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Die Stimme · 1934-11-09 · Heft 399 (9.11.1934) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
8 (1934-1935)
Issue
Heft 399 (9.11.1934)
Date
1934-11-09
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Ufa. 800 — 0. N<ymnljer 1034 DIB »TIMMI Salta 3 Dr. Jakob Rosenißal: Edmond de Rothschilds letzter Besuch in Palästina | Als Baron Edmond de Rothschild als fast achtzigjähriger Mann im Frühjahr 1925 zum fünftenmal Palästina besuchte,] wurde ihm von der jüdischen Bevölkerung ein triumphaler Empfang bereitet. Er war am 10. Mai mit seiner Jacht in dem kleinen palästinensischen Hafen Ta n t u r a h gelandet und begab sich noch am seihen Tage nach der jüdischen Kolonie Sichron J a a c o b. Jüdische und arabische Reiteri scharen aus den benachbarten Dörfern begleiteten ihn auf dem ganzen Weg, In Sichron Jaacob, wo sich zu seinem Empfang | alle Kolo nieten und die Vertreter der jüdischen Zentralorganisationen Palästinas in der Synagoge versammelt hatten, richtete Rothschild an die Jugend den Appell, in den Spuren der Väter zu wandeln, im Lande zu bleiben und die Landwirtschaft in allen ihren Zweigen zu entwickeln. Jüdische Re-) ligion und Tradition müßten im neuen Nationalheim den ersten Platz einnehmen. Am Nachmiittag desselben Tages traf Baron Rothschild in der bei Sichron Jaacob gelegenen Siedlung Meir Schefeja mit| dem damaligen High Commissioner Sir Herbert S a m ue 1, dem Präsidenten der Zionistischen Exekutive Nahum Sokolow und dem Direktor des Jüdischen Nationalfonds M. M. Ussischkin zusammen. I Noch sahen wir vor uns die kleine Ge Das Eintreffen Baron Rothschilds i n T e 1stalt, ein Bündel Akten vor sich, aus dem Aviv gestaltete sich zu einem Volksfest, er jeweils, ohne hineinzuschauen, sämtliche wie es die Stadt seit dem Besuch Lord Bai- Paragraphen und Absätze auswendig hätte fours nicht mehr erlebt hatte. Die Häuser zitieren können, noch sahen wir ihn den waren in ein Meer britischer und jüdischer historischen Kongreßhammer auf dem Po Flaggen getaucht. Zur offiziellen Begrüßung dium des Prager Smetanasaales schwingen in der Großen Synagoge wurde der Baron noch hörten wir ganz lebensnah seine weiche von einer Abordnung eingeholt, die ihm mit bald unendlich liebevolle und bald energie kien Thorarollen entgegengeschritten strotzende Stimme, die vom Pianissimo an war. Auf die Ansprache des Bürgermeisters größte Wucht entwickeln konnte, wenn es D i z e n g o f f hielt Baron Rothschild tief I sich um eine Feststellung einer objektiven Zur ersten Wiederkehr seines Todestages am 7. November bewegt eine Rede, in der er den ersten Pionieren dankte, die in fünfzig Jahren harter Arbeit eine Entwicklung vorbereitet hätten, wie er sie bei all seinem Optimismus und gerechten Sache gehandelt hat, als uns aus dem Pariser zionistischen Büro die Meldung von dem Tode dieses wahren Manhig-Hador erreichte. Wir sahen die nicht erwartet hatte. An diesem Fortschritt kleine Gestalt mit der typischen Aktentasche und der geradezu sprichwörtlich gewordenen Zigarre immer rastlos tätig von Sitzung zu Sitzung eilen und ahnten nicht, daß die Brust dieses Mannes sich schon oft in Attacken einer Angina pectoris zusammenge- Mit den Worten: G ö 111 krampft hatte. Den schwersten aller Konnationale H e im at!“ ' £resse hatte Motzkin in Prag zu Ende gehätten die britische Verwaltung und die weise Politik Sir Herbert Samuels einen großen Anteil. Die Juden Palästinas mögen die hohen jüdischen Ideale pflegen und alles tun, um mit den Arabern in Frieden zusammen zu leben, schütze die schloß der Baron seine Ansprache. Nach I f,uhrt- Wahrlich die stereotype Schlußder Begrüßiineszeretnonfe bereitete ihm die Ansprache Sokolows „Es war ein schwerer, ° , 1 , I o nov nm ennArtnn u Anrft*ftR^‘ IrAmifn nTflcmol Bevölkerung m den Straßen eine begeisterte Huldigung; auf dem Rothschild-Boulevard Kindern begrüßt. nach ihm wurde er benannten von 5000 aber ein schöner Kongreß“ konnte diesmal unser Leo Motzkin nicht bejahen, als ob er das nahe Ende geahnt hätte. „Ein gutes Pferd“ — sagte einmal Theo dor Herzl — „stirbt in den Sielen.“ Auch Motzkin ist sozusagen in den Sielen gestorben. Mitten in der Arbeit für Volk und Land, dem er sein Leben geopfert, ist er dahingerafft worden. Jäh und unerwartet. Vom Prager Smetanasaal eilte Motzkin zur Jüdischen Weltkonferenz nach Genf, um bald Adresse: Hanni Rosen, Wien, XIII., Lauten-11 darauf im „Palais des Nations“ seine für AlleinstMi! ältere Frau sucht ebensolche Dame als ituewohnerin |1 ihre schöne Villenwohnung mit Galten) Sackgasse 8, Telephon R 48-2-29 Sokolows Nachruf auf Baron Edmond de Rothschild Jerusalem, 6. November. (2. T. A.) Die Jewißh Agency veranstaltete am ’4. November in Jerusalem eine Trauerfeier für Baron Edmond de Rothschild, der d!ie Führer des alten und dos neuen Jieohuw in die deutschen Juden segensreiche Hilfsarbeit zu entfalten. Motzkin, der Anwalt für alles Jüdische, mußte, wenn auch schon sehr krank, gerade bei dieser Völkerbundsession anwesend sein. Vorher war er in einer anderen Schweizer Stadt gewesen, in Bern, beim Kongreß der nationalen Minderheiten. Motzkin hat dieses Instrument selbst mitgeschaffen, ja, man kann ihn als den Mitschöpfer der europäischen Minderheiten- Palästina beiwohnten. Präsident Sokolow bewegung überhaupt bezeichnen, gab ein Lebens- und Charakterbild des Denn mit der gleichen Hingabe, mit der großen Toten und teilte mit, die Jewish er sich für die Verankerung der jüdischen Agency halbe beschlossen, einen Feldzug Minoritätenrechte in den Verfassungen der unter der Judenheit in der ganzen Welt zur osteuropäischen Staaten als Führer der De- Schaffung eines neuen Kolon i-j legations Juives vor den B i g -1 e n der sationsgebietes in Palästina, das nach Baron Edmond benannt werden soll, einzuleiten. Das Hauptbureau des Jüdischen*’ Nationalfonds hat seine Pariser Friedenskonferenz einsetzte, trat er auch für die Anerkennung des Minoritätenprinzips für alle anderen nichtjüdisehen Minderheiten ein. Es war daher verständlich, daß Motzkin auch in allen Forderungen der jüdischen Fraktion nicht entsprochen hatte. Es gab keine internationale bedeutsame Tagung, bei der nicht Leo Motzkin als Anwalt jüdischer Interessen aufgetreten wäre. Er war der „außerordentliche Gesandte des jüdischen Volke s“. Und knapp vor seinem Tode, den Todeskeim bereits in sich, nahm Leo Motzkin an der Jüdischen Welthilfskonferenz in London teil, wo er in der ihm typischen Art für den Standpunkt der Zionisten kämpfte, überall dabei zu sein, wo es sich darum handelt, einem bedrängten und bedrohten Teil des Volkes tätige Hilfe zu bringen. Die ganz große Liebe Leo Motzkins galt jedoch der zionistischen Bewegung, der er vorbehaltlos mit jeder Faser seines großen und warmen Herzens gedient hat. In dieser Bewegung wuchs Leo Motzkin mit der gigantischen Arbeit, die er hier leistete, zu fast übermenschlicher Größe empor. Seine Bedeutung für die Bewegung kann auch heute, nach dem ersten Todesjahre, noch nicht genügend abgeschätzt werden. Die Zeit, in der wir leben, ist eine zu stürmische, als daß sie es zuließe, Werte in Ruhe und mit dem historischen Maßstab zu beurteilen und abzuschätzen, den sie verdienen. Motzkins Bedeutung und seine Rolle in der zionistischen Bewegung war eine exzeptionelle. Es ist wenig gesagt, wenn man feststellt, daß Leo Motzkin der ständige Präsident der Zionistenkongresse in der Nachkriegsperiode war. Seine vorbildliche Arbeit als Kongreßpräsident ist eine der schönsten Traditionen dieser Kongresse geworden. Er war, wie Sokolow treffend von ihm sagte, eine ganze Institution. Er übte dieses Amt mit einer unermüdlichen Hingabe, mit unendlich viel Takt und seltener Objektivität aus. Motzkin verstand es, wie kaum einer, die verzwicktesten Situationen eines aus aller Welt beschickten jüdischen Parlaments zu lösen und zu meistern. Mit Recht war er der Liebling aller Parteien, weil er ein ungeheures Maß an Objektivität und strengster Sachlichkeit in seiner Kongreßleitung an den Tag legte. Und noch eine Eigenschaft kam ihm bei diesem schweren Amt zu Hilfe: Sein unverwüstlicher Humor. Ein Bon-mot von Motzkin vermochte mit einem Schlag die größten Wellen und Wogen der Erregung zu glätten. Die von jugendlicher Begeisterung erfüllte Liebe zur Sache des Zionismus war es nicht zuletzt, die Motzkin für dieses Amt des Kongreßpräsidenten geradezu prädestinierte. Er war ein Musterbeispiel für einen Parlamentarier und gerade in dieser Eigenschaft wurde ihm auch von der nichtjiidischen Presse höchste Bewunderung gezollt. Er kannte die parlamentarischen Sitten und Usancen wie einer, der nicht in einem russischen Städtchen geboren, sondern wie jemand, dessen Ahnen jahrhundertelang im Londoner Parlament gesessen wären. E i n Kongreß ohne Motzkin schien ebenso unmöglich, wie Motzkin ohne einen Kongreß. PALESTI NE KUPAT-AM BANK COOPERATIVE SOC. LTD. Gegründet 1918 Stammkapital Pfund 50.000 Zentrale: Tel-Aviv;Filialen: Jerusalem, Haifa. Bankgeschäfte aller Art. Ausführung zu den günstigsten Bedingungen. Korrespondenten in allen Handelszentren der Well. Unsere Aktien trugen in den letzten Jahren 6% Dividende p. a. Wichtig für Touristen: Travellers Cheks sind in unseren Büros erhältlich. barkeit dieses alten Unerschütterlichkeit. Traumes mit seltener Mit Leo Motzkin war der jugendlichste Ve-* teran der zionistischen Bewegung dahingegangen. Er fiel im Kampfe für sein Volk, dem er alle seine Kräfte Zeit seines Lebens gewidmet hatte. Auch heute, ein Iahr nach seinem Tode, ein Jahr, in welchem die zionistische Bewegung dem Tod reichlichen Tribut zollen mußte, fällt es ungemein schwer, sich mit dem Gedanken von Motzkins Tode abzufinden und vertraut zu machen. So schwer, wie man eben etwas Teueres vermißt, das man jäh und unerwartet für immer verloren hat. Motzkin war ein Mensch, dem man nur mit größter Liebe begegnen konnte, weil, trotz seiner strengen Sachlichkeit, seiner rastlosen Arbeit doch etwas ganz Weiches in ihm war, Weiches und Kindliches, das seinen eigenen Charme ausmachte. Man kann diese Gestalt, man kann den Blick dieser kleinen, gütigen Kinderaugen nur schwer vergessen. Das kleine Pariser Büro in der vom Großstadttrubel des Etoile umbrandeten Rue de: la Grande Armöe, das Büro des „Comite des Dölegations Juives“ ist nach wie vor verwaist. In der zionistischen Bewegung ist die Lücke, die sein Tod gerissen, noch unausgefüllt. Die zionistische Bewegung wird arm an großen Persönlichkeiten. Ihre Führer, die sich für das Ideal mit einer heute selten gewordenen Selbstverleugnung aufopfern und aufreiben, sinken ins Grab. Leo Motzkin hat sich durch seine Arbeiten selbst das Denkmal gesetzt, aber er sank früh, viel zu früh nieder. Mit Leo Motzkin hat der Zionistenkongreß sein führendes Haupt verloren, die ganze Bewegung ihren Mentor, die jüngere Generation einen vorbildlichen Lehrer. Alle unterdrückten Minderheiten verloren in ihm einen warmen Anwalt ihrer Rechte. Am 7. November 1933 ist das jüdische Volk um einen großen Menschen und um einen großen Sohn ärmer geworden. Bureaus ip allon Ländern aufgefordert, Kreisen der europäischen Minderheitenbeweü'borall eine Aktion zur Eintragung des Nagung eine vielgeachteto Persönlichkeit war. mens Baron Edmonds in das Goldene Er war ständig Mitglied der Völkerbundliga Buch des Jüdischen Nationalfonds einzu- und Vizepräsident der Nationalitätenkonleiteri. grosse. Bern aber hat Motzkin eine tiefe Aus Palästina sind Hunderte von Trauer- Enttäuschung gebraucht. Und hier zeigte kuTKlgebungen nach Paris gesendet worden, sich wieder Motzkin als der, der er seit fünf In diesen Kundgebungen wird dem tiefen Jahrzehnten immer war: als der Anwalt, der Schmerz der palästinensischen Judenheit über die letzten Kräfte anzuspannen vermag den Hingang ihres großen Protektors Aus-1 wenn es sich um Verteidigung von gebeugdruck gegeben. Alle für diese Woche angesagten öffentlichen Versammlungen und Darbietungen sind zum Zeichen der Trauer abgesagt worden« tem Recht handelt. In männlicher Haltung hatte Motzkin die Wiederwahl zum Vizepräsidenten in diese Körperschaft entschieden nbgelehnt, nachdem der Kongreß den Von Leo Motzkin ging eine besondere Anziehungskraft auf alle aus, die ihm auch nur einmal begegneten. Diese Wirkung lag in der Persönlichkeit dieses Mannes, in seiner unglaublichen, ewig neuen Jugendlichkeit, Frische und Begeisterungsfähigkeit. Leo Motzkin wirkte durch die Kraft der Überzeugung. Diesem Menschen mit. der kleinen Gestalt und den weise und schelmisch zugleich dreinschauenden Augen, diesem Motzkin kamen absolut keine besonderen äußeren Mittel zu Hilfe. Und doch wirkten dieselben Worte, die von anderen gehört, keinen Eindruck hervorriefen, aus seinem Munde immer wie Offenbarungen. Und hier liegt das Schwergewicht. Motzkin war einer der letzten, die den Zionismus über alle. Tagespolitik hinaus, hoch über allen Parteien und Gruppen stehend, noch immer als Offenbarung erlebten. Die Idee der jüdischen Renaissance war ihm bis zu seinem Tode genau so eine Quelle stärkster Begeisterung, wie sie es ihm in den ersten Anfängen war. Die Idee war ihm das Höchste und er glaubte an ihre immanente Macht* an die Realisiet- Das Begräbnis Baron Edmond de Rothschilds Paris, 7. November. (2. T. A.) Obwohl der Plan, für Edmond de Rothschild ein offizielles Nationalbegräbnis durchzuführen, von seiner Familie, die ausschließlich eine stille Totenfeier wünschte, abgelehnt worden war, hatten sich zu der Beisetzung, die am 5. November auf dem Pariser Friedhof Pere Laohaise stattfand, über 10.000 Menschen eingefunden. Unter den Anwesenden befanden sich Vertreter der französischen Regierung und der französischen Akademie, ferner zahlreiche Senatoren, Deputierte und führende Persönlichkeiten der Finanzwelt. Von der Entsendung besonderer Delegationen seitens der verschiedenen Verbände war auf Wunsch der Angehörigen des Verstorbenen, ebenso wie von Blumenspenden abgesehen worden. Die Beisetzungsfeier ging im den denkbar einfachsten Formen vor sich. Außer den Gedenkworten des Pariser Oberrabbiners Julian Welll wurden keinerlei Ansprachen gehalten. Die Exekutive der Jewish Agency war durch ihr Mitglied David Ben Gurion vertreten. Der jüngere Sohn des Verstorbenen, Baron Maurice de Rothschild, hat dem Seine- Präfekten Villey einen Scheck in Höhe von 200.000 Francs zugehen lassen, ein Betrag, der für die Fürsorgeeinrichtungen und Wohltätigkeitsanstalten des Departements bestimmt ist. Das Testament des Verstorbenen wurde noch nicht eröffnet«

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