Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 401 (16.11.1934)
- Date
- 1934-11-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 401 — 16. November 1934 DIE STIMME Seite 3 der Wiener Judenschaft sprechen Tn einer vom Zionistischen Landesverband für Österreich Montag, den 12. d. einberufenen jüdischen Massenversammlung im Hotel Continental, die von mehreren hunderten Teilnehmern besucht war, sprachen die Repräsentanten des jüdischen und zionistischen Wiens über aktuelle jüdische Zeitfragen. Dicht gedrängt saßen und standen Kopf an Kopf die Zuhörer und folgten mit größter Aufmerksamkeit den Ausführungen, die aus dem berufenen Mund ihrer Führer an sie gerichtet wurden. Der oft minutenlange anhaltende brausende Applaus bewies es, wie sehr die jüdischen Führer zu und aus dem Herzen der jüdischen Bevölkerung sprachen, er bewies aber auch, daß dem Rufe des Zionistischen Landesverbandes heute die Massen willig und gerne folgen. Der Präsident des Zionistischen Landesverbandes Dr. Oskar Grünbaum eröffnete die Versammlung mit einem Nachruf für Johann Kremenezky, dessen große schöpferische zionistische Verdienste, insbesondere auf dem Gebiete des Jüdischen Nationalfonds in kurzen, aber herzlichen Worten gewürdigt, wurden. Dr. Grünbaum gedachte Kremenezkys als des großen und treuen Dieners der zionistischen Idee, als eines der ersten Mitarbeiter Theodor Herzls und schloß mit einem Appell an die Wiener Zionisten, das Andenken dieses prächtigen Menschen und Juden durch Erwerb von Boden in Palästina für österreichische Juden, durch Errichtung des „K f a r Krem enezky“ in Palästina, zu ehren. Der Nachruf für Kremenezky wurde von der ganzen ■Versammlung stehend angehört. Dr. Grünbaum gratulierte hierauf in seiner Eigenschaft als Präsident des Zionistischen Landesverbandes für Österreich dem Präsidenten Dr. Desider Friedmann zu dessen Berufung in den österreichischen Staatsrat (lange anhaltender Beifall). Es konnte — sagte Dr. Grünbaum — kein besserer und würdigerer Vertreter der Wiener Judenschaft in diese Körperschaft entsendet werden. Es ist kein Zufall, daß sowohl in die höchste Körperschaft des Staates, in den Staatsrat, als auch in den Rat der Stadt Wien gerade Zionisten berufen wurden. Aus dem Grunde, weil die nichtjüdische Umwelt die Zionisten als die ihres Volkes bewußten Vertreter der Judenschaft anerkennen. Doktor Grünbaum gab dem Wunsche Ausdruck, daß Staatsrat Dr. Desider Friedmann sein hohes Amt im Interesse Österreichs und im Interesse der jüdischen Gemeinschaft erfüllen möge. Staatsrat Dr. Friedmann, stürmisch akklamiert, weist einleitend auf die Bedeutung des 1. Novembers im Verfassungsleben Österreichs hin. An diesem Tage wurde nach dem Verfassungsübergangsgesetz provisorisch jene Körperschaften des neuen Staates ins Leben gerufen, denen die vorberatende und beschließende Mitwirkung an der Gesetzgebung zustehen wird. Nach den verfassungsmäßigen Bestimmungen sei der jüdischen Gemeinschaft das Recht zugestanden, für die Ernennung eines Mitgliedes des Bundeskulturrates ihre Vorschläge zu erstatten. Ein gleiches Recht für die Nominierung eines Vertreters der Judenschaft in den Staatsrat ist in den verfassungsmäßigen Bestimmungen nicht vorgesehen. Die Mitglieder des Staatsrates seien über Vorschlag des Bundeskanzlers vom Bundespräsidenten ernannt worden, der nach Artikel 46 der Verfassung solche Bundesbürger in diese Körperschaft beruft, ,von denen nach ihrem bisherigen Verhalten und ihren bisherigen Leistungen volles Verständnis für die Bedürfnisse und für die Aufgaben des Staates zu erwarten ist. Wenn unter den ernannten Staatsräten sich auch der Präsident der Wiener jüdischen Gemeinde befinde, so sei hierin eine Anerkennung für die Judenschaft des Staates gelegen, zu dem wir uns als treue Bürger bekennen. Die Berufung bedeute auch eine Würdigung des Wirkens der jüdischen Gemeinde, deren Stellung im Staatsleben und deren A u t o r i- Ihre Scnlfffskarlen nach Palästina. Asypten.Amerltia besorgen Sie am besten durch Reisebüro Lutzky & Co., COMPASS TOURS Wien, IX., SpitalgaBse 8. Telephon B 42-6-38. tät unter zionistischer Führung gestärkt und gehoben wurde. Der Redner verwies auf die bemerkenswerte Rede des Bundeskanzlers Dr. Schuschnigg vorn 31. Oktober 1934, aus welcher er die nachstehende Stelle zitiert: „Eine Selbstverständlichkeit bleibt zu betonen, die Gleichheit aller vor dem Gesetze, jeder, woher immer er kommt, welchem Stande und welcher Berufsgruppe er angehört, muß die gleiche Möglichkeit haben, zur Verantwortung, auch zur tragenden Verantwortung zu gelangen“ und schließt daran die Bemerkung, daß nach der Absicht der Regierung alle, die an der Entwicklung des neuen Österreichs mitwirken wollen, willkommen seien und daß die Berufung eines Juden in den Staatsrat der Judenschaft die Möglichkeit eröffne, ebenso wie alle anderen verantwortlich an dem Aufbau des neuen Staates teilzunehmen. Er gebe der Hoffnung Ausdruck, daß die Judenschaft ihre Stärke darin finden werde, diese ihr zukommende Verantwortung voll und ganz zu tragen. Dr. Friedmann erläuterte sodann das Wesen der berufsständischen Gliederung, die insbesondere dahin abzielt, die Interessenvertretung der Bevölkerung an Stelle der politischen Parteien den Berufsständen zu übertragen, welche nach Vollendung des Übergangsstadiums durch die von ihr entsendeten Vertreter das Recht der Mitwirkung an der Gesetzgebung ausüben werden. Auch die jüdische Bevölkerung müsse diesen Problemen nähertreten. Jüdische Gruppierungen werden weiter als Vertreter bestimmter Richtungen im Judentum, als Träger von Anschauungen über die Art der Gestaltung jüdischen Schicksals bestehen bleiben, aber ihre Kraft wird im Innern zu entfalten sein und sie werden ebensowenig wie die anderen bisher bestandenen Parteien Träger der politischen Willensbildung der jüdischen Bevölkerung sein können. Soweit Juden in den in Bildung und im Aufbau begriffenen wirtschaftlichenBer rufsständen vertreten sind, werden sie oestrebt sein müssen, eine der Bedeutung der Judenschaft im ökonomischen Leben des Staates entsprechende Stellung für sich zu erringen. Wir leben in einem Staate, in dem die jüdische Situation eine überaus delikate und heikle ist. Die Verfassung des Staates gründet sich auf die christlich-deutsche Staatsidee. Die Majorität des Staates, über 90 Prozent der Bevölkerung ist christlich und gehört dem deutschen Volke an. Es ist das unbestreitbare Recht der Majorität, die Verfassung nach den ihr entsprechenden Gesichtspunkten zu schaffen. Aber wenn auch der Staat christlichdeutsch ist und die Juden in ihm eine nationale und konfessionelle Minderheit bilden, so darf damit nicht gesagt sein daß die Angehörigen der jüdischen Gemeinschaft irgend eine Benachteiligung erfahren und Staatsbürger minderen Rech tes werden sollen. Wir werden immer die gleichen Rechte für uns verlangen, so wie wir auch alle Pflichten gegenüber dem Staate treu erfüllen. Die Wahrung der Gleichberechtigung und Gleichheit der Juden in diesem Staate wurde durch wiederholte Erklärungen der führenden Männer betont. Diese Erklärungen wa ren notwendig, weil unleugbar Tat Sachen und Zustände gegeben wa ren, über die Beschwerde zu führen wir Recht und Anlaß hatten Wir sind nicht wehleidig, aber wir reagieren auf Schmerz, wenn man uns wehtut. Dr. Friedmann spricht die Hoffnung aus, daß die Vertretung der Juden in den Kör- ALLEN VORAN! REICH DAUERBRANDOFEN FOR KOKS, KOHLE UND HOLZ IN ALLEN PREISLAGEN IV., PRESSGASSE 28 B 20-2-38 I.,PARKRING 12 R 20-3-57 perschaften des Staates dazu dienen wird, das gegenseitige Verständnis zu stärken. Wir wollen alles tun, zu diesem gegenseitigen Verständnis beizutragen. Aber eine offene Auseinandersetzung wird immer von der Bedingung der gleichberechtigten Partnerschaft abhängig sein. Wir fordern für uns nicht mehr, als daß man uns in diesem Staat, den für unsere kulturelle und wirtschaftliche Entwicklung notwendigen Lebensraum gibt, uns nicht unter schlechtere Bedingungen setzt, wie die anderen. Dr. Friedmann streifte in seiner Rede auch die Bestrebungen, die sich die neue erschienene Zeitschrift „Die Erfüllung“ zum Ziele setzt und hob hervor, daß seine Lösung der Judenfrage in der Art, wie sie von dieser Seite angestrebt wird, in der Judenschaft keinen Widerhall finden werde. Wir Juden haben niemals Proselyten gemacht, denn beiunsgiltderGrundsatz, daß die Frommen aller Völker der Seligkeit teilhaftig werden. Einen anderen Standpunkt vertrete die katholische Kirche, die als eine ihrer wichtigsten Pflichten und Aufgaben ansehe, die Seelen der Andersgläubigen für sich zu gewinnen. Hier könne die jüdische Antwort nur heißen: „Sacra non tangere“. Unsere Stellung kann klar und eindeutig nur die sein, daß es unsere Aufgabe ist, den inneren Kern des Judentums zu festigen, das Judentum zu verinnerlichen, dahin zu wirken, daß jeder Jude weiß, warum er sich zu uns bekennt und daß er darüber Befriedigung empfindet, ein Teil des großen jüdischen Volkes zu sein, das die Fackel des Lichts durch das Dunkel der Jahrhunderte getragen hat, ein Glied zu sein dieses ewigen und unsterblichen Volkes. Das jüdische Bewußtsein müsse gestärkt werden, so daß es jeder Jude als eine Pflicht erkenne, in der jüdischen Gemeinschaft trotz aller Bedrängnisse auszuharren und jeder Versuchung zu widerstehen. Die Judenfrage sei ein Problem der Spannung, hervorgegangen aus dem Gegensatz zwischen Mehrheit und Minderheit, eine nationale politische Frage, die nach dem Worte Theodor Herzls im Rate der Kulturvölker ihrer Regelung zuzuführen sei. Der Weg, den die Zionisten gegangen seien, sei durch die Ereignisse als der richtige bestätigt worden. Der Versuch mancher Kreise, aus der zionistischen Gesinnung einen Gegensatz zur vaterländischen Gesinnung zu konstruieren, sei hoffentlich endgültig gescheitert. D i e Treue zum eigenen Volke biete die beste Gewähr für die Treue zum Staate. Wer sich selbst und seinem Volke treu ist, trage in sich die Vorbedingungen für die Verläßlichkeit seiner guten Gesinnung auch gegenüber der staatlichen Gemeinschaft. Dr. Friedmann schließt seine mit stürmischem Beifall aufgenommene Rede mit den Worten: „In den nächsten Tagen werde ich mein hohes Amt antreten. Es ist möglich, daß in der Körperschaft, in die ich berufen werde, auch jüdische Fragen zur Erörterung gelangen werden. Seien Sie versichert, daß ich die jüdischen Interessen mit jener Offen heit und Gradlinigkeit vertreten werde, wie bisher. An Sie aber richte ich die Bitte, mit mir zusammen die Verantwortung, die mir mein neues Amt auferlegt, zu tragen. Im österreichischen Judentum gibt es viel Kraft, Energie und rühmenswertes Streben, stellen Sie dies alles in den Dienst für Vaterland und Judentum“. (Lang anhaltender Beifall.) Dr« Jakob Ehrlich, Rat der Stadt Wien, bespricht die Frage, ob die österreichischen Juden, insbesondere die Zionisten, angesichts der Bundesverfassung 1934, die eine vollständige Umwälzung unseres ganzen Staatslebens herbeigeführt hat, Grund zu einer Umstellung haben. Die Juden bilden in Österreich eine kleine Minderheit, etwa 4%. Redner könne es sich nicht vorstellen, daß die Vertreter der österreichischen Judenschaft Zusammenkommen, um zu beraten, ob für Österreich eine parlamentarische Demokratie oder, ein autoritärer Kure, die republikanische oder monarchistische Staatsform diö richtige sei. Wohl aber werden wir für uns jederzeit das Recht in Anspruch nehmen, und dieses Recht werden auch unsere christlichen Mitbürger anerkennen müssen, zu verlangen, daß an unserer bürgerlichen Gleichberechtigung keine Schmälerung vorgenommen werden darf, mag das Staatsleben welche Form auch immer annehmen. Wir werden auch niemals freiwillig auf jenen Schutz verzichten, den uns der Friedensvertrag durch die Bestimmungen über die Minderheiten gegeben hat, welche Bestimmungen die Kraft eines Verfassungsgesetzes haben, das ohne Zustimmung des Völkerbundes nicht abgeändert werden kann. Die Gleichberechtigung, die gesetzlich gewährleistet ist, und derer man uns in Kundgebungen der Regierung versichert, verliert an Wert, wenn die Verwaltung diesen Grundsatz außeracht läßt. Auf dem Gebiete der Verwaltung ist uns viel Unrecht geschehen. Angesichts solchen Unrechtes sind Deklarationen und Resolutionen allein nicht von Nutzen. Es bedarf da zähes und unverdrossener Kleinarbeit, um wenigstens einen Teil des Unrechtes wieder gut-r zumachen. Hiebei wurde ich von der Kultusgemeinde unterstützt. Es scheint, daß an manchen maßgebenden Stellen die Überzeugung zum Durchbruche kommt, daß der gegen uns eingeschlagene Weg nicht der richtige war. Ich will mich heute auf diese Feststellungen beschränken, vielleicht wird sich bald die Möglichkeit geben, hierüber mehr zu sprechen. Als der Hitlerismus in Deutschland zum Durchbruche kam und die Wellen des Nationalsozialismus auch in Österreich hoch gingen, war Redner Zeuge einer Unterredung, bei welcher einige nichtzionistische Herren sich das Bundesgesetzblatt geben ließen, um die Bestimmungen über den Schutz der Minderheiten nachzulesen. Ich batte den Eindruck, daß die Herren damals diese Bestimmungen zum erstenmal in ihrem Leben gelesen haben und sie haben hörbar aufgeatmet, als sie zur Erkenntnis kamen, daß die Rechtslage der Juden in Österreich dank diesen Bestimmungen eine andere ist als die der unglücklichen Juden in Deutschland. Vielleicht ist ihnen auch in der Zwischenzeit zum Bewußtsein gekommen, daß die Lage der Juden in Oberschlesien und in Danzig trotz des Naziregimes eine erträglichere ist als dort in Deutschland, wo der Schutz der Minderheiten nicht durch internationale Bindungen verbürgt ist. Im Jänner wird ein Schicksalstag für ganz Europa sein und insbesondere für Tausende von Juden, die im Saargebiet wohnen. Wir können stolz sein darauf, daß auch Zionisten unter denen waren, die an den maßgebenden Stellen des Völkerbundes auf die Notwendigkeit des Schutzes der Minderheiten im Saargebiet, insbesondere auch der jüdischen Minderheit aufmerksam gemacht haben. Es ist zu hoffen, daß diese Bemühungen von Erfolg begleitet sein werden. Die Notwendigkeit vaterländischer Gesinnung wird jetzt in Österreich in höherem Grade betont als früher. Eine Umstellung bei uns Juden ist nicht notwendig. Wir waren immer loyale und treue Bürger des Staates. Wir Zionisten sind IIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIII _ | The | | ASHRAI BANK Coop. Soc. Ltd. | | P. 0. B. 119, Telephone 963-964 1 1 Cable Addresse: „ASHRAIB ANK" Tel-AVIV | 1 TEL AVIV 1 sss 5g 33 Es iHHiiiiiiHiiimiHHiiuiiiiHiiiiiiiiiiimi<iHiHHimiiimiiMHiimiimmiiiiimifmiimiimiimiiiHtiiimiimi S | Ausführung sämtl. Bankgeschäfte | as ES i The j 1 PALESTINE ASHRAI BANK LTD. 1 SS 33 | Hadar Hacarmel | | P. 0. B. 950, Telephone 344 S 1 Cable Addresse: „ASHRAIBANK" HAIFA | | HAIFA I 3 ,1, 1966920337959266963959599