Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 400 (13.11.1934)
- Date
- 1934-11-13
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 400 — 18. November 1984 DIB ITIMMS Seit« 3 Clemenceau über Edmond de Rothschild Die folgende temperamentvolle Schilderung Baron Edmond de Rothschilds durch den früheren französischen Ministerpräsidenten George CMmenceau, Ist dem Bucke seines langjährigen Sekretärs Jean Mart e t: „M. Clemenceau peint par luimSme“ entnommen: ... „Apropos — Juden, fält mir ein: Gestern war der alte Edmond de Rothschild bei mir. Nun diesen Edmond de Rothschild halte ich für den besten Juden unter alle n Juden der Welt. Er saß hier neben mir und sprach äußerst vernünftig über die verschiedensten Dinge. Was von einem Bankier überrascht. Er sprach auch Dinge und brachte Anschaunngen zum Ausdruck, die den Edelsinn des Herzens verraten. Dieser alte Edmond de Rothschild gehört nämlich zu jenen Menschen, die wirklich interessante Ansichten haben. Auch das war schließlich nicht der schlechteste Gedanke, 30 Millionen Francs zur Errichtung von wissenschaftlichen Laboratorien an der Pariser Universität zu spenden. Wahrlich nicht der schlechteste Gedanke. Und er ist Jude! Und noch dazu was für ein selbstbewußter Jude! Und er ist stolz darauf, daß er Jude ist. Eines Tages, ich war gerade sehr schlecht gelaunt, begann ich vor ihm auf die Juden zu schimpfen. Da erhob sich der alte Herr, schlug mit der Faust auf meinen Tisch, auf meinen Mlnisterpräsidenlentisch, Herr Sekretär, und brüllte mir förmlich ins Gesicht: „Schweigen Sie, Herr Clemenceau, das Judentum und Israel sind das größte Volk auf dem ErdenrundV* Und er begann mir einen Vortrag zu halten über die Makkabäer. Wissen Sie, Herr Sekretär, ich liebe die Makkabäer nicht. Aber das gefällt mir unendlich gut, wenn jemand sich nie h dessen sc hä mt, was er ist, und vor allem sich nicht dessen schämt, daß er Jude ist. Denn der Mensch kann nur dann etwas sein, wenn er es vollständig ist.“ Jüdisches Schiff — unter Bähenkreuzflagge Das einem jüdischen Flüchtling aus Deutschland gehörende Schiff „Atid“ hat kürzlich einen Meinen Ausflug nach dem Hafen von B r a i l a gemacht. Dieses Schiff neuester Konstruktion, dessen Heimathafen Haifa ist, wird in Zukunft ständig die Fahrt Haifa—Budapest machen. Der Kapitän heißt Rosenthal, und es ist der Rosenthal, der während des Krieges mit zu der Besatzung des Handelsunterseebootes Deutschland“ gehört' hat. Die Mehrzahl der Mannschaft des „Atid“ besteht aus Juden, die auf ihren Uniformblusen die palästinensischen Abzeichen tragen. Das wäre weiter nicht. besonders sonderbar. Was aber seltsam mit dem Aussehen und dem Namen der Besatzung kontrastiert, das ist — die Fahne, unter der der „Atid“ segelt. Weil nämlich der Besitzer des Schiffes den Dampfer in Deutschland gekauft hat, wo er im deutschen Handelsflottenregister eingetragen war, muß er nach internationalem Seerecht noch drei Monate nach dem Verkauf die frühere Heimatsflagge führen. Selbstverständlich erregt das Schiff mit dem jüdischen Namen „Atid“ („Zukunft“) und der Hakenkreuzflagge in allen Häfen, die es anläuft, berechtigtes Aufsehen. Sie eisen von 30Groschen aufwärts vorzüglichem GRABEN-KiUlR Josef Kastein in Wien Mit Dr. Josef Kastein kam einer der namihaftesten unter den jüngeren deutsch-jüdischen Historikern, der Autor der bekannten Werke „Sabatai Zwi“, „Eine Geschichte der Juden,, und „Uriel da Costa“, nach Wien, wo er Samstag abends vor einem auserlesenen und mit größter Spannung lauschenden jüdischen Publikum seinen Vortrag „Jüdische Neuorientierung“ hielt. Dr. Josef Kastein, der früher Anwalt war und bereits seit dem Jahre 1926 ständig in Ascona ira Tessin lebt, absolviert gegenwärtig eine Vortragstournee, die ihm durch die Tschechoslowakei, Ungarn über Wien nach Paris, Belgien, Holland, England führt. Zu Beginn des gegenwärtigen Regimes in Deutschland wurde Kastein nahegelegt, eine Loyalitätserklärung gegenüber demselben abzugeben. Da er eine solche verweigerte, wurden auch seine Werke, obwohl sie sich immer nur mit jüdischen Fragen beschäftigen, auf den Index gesetzt. Begegnung mit Josef Kastein;In einem Wiener Ringstraßen-Cafö treffe ich mit Dr. Josef K a s t e i n, der zum erstenmal in Wien ist, zusammen. Eine schlanke, jungendliche Gestalt, hohe, edle Stirn im scharf profilierten, durchgeistigten Gesicht, das an das Antlitz Deutsch’ erinnert, sind der sympathische Steckbrief des heute erst 44jährigen und schon berühmten Schriftstellers Josef Kastein. Kastein ist ein außerordentlicher Kenner der jüdischen Geschichte. Das tausendjährige historische Geschehen, das Kastein in seiner „Geschichte der Juden“ und in einer Reihe seiner anderen historischen Werke darsteilt, läßt ihn nicht nur als den bedeutenden Historiker, sondern als von prophetischem Schwung erfüllten Künder und Mahner erscheinen. Der Gestalter jüdischer Geschichtsepochen, bei dem Geschichtsschreibung zu einer auserlesen hohen Kunst wird, hat den scharfen Blick für das Heute und vermag zugleich mit dem ihm eigenen Sinn für historische Zusammenhänge und Parallelen durch klare Erkenntnisse die jüdische Situation der Gegenwart zu beurteilen. Das Ergebnis der Analyse des jüdischen Seins von Gestern und Heute kann nur in der einzigen Feststellung liegen, daß es keine totale Assimilation gebe. Die Erhaltung der Kontinuität der jüdischen Geschichte und ihre Fortsetzung ist nur durch die nationale Erneuerungsbewegung möglich, wie sie in Palästina vor sich geht. Wir haben auch heute eine Art Marannenjudentum, das nach einem Jabrunderte lang verleugneten Judentum zu seinem Volke zurückkehrt. Heute müssen wir die Situation klar sehen und feststellen, daß die Segnungen und Errungenschaften , der Emanzipation, die lediglich dem Individuum bei gleichzeitigem Verzicht auf seine Bindungen zum jüdischen Volke Vorteile, dem Judentum als Gesamtheit aber Auflösung brachten, dem Prozeß der Liquidation verfallen sind. Die in Erez Israel neu entstehende jüdische Gemeinschaft, wenn auch noch unfertig und suchend und noch lange nicht ideal im reinen Judentumsinne, kann den Faden der Kontinuität jüdischer Gesichte fortspinnen. Wohl ist dort alles noch im Werden, noch zu sehr werden die Schlacken des Galuthjudentums mit in die neue Heimat genommen. Die deklassierten deutsch-jüdischen Emigranten machen Kastein viel Sorge. Kastein hofft und wünscht, daß auch sie das notwendige ökonomische und soziale Augenmaß!für die schwere heroische Aufbauarbeit in Palästina aufbringen werden. Aber die neue Generation, die dort im Werden ist, schafft neue Judentumsinhalte, die für die Zukunft des gesamten Volkes von erlösender Bedeutung sein werden. Palästina, wo Kastein kürzlich einige Monate verbrachte und wohin er demnächst ganz zu übersiedeln gedenkt, ist heute die einzige jüdische, reale Wirklichkeit. Der Vortrag Kasteins ein jüdisches Erlebnis Haus der jüdischen Arbeit in ftowno In Anwesenheit von über 800 Gästen, darunter Vertretern der wichtigsten jüdischen Organisationen der litauischen Hauptstadt, fand hier kürzlich die Besichtigung des im Bau befindlichen „Hauses der jüdischen Arbeit“ statt. Das Haus wird vom litauischen ORT, einem Zweige des Weltverbandes zur Förderung von Landwirtschaft, Handwerk und Industrie unter den Juden „ORT“ (Zontralsitz Paris), errichtet und wird sämtliche ORT-Institutionen — dio Handwerkermittelschule, die technischen Fachkurse samt ihren Werkstätten und Laboratorien — beherbergen. Es ist ein imposanter dreistöckiger Bau mit. anschließendem Gebäqde für eine elektromechanische Abteilung. Die Räume sowohl für den theoretischen als Fach für den praktischen Unterricht werdet mit größter Sorgfalt nach den Forderungen des modernen Fachschulwesens eingeriohUL Als ich als junger Student zum erstenmal einer Geschioktsvqrlesung des berühmten Historikers Prof. Pribram an der Wiener Universität beiwohnte, fühlte ich, gepackt von der blendenden Art des Vortragenden, wie Geschichte nicht doziert, sondern erlebt werden kann. Dieses Gefühl werden wohl alle, die Samstag beim Vortrag Josef Kasteins den Festsaal des Gewerbevereines füllten, empfunden haben. Denn es war ein Erlebnis, ja eines der stärksten jüdischen Erlebnisse der letzten Jahre überhaupt. Nur der einem ähnlichen Thema gewidmete Vortrag des Dichterpropheten Chaim Nachman B i a 1 i k im Wiener Konzerthaussaal vor etwa drei Jahren hat solch tiefe Ergriffenheit ausgelöst. Der blendende Schriftsteller Kastein beherrscht alle Register eines idealen Vortragenden. Seine von hoher Kultur erfüllte Sprache, durch ein ungemein angenehmes Organ vermittelt, ißt von tiefster Eindringlichkeit. Seine klare Ausdrucksweise, seine meisterhaften und geistvollen Formulierungen, der bestechend logische Aufbau seiner Konzeption, sein kühner, Jahrtausende umspannende Gedankenflug und nicht zuletzt die tiefschürfende, analytische Gliederung seines Vortrages, in eine anderthalbstündige Rede gepreßt, machten den Abend zu einem starken, unvergeßlichen Erlebnis. Kastein klagt an und versöhnt, zürnt und versteht, Strafpredigt und verzeiht. Während er die Brücke zwischen den Jahrtausenden unseres Daseins schlägt, während aus dem Ankläger, dem schonungslosen Kritiker der hoffnungslose Gläubige wird, während er uns aus dem luftloeren, unproduktiven, weil unjüdischen Raum der Diaspora im die Sphäre jüdischproduktiver Schöpfung, in den Lebensraum Erez Israels führt, verdichtet sich das Gefühl der Verehrung und Dankbarkeit für den Menschen oben am, Podium, der so reiches, schöpferisches Judentum in sich trägt. Wir danken Kastein an dieser Stelle dafür, daß er uns an diesem Abend mit seinem starken, von Liebe erfüllten, durch Erkenntnis geläuterten Glauben an die Zukunft unseres Volkes so reich beschenkte. Dr. Jakob Rosenthal. * Der Vortrag Kasteins, den wir in der nächsten Nummer unseres Blattes ausführlich wiedergeben werden, wurde durch den Präsidenten des Zionistischen Landeskomitees, Dr. Oskar Grün bäum, mit kurzen Worten eingeleitet, in denen Dr. Grünbaum den illustren Gast willkommen hieß und ihm dafür dankte, der Einladung dos Zionistischen Landeskomitees, nach Wien zu kommen, Folge geleistet zu haben. Er gab der Hoffnung Ausdruck, daß wir bald Gelegenheit haben werden, Kastein wieder in Wien begrüßen zu können. Wie wir erfahren, ißt es dem Zionistischen Landeskomitee, dem in erster Linie der warme Dank dafür gebührt, dem Wiener Judentum die Bekanntschaft mit dieser überragenden Persönlichkeit vermittelt zu haben, gelungen, Kastoin für einen zweiten Wiener Vortrag im März 1935 zu gewinnen. Dem Vortrag wohnten die Spitzen des jüdischen Wieu bei. Man sah unter anderm den Wiener Oberrabbiner Dr. David Feuohtwang, den Präsidenten der Kultusgemeinde, Staatsrat Dr. Desider Friedmann, den Rat der Stadt Wien Dr. Jakob Ehrlich, den Vizepräsidenten der Kiultusgemednde Dr. Josef L ö w e nj her*, Kuiturrafc Hofrafc Frankfurter.1 Das Skherheltsamt der natlonalsozlallstlsdien Parteil Der „Sturm über Österreich“ teilt in seiner Ausgabe Nr. 80 vom 11. November aus einem Bericht über die staats- und rassepolitischen Aufgaben der SS. das Folgende mit: Die oberste Führung der SS. ist auf dia Weltanschauung der deutschen Glauhensbewegung eingeschworen und muß versichern, daß sie jede christliche und kirchliche Bindung ablehnt. Die SS.-Führung hat drei Abteilungen: 1. Das SS -Amt (Organisation und Aufbau, Personalien). 2. das Amt für Rasse und Siedlung, 8. das Sicherheitsamt. Das Amt 1 entscheidet über Auswahl der Führer und ihre Verwendung für besonder« Aufgaben. Amt 2 regelt die Schulung in Rassefragen und die rassische Auswahl der zur Hochzucht geeigneten SS.-Angehörigen und der weiblichen Elemente. Die Ausgewählteii — di« Auswahl erfolgt nach einem mit Wertpunkten aufgestellten Zuchtindex — müssen auch ihre zukünftige Frau auf Zuchteignung unter körperlicher Messung, einschließlich der Fortpflanzungsorgane, prüfen lassen. Die Anköruug erfolgt ähnlich wie beim Rindvieh. Amt 3, Sicherheitsdienst, ist zurzeit das Wichtigste. Es hängt unmittelbar zusammen mit der geheimen Staatspolizei und dem „Auswärtigen Amt“. Es ist dazu bestimmt, die Aufgaben im Innern zu lösen, mit denen die „Geheime Staatspolizei“* nicht belastet werden darf, insbesondere „B es e i 11 g u n g von unbequemen Personen“. Die für außenpolitische „Arbeit“ vorgesehene Organisation ist noch im Aufbau begriffen. Für sie werden ganz besonders geeignete Personen ausgesucht. Ihr Aufgabenkreis soll darin bestehen, in getarnter Fühlung mit den Dienststellen des Auswärtigen Amtes die Aufgaben zu lösen, mit denen das Auswärtige Amt oder dia Staatsführung sich nicht belasten will oder nicht belastet werden darf. Hiezu gehören insbesondere bei vorzeitiger Mobilmachung des Auslandes: Beseitigung der führenden feindlichen Staatsmänner, Beseitigung von Persönlichkeiten und Fürstlichkeiten in Europa, die dem Staatsoberhaupt gefährlich 8ind oder werden können. Die zu diesem Dienst Auserwählten. haben mit dem Leben abzuschließen und im^ Falle einer Ergreifung bei der. Tat oder bei dem Versuch dazu im Ausland sich schweigend verurteilen und auch hinrichten zu lassen. Die Auftraggeber oder das Staatsoberhaupt dürfen unter keinen Umständen belastet werden. Dieser Dienst als besondere Ehre, di« durch das nordische Glaubensideal g e h e i- 1 i g t ist. So denkt man, Europa« Fürstenthrone sich gefügig zu Sachen oder zu Fall zu bringen« ie Richtigkeit dieser Angaben ist jederzeit Wort für Wort z.i erweisen. Jedes auch andeutungsweise Sprechen über diese Angelegenheit zieht unweigerlich den Tod . ohne Gerichtsurteil nach sich. Die Organisation ist bis jetzt viermal eingesetzt, man rechnet in naher Zeit mit einem weiteren Einsatz. Das zitierte Blatt der „Ostmärkischen Sturmsoharen“ fügt der Veröffentlichung die folgenden Bemerkungen, die sicherlich der Aktualität nicht entbehren, hinzu: „Man bedenke die Gefahr, die für deü europäischen Frieden in der Tätigkeit dieser Maffia liegt: sie wird nach rassischen* Grundsätzen aufgestellt, nicht nach nationalen oder staatsbürgerlichen. Und es mag nicht schwer sein, auch einem b a 1 k a n esischen Desperado, der kein Wort deutsch spricht, in den schmeichelhaften Glauben zu versetzen, er gehöre der ,nordischen Edelrasse' an. Und damit greift Amt 2 helfend in die Agenden von Amt 3 ein. Die Sache ist außerordentlich gut organisiert. Besser, als es sich Herr Ludendorff bei seinen ,überstaatlichen Mächten* träumen ließ...“ Unter den „überstaatlichen Mächten“ hat Ludendorff die Juden, respektive die „Weisen von Zion“ verstanden. Wir haben schon darauf bingewiesen, welche verblüffende Ähnlichkeit zwischen gewissen Geschehnissen in Deutschland und den Thesen der Beekschen Fälschung besteht. Hier liegt nun wieder eine Bestätigung vor, und von besonderem Gewicht ist die Andeutung des „Sturm über Österreich“, die sich auf die „balkanesischen Desperados“ bezieht... Die Zionistische Sektion Prater gratuliert ihren Vorstandsmitgliedern HERRN und FRAU JOSEF WEINSTOCK anläßlich der Geburt eines Enkelkindes in Palästina und wunchst herzlichen aite