Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 400 (13.11.1934)
- Date
- 1934-11-13
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Dü STIMMI Nr. 400 — 18. November 1084 Matuschka, der Nationalsozialist In dem in Budapest jetzt stattöndenden Prozeß gegen Matuschka, der vor einigen Jahren einen Schnellzug bei Bia-Torb a g y in die Luft sprengte, wobei 22 Menschen ums Leben kamen, wurde erörtert, wie Matuschka eine Nummer des von Goebbels herausgegebenen „A n g r i f f“ kaufte und diese mit Reißnägeln an eine Telegraphenstange befestigte, nachdem er vorher darauf geschrieben hatte: „Sbg! Sieg! Sieg! Attentat! Revolution!“ Es war dies zur Zeit, als Matuschka sein Attentat auf einen bei Jüterbog in Deutschland durchfahrenden Schnellzug verübte, wobei Menschenleben nicht zu Schaden kamen. Matuschka erklärte vor Gericht, er wußte, daß die N. S. D. A. P. damals vor einer Wählerversammlung stand, er wollte den Anschlag durchführen, damit die Nazipartei siege. Präsident: Das Blatt brachte einen Aufsatz mit der Überschrift: „Adolf Hitler schlägt den Fein d‘\ Sie haben den Titel unterstrichen und mit druckähnlicheil Buchstaben hinzugefügt: „J u d!“ Was wollten Sie damit? Matuschka: Meine Prädestination ist, die Atheisten zu bekämpfen und die Juden. Ich hielt hierin die Hitler-Partei für meine Bundesgenossen. Die Juden aber . . . Präsident (unterbrechend): Ich habo Sie schon einmal darauf aufmerksam gemacht, sich davor zu hüten, andere anständige Menschen oder Institutionen hereinzuziehen. Hüten Sie sich davor, die Tätigkeit einer politischen Partei, an deren Wirken sich die Seele einer großen Nation knüpft, in Ihre Dinge hineinzuzerren. Die Hitler - Partei pfeift auf Ihre Unterstützung. Sie wollten diese Partei kompromittieren. Matuschka: Niemals dachte ich an so etwas. Nach den Ungarn liebe ich die Deutschen und die Österreicher am meisten. AUS DEM DRITTEN REICH Streichers Boykottpropaganda Das NS-Volksblatt für Westfalen berichtet über eine Rede, die der Gauleiter von Niederfranken, Julius Streicher, bei einer Kundgebung in Gütersloh gehalten hat Julius Streicher, der in dem Bericht als „der Schrecken Alljudas bezeichnet wird, warnte die Nationalsozialisten in Westfalen, noch in jüdischen Geschäften einzukaufen. In diesem Zusammenhang führte er aus: „Was weiß man hier vom Juden?... Die meisten gehen beim Einkauf an den christlichen Geschäften vorbei und kaufen beim Juden. Ee gibt hier selbst Menschen, die sich nicht schämen, mit dem braunem Hemd oder mit einem Abzeichen zum Juden zu laufen. Wenn das bei mir in Nürnberg einer wegen würde, so würde er angespuckt. Wir haben bei uns den Arbeiter so aufgeklärt, daß er den Juden erkannt hat. In Nürnberg prophezeite man durch den Kampf gegen die jüdischen Geschäfte neue Erwerbslosigkeit. Das Gegenteil ist gekommen. Man hat den Juden ge nommen, was sie uns gestohlen haben, und den Christen haben wir wieder ihr Recht gegeben. Wir nehmen da drüben keine Rücksicht. Wir gehen unseren Weg geradeaus. Wenn man bei uns in einen Ort kommt, liest man auf Tafeln: ,Juden unerwünscht!4 In einem Dorf steht auf einer Tafel: ,Die Juden betreten auf eigene Gefahr diesen Ort.‘ Wenn es so weit ist, daß ihr Westfalen das auch macht, dann seid ihr in Ordnung. Die vergangenen 14 Jahre kann man kennzeichnen: Die Hand Juda ruhte schwer auf dem Volke: denn es wurde den Juden zinsbar gemacht. Wir hatten in den letzten Jahren ja nur die Zinsen für die jüdischen Ausbeuter zu zahlen, und es dauert seine Zeit, bis wir das wieder gutgemacht haben... Draußen in der ganzen Welt hat der Jude den deutschen Waren Boykott an-/ senkunde des jüdischen Volkes“ und ein gesagt. Zieht daraus die Konsequenzen. Buch von T. H. Fritsch: „Handbuch der Judenfrage“. Beweist, wie wir in meinem Gau, den Antisemitismus der Tat. Meidet den Juden und haßt ihn!“ Die „Protokolle" ln Deutschland Gegenstand des Schulunterrichtes Wie aus Berlin telegraphiert wird, hat der Reichserziehungsminister Rust in seiner Eigenschaft als preußischer Kultusminister ein Verzeichnis der Lehrmittel bekanntgegeben, die im Schulunterricht Verwendung finden sollen. An erster Stelle steht H i tlers Buch „Mein Kampf“. Empfohlen wird ferner Alfred Rosenbergs „Mythos des 20. Jahrhunderts“. Ferner wird empfohlen Chamberlai ns „Rasse und Persönlichkeit“. Zum Schulunterricht über die Judenfrage werden folgende Schriften als Grundlage angeführt: Rosenberg: „Die Protokolle der Weisen von Zion und die jüdische Weltpolitik'4, Günthers „Ras- 5000 Pfund für füdlsehe Kinder aus Deutschland London, 9, November. (2. T. A.) Aus einem zugunsten jüdischer Kinder aus Deutschland unter dem Vorsitz der Marquise of Reading im Londoner Savoy Hotel veranstalteten Lunch nahmen der südafrikanische Justizminister und ehemalige Ministerpräsident General S m u t s und Lady A s t o r als Ehrengäste teil. General Srauts sprach mit Anerkennung von den Leistungen deutscher Juden auf kulturellem und wirtschaftlichem Gebiet und hob die seelische Not der jüdischen Kinder und Jugendlichen infolge der letzten Entwicklungen hervor. Lady Astor betonte die Notwendigkeit, den jüdischen Kindern das Aufwachsen unter für sie günstigen Bedingungen zu ermöglichen. Bei dem Frühstück wurden 5000 Pfund für das Kinderhilfswerk gezeichnet. Kinoprogramme der Woche KREUZ-KINO WWW mit Robert Monlgomery Beginn: 4, 9/tß, */,8, V*10 Uhr LeopoMstAtfter Volkskino Tftl«r?hon8Rr4§3£a3 Vom 13. bis 15 November: Rosen nus dem Süden mit Paul Hörbtyer am Ml Theimer Wochentags 7,0, 7.8, '/«IO Uhr, Sonn- und teiertaR* %4 Uhr SCHAFFER-KIM VlTelephon' ^20-203 37 Vom 13. bis 15. November: PAULA WESSELY Jüdische Reden im polnischen Seim Warschau, 9. November (2. T. A.) In der Generaldebatte, nach dem im polnischen Parlament erstatteten Expose des Finanzministers, hielt der Vorsitzende des Klubs der jüdischen Abgeordneten im polnischen Sejm, Rabbiner Dr. Osias Thon, eine große Rede, in der er Klage darüber führte, daß die Regierung in ihrer Finanzpolitik die städtische, zum großen Teil jüdische Bevöl kerung zugunsten der Landbevölkerung aufs schwerste benachteilige. Diese Politik, erklärte Abg. Thon, gehe scheinbar von der Furcht vor einer sogenannten „jüdischen Hochflut“ aus. ln Wahrheit aber seien es die Juden, über die die Fluten des Wirtschaftslebens hinweggeben. Die jüdische Not in Polen wachse von Tag zu Tag. Es sei unmöglich und unzulässig, eine Bevölkerung von drei Millionen Seelen der Verniclitung preiszugeben. Die Regierung aber trage nicht nur nichts dazu bei, die Hilfsarbeit für die Juden zu erleichtern, sondern behindere sogar systematisch die von den jüdischen Organisationen ausgehende Initiative. Aus dem Umstande, so fuhr Abg. Thun fort, daß die jüdische Bevölkerung aus ihrer patriotischen Gesinnung heraus davon Abstand nimmt, die Judenfrage in Tölen vor das internationale Forum des Völkerbundes zu bringen, könne nicht geschlossen werden, daß die Juden in diesem Lande nicht unter ungerechter Behandlung leiden. Dr. Thon wandte sich sodann der Außenpolotik der polnischen Regierung zu und sagte: Unbeschadet unseres Prinzips, die Außenpolitik unserer Regierung nicht zu berühren, habe; ich das Gefühl, daß hier Schweigen ein Verbrechen wäre. Die Freundschaft Polens mit dem heutigen Deutschland schafft Polen viele Feinde auf der anderen Seite. Nicht nur als Juden, sondern als polnischem Bürger tut es mir weh, unsere Regierung in dieser Gesellschaft zu sehen. Man spricht von der Notwendigkeit einer gesunden und würdigen Politik, Ist es „gesund“, sich mit der ganzen Welt zu verfeinden wegen eines nichtigen Bundes, der kaum eiue ernste Probe wird bestehen können? Lnd ist eine solche Politik „würdig“? Warum muß es gerade Polen sein, das das Deutschland Hitlers vor der vollkommenen Isolierung rettet? Unser Außenminister hat mit Recht auf gewisse Fehler Frankreichs gegenüber Poen reagiert Wir legen uns mit gesundem Körper Ins kranke Bett. Unser Ort ist dort, wo Zivilisation, Recht und Gerechtigkeit herrschen, nicht dort, wo die Hölle wütet. Noch Ist es nicht zu spät, den rechten Weg zu finden. Abg. Rabbiner Lewin (Aguda) klagte über die steuerliche Belastung der jüdischen Bevölkerung, forderte die Zulassung von Juden als Beamte, Abschaffung der Zwangssonntagsruho und Subsidierung der Chedarim. Er schilderte in bewegten Worten die ungeheure Not, in der die jüdische Bevölkerung Polens heute lebt, und die darin ihren Ausdruck findet, daß ein Drittel der jü;dischen Gesamtbevölkerung auf Unterstützung seitens der jüdischen Gemeinden angewiesen ist. Leider bleibe die Regierungshilfe für die Notleidenden immer noch aus. Rabbi Lewin sprach die Hoffnung aus, daß die Regierung unter der Ägide des Marschalls Pilsudski sich der Rassentheorie nicht verschreiben werde. Von antisemitischer Seite sprach in der Debatte der nationaldemokratische Führer Prof. Rybarskij der sich darüber beschwerte, daß die Regierung das Bestehen militärisch organisierter jüdischer Verbände, wie des Brith Trumpeldor und des Brith Hachajal, in Po’en zulasse. Er wandte sich auch gegen die An- MASKERADE Beginn : %4, ‘/46, *1,8, * *10 Uhr Heimat-Kino IXTelephon Al^O-7619 (JrauffffUhrungl Jarmlla Novoftna — H. H. Bollmanit FRASQÜITA Wochentag: 5, 7, 9 Uhr, Sonnu. Feiert, ab 3 Uhr Ootlvpork-Kino GRETA GARBO IX., Währingerstraße 12 Telephon A 18-3-96 m Königin Christine Täglich: 4, 8/*6, */*8, V*10 Uhr Stellung jüdischer Lehrer anpoD nischenSchulen. Palästina meldet: Illegale Einwanderung in Palästina Jerusalem, 8. November. (2. T. A.) Wie jetzt bekant wird, hat der englische Polizeirichter W. C. Curry zur Begründung seines Urteils gegen die 60 Juden, die wegen illegaler Einwanderung des Landes verwiesen wurden, ihnen vorher noch abzubüßen haben, folgendes ausgeführt: „Niemand ist trauriger als ich angesichts der Leiden dieser Einwanderer; aber wenn ich mich von hier unangemessenen Sentiments leiten lassen wollte, müßte ich fast wobei mehrere von längere Gefängnisstrafen keit einer zehngliedrigen jüdischen Banda eingestellt, die sich mit der illegalen Auswanderung von Juden nach Palästina beschäftigte. Die Bande hat mit einem gewissen Fingerson, dem Besitzer des Wiener Reißebureaus „Cosmos“, und mit einem Schiffskapitän in Verbindung gestanden. 300 neue Jüdische Arbeiter für Palästina gefordert Wie bereits gemeldet, hat die Exekutive der Jewish Agency im August eine Gesamtzählung der jüdischen Industrie Palästinas durchgeführt. Ihr Zweck war, im Zusammenhang mit dem nächsten Arbeiterallen Juden Deutschlands und Osteuropas i „ , . , r ° ,, . . , . i u i i Schedule die Zahl der gelernten undungeerlauben, nach Palästina zu kommen. Das,. , . ... . . e. „ .. ° - 5; lernten Arbeiter festzustollen, die gegen- I wärtig von der jüdischen Industrie gegeht aber nicht an. Illegale Einwanderung muß aufhören. Ich werde in Zukunft,. ,, , u i braucht werden. Die Zählung umfaßte 1077 jüdische Industrieunternehmen, in noch viel strenger sein müssen.1 Die Gefangenen wurden nach der Urteilsverkündung in drei Gruppen zu je 20 aneinander gefesselt abgeführt. Wie aus Saloniki telegraphiert wird, haben die griechischen Behörden im Zusammenhang mit dem kürzlichen Besuch einer englischen Kommission zur Untersuchung der Ursachen illegaler jüdischer Einwanderung in Palästina die Weisung erhalten, die Einwanderung von Juden nach Griechenland strenger zu kontrollieren. In Verfolg dieser jetzt streng gehandhabten Weisungen begegnen Juden, denon am Tage der Zählung insgesamt 13.598 Arbeiter beschäftigt waren. Auf die einzelnen Sfädte verteilen sich die Unternehmungen in folgender Weise: Tel- Aviv 625, Haifa 200, Jerusalem 151, Kolonien 101. Die 1077 industriellen Unternehmungen, verteilen eich auf die einzelnen Produktionszweige in folgender Weise: Lebensmittelindustrie: 113 Unternehmungen mit 1685 Arbeitern; Textilindustrie 54, mit 888; Bekleidung: 119, mit 978; Metallindustrie und die nach Griechenland aus welchen Grün-* Maschinenbau: 188, mit 2137; Holzindustrie: den immer einreisen wollen, gToßen Schwierigkeiten und Schikanen. Die Polnische Telegraphen - Agentur (PAT) teilt mit: Die Polizei hat die Tätig- 218, mit 2184; Lederindustrie: 56, mit 679; Druck- und Papiergewerbe: 95, mit 1215; Chemische Industrie: 84, mit 895; Betonfabriken und Steinbrüohe: 120, mit 2691; ZIONISTISCHE BE2IRKSSKKTION WIEDEN«MARQARETSN V., MARGARETENSTR. 7, RESTAURANT KOLARIK DIENSTAG' DEN 1*. NOVEMBER 1934, % UHR ABENDS Dr. OSKAR QRÜNBAUM' PrEaldant des llonlatlac*an lindaakomllui ffllr Oafarralch i „KERNPROBLEME DES ZIONISMU 02762319