Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 400 (13.11.1934)
- Date
- 1934-11-13
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 2 Dil STIMMI Nr. 400 — 13. November 1934 zwei Punkte erwartet, sollen, wie es heißt, die Zugeständnisse wegen der bürgerlichen Stellung der Juden und Emigranten von Deutschland abgelehnt werden. Im September hat das Comit4 des Delegation« Ju ives ein Meraor a n d u m an den Völkerbund gerichtet, in dem es den Schutr. der Juden im Saargebiete verlangt.. Wir werden auch bei der am 19. ds. der Saar frage gewidmeten Session des Völkerbundes für den Schutz der Saarjuden eintreten. In bezug auf die Minoritätenfragen“ — sagte Dr. Goldmann — „kämpfen wir natürlich für die Generalisation des Minoritätenprint i p s. weil wir der Ansicht sind, daß auch die deutsche Judenfrage nur auf Basis der Anerkennung der Juden als Minorität gelöst werden kann. Ee ist in diesem Zusammenhang besonders hervorhebenswert, daß a/uoh die nichtnationalen jüdischen Kreise, die noch vor 15 Jahren, als sich die Zionisten für die Verankerimg der Minderheitenrechte in den Verfassungen verschiedener Länder ersetzten, gegen diese waren, ihre Ansicht grundlegend geändert haben und heute nunmehr selbst für die Anerkennung dieser Minderheitenrechte wirken. Man kann konstatieren, daß unter den Juden heute in dieser Frage eine nahezu hundertprozentige Einheit herrscht. Zur Lage der Juden in Österreich äußerte Bich Herr Dr. Goldmann dahin, daß das ausländische Judentum nach wie vor mit größter Aufmerksamkeit die Entwicklung in Österreich verfolge. Dr. Goldmann er-' innerte in diesem Zusammenhang an die bekannten mehrfachen Erklärungen des österreichischen Bundeskanzlers Doktor Schuschnigg, in welchen die absolute G1 eichberechtigung der österreichischenJudenundihre Gleichheit vor dem Gesetze anerkannt wird. Diese Erklärungen, deren Bedeutung überall entsprechend gewürdigt wurde, lassen erwarten, daß nunmehr auch in der Praxis der österreichischen Exekutive und der öffentlichen Körperschaften der Grundsatz der Gleichheit, dort, wo dies bisher nicht der Fall war, in vollem Ausmaße zur Auswirkung kommen werde. Für gesamtjüdische Vertretung vor dem Völkerbund Dr. Goldmann schloß seine Auführungen mit dem Hinweis auf die Wichtigkeit und Notwendigkeit einer gesamtjüdischen Vertretung beim Völkerbund, deren Bedeutung sich gerade bei der letzten Session des Völkerbundes erwiesen habe. Die Notwendigkeit, die Interessen der Judenschaft vor diesem Weltforum zu vertreten, finde allseits Anerkennung und komme insbesondere in der Zusammenarbeit des Comitös des Deldgations des Juives mit der Vertretung der englischen Judenschaft zum Ausdruck. Der Prozeß um die „Protokolle“ Bern, 9. November. (2. T. A.) Der von den Angeklagten im Prozeß um die „Protokolle der Weisen von Zion“ genannte Sachverständige, Oberstleutnant a. D. Fleischhauor aus Erfurt, Herausgeber einiger von Alfred Rosenberg gegründeter und aus Reichsmitteln subventionierter Schundkorrespondenzen und Schundschriften, darunter der „Service Mondial“, der „Semi-Kürschner“ und der „Sigilla veri“, hat dem Gerichtspräsidenten Meyer mitgeteilt, daß er das ihm anvertraute Mandat annimmt. Die Verteidiger der Angeklagten haben dem Gerichtspräsidenten Überdies mitgeteilt, daß sie für die Frage der angeblichen Beziehungen zwischen Juden und Freimaurerlogen einen zweiten Sachverständigen stellen, nämlich den Major a. D. Henning aus Berlin. Major Henning war im Jahre 1918 Attachö der deutschen Botschaft in Moskau und er unterhält sehr enge und intime Beziehungen zu russischen monarchistischen Kreisen in Deutschland, die nach der russischen Revolution die gefälschten „Protokolle“ in Deutschland und in anderen Ländern der Welt eifrig verbieiteten. Der Gerichtspräsident soll sich nun über die Annahme dieser zwei Kandidaturen äußern und nachher die weiteren Anordnungen üV-r den Fortgang des Prozcesos treffen. »Die Erfüllung« leitet werden. Die christlichen' Kreise aber mögen ihre Mission in ihren Kreisen vornehmen und wir Juden werden dasselbe bei uns besorgen. Das erscheint uns als der einzige Weg zur Befriedigung der sicher vorhandenen Differenzen. Es ist eine alte Erfahrungstatsache, daß jene Juden, die vor die jüdische Gemeinschaft mit neuen Ideen hintreten, Ablehnung erfahren, daß aber Christen, die sich jüdischen Problemen zuwenden, sofort Gefolgschaft unter den Juden finden. Das erführt man wieder jetzt, anläßlich der Herausgabe einer neuen Zeitschrift „Die Erf ü 11 u n g“ durch den Jesuitenpater B i c h 1 m a i r. Wir haben in unserem letzten Leitartikel „Juden und Christen“ zum Ausdruck gebracht, welche Stellungnahme "wir gegenüber dieser neuen Aktion beziehen. Diese Stellungnahme erfolgte nur auf Grund des Artikels, der in der „Reichspost“ erschienen war. Heute sind wir jedoch bereits in der Lage, uns mit dieser Angelegenheit näher zu befassen. Die erste Nummer der Zeitschrift „D i e Erfüllung“ bringt einen Artikel, von dem Täufling Johannes Oesterreicher: „Die Judenfrage“. Oesterreicher erblickt im Judenproblem nicht eine rassische oder völkische, nicht eine soziale oder politische Angelegenheit, sondern ein religiöses Problem. Er deutet dieses Problem durchaus als von der vitalen in die spirituelle, pneumatische Sphäre gerückt und bezeichnet die Judenfrage aufsinnigste verwoben mit der Existenz der Kirche ChriBti. Der Autor wie die ganze Bewegung, der „Die Erfüllung“ dient, strebt eine Entmaterialisierung und neue Spiritualisierung des Lebens an. In diesem Sinne heißt es in dem Vorspruch der ersten Nummer: „Dieses jüdische Denken und Wirken von heute sieht vor allem den Menschen. Die Gegenwart jedoch beweist es klar: wer nichts als Menschlichkeit verkündet, verliert gerade sie und sich selbst. Aus dieser Einsicht, daß der Mensch, der nicht mehr als nur den Menschen will, nicht einmal das Menschliche erfülle, spricht ,Die Erfüllung1 von phristus, dem Gottmensche n.“ Nun also wissen wir es genau. Die Erfüllung ist Christus, der Gottmensch. Damit ist klar und deutlich gesagt, daß hinter den vielen schönen Worten nichts anderes steckt als ein neues Missionswerk. Die Juden sollen dem Taufbecken nähergebracht werden.. Es ist auch ganz interesant, die Entwicklung dieser Missionssache zu verfolgen. Sie begann mit dem bekannten Buche des ehemaligen Ministers Czermak: „Ordnung in der Judenfrage“ und fand ihre Fortsetzung in geheimen Besprechungen mit einzelnen Juden, denen jede Legitimation fehlte, über die Ordnung der Judenfrage in Österreich. Diesem unverantwortlichen Treiben haben verantwortliche Faktoren der Wiener Judenschaft seinerzeit ein Ende gemacht. Nachher kam eine zweite Schrift im R e i nhold-Verlag heraus, in welcher ein konfessionsloser Jude, ein Täufling und der Jesuitenpater Bangha zur Judenfrage Stellung nahmen. Nun setzt ein anderes Mitglied der Societas Jesu, Pater Bichlmair, den Feldzug fort. Es unterliegt nun keinem Zweifel, daß tatsächlich bei den Christen das Wissen vom Judentum sehr gering ist. Wenn nun Pater Bichlmair wirklich die Absicht bat, in seinor Zeitschrift, die den vielsagenden Titel „Die Erfüllung“ führt, von der Weisheit im Talmud und von chassidischer Frömmigkeit zu sprechen, und wenn er weitere seine Leßer dem Geiste Christi näherbringen will, dann möge er sein Betätigungsfeld in erster Linie bei seinen Glaubensbrüdern suchen, und zwar bei jenen, denen der Talmud als ein geheimnisvolles Werk von abgrundtiefer Bosheit gilt, als ein Werk, das den Juden jedes Verbrechen gestattet, und bei jenen, die an die „Protokolle der Weisen von Zion“ glauben, zum Beispiel bei seinem Amtsbruder Pater Gaston Ritter, der sein Buch „Das Judentum und der Schatten deB Antichrist“, das eine schwere Beleidigung deB Judentums darstellt, aufrechterhält. Auch innerhalb der katholischen Verbände, die eben jetzt in Wien eine getarnte Boykottaktion gegen die jüdischen Geschäftsleute durchführen — wir berichten darüber an anderer Stelle — könnte Pater Bichlmair .viel Gutes schaffen. Er würde überhaupt bei seinen Glaubensgenossen ein großes Betätigungsfeld dafür finden, damit Tausende seiner Glaubensbrüder das Wort: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ auch in die Tat Umsetzern Wir Juden hegen gegen die christliche Kirche keinen Haß. Bei uns gibt es nicht derartige Entartungserscheinungen, wie sie der Nationalsozialismus und ihm verwandte antisemitische Richtungen gezeitigt haben. Abgesehen davon, müssen wir es ablehnen, daß ein Erziehung« werk uns von außen her aufgenötigt wird. Es besteht zwar kein Zweifel darüber, daß auch im Judentum eine Mission notwendig ist, und zwar in der Richtung der Vertiefung des Wissens vom Judentum und der Religiosität. Dieses innere Missionswerk aber mußi bei den Juden von Juden ge| Wir scheuen keine öffentliche Aussprache, aber wir müssen uns mit aller Entschiedenheit dagegen aussprechen, daß einzelne Ju-* den sich in dieser Angelegenheit als Sachwalter des Judentums aufspielen. Es macht hiebei gar keinen Unterschied, ob diese Juden gutgläubig handeln oder nicht, ob sie dabei nur ein politisches Geltungsbedürfnis befriedigen wollen oder aus purem Oppositionsgeist handeln. Für uns steht fest, daß Pater Bichlmair eine Taufbewegung einleiten will und wir werden dabei nicht mittun. Schon dio erste Nummer der Zeitschrift „Die Erfüllung“ hat den Plan Bichlmairs enthüllt. Wir werden uns weder durch ihn noch durch tönende Phrasen einzelner Juden beirren lassen. Wir stellen aber schon heute ihre Verantwortlichkeit vor der jüdischen Öffentlichkeit fest. Christen und Juden Folgende Flugschrift ist in den letzten Tagen in unsere Hände gefallen: Zentralnachweis christlich-arischer Firmen Wiens ■ Wien, VI., Gumpeudorlerstraße Nr. 113. -- Telephon A 32-1-63 Z Sehr geehrte Firma! Über Anregung von berufener Seite sind wir im Begriffe, im „Zentralnachweis“ eine Übersicht über die gesamte bodenständige, christlich-arische Geschäftswelt Wiens zu schaffen. Daß unsere Institution einem tatsächlich vorhandenen Bedürfnis entspricht, beweist der Umstand, daß es uns in kurzen Verhandlungen gelang, die größten und einflußreichsten Organisationen verschiedenster Richtung für unsere Sache zu gewinnen. Die unten angeführten Verbände, die den „Zentralmchiceis,< als Auskunftsstelle benützen, haben eine Gesamtzahl von rund 300.000 Mitgliedern. Es steht also fest, daß jener Teil des kaufenden Publikums, welcher grundsätzlich christlich-arische Unternehmungen gegenüber anderen bevorzugt, seine Informationen von uns beziehen wird. Wir haben aber die Absicht, noch darüber hinaus, in der großen Öffentlichkeit, durch Flugschriften, Propaganda in den Lichtspieltheatern usw. für die Parole: Kauft beim „bodenständigen Geschäftsmann1, eine intensive Werbung zu entfalten. Es ist klar, daß wir in Anbetracht eines derartig großen Interessentenkreises, durch die Herausgabe eines „Geschäftsweisers“ unserer Aufgabe nicht gerecht werden könnten. Wir geben daher jedem Anfragenden kostenlos telephonisch die gewünschten Anschriften bekannt. Wir glauben, annehmen zu können, daß auch' Ihre Firma die Notwendigkeit und Bedeutung des „Zentrcdnachweises“ gerade in der jetzigen Zeit richtig einschätzen wird, zumal die Sache außer einem j ä h rlichen Regiebeitrag von S 7.— keinerlei Spesen verursacht. Demnach werden wir, uns gestatten, einen von uns mit der Sammlung des Anschriftenmaterials beauftragten Herrn zu Ihnen zu entsenden und bitten, diesem die notwendigen Daten ausfolgen zu wollen. Hochachtungsvoll Zentralnachweis christlicharischer Firmen Wiens. Wir sind Ausknnftsstelle für folgende Verbände: Deutsche Lesehalle an der Technik — Volksbund der Katholiken Österreichs — Deutscher u. österreichischer Alpenverein-Sektion Austria, Sektion Wien, Sektion Ostmark, Wiener Lehrersektion, Sektion österr. Gebirgsverein, Sektion Touristen-Klub — österreichischer Jugendbund — Vereinigung Katholischer Edelleute — Rath. Frauenorganisation — Christi. Verein junger Männer — Akademla, Vereinigung katholisch-deutscher Hochschüler usw. ¥ * * Es ißt ganz klar, was hier beabsichtigt seine Zettel versendet, in der P. Bichlist. Durch Flugschriften, Propaganda in denraair so schöne Worte an die Juden ge« Kinos usw. wird Judenboykott betrieben richtet hat Wir empfehlen ihm den ihm so werden, wobei natürlich die 7 Schilling nahestehenden „Volksbund der Ka- Regiebeitrag auch nicht zu verachten sind,tholikon Österreichs“, der den die der Zentralnachweis von den rundZentralnachweis als Auskunftsstelle erwählt 300.000 Mitgliedern erhofft Bemerkt sei,hat Dort könnte die Aktion für geistige daß dieses Unternehmen in derselben Woche Aussprache ihren Anfang nehmen. Anklage wegen Rassenverleumdung in Kanada Montreal, 11. November. (2. T. A.) In Winnipeg wurde am 8. November ein Gerichtsverfahren eröffnet, in dem, anscheinend zum erstenmal im Gebiet des britischen Weltreiche«, die Aktivlegitimation von einzelnen oder Pereonengruppen zur Klage wegen Verleumdung der jüdischen Glaubens- und Rassengemeinschaft in Anspruch genommen wurde. Der Oberste Richter des Winnipeger Gerichts hat gegen den kanadischen Nationalisten und Herausgeber einer antisemitischen Zeitung, William Whittaker, eine einstweilige Verfügung erlassen, durch die ihm verboten wird, Verleumdungen gegen die Juden zu veröffentlichen. Die Klage wurde vom kanadischjüdischen Kongreß auf Grund eine« neuen Gesotzes erhoben, das Einzelpersonen das Recht gibt, für Veröffentlichung von Verleumdungen gegen dio Rasse oder den Glauben, dem Bio angehöron, Entschädigung zu verlangen. Die Verhandlung in diesem Prozeß wird im Monat Dezember stattfinden. Winnipeg ist die Hauptstadt des Staates Manitoba, dessen Parlament im April d. J. einstimmig eine Novelle zum Gesetz gegen Verleumdung angenommen hat, durch die jedem Angehörigen einer Rasse oder eines Glaubens das Recht gegeben wird, eine einstweilige Verfügung gegen die Veröffentlichung und Verbreitung von Verleumdungen zu verlangen, dio gegen seine Rasse oder gegen seinen Glauben gerichtet sind. Der unmittelbare Anlaß für diesen Beschluß war der Wunsch, der antisemitischen Propaganda in Manitoba entgegenzutreten und insbesondere die Verbreitung der sogenannten „Protokolle der Weisen von Zion“ zu verhindern. Manitoba ist der orsto kanadische Bundesstaat, in dem ein solches Gesetz iu Kraft ist; der kanadisch-jüdische Kongreß ist bemüht, die Annahmo entsprechender Gesetzesbestimmungen auch in den übrigen kanadischen Provinzialstaaten zu veranlassen.