Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 399 (9.11.1934)
- Date
- 1934-11-09
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3053752-3054140-3054154--4616-3060254- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 899 — 9. November 1934 Dil ITIMMI Seite 3 THRAZIT KOHLE KOKS BASCH "• 1) 43-5-40 von 80 Fabriken. Der Gesamtbetrag cler in ihnen erfolgten Investitionen beträgt über 171.000 Pfund Sterling, wovon deutsche Juden zirka 70.000 Pfund Sterling investiert haben. Unter den neugegründeten Unternehmungen sind 8 Fabriken für Baumaterial (4 davon wurden von deutschen Juden geschaffen), 12 Fabriken für chemische Artikel (9 von deutschen Juden), 4 für elektrische Artikel (2 von deutschen Juden), 2 Farbenfabriken (beide gehören deutschen Juden, 3 Fabriken für medizinische Präparate und In Strumente (sämtlich im Besitz von deutschen Juden), 17 Fabriken für Metallwaren (9 gehören deutschen Juden), 2 Tabakfabriken (beide im Besitz deutscher Juden), 4 Textilfabriken (sämtlich deutschen Juden gehörig), 14 Fabriken für Holzbearbeitung (3 gehören deutschen Juden) usw. Insgesamt gehören von den 115 in den letzten 7 Monaten gegründeten Fabriken 62 deutschen Juden. Sin König-Albert-Wald in Palästina Jerusalem (Z. T. A.). Wie die Leitung des Keren Kajemeth mitteilt, sind dieser Tage die Verhandlungen Tel. ■ B 27-1-47 Heute Uraufführung: Der weltberühmte Film mit Dolores del Rio m BESTE QUALITÄTEN! fügung gestellt; es schließt an den Balfour- Wald an. 600 Arbeiter-Wohnhäuser in Tel-Aviv Tel-Aviv (Paleor). Das offizielle Organ der Tel-Aviver Stadtverwaltung, „Jediiot Irijat Tel-Aviv“, teilt mit, daß bis zum 1. September d. J. durch die Zentrale für den Bau von Arbeiterwohnungen bei der HLstadruth in Tel-Aviv 2000 Plätze erworben und 600 Arbeiterwohnhäuser gebaut worden sind. Zur Erwerbung . der Plätze und zum Bau der Häuser wurde ein Betrag von mehr als 870.000 £ ausgegeben. 55 Prozent des Betrages haben die Arbeiter aus eigenen Ersparnissen investiert, 45 Prozent stammen aus Bankdarlehen. In den letzten sechs Jahren haben die Tel-Aviver Arbeiterviertel eine sehr starke Entwicklung erlebt. Vor sechs Jahren wohnten in ihnen 65 Familien, heute wohnen dort 2200 Familien. mit dem Komitee belgischer Juden für die Anlegung eines Waldes in Palästina, der den Namen des verstorbenen Könige Albert tragen soll, zu Ende geführt worden. An den Verhandlungen nahmen der Vorsitzende des König-Albert-Wald- Komitees und belgische Konsul in Tel-Aviv Bürgermeister Mayer Dizengoff, der belgische Konsul in Haifa Tolowsky, der Präsident des Keren Kajemeth M. M. U ss i s c h k i n u. a. m. teil. Das Grundstück hat der Keren Kajemeth bereits zur Ver- Lord Cedi über die deutschen Flüchtlinge Die Londoner Tagung des Verwaltungsrates des vom Völkerbund eingesetzten Hochkommi&sarials für die deutschen Flüchtlinge wurde mit einer Ansprache des Vorsitzenden des Rates, Viscount Ce eil of Chelwood, geschlossen. Viscount Ceoil erklärte: Der Hochkommissar war in dauernder Verbindung mit der deutschen Regierung, um von ihr eine Milderung der Bestimmungen zu erlangen, die zur Zeit eine sehr schwere Hemmnis für den Flüchtling sind, wie zum Beispiel das Verbot der Geldüberweisung aus Deutschland. Es ist durchaus irrig, anzunebmen, dies sei Sache interner Verwaltung, die nur Deutschland angeht. Denn wenn die Flüchtlinge ihr eigenes Geld aus Deutschland nicht erhalten dürfen, müssen sie von der Flüchtlingsfürsorge unterstützt werden, und wenn diese die notwendigen Mittel für diese Unterstützung nicht aufbriingen könne, fallen die Flüchtlinge den Ländern, in denen sie Zuflucht gesucht haben, zur Last. Wir in Eng-' lancl und die Menschen in den meisten Ländern können es ja nicht ruhig mitansehen, wenn zahlreiche menschliche Wesen mitten unter uns Hungers sterben. Daher ist die Flüchtlingsfrage in Wirklichkeit eine internationale Angelegenheit. Ich muß mein tiefes Bedauern darüber aussprechen, daß die deutsche Regierung so wenig Gefühl für die moralische Verpflichtung, die ihr obliegt, gezeigt hat und nicht alles tut, was sie kann, um die Lösung des Problems zu erleichtern. Keiner von uns möchte sich in Deutschlands innere Verwaltung einmischen, aber wenn die deutsche Regierung die Politik der Austreibung der nichtarischen Bevölkerung fortsetzt, sollte sie alles, was in ihrer Macht steht, tun, um den umliegenden Ländern die Last zu erleichtern. Ich erdreiste mich, dies vollkommen klar und einfach zu sagen, ohne die Absicht, gegen irgend eine Regierung offensiv zu sein; denn ich halte es für wichtig, daß der öffentlichen Meinung in der ganzen Welt die ©iabetifer! Meinten mit Gvfola Den ftuäecacmen ©iätiTöeim S 2.— De« Eite« ZEILINGER Cattbffraßer dauptfitetfte 17. gnariafjflferßüttet 27 SOhutelmamtfte. 21, Sofmftr. 39, SBaHenfteinft«. 46 Situation in aller Deutlichkeit vorgelegt werde. Lord Cecil teilte mit, daß der Verwaltungsrat es gebilligt hat, daß der Hochkommissar MacDonald demnächst in Amerika eine Tagung jüdischer und nichtjüdischer Organisationen abhält, um über die Aufbringung der für Auswanderung und Ansiedlung notwendigen Gelder Entschlüsse zu fassen; ferner daß der Hochkommissar mit den Regierungen der Läuder potentieller Einwanderung über eine größere Zulassung deutscher Auswanderer, schließlich mit der deutschen Regierung über eine Milderung der Bestimmungen betreffend Geldüberweisung an Flüchtlinge weiterverhandelt. Beulenpest unter den Juden von Tanger Paris, 6. November. (2. T. A.) Dieser Tage wurden fünf Fälle von Beulenpest in der jüdischen Kolonie von Tanger gemeldet. JARMILA NOVOTNA, HANS HEINZ BOLLMANN, Charlott Daudert, Franz Schalheiten, Max GUIstorff, Rudolf Carl u, v. a. in Franz Lehars Ein Wiener Atlantisfilm der Universal. Regie s Karl Lamac. Ab heute: Gartenbau-Kino I. / Kärntner-Kino I. Busch-Kino II. / Haydn-Kino VI. Heimat-Kino IX. /Kolosseum-Kino IX. Josef Kastein: Gedanken über „Patriotismus" iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii ln diesem Monat erscheint ein neues Buch von Dr. Josef Käst ein, betitelt „D i e Juden in Deut sc hl an d“. Wir sind schon heute in der Lage, als Vorabdruck den folgenden Abschnitt zu veröffentlichen, der dem Kapitel „Gedanken Uber Patriotismusu entnommen ist. Red. Der Jude neigt seiner Natur und seinem völkischen Schicksal nach zu einer Haltung des Patriotismus. Ihm war da« seltsame Geschick Geschieden, nicht auvs einem Lande horanszuwaoheon, sondern einem Laude zuzuwachson. Im Anbruch seines wirklichen historischem Geschehens stand das Herausgerufenworden ans einem Ursprungsland und die Verheißung eines Landen für sein Wachstum und für seine Leistung. Die Heimat, die er so erwarb, war in seinem Bewußtsein also nicht ein Boden schlechthin, aondorn ein aus göttlicher Entschließung ihm verheißener und amgelobtor Bezirk. Er hat ihn sich erworben durch Hingabe und Opfer. Er hat die belanglose Frage der Dauer der Beeiadung —> »eine Frage, die letzten Endes auf ein Rechenexempel hinausläuft — durch etwas viel Gewichtigeres überholt: er hat den Boden beseelt. Er hat ihm einen metaphysischen Geihalt gegeben; und so ist es möglich geworden, daß in der Ekstase eines Propheten sich der Aufschrei findet: „Ihr verunreinigt mein Land!“ Daß Menschen mit solchem Grundgefühl auch in anderer Umgebung eines entsprechenden Verhaltens fähig sind, ist mehr als Selbstverständlichkeit. Wir finden eine eklatante Bestätigung in einem prophetischen Wort jener bedeutsamen Zwischenperiode des babylonischen Exils: „Baut Häuser und siedelt, pflanzt Gärten und eßt ihre Frucht! Nehmt Weiber und zeugt Söhne und Töchter ... mehrt euch dort, mindern dürft ihr euch nimmer! Und fragt dem Frieden der Stadt mach, dahin ich euch verschleppen ließ, betet für sie zu MIR, denn in ihrem Frieden wird euer Friede sein.“ Dieses prophetische Wort ist in das Bewußtsein des Juden übergegangen, und er hat selbst da für das Land seines Aufenthaltes zu Gott gebetet, wo der Friede dieses Landes durchaus nicht sein Friede war. Und diosos Gebet war mehr als ein automatisch erledigter Teil des Gottesdienstes. Er war au Zeiten wohl der am stärksten mit Ressentiment beladene Teil einer Lithurgic; ein Ressentiment, das in den Kämpfen uni die Gleichberechtigung eine starke Überbetonung erfuhr. An sieh wäre ja nach der Vergangenheit, die die Staaten dem Juden für Jahrhunderte bereitet haben, ein minderer Enthusiasmus der patriotischen Zuneigung zu erwarten gewesen, und viele judengögnerischo Schriftsiellev haben dann ja j auch aus der uncingeBtandenen Regung eines schlechten Gewissens eine solche mindere Haltung unterstellt. Das ist an sich J verständlich, denn am eine andere Reaktion kann nur derjenige glauben, der eich in die inneren Voraussetzungen eines solchen Phänomens zu versetzen vermag. Der Jude war so lange in der Fremde und so lange in der Schwebe, bis er seine Isolierung wirklich als ein Problem empfand und bis er das, was er gewissermaßen in einen luftleeren Raum hinein betete, immer drängender zu realisieren wünschte. Die lange begehrte, aber stets verwehrte Teilnahme an einem „Vaterland“ machte seine Haltung zu dem, was von da an eigentlich die charakteristische Note seines Patriotismus ist: zu einer Werbung. Aus solcher werbenden Haltung heraue ist der Jude aiuch leicht bereit, sich zum Übermaß, zum Chauvinismus, zu bekennen. Er ist immer bereit gewesen — und ist es in gewissen Gruppen noch heute — dieser Haltung seinen ganzen wesenhaften Palästina hat jetzt nicht nur wirtschaftlich, sondern auch literarisch Hochkonjunktur, Besonders ln letzter Zeit kommen zahlreiche deutsch geschriebene Bücher auf den Markt. Zu den bemerkenswertesten Neuerscheinungen gehört zweifellos das Buch von Erich Gottgetreu „D as Land der S ö h n e“. Erich Gottgetreu ist den Lesern der „S t i m m e‘( durch eine Reihe von Artikeln bekannt. Sein Buch trägt den Untertitel: „P alästina nahegerilck t“. Dieser Untertitel ist keine Übertreibung, Liest man Gottgetreus Buch, dann erlebt man wirklich dieses einzigartige Land, das heute im Mittelpunkt des allgemeinen Interesses steht. Gottgetreu schildert in 33 Skizzen u. a. das Leben des Chaluz und des deutschen „Zwangszionisten“ und die Schönheiten Palästinas. Wir erleben mit ihm die hebräischen Theater aufführungen in den Kolonien, das Fest der Erstlinge in Haifa und Purim Bestand, das heißt: sein ganzes Judentum dem Inhalt nach zu opfern und eich nichts vorzubehalten als eine zu nichts verpflichtende äußere Form. Und in vielen Fällen wird selbst noch auf die Form verzichtet. Aber der Tatbestand des Patriotismus bleibt so oder so bestehen, nicht nur in der Idee und der Deklamation, sondern auch in dem mit Blut besiegelten Faktum. Wenn die Toten, die ein Volk in einem Lande begraben hat, ein Recht auf „Vaterland“ gewähren; nun, Friedhöfe haben wir durch die Jahrhunderte bin genug errichtet und genug errichten müssen. Wer als Jude nicht vergißt, daß das nicht nur Friedhöfe sind, sondern die Gräber seiner Ahnen und zu Hunderttausenden die Gräber von Märtyrern seines Volkes, der wird auch die Diskreditierung seines Patriotismus ohne innere Belastung tragen können. in Tel-Aviv, Wir besuchen die Jugend in ihren Schulen und tun einen tiefen Blick in die arabische Welt Palästinas. Das Bild des Landes steht plastisch vor uns. Was diese Skizzen so ungemein anziehend macht, ist ihre ungekünstelte Lebcnsfrfschc, die blendende, dabei ungekünstelte Sprache und ein fein pointierter, philosophisch angehauchter Humor, der oft an Theodor Herzls Feuilletons erinnert. Es ist kein Zweifel, daß mit Erich Gottgetreu eine starke schriftstellerische Begabung heranwächst. Nicht zuletzt ist es ein Vorteil Gottgetreus, daß bei ihm der Dichter nicht über die Realität stolpert. Gottgetreus ,,Lancl der Söhne“ ist eine ausgezeichnete schriftstellerische Arbeit und eine wirkliche Bereicherung des Wissens um Palästina, Der Verlag Lauyi hat das Buch sehr gefällig ausgestattet. Gottgetreu wird mit diesem Buch seinen Weg machen. Das Land dev Söhne Von Erich Gottgetreu (Verlag Richard Lauyi, Wien.)