiterung der Untersuchung auf alle ähnlichen Fälle das Wort redet, wird es wohl zu einer Diskussion d e b Terrors kommen. Die Frage ist noch offen, ob sich dies im Plenttm des Völkerbundes oder im verschwiegenen Zimmer einer Komtnisfiion vollziehen wird. Jedenfalls ist aber die Anklage öffentlich erhoben und damit das ganze Problem der Gewaltanwendung außerhalb des Krieges — wenn dies überhaupt ein Problem ist — auf die politische Tagesordnung gehoben. Bei dieser Verhandlung wird es aber auch einen u ußichtbaren Angeklagten geben. Anders als Banquos Geist, der zum Festmahl erscheint, wird Macbeth selbst zugegen sein, unsichtbar freilich, aber doch von allen verspürt: der Geist des Nationalsozialismus, des zur Macht gelangten blutigen Schreckens, dos Vorbilds und Sohutzherrn aller Mörder. Der deutsche Nationalismus ist schon vor einem halben Jahr aus Genf woggelaufen. Aber die V erbindimg der kroatischen Ustascha, der Bruderorgamisation des Hakenkreuzes, mit dem Rosenbergechen Außen amt, wird zur Sprache kommen und man wird näher biueinsehen in das System von Blut und Brand und Mord, das sich mitten in Europa breit hingesetzt hat, das in Wien den tapferen Dollfuß, in Bukarest den mutigen Duca Ungeschlachtet hat. Der Schatten des Dritten Reiches wird auf diese Verhandlung fallen. Dollfuß und D u o a sind nur die prominentesten Vorgänger des Königs Alexander und Barthous; und obzwar die Mörder dieser letzteren kroatische Rebellen waren, sind sie döCh im Bannkreis der von München und Berlin gepredigten Lehren gestanden, der Verwendung von Waffe und Knüppel im politischen Kampf, der organisierten Troglodytenpräxis, die die Welt auf die Rööhtsübung der Rassen vom Neanderthal und von Krapina zurücksetzen will. Denn nicht« anderes ist das Ziel des Nationalsozialismus, der jede Zivilisation zertrampelt, der tausendjährige Kulturentwicklung auslöschen will. Über diesen Geist wird .verhandelt werden. Und an dieser Verhandlung ist wohl kein Volk stärker interessiert älß das j ii d is 0 h ö, dem nicht ein König öder ein Minister weggeschossen wurde, das vielmehr in seiner Gänze, in der Gesamtheit des Volkes wie im Individuum, zum Objekt des Terrors, des legalen wie des Illegalen geworden ist. Tiefer als je empfindet es jetzt die jüdische Gemeinschaft, daß sie über kein Organ verfügt, das ln ihrem Namen Klage führen kann. Die Klage, die zu erheben wäre, würde, wenn sie in Genf vor den Nationen ertönte, auch die abgehärtetsten Herzen ergreifen. Sic brauchte nur die Geschichte der letzten fünfzig Jahre arnfzurollen und sio würde in der Darstellung des Schreckens kulminieren, der se i t der Machtergreifung dos Nationalsozialismus in Deutschland sich über Aas Judentum ausgegoasen hat, nicht bloß über die halbe Million Juden dieses Landes, sondern über alle Juden. Die nicht damit, 1511.000 wehrlose Menschen zu treten, ztt morden, zu bestohlen und ln den Staub zu drücken; sie tragen Ihren Haß über die Grenzen ln die Welt, hinaus und sie arbeiten überall daran, die Volksmo.hrheltcn gegen die jüdische Minderheit zü heizen. Gewiß hat der Nationalsozialismus die Met,lioilen de« Morden« auch an seinem eigenen Volk erprobt, gewiß ist er in der Anwendung des Revolvers zum vorbildlichen Lehrmeister für alle Rüekwartserei geworden, gewiß ist er die ständige u n d e r n s t c s t e Gefahr für all o Völker u n d R e g 1 e r ii n g e n — aber die Niedrigkeit, seines Wesen« bat er vor allem an den Juden bewiesen, an jüdischen Greisen, Frauen, Kindern, deren Seelon er morden will, sowie er die Männer aUiShungert, Utid dilitiin ist der Nationalsozialismus in seiner geistigen Ausstrahlung nicht, auf Deutsehland beschränkt geblieben. Dieee Expansion liegt in seinem Programm; sie ist, der einzige Punkt, der bisher in Ausführung steht; Und wo auf der Welt Minderheiten drangsaliert werden, wo auf der Welt die „W e i s e n v o n Z i o n“, die R i t, u a 1 m o'r d b e s c I ii d ig u n g, die frechen Lügen gegen Juden Gehör finden, wo an Juden Rechtsraub und Boykott gepredigt wird, dort steckt der Geist des Nationalsozialismus als satanas moveus dahinter; auch in Österreich, wo trotz aller Erfahrungen der Juli tage die innere politische Spannung auf die Juden abgelenkt wird, wo in Wort und Schrift gehetzt und gelogen wird, wo — von Pater Bichlinoier und seinen jüdischen Freunden nicht bemerkt — die Schandschrift G aston Ritters und da« Ritmlmordbuch de« Christian Loge mit den aus Nürnberg vom „Stürme r“ des Streicher gelieferten Illustrationen offen verkauft werden darf, von keinem Staatsanwalt beanständet, obzwar er doch zum Schutze der Verfassung von Amts wegen einzuschreiten die beschworene Pflicht hätte! Die Nationalsozialisten sind als Partei verboten, aber ihr Unwesen hat man noch immer nicht in seinem ganzen Umfang erkannt, ja es gibt Kreise und Personen, die den „betont Nationa- 1 e ii“ die Hand hinstrecken, es gibt Kreise uilid Personen, die von ihnen die Rassenpraxis übernommen haben und nichts daran finden, mit einer Partei theoretisch üboreinzußtm'Lmen, die dem toten Dollfuß die Brieftasche gestohlen hat. Der politische Mord ist keine Erfindung der Nachkriegszeit. Aber er ist im Dritten Reich zur höchsten Vollendung gebracht worden und er wird dort in den Schulen gelehrt. In Deutschland sitzen die Führer der Weißgardisten, der Terroristen aller Zungen; in Deutschland hat die kroatische Ustascha die „Croatia Preß“ hernußgegeben, dort hat sie ihr Programm mit Mord und Judenmord abgeschriebon, in Deutschland finden alle Verschwörer gegen Frieden und Versöhnung Unterschlupf, von Deutschland werden Mordze Hungen in Belgrad, im London, in Paris, in der Schweiz, in Bukarest souteniert, in Deutschland leben und wirken Goebbels und Himmel und Kübe und Streicher Und noch so ein paar Millionen wohlaiusgöblldoter Hetzer — und wen soll’s wundern, wenn dann irgendwo so ein paar Emigrantendesperados das, was sie gelernt haben, äUisflihren! Die Wiener Zeitung „8 türm über Österreich“ hat jüngst offen und ehrlich die Frage nach dem Zusammenhang zwischen der geheimen S.-S.-Abteilung und den Balkanmörderu aufgeworfen. Die Frage wird sich unter denen bofinden, die dem’ Völkerbund vorgelegt werden. Eß mag vielleicht keine unmittelbare Verbindung nachweisbar sein — aber die intellektuelle Urheberschaft Ist klar. Die liegt in Theorie und Praxis des Nationalsozialismus, der mit dem Judonmord beginnt, mit Mord an denen fortfährt, die ihm im Weg stehen und der dlo Kultur ermorden will. Im Jahre 1930 wurde Rabbiner Max Abraham von dem SA-SturmfUhrer J a c k z e nt. i s überfallen und mißhandelt, weswegen Jack'Zentis wegen gefährlicher Körperverletzung zu drei Monaten Gefängnis verurteilt wurde. Als das Dritte Reich hereinbrach, war für Jack/,cutis die Zeit gekommen, für seine Strafe an dem Rabbiner R a o h e z u n e h ni e n. Diesem gelang es, «ich eine zeitläng verborgen zu halten, er flüchtete nach Berlin, um von hier aus eine Reise ins Ausland anzutreton. Aber auf das Drängen seiner Freunde hin, in dieser ernsten und schweren Zeit die Gemeinde nicht im Stiche zu lassen, kehrte er am 26. Juni 1932 nach Rathenow zurück. Die Nationalsozialisten hatten davon Wind bekommen, das Schicksal des Rabbiners war besiegelt. Auf dem Wege in seine Wohnung Tage darauf wurde er, der stark kurzsichtig ist, von einem Mann angegriffen, der ihm d i e Brille her unterschlug. Unmittelbar vor seiner Haustür sprang aus einem Versteck jemand auf ihn zu, der blindlings auf ihn einschlug. In einer Abwehrbewegung traf Abraham mit seinem Hausschlüssel, den er bereits in der Hand hielt, den Angreifer, der zu schreien begann: „J u d e n s c h w e i n! Das ist der Rabbiner von Rathenow! Dieser Hund hat mich überfallen!“ Der Rabbiner wurde auf die Polizeiwache gebracht, wo er verlangte, daß die Personalien des Angreifers festgestellt werden. Man hörte nicht auf ihn, sondern zog seinen Gegner in ein vertrauliches Gespräch und erklärte Abraham dann für verhaftet. Alsbald erschien ein ganzes Aufgebot von SS und SA in der Polizeiwache. Die SA- und SS-Leute schlugen auf ihn ein, dann wurde er in eine kleine Zelle eingeliefert, in die gleiche Zelle, in der er wenige Tage vorher als Seelsorger einem jüdischen Inhaftierten Mut und Trost zugesprochen hat. Hier lag er blutüberströmt auf der Pritsche. Plötzlich ging die Tür auf, zwei SS - Leute brüllten: „Rabbiner raus! Jude raus!“ Vom Blutverlust geschwächt, seiner Sinne kaum mächtig, wankte er zur Tür. Mit einem Gewehrkolben wurde er zur Seite gestoßen und stürzte hin. Gumfflikütippelsehläge hagelten zwei Stunden lang auf Seinem Körper nieder, lim Uhr früh wurde er brutal geweckt und ins Polizeirevier geschleppt. Ungefähr 20 SA- und SS-Leute nahmen um ihn Aufstellung, an ihrer Spitze der Angreifer vom vergangenen Abend, der 23jährige Stur mb a n n a d j it t a n t M e i e r c o r d, ein Untergebener von Jackzentis. Die 20 Mann hieben blindlings mit Gummiknüppeln auf den Rabbiner ein. Meiercord hat ihn dreimal bis zur Bewußtlosigkeit geschlagen. Mit drei anderen inhaftierten Juden, den Rathenower Kauflöuten Arno G a n s, Alex G r i s c firn a n n, Fritz S i n a s o h n, wurde er in die Abortanlage gebracht, die sie zu reinigen hatten. Sie wurden unbarmherzig mit Gummiknüppeln geschlagen. Die SA-Männer drückten Arno Gans den Gummiknüppel in die Hand mit dem Befehl, den Rabbiner zu verprügeln. Er weigerte sich, er könne doch nicht den Seelsorger der Gemeinde schlagen. Aber unter fürchterlichen Schlägen wurde er zum Nachgeben gezwungen. Reihenweise abwechselnd mußten die vier Juden sich gegenseitig mit dom Gummiknüppel mißhandeln. Den ganzen Tag bekamen sie nichts zu essen. Schließlich wurden sie in zweistündiger Fahrt ln das Konzentrationslager Oranienburg gebracht. All dies erzählt Rabbiner Max Abraham, der nach einem langen und fürchterlichen Leidensweg nach der Tschechoslowakei entkommen konnte, in seiner im Verlag deij Druck- und Verlagsanstalt Teplitz-Schönäu Ges. m. b. H. erschienenen Schrift „Judä verrecke, Ein Rabbiner im Konzentrations-* Inger“, ln den weiteren Kapiteln schildert er die einzelnen Phasen seines Martyriums, namentlich in der Judenkompagnie Oranienburgs. Eine Episode sie hier wiedergegeben. Die Judenkompagnie in Oranienburg böstand aus ungefähr 55 Mann* darunter alleiä 39 Jungen aus einer jüdischen Erziehung!** anstalt bei Berlin. ‘ Das Erziehungsheim ist eines Tages von der SA ausgehöbeü Worden* nachdem man vorher eine Haussuchung vör» genommen, und angeblich in dem Bett eines Jungen einen Revolver gefunden hatte* angeblich auch kommunistische Schriften» Von einigen sehr vernünftigen Zöglingen wurde mir ehrenwörtlich versichert, daß der, aufgefundene Revolver sich vorher nicht Im Schlafsaal befunden hatte und wahrscheinlich von der SA in das Bett eines JUngett gelegt worden sei, und daß sich nie kommu*' nistische Druckschriften im Hause befunden hätten. Durch schreckliche Foltern Wurden die Kinder zu dem Geständnis gezwun* gen, daß sie sich kommunistisch betätigt hätten und die Waffe einem ihrer Kameraden gehöre. Die Kinder wurden stunden-' lang auf das Grauenhafteste geschlagen Und zu den schwersten körperlichen Arbeiten herangezogen. Viele der Kinder sind im Lager Oranienburg für ihr ganzes Leben lang seelisch verdorben worden. Die hohen jüdischen Feier• tage im Lager Rabbiner Abraham schildert die Leiden in den Kohlenbunkern, die als Schlafstellen dienten, die (Quälen der Vernehmungen, die Mißhandlungen der Bunker-Gefangenen im Lager Papenburg niit nägelgespickten Läppen, die ausgesuchte Folterung der jüdischen Häftlinge, von denen mancher in Wahnsinn verfiel, und erzählt dann seine Erlebnisse im Papenbürger Läger* wohin er aus Oranienburg gebracht Würde! Zu den Latrinenarbeiten, die ich bereits schilderte, wurden die Juden besonders äm Sabbath herangezögön. „Heut habt ihr Wieder mal Schabbes, ihr Schweinehunde. Wir werden mal sehen, wo euer Gott der, Räche ist, wenn wir euch im Schweinestall die Flötentöne beibringen werden.“ Die hohen jüdischen Feiertage nähten» Wir fragten uns ängstlich, Ob den SS-Löüten Wohl die Daten dieser Feiertage bekannt Wären» denn wir fürchteten noch schlimmere Quälereien. Wir verabredeten deshalb, jede Andeutung über die kommenden Feiertage Zu vermeiden. Wir hatten nicht mit unseren Angehörigen gerechnet, die uns in ihrer Unkenntnis über die Vorgänge im Läger zütti Jahreswechsel gratulierten. Da die Briefe durch die Zensur gingen, wurden der SS die Daten bekannt, und es gab nichts mehr zu verheimlichen. Ich ging nun doch zum Lagerkommandanten, bat um Arbeitsruhe und um die Erlaubnis, Gottesdienst abzühalten. Antwort: „Sowas gibfc’ß hier nicht!“ Der erste Feiertag: Morgens um 6 Uhr wurden wir neu eingelieferten Juden zu einem Sonderkommändo aufgerufen. Im MarBch-Marsch-Tempo jagte man uns übet den Hoi. Vor einer Dung grub© wurde halt geboten. Wir mußten in dio Grube hin« untersteigen und dort Aufstellung nehmen. Ich wurde aus der Reihe meiner Kameraden gerissen und in die Mitte der Grube gestellt. Der SS-Scharführev Everling brüllte mich an: ,,So, Rabbiner, hur kann«t du den Gottesdienst ab halten!“ Ich Dienstag* «len Z7. November 1034, S VHr abends, im MüÜHr-K&sIno, Wien, I., ScTwarzenbergplalz Nr. 1. Kremene^ky-Gedenkfeier Aus dem Programm: Holländer-Trio, der Jüdische Gesangverein. Ansprachen: Gg. Med.-Rat Dr. M. T. Schnirer, Adolf Böhm* Dr. David ftothblum. Eintritt'freil Karten lm Büro des Keren Kajemeth, L, Kümtnerslraße 28