Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 401 (16.11.1934)
- Date
- 1934-11-16
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 401 16. November 1931 DIE STIMME Seite 5 Jüdischer Weltkongreß im Sommer 1935 Auf einer in Warschau abgehaltonon Pressekonferenz erklärte Israel J e f f r o yk i n aus Paris, Mitglied des Coniite des Delegations Juives und des Ausschusses für den Jüdischen Weltkongreß u. a.: Es ist wichtig und notwendig, daß die jüdische Öffentlichkeit darüber informiert wird, daß der Jüdische Weltkongreß ganz bestimmt im .Sommer 1935 zusammentreten wird. Der Beschluß ist ein e n d g ii 11 i g e r und wird unter allen Umständen durchgeführt werden, unabhängig davon, ob der Kongreß mehr oder weniger repräsentativ sein und -wie viele und welche Organisationen und Parteien ihn beschicken werden. Kann es noch Jahre dauern, bis eine vollkommene jüdische Repräsentanz geschaffen sein wird, eine jüdische Tribüne m u ß s e h o n heute errichtet werden. In den meisten Ländern wird die Kongreß-Bewegung sowohl von den zionistischen als auch von den nichtzionistischen, schließlich von den sozialistischen Gruppen gestützt. K o m m n n i s t e n ko m m e n selbstverständlich nicht in Betracht; auch nicht der ..Bund“, der im Prinzip gegen allgemein jüdische Lösungen ist. Kompliziert ist die Stellung der Agudas Jisrocl, doch ist deren Beteiligung durchaus nicht ausgeschlossen. Jeffroykin besprach die Aufgaben des Weltkongresses, die nicht nur politische, sondern auch wirtschaftliche (Emigration, Kolonisation) sind. Ein ideologisches Programm hat der Kongreß im großen ganzen nicht, er wird sich im Prinzipiellen und Ideellen nicht verlieren, seine Ziele sind rein praktische. Ein jüdischer sozialer Fonds als sein Finanzinstrument soll geum katastrophale Galuthlösen zu können. schaffen werden, Probleme leichter (HUNA D I S T I w H 1 T E 1 nadi Amerika and Camada 1 Wichtige Konferenzen in Krakau Am 10. November begann in Krakau eine Tagung der europäischen Leitung des WeltvcrbandcsderAllgemeincn Zionisten, der sich am Sonntag eine Beratung mit den Mitgliedern des Warschauer Zentralkomitees der Zionistischen Organisation Polens anschloß. Thema der Beratungen war der Anschluß des Warschauer Zentralkomitees an den Weltvcrband der Allgemeinen Zionisten. Im französischen Hotel zu Krakau begann am 10. November eine Tagung des Weltverbandes der Radikalen Zionisten unter dem Vorsitz von Dr. Nahum Goldmann und im Beisein von Vertretern aus Kongreßpolen, Ostgalizien, Westgalizien, Österreich und der Tschechoslowakei. Aus Wien nahmen Dr. Leopold P1 a s c h k e s, Dr. Herbert Schutz m a n n und Salo Gold Schmidt an der Tagung teil. Jle scharf-schar'.e Klinge, die den wildesten Bart in einem Schwung umlegt, ist Prato• I KOSCHERE KOCHE | | unter Aufsicht des Bcth Din (London) | I BEPBASENTANZt I § WIEN I., K.AKNTNERRING 4 | ^inraiiNmiiiliilnllim!HMiiNiinimuiijNiijiNMliNMiimiiiii|i'ii<tiiiiiiiiiii'nii|iimi> Der Prozeß um hoUßu Bern, 12. November. Der Gerichtspräsident W. Meyer hat den von den Angeklagten im Prozeß um die „Protokolle der Weisen von Zion“ bezeichneten Experten Oberstleutnant a. D. Ulrich Fleischhauer (Verleger, Bodung-Verlag, Gartenstraße 38, in Erfurt) nach dessen Mitteilung, daß er bereit ist, das Mandat anzunehmen, als dritten — von den Angeklagten geführten — Experten akzeptiert. Der Gerichtspräsident hat dem Experten die zu beantwortenden Fragen zugestellt und ihm eine am 15. Dezember ablaufende Frist zu deren schriftlich begründeter Beantwortung eingeräumt. Auf den weiteren Antrag der Angeklagten, einen gewissen Major a. D. W. Henning in Berlin als besonderen Experten für die Freimaurerfrage zuzulassen, soll der Gerichtspräsident nicht eingegangen sein. Der Anwalt der Angeklagten hat noch eine Reilie. weiterer Zeugen aus Frankreich, Dänemark, Rumänien usw. bezeichnet. Gerichtspräsident Meyer hat ihm daraufhin eine kurze Frist gesetzt, um die Fragen zu formulieren, die diesen Zeugen vorgelegt werden sollen. Je nach der Antwort wird der Gerichtspräsident über die Vorladung, beziehungsweise Nichtvorladung der genannten Zeugen entscheiden. Seitens des Gerichtes soll der Wunsch bestehen, den Prozeß, wenn irgendwie möglich, noch vor Ende dieses Jahres zum Abschluß zu bringen. Es ist jedoch angesichts der V crschleppungstaktik der Angeklagten wenig wahrscheinlich, daß dieser Wunsch wird verwirklicht werden können. Der unauffindbare Münchmeyer Wie bekannt, ist der in dem Berner Prozeß wegen der „Weisen von Zion“ von Seite der Angeklagten bestellte Sachverständige Pfarrer Münchmeyer zu der Verhandlung nicht erschienen. Er war in Deutschland nicht auffindbar. Nun berichtet der „Märkische Stadt- und Landbote“, daß Münchmeyer dieser Tage in Ehe r swalde eine Versammlung abgeh ulten hat. Er hat dort seine Eignung als Sachverständiger im Antisemitismus erwiesen, indem er mitteilte, daß das internationale Weltjudentum den König Alexander in Marseiile erschossen habe. Der Pastor, der wegen unsittlicher Angriffe auf die Tochter eines seiner Freunde gemaßregelt wurde, weiß natürlich genau, daß alle Attentäter richtiggehende Arier sind, un-d daß das Judentum in König Alexander einen guten Freund verehrte. Münchmeyer hat aus den Protokollen das Lügen gelernt, soweit er da.s noch nötig hatte. Nach Bern hat er sich nicht, getraut, weil er dort sofort demaskiert worden wäre. Aber in einer nationals malistischen Versammlung die Juden zu verleumden, — dafür reicht sein Mut aus. Jüdisches Mädchen in Griechenland getauft und nach Italien verschleppt Saloniki, 14. November. (2. T. A.) Der Fall des minderjährigen jüdischen Mädchens Anna Levy, das auf der Insel Tinos von Nonnen heimlich getauft wurde und seither irgendwo in Europa, vermutlich in einem Kloster, verborgen genalten wird, beginnt nunmehr, die Öffentlichkeit auch außerhalb Griechenlands zu beschäftigen. Da man vermutet, daß Anna Levy sich in einem italienischen Kloster befindet, hat eine prominente jüdische Persönlichkeit in Italien den Ministerpräsidenten Mussolini über diesen Fall informiert. Mussolini hat daraufhin persönlich der Polizei den Auftrag gegeben, Nachforschungen nach dem Verbleib der jungen Athener Jüdin anzustellen. Die heimliche Taufe und Entführung der Anna Levy ist vor einiger Zeit im griechischen Senat von dem venizelistischen Senator Ma vrogordatos zum Gegenstand einer Anfrage gemacht worden. Die Äbtissin Lindenkeller l.f Rotenturmstraße 12 GANSBRUST MIT SCHOLET GANSBIEGL MIT RITSCHERT FLADEN jeden Samstag des Nonnenklosters in Tinos wurde bereits vom Staatsanwalt vernommen und der katholische Bischof Mgr. Philipucci wurde ersucht, Aufklärungen zu geben. Georges Manäet — Minister, im französischen Kabinett Paris, 12. November. Dem von Flandin gebildeten neuen französischen Kabinett gehört Georges M a nd e 1 als Postminister an. Mandel, der im 50. Lebensjahr steht, ist Jude. Seit 1919 vertritt er die Gironde im französischen Parlament, seit 1932 ist er Vorsitzender der Unabhängigen Gruppe in der Kammer. Im einstigen Kabinett Clemenceau, dessen intimer Freund und Vertrauter er war, fungiert«) Georges Mandel als Chef des Ministerratsbüros. Fünf jüdische Nordpolfahrer aus* gezeichnet Moskau, 12. November. Fünf Juden, die in leitenden Stellungen an der abenteuerlichen Arktis-Expedition des Eisbrechers „Litke“ teilgenommen haben} unter ihnen der Vizekommandeur der „Litke“, Boris Bronstein, der Leiter des Radio-Dienstes, Olek K u k s i n, und der Hydro-Biologe Benjamin B. J u g od o w, wurden mit den höchsten Orden und Diplomen der Sowjetunion für Tapferkeit und für wissenschaftliche Leistungen ausgezeichnet. Außer den fünf Ausgezeichneten haben noch weitere Juden an der Expedition teilgenommen, unter ihnen Bronsteins Bruder Lev, der die Expedition gefilmt hat. Der Eisbrecher „Litke“ hat zum erstenmal die Fahrt Wladiwostok-Murmansk durch zehn Polar-Seen hindurch ohne Unterbrechung gemacht. Sei rfiemraWen SlefiJitoertien aller Slrt fabelt fidj Sogal=SaHetten gan$ fyerbor* ragenb betuäfyrt. ^aljlreicfye Stanfftfjteibett über &ogal bei beraltetcn Seihen, bei beneit fein anbereä üUHttel meljr Ijalf. ©in SBerfudj überzeugt! $it offen Slpotfycfen. 5ßcei3 S 2-40. Der Vortrag Josef Kasteins Im folgenden sollen schlagwortartig diie Ilauptmomente dieses großartigen Vortrages Dr. Kasteins über die „Jüdische Ne uorientierun g“ festgehalten werden. Das Zionistische Landeskomiitee wird demnächst in der Lago sein, den Wortlaut dieses Vortrages als Broschüre zu verbreiten. Kastein führte u. a. aus: Man schlug die Juden tot, man vertrieb sie aus ihren Wohnstätten, aber das Land, in dom noch gestern dio Märtyrergräber nicht geschlossen waren, wurde heute den Juden zur Heimat — weil der Mensch nicht stets in Spannung leben kann. Das historische Bild unseres Daseins wurde vollkommen verfälscht. Dio Analyse der Situation ergibt, daß es nicht entscheidend war, daß die Juden stets eine Minderheit bildeten, sondern, daß sie nicht gestaltend wirken konnten. Dio Juden waren immer Objekt für die underen. Vor der Emanzipation hatten dio Juden wohl in den Disputationen die Redemögliehkeit. Aber es war dio Sprache eines Menschen mit seinem Richter, dessen Urteil fentstand. Es waren nie Dialoge. Die Juden führten in verhängnisvoller Weise Monologe. Dio Juden waren in der Galuth stets nur Objekt alles sie betreffenden Ge- Bchehen«. Dabei müsso zwischen Galuth und Diaspora wesentlich unterschieden werden. Galuth bedeutet Exil, etwas Erduldetes, dessen Wesen noch die Existenz der Heimat bedingt. Exil ist absolut Eindeutiges,1 kein Endzustand, nicht die Mission dos Judentums. In der Galuth lebten die Juden das Leben einer Volksgemeinschaft mit allen nationalen Sitten und Gebräuchen und' religiösen Institutionen, sie regulierten ihre Lebensweise nach ihren Grundsätzen. Erstdie Epoche der Emanzipation hat die Galuth zur Diaspora, zur Zerstreuung umgecleutet. In den Parolen der französischen Revolutionen fanden die Juden mit ihrem (messiianiischetn Wollen ethische Elemente ihres Messianismus. Doch der Kampf um Gleichberechtigung wurde eiin erfolgloser. Die Umwelt wollte doch nur das Judenpro- | blem durch Beseitigung des Judentums lösen, durch Verzicht des einzelnen Juden auf die Zugehörigkeit zur Einheit des jüdischen Volkes. Die Mehrzahl der Juden war ja mit dieser Forderung einverstanden. Na-! poleons Notablemversammlung zielte doch auf nichts anderes hin als auf die Ver- [ neinung jeder jüdischen Einheit. So läßt sich dio Emanzipation letzten Endes auf eine typische nationale Ermüdung, auf eine Ermüdung der freigewählten Ghetto-Isolierung zurückführen. | Das Elend der jüdischen Massen im Ghetto einerseits und der soziale Fortschritt der nichtjttdischon Umgebung anderseits ließ auf einmal den Widerspruch und Ge- 1 gensatz erkennen und den Juden seine Situation als die eines Erniedrigten und Beleidigten empfinden. So wurdo aus der Galuth dio Diaspora. Es war kein Wortwechsel, sondern ein Sinn es Wechsel. Diaspora — Zerstreuung — war das, was der von der Christenwelt erfundenen Ahasver- Legende entsprach. Der Messianismus als reale Manifestation der jüdischen Erneuerung war wertvoll und wesenhaft. Messianismus als Erlösung der Menschheit ist wesenlos. Die Umwelt hat dafür kein Bedürfnis. Der Humanismus, für die Juden wesensbedingt, war für diie anderen bloß etwas Zeitgebundenes. Die Umwelt braucht uns nicht. Wohl ist sie noch immer bereit, jüdische Werte aufzunehmen, von ihrem Standpunkt aber braucht sie uns nicht, ja akzeptiert uns lediglich aus Opportunität, nie aus Liebe. Jedes Land hat seinen Antisemitismus. Die Haltung der Antisemiten ist wohl stets eine negative. Aber wir müssen wissen, daß der Antisemitismus kein jüdisches Problem, sondern ein Problem der nicht-jüdischen Umwelt ist. Bei dem Begriff der Assimila t i o n müssen wir zwei Arton, eine passive und eine aktive, feste teilen. Die passive Assimilation besteht darin, daß einer sich zugunsten der anderen aufgibt, die aktive darin, daß man sich den Inhalt der anderen zu eigen macht. Die Jndeu wählten die zweite. Das Ergebnis war ein Randjudentum. Sie haben ihr Judentum zurechtgestutzt, auf religiöse Rudimente reduziert. Sie schichteten ihr Judentum um und wurden in erster Linie zu Franzosen, Engländern, in zweiter Linie erst zu Judon. Das Ergebnis war eine Entnationalisierung der Juden, also eine Atomisierung des Volkes in nationaler Beziehung und eine Säkularisierung in r o 1 i g i ö s e r Beziehung. Das Ist ein historisches Faktum, das wir nicht kritisieren, sondern uns nur vor Augen halten müssen. Auch die Orthodoxie, die ihrer Mehrheit nach, nicht national eingestellt ist, konnte nicht die Lösung bringen. Ebensowenig waren von Bedeutung die großen Leistungen einzelner Juden. Nur die schlechten Leistungen der Juden wurden dem Volke gutgeschrieben. Jedes Volk wird von der Umwelt nach seinen guten Leistungen beurteilt. Nur bei den Juden ist es umgekehrt. Den Juden fehlt der produktive Raum. Ein Bruchteil der Errungenschaften von Juden in Paris oder Berlin, an der Universität zu Jerusalem erzielt, würde den Ruhm des Judentums weithin erstrahlen lassen. Aber wir haben kein Recht, uns dagegen zu wenden, wenn die Umwelt kulturell verwildert. Wo keine Heimat Geistes ist, dort ist kein produktiver L - bensrtiium. Wie Hausierer des Geistes wunderten wir von Land zu Land. Das Erg«-bnds unserer Wanderung war die Erkenntnis, daß uns die Umwelt nacht mehr braucht. Deutschland hat zum erstenmal die Rückgängigmachung der Emanzipation durchgeführt. Und es gibt sicher eine Reihe von Ländern, diie dasselbe machen möchten. Denn es gibt kein Land ohne Antisemitis mus, ohne eine Schattierung der Judenfrage. Solange der Jude als Jude lebt, trägt er sein Judenschicksal mit sich. Es gibt keine totale Assimilation. Eine Assimilation gibt es bloß für das Individuum bei gleichzeitigem Verzicht auf seine Zugehörigkeit zur Einheit des Volkes. Die Kulturleistungen der Juden werden nicht zu einer Gesamtleistung addiert, und sie haben auch keinen Additionswert, solange sie in anderer Sphäre und für andere Interessen produziert werden, solange sie sich nicht in einer geschlossenen jüdischen Sphäre entwickeln. Daß wir uns aber doch bis nun zu erhalten vermocht haben, ist ein Wunder der Geschichte. Anderseits geht neben den Ermüdungserscheinungen ein Erwocken des jüdischen Bewußtseins einher. Es beginnt die nationale R e- Organisierung und Regenerierung des Volkes. Die nationale Bewegung