Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 403 (23.11.1934)
- Date
- 1934-11-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3053752-3054140-3054158--4646-3060288- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 403 — 23. November 1934 DIR SfIMMfi Sette 3 Dorotheum Wien 112. GROSSE AUKTION im Franz-Josefs-Saal Älteres und Stilmoblliar, Schlaf-, Speise- und Herrenzimmer, Bauernstube, Maurische Ecke, Salons, Sitzgarnituren, Steinwayflügel, Luster, Perserteppiche und Textilien, Gemälde, Aquarelle, Miniatruen, Stiche, Arbeiten des Kunstgewerbes, Antiquitäten, Alt-Wiener Silber, Vitrinenstöcke, Uhren, Orientalika und Varia Besichtigung 1 Montag, den 26. bis Mittwoch, den 28. November 1934, von 10 bis 6 Uhr im Franz-Josefs-Saal und in den NebenrSumen (1. Stock, Lift) Versteigerung: Donnerstag, den 29. November bis Samstag, den 1. Dezember, von 3 Uhr an im Franz-Josefs-Saal. Zu wem? Als an der Pariser Börse einmal ein Kurssturz aller Wertpapiere erntrat, sagte ein Bankier sorgenvoll zu dem jüngst verstorbenen Baron Edmound de Rothschild: „Wenn das so weitergeht, werden wir bald alle miteinander betteln gehen.“ Lakonisch erwiderte Rothschild: „Zu wem?“ Dieses „Zu wem?“ ist heute die jüdische Schicksalsfrage. Jüdische Gelehrte, Künstler, Volkswirtschaftler, einst vielbeßchäftigte Koryphäen ihres Berufes, sind durch Hitler aus ihrem lokalen und sozialen Wirkungskreis geworfen worden. Vielbegehrte Ratgeber aller gesellschaftlichen Schichten des In- und Auslandes blicken heute selbst nach Rat und Hilfe aus — zu wem? An guten Ratschlägen fehlt es ja nicht: Jm Prager Parlament hat ein christliohsozialer Redner jüngst den jüdischen Emigranten mehr Takt uncl Zurückhaltung empfohlen und sich damit den Beifall aller Gesinnungsgenossen diesseits und jenseits der tschechoslowakischen Staategrenzen geholt. Wenn die schuldlosen Opfer eines beispiellosen politischen Sadismus im Exil ihre ungebrochene 'Arbeitsfreude aufs Neue entfalten, dann beweisen sie ihren Mangel an Zurückhaltung; und wenn gar der eine oder andere das sittliche Weltgewdssen gegen die den Juden angetane Schmach aufzurütteln sucht, dann läßt er sich eine grobe Taktlosigkeit zuschulden kommen. Mitunter erhalten allerdings diie Anklagen ’der Juden gegen die Ungerechtigkeit ihres Schicksals auch Sukkurs von einer Seite, ,von der sie es am wenigsten erwarten. So .veröffentlichten am Sonntag die antisemitijsohen „Wiener Neuesten Nachrichten“ unter 'dem Titel „Pegasus im Joch“ eine beachtenswerte Darlegung, welch ungeheure Barbarei es bedeutet, Kunst und Künstler gleichzußchalten, das heißt, in den Dienst einer bestimmten politischen Tendenz zu pressen. Die Entrüstung des getarnten Naziblattes richtet sich formell freilich nicht gegen das Hitler-Reich, sondern gegen Sowjetrußland. In prinzipieller Hinsicht ist es aber wohl ganz gleichgültig, wer Pegasus ins Joch unkünstlerißcher Parteipropagandia zwingt. Es ist das S y s te m, das dem Wesen der Kunst und der Würde des Künstlertums Gewalt antut, und es äst vom Standpunkt der Moral höchst gleichgültig, wer sich dieses Systems bedient. Das scharfe Urteil, mit deinen die i,Wiener Neuesten Nachrichten“ dieses System mit Recht brandmarken, trifft, obwohl dem Wortlaut nach nur gegen eine bestimmte Seite gerichtet, sinngemäß nach allen Richtungen zu. Ja, während der Verfasser den Russen gewisse Verdienste um den Film — wie Emanzipation vom Star- .wesen und Kitsch — zubilligen muß, kann die Kunstvergewaltigung des Dritten Reiches eine solche Entschuldigung nicht für sich geltend machen. Hitlers Propagandaminister hat zwar die wirklich befähigten Stars vertrieben, aber dem Star wesen keinen Abbruch getan und dieses wird um so unerträglicher empfunden, wenn es von künstlerischen Mittelmäßigkeiten verkörpert wird. Während der russische Film trotz seiner an sich gewiß unkünstlerisohen Tendenz der politischen Propaganda gesteigerte künstlerische Ausdrucksmittel gefunden hat, stellt die rassisch gereinigte Filmproduktion Deutschlands nicht mehr zu überbietenden Kitsch in Reinkultur dar. Was in der deutschen Filmkunst über 'den Durchschnitt emporragte, mußte weg — zu wem? Die Frage ist in diesem Falle um so schwerer zu beantworten, als auch die außerhalb Deutschlands hergestellten Filme, um sich den deutschen Markt nicht zu versperren, sich freiwillig dem Arierparagraphen Hitlers unterwerfen. Die Methode bleibt nicht auf den Film beschränkt, trotz seiner theoretischen Kriegserklärung gegen das Judentum in der Musik den Juden Levy sogar im Allerheiligsten von Bayreuth den „Parsifal“ dirigieren ließ, werden die jüdischen Musiker heute nicht einmal zum Dirigieren in Konzertcafes würdig In der unmittelbaren Nachbarschaft Palästinas, in dem unter französischem Mandat stehenden Syrien, hat sich ein Ereignis vollzogen, das für Palästina von Interesse ist, wo bekanntlich ein Gesetzgebender Rat eingefübrt werden soll. Der französische Oberkommissär Syriens, Comte de Märtel, hat die Rechte des in Syrien bestehenden Parlaments suspendiert, weil es arbeitsunfähig ist. Es muß hiebei daran erinnert werden, daß Syrien mit Frankreich einen Freundschafts- und Allianzvertrag geschlossen hat, in welchem vorgesehen ißt, daß Syrien im Jahre 1937 seine vollkommene Selbständigkeit erhalten sollte. Einen ähnlichen Weg sind bekanntlich die Engländer im Irak gegangen. Es ist nun klar, daß die Suspendierung des syrischen Parlaments in Palästina besondere Beachtung findet. Die dem englischen Kolondalministerium nahestehende Zeitung „The Near East and I ndda“ meint nun in ihrer Ausgabe vom 15.. November, daß die Unmöglichkeit, in Syrien mit dem Parlament weiterzukommen, keine Rückschlüsse auf Palästina zulasse. In Palästina solle der Gesetzgebende Rat nicht eimgeführt werden, um ein mehr demokratisches Regime einzuführen, „sondern aus dem Grunde, um für die Juden undArabereinKonferenzzimmer zu schaffen, wo sie sich treffen könnten, um sich besser verstehen zu lernen“. Die Zeitung meint weiter, es würde auch in Palästina anfangs im Gesetzgebenden Rat keine vollständige Harmonie geben, und fährt fort: „Wenn die Einwohner Palästinas aus den in Syrien gemachten Erfahrungen Vorteil ziehen wollen, dann werden sie sich dahin entscheiden, daß rs besser ist, bis zu einem gewissen Grade die Möglichkeit zu erhalten, ihre eigenen Angelegenheiten zu ordnen, als sich voneinander aus dem Grunde abzukaspeln, weil sie von vornherein ein größeres Maß von Selbständigkeit haben wollen.“ Schließlich versichert die Zeitung, daß die Praxis ergeben würde, „daß die Vorurteile gegen den Gesetzgebenden Rat grundlos sind, da man schon entsprechende Sicherungen in der Konstitution des Gesetzgebenden Rates verankern wird“. So weit die offiziöse Stimme des englischen Kolonialminkteriums. Wir erklären dazu offen, daß wir nach wie vor auf dem Standpunkte beharren, daß der Gesetzgebende Rat für Palästina sowohl überflüssig als auch gefährlich i '. Wenn es der englischen Mandatarmacht wirklich nur darum zu tun ist, ein Konferenzzimmer zu schaffen, in welchem sich die jüdischen und arabischen Führer aussprechen können, dann möge General Wauohope die englischen und arabischen Führer in sein Regierungspalais einlade 11 und mit ihnen diskutieren. Wir werden einer solchen Aussprache sicher nicht aus dem Wege gehen, weil wir die Aussprache und den Frieden mit den Arabern wünschen. Die wichtigste Voraussetzung hiefür jedoch wird sein, daß die Araber endlich die Balfour-Deklar a t i 0 n als unabdingbares Recht anerkennen. Dazu sind sie einstweilen nicht bereit, wie die Artikel aller arabischen Zeitungen beweisen, die aus Anlaß des Balfour- Tages, am 2. November, erschienen sind. In befunden. Die „Reichspos t“, d i e sonst nicht genug scharfe Worte gegen die Barbarei des Hitlertu ms finden kann, erklärte jüngst die Radiosendung jüdischer Schallplatten als untragbar. Die fähigsten jüdischen Musiker sind ohne Engagement. Hier hat das jüdische Publikum die Möglichkeit und daher die Pflicht, energisch einzugreifen. Die Juden bilden einen erheblichen Prozentsatz der Rarliohörer sowie des Theater- und Konzertpublikums. Eine zielbewußte Ausnützung der daraus resultierenden Machtposition der jüdischen Kunstkonsumenten müßte die jüdischen Kunst Produzenten vor dem Ärgsten bewahren. Am überflüssigsten ist es wohl, daß Juden in solchen Kaffeehäusern verkehren, die auf Judenreinheit ihrer Orchester achten. zu Abgeordneten ernennen, die offen erklären, daß sie die Konstitution des Landes nicht anerkennen. Solange die arabischen Führer erklären, daß sie ein jüdisches Nationalheim nicht dulden wollen, kann von einem Gesetz gebenden Rat überhaupt keine Rede sein. Die Araber dürfen keine Prämie dafür erhalten, daß sie sich dem Willen des Völkerbundes widersetzen. In allen jüdischen Kreisen, nicht nur in zionistischen Kreisen, findet der Plan des Gesetzgebenden Rates einmütige Ablehnung. In der letzten Zeit. befand sich nun General Wauchope in London und es haben bei dieser Gelegenheit zwischen ihm und dem Kolonialministerium, sowie mit zionistischen Führern Besprechungen stattgefunden, über deren Inhalt keine authentische Verlautbarung erfolgte. Nun veröffentlichte kürzlich die „Jüdische Rundschau“ ein Interview, das ihr Berichterstatter auf der Fahrt nach Palästina mit Prof. Weizmann hatte. Weizmann erklärte folgendes: „Was den Legislative Council betrifft... glaube ich, daß der Plan bis zum Oktober 1935 nicht durchgeführt werden wird. Man wird nicht etwa die ganze Angelegenheit von der Tagesordnung absetzen, sondern sie im Laufe dieses Jahres diskutieren. Es wird daher, nötig sein, zu dem Problem Stellung zu nehmen. Meine persönliche Stellung zum Legislati ^e Counc/I ist die. daß das Projekt auf der Basis einer paritätischen Vertretung von Juden und Arabern behandelt werden sollte. Auf dieser Grundlage wird man den Plan von neuem diskutieren und beurteilen müssen.“ Es scheint also, daß es mit dem Gesetzgebendeh Rat noch seine Wege haben wird, daß aber England nicht naohgeben und den Gesetzgebenden Rat trotz allem einführen will. Wir sind es schon von England gewohnt, daß es seine Versprechungen an die Araber ernster nimmt als seine Versprechungen an die Juden. Es würde zu weit führen, hier klarzulegen, was England alles unterlassen hat, um das Nationalheini zu fördern. Man müßte die ganze Leidensgeschichte des Zionismus seit dem Ende des Weltkrieges schreiben. Weizmann spricht nun davon, daß nach seiner Ansicht der Plan des Gesetzgebenden Rates auf Basis einer Parität zwischen Juden und Arabern behandelt werden soll. Wir verstehen das so, daß der Gesetzgebende Rat, wenn er geschaffen werden sollte, nach Weizmanns Ansicht zu je 50 Prozent aus Juden und Arabern bestehen soll; andernfalls wären ja die Juden, die in Palästina ihr Nationalheim finden sollen, bis auf weiteres in einer aussichtslosen Minorität, und der Effekt wäre ein arabisches, nie aber ein jüdisches Nationalheim. Offenbar meint Weizmann, daß das Recht, das wir Juden auf Palästina haben, dadurch geschützt werden soll, daß wir 50 Prozent der Sitze erhalten. Dazu wäre aber zu sagen, daß schließlich England von der Entsendung von Beamten als Mitglieder des Gesetzgebenden Rates nicht Abstand nehmen wird und sich außerdem den Vorsitz sichern wird, so daß es immer das Zünglein an der Waage sein wird. Man braucht nicht weiter auszumalen, daß Englands Schaukelpolitik immer den Ausschlag geben würde, und — wie wir fürchten — gewöhnlich zugunsten der Araber. Außerdem könnte die Parität nicht für die» Dauer; beschlossen, werden, Wir werden Während Bidhaid _ Wagner: Ikeiaem Land det Welt sind man Personen Der Gesetzgebende Rat in Palästina SCHENKET BÜCHER ZU CHANUKKA! Hugo Herrmann Palästina, wie es wirklich ist Gebunden S 9*45, karten. S 8‘80 Hugo Herrmann Palästinakunde I—IV Band I, III, IV 8 S 3*-, Band II 8 6'— Jesalas Press Neues Palästinahandbuch Der beste und modernste Reiseführer, S 27*30 Hugo Herrmann Generalkarte von Palästina 8 8*25 Josef FrMnkel Theodor Herzl - Des Schöpfers erstes Wollen 8 S*2S CI D A Versandbudihandluns rl DA WienjlJuwniloMraßell) Telephon B 24-9-78 bei Fortdauer des derzeitigen Einwandererstromes in absehbarer Zeit die Majorität in Palästina bilden und können uns daher auch mit einer Parität, unter der das Verhältnis 50 zu 50 verstanden wird, nicht auf die Dauer zufrieden geben. Es sprechen also nach unserer Ansicht alle Umstände dafür, daß die Ablehnung des Gesetzgebenden Rates bis zum äußersten verfochten werden muß, und daß nichts geschehen darf, was die einheitliche Abwehrfront des Judentums erschüttern könnte. Es ist weiter klar, daß wir England nicht dabei behilflich sein dürfen, daß es sich auf Beschlüsse eines Gesetzgebenden Rates berufen kann, statt selbst die Verantwortung zu tragen, die; ihm vom Völkerbund im Mandats vertrag auferlegt wurde. England kann natürlich die Einführung des Gesetzgebenden Rates gegen unseren Willen beschließen. Ins diesem Falle darf aber von einem Gesetzgebungsrecht des Gesetzgebenden Rates insolange keine Rede sein, als wir nicht die: Majorität im Land besitzen und durch unsere freigewählten Vertreter das Schicksal des Landes in allen entscheidendem’ Dingen beeinflussen können. Sollte sich England sogar dazu verstehen, den Gesetzgebenden Rat je zur Hälfte aius Juden und Arabern zusammenzusetzen, dann müßten erst sehr weitgehende Sicherungen für die Juden zugestanden werden, bevor der Jischuw sich entschließt, seine Ratsmitglieder zu wählen. Wenn dann die Araber auch eine paritätische Beschickung des Gesetzgebenden Rates ablehnen, dann dürfte damit dieses Projekt begraben werden. Wir werden ihm keine Träne nach weinen. BUßG-o.ftOTENTUßM-KINO MAD£L£IN€ CA-!?-ROLL FftANCWOT TONE iPT Vertreter der Jerusalemer Exekutive besucht die Witwe det Dr• Simon Horowltz In den letzten Tagen weilte in Wien Commandatore Barlass, der Leiter des Immigrationsdepartement der Jewish Agency in Jerusalem. Während seines Wiener Aufenthaltes stattete Comraendatord Barlass in Begleitung des derzeitigen Leiters des Wiener Palästina-Amtes, Herrn Doktor S. Rottenberg, der Witwe des kürzlich verstorbenen langjährigen Leiters des! Wiener Palästina-Amtes, Dr. Simon Horowitz, in deren Wohnung einen Besuch ab und brachte der Frau Dr. Horowitz im Namen der Exekutive der Jewish Agency das große Mitgefühl und Beileid zum Tode ihres Gatten in einer herzlichen Ansprache zum Ausdruck,