Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 398 (6.11.1934)
- Date
- 1934-11-06
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 DIE STIMME Nr. 398 — 6. November 1931 Rooseveit für Wiederwahl Lehmanns Washington, 4. November. (2. T. A.) Präsident Roosevelt erklärte, daß er für die Wiederwahl Herbert Lehmanns, der vier Jahre lang als stellvertretender Gouverneur und später als Gouverneur des Staates New York außerordentliche Fähigkeiten bewies, gute Arbeit geleistet und Verständnis für die Aufgaben und Sorgen des Staates bewiesen hat, stimmen werde. Die Äußerung Roosevelts hat Sensation hervorgerufen. Es ist daa erstemal, daß Roosevelt sich mit seiner ganzen Geltung für einen Kandidaten seiner Partei eingesetzt hat. Die Äußerung zeigt, wie sehr ihm daran gelegen ist, die verwalterische Begabung Lehmanns dem Staat zu erhalten. Herbert Lehmann wurde 1878 in New York als Kind eingewanderter deutschjüdischer Eltern geboren. Im Weltkrieg war er Oberst im Generalstab imd leitendes Mitglied der Zentraleinkaufsstelle der amerikanischen Armee. Er ist Direktor großer Industrieunternehmliigen und spielt in jüdischen philanthropischen Gesellschaften, vor allem im Joint Distribution Committee, aber auch in der Aufbringung von Fonds für den Aufbau des jüdischen Palästina, eine große Rolle. 1928 wurde er zum Vizegouverneur, 4932 zum Gouverneur dee Staates New York gewählt. Unterhausdebatte über die jüdischen Flüchtlinge London, 4. November. (2. T. A.) Im Unterhaus erklärte Major Nathan unter anderem: Es ist mir Bedürfnis, dem Innenministerium für die Art, in der es die unglücklichen Flüchtlinge aus Deutschland, meine Glaubensgenossen, aufgenommen hat, zu danken. Ich und eine Anzahl Mitglieder der jüdischen Gemeinschaft Englands haben die Verpflichtung übernommen, daß kein deutscher Jude in England der öffentlichen Kasse zur Last fällt. In einem nicht unbeträchtlichen Maße haben deutsche Flüchtlinge englischen Menschen Arbeit verschafft. Eine neugegründete Spielzeugfabrik beschäftigt rund 200 englische Arbeiter. Zum Schluß fragte Major Nathan, wie es kommt, daß einem weltberühmten Arzt, einer führenden europäischen Autorität, in seinem Spezialgebiet vom Innenministerium die Erlaubnis verweigert wurde, in England seinen Beruf auszuüben. Die Bestimmungen der Bill hinsichtlich der Ausweisung von Fremden, die der öffentlichen Wohlfahrt zur Last fallen, bedürfen durchaus einer Verbesserung. Der Unterstaatssekretär im Innenministerium, Captain Crookshank, erwiderte, die weitere Geltung der Fremdenverfügungen sei notwendig; es gehe nicht um die politischen oder religiösen Ansichten der Flüchtlinge, sondern darum, ob irgend ein Flüchtling der inneren Verwaltung Ungelegenheiten macht. Die Bill wurde in dritter Lesung angenommen. Düsterer Bericht MacDonalds London, 4. November (2. T. A.) Am 1. November wurde in London die dritte Tagung des vom Völkerbund eingesetzten Venvaltungsrateß des Internationalen Hilfswerkes für die deutschen Flüchtlinge eröffnet, Der Hochkommissar für die deutschen Flüchtlinge James G. Mac-Donald erstattete einen ausführlichen Bericht, in dem er betonte, daß die bisher gelungene Seßhaftmachung von etwa 27,000 Flüchtlingen nur dank der großen Mittel möglich geworden ist, die von jüdischen Privatorganiisationen zur Verfügung gestellt worden * sind. MacDonald sagte weiter: „Zum ersten Male sind viele deutsch-jüdische Flüchtlinge in schreckliche Not und Armut geraten, daß Elend nimmt ständig zu. Ihre Geldmittel sind erschöpft weitere Sendung von Geld aus Deutschland ißt verboten. Angesichts des herannahenden Wintere geetaltet sich die Situation für diese Flüchtlinge sehr tragisch. Die Arbeit dee Hochkommissariatß ißt in Folge der auf der ganzen Linie negativen Haltung der deutschen Regierung und infolge dor unzureichenden Fonds außerordentlich erschwert und kann niemanden befriedigen. Während die jüdischen Organisationen in ihrer Opferwilligkeit biß zur Grenze des Möglichen gingen, zeigten die Regierungen keinerlei Freigebigkeit. Aus den christlichen Kreisen sind trotz wiederholter Appelle an sie nie wesentliche Gelder geflossen. In gewi&sen Zentren, besonders in Paris und in Prag, ist die Not verzweifelt; der Dae Märchen vom jüdischen Reichtum ist längst als solches erkannt worden; der vielgerühmte jüdische Reichtum ist nicht« anderes als ein Phantasieprodukt unserer Gegner. Die Fürsorgezentrale der Wiener Kultusgemeinde bietet ein geradezu erschütterndes Bild vom Elend, von der Not und dem Jammer des jüdischen Wien, Gewiß, wir leben in einer Zeit erbittertsten und härte-* sten Daseinskampfes alleT gegen alle, in einer Zeit, in der es schwer fällt, eich von Einzelßohleksalen rühren zu lassen. Elend und Not, Selbstmord und Hunger, Vernichtung des Individuums wie ganzer Schichten und Klassen, ein Hinuntergeschleudertwerden in den Abgrund des Nichts — all dae ist heute mehr denn je kollektives Schicksal, daß vor keiner Rasse und keiner Nationalität haltmacht. Und doch liegt in der Erscheinung des armen, kranken Juden etwas besonders Trauriges. „Ein alter, armer Jude“, sagte mit Recht Heinrich Heine, „ist dreifach elend.“ Der Zentralkataster der Fürsorgenzentrale der Wiener Kultusgemeinde mit seinen 12.000 Akten von insgesamt 55.000 Personen, da auf einen Petenten oft 4 bis 6 Personen fallen, ißt daß schweigende, abeT um so beredtere Sammelsurium jüdischen Elend« und Leides in dieser Stadt. Dabei muß man bedenken, daß in dieser vorerwähnten Ziffer nicht alle jene Fälle berücksichtigt sind, bei denen es eich nicht bloß um vorübergehende Maßnahmen gehandelt hat und auch nicht die Angelegenheiten der WanderfüreoTge, die besonders geführt werden. * Ein geradezu troetloees Bild über die wirtschaftliche Verelendung entrollte die vor einigen Tagen im Präsidium des Wiener KultuBvorstandeß stattgefundene Pressekonferenz, in der Präsident Staatsrat Dr. Desider Fried mann und die Vizepräsidenten Dr. Josef Löwenherz und Dr. Robert T i c h o vor Vertretern der Tagespreese sowie der jildißchen Presse über die von der Knltusgemeinde eingeleitete - jüdische Winterhilfsaktion sprachen. Die Notwendigkeit einer spezifischen jüdischen Winterhilfsakt i o n ist mit der Existenz einer e p ezifisch jüdischen Not in Wien begründet. Schon im vorigen Jahre kam die staatliche Winterhilfsaktion sowie eine der Gemeinde vorwiegend den ausgesteuerten Arbeitslosen zugute. Da aber unter den Juden zu einem großen Teil Angehörige der freien Berufe sind, die niemals im Bezug der städtischen Arbeitslosenunterstützung standen, wurden sie im Prinzip trotz ihres großen Elends aus dieser WinteThilfsaktion ausgesohledon. Es ißt die Kultusgemeinde, die seit vielen Jahren eine besondere Winternotstandsaktion durchführt. Im Jahre 1931/32 wurden aus freiwilligen Spenden der Gemelndieinitglieder 15Q.Q0Q S gesammelt. Das Jahr 1932/83 ergab bloß 100.000 S. Etwa 05,000 Mahlzeiten wurden verabreicht, 265.0QO kg Kohle verteilt uaw. Die eo-ziale Fürsorgearbeit der Wiener Kultusgemeinde ist eine immense. Es ist ein Zeichen der Zeit, daß die größte Post im Jahresbudget der Wiener Kultusgemeinde, das zum Beispiel im Jahre 1932 0,806.905 8 und Im Jahre 1933 über 7,000.000 S betrug, jene für Fürsorgezwecke einnimmt, und mehr als ein Drittel des gesamten Budgets, das ist über 2,500.000 S, uuemaebt. Dabei erhält die Wiener Kultusgemeinde zu diesen ihren Leistungen von keiner öffentlichen Körperßchaft irgend welche Zuschüsse, Um diesen gesteigerten Erfordernissen gerecht werden zu können, mußten umfassende Sparmaßnahmen durch Drosselung de« Sachauf wände« und Minderung der personellen Laßton durehgeführt, ferner ein 20prozentigor Zuschlag zur Kultus« teuer eingehoben worden, Insbesondere das laufende Jahr mit seinon schweren Krisenerscheinungen hat die Sorge Bedarf an Unterstützungen von heute auf morgen ist dort besondere groß. Die Gelder für Ausbildung und Bcrufsuinschichtung reichen nicht hin, und die größeren Fonds, die zur Durchführung der Beförderung und Anßiedlung in neuen Ländern notwendig sind, sind nicht nur noch nicht verfügbar, es bestehen Zweifel, ob sie überhaupt je verfügbar sein werden. mit sich gebracht, die Füreorgeinetltutionen nicht nur aufrecht zu erhalten, eondern weiter a u s z u b a u e n. Das Fürsorgenetz der Jüdischen Gemeinde Wohl ist nach dem Gesetz die Wiener Judengemein.de bloß als „Israelitische Kultusgeuieinde“ anerkannt, allein nach den Leistungen, insbesondere auf sozialem Gebiet, hat die Wiener Israelitische Knltusgemeinde länget den Rahmen der bloßen Religionßgemeinßchaft gesprengt. Sie fet zu einer F ii rsorgegemeinßchaft geworden im vollsten Sinne dee Wortes. Es bedarf riesiger Mittel, um die jüdische Not des Tages einigermaßen zu lindern. . Das Fürsorgebudget der Wiener Judengemeinde wird durch die rasche und offene Hilfe, durch die zahlreichen Subventionen und Zuweisungen für geschlossene Fünsorge in Anspruch genommen, Ein ganzer Kranz von Anstalten wird von diesem Fürsorgebudget erhalten. Das Spital mit ßeinen 235 Betten und den jährlichen Kosten von 914.000 S und die als Musterinst-itution bekannte Versorgung«- und Siechenanstalt, ferner daß Blindeninstitut Hohe Warte und die Wanderfürsorge, die Kinderheime und Waisenhäuser für Mädchen und Knaben, Lehrlingeimd Erziehungsheime, Kindergärten und Kinderbewahranstalten, Ambulatorien für Kinder in Verbindung mit Tagesheimstätten — eine im 20. Bezirk und eine im Augarten —, in diesem letzteren sind mehrere hundert tuberkulöse Kinder mit ausgezeichnetem Erfolg üntergebracht gewesen, und die Summe von 2% Millionen Schilling erscheint nicht mehr so hoch. Sie erscheint aber auch sofort begreiflich, wenn man sich die Tatsache vor Augen hält, daß 55.000 Juden, also genau ein Viertel der gesamten jüdischen Bevölkerung, durch die Verschlechterung ihrer wirtschaftlichen Lage auf direkte oder indirekte U.n t e rstützung der Jüdischen Gemeinde angewiesen ist. Eine besonders tragische Erscheinung bilden jene leider eehr zahlreichen jüdischen Familien, die früher die Institutionen und Wohlfahrtßeinriohtungen der Kultusgemeinde unterstützt haben und heute infolge jahrelanger Erwerbslosigkeit ine tiefste Elend geraten sind. Zu der Not der einheimischen jüdischen Bevölkerung gesellte sich in den letzten anderthalb Jahren die Not der aus Deutschland nach Wien emigrierten Juden, deren Situation eine verzweifelte war. Unter der Ägide der Wiener Kultusgemeinde hat das Hilfskomitee für deutsche Juden bis zum Zeitpunkt der Beendigung seiner Arbeit im Sommer dieses Jahres insgesamt 300.000 S aufgebracht. Uber Beschluß der Welthilfskonferenz in London wurden bekanntlich die Landeshilfskomitees für deutsche Juden aufgelöst. Trotzdem hielt das Hilfskomitee noch einige Monate lang seine Tätigkeit aufrecht. Seither sind die deutschen Emigranten, die noch hier verblieben eind, in das Fürsorgenefcz der Kultusgemeinde eingcgliedert. Im Zuge der zahlreichen sozialpolitischen Neuerungen hat die Wiener Kultusgemeinde in ihrer Fürsorgearbeit sich nicht ausschließlich auf momentane Hilfeleistung beschränken dürfen, sondern ein großes Nütz produktiver Fürsorge ausgestaltet. Hier sind vor allem die neu geschaffene Einrichtung der Gern iluth-Ghese.d- Käse e, die Darlehenskasse zur Gewährung kleiner, un verzinslicher Darlehen an jüdische Handwerker und Kleingewerbetreibende, ferner der reaktivierte Jüdische Arbeitsnachweis hervorzuheben. Lokler weisen die bisherigen Gobarungsergebnisso der Knltusgemeinde einen starken Rückgang an Einnahmen gegenüber der wesentlichen Steigerung der Ausgaben auf, so daß die bisherige Aufrochterhaltung des Gleichgewichtes im Gemeinclehaushalt nicht Erschütternde wirtschaftliche Lage der Wiener Juden nur in Frage gestellt ist, sondern ein b edeUtendes Defizit mit katastrophalen Auswirkungen gerade im Fürsorgewesen droht. Um diese Gefahren zu bannen, tritt der Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde Wien nunmehr an alle Gemeindemitglieder heran, um dieselben zur freiwilligen Leistung eines 20prozentigen Zuschlages zur Kultuasteuer zu bestimmen. Die zu gewärfcigenden Eingänge sollen ausschließlich zur Bedeckung des P’ ehlbetrages im Fürsorge wesen und filr die bevorstehende Winterhilfsaktion der Kultusgemeinde Verwendung finden. Es ist zu wünschen und zu hoffen, daß der bei allen karitativen Bestrebungen bewährte Opfersinn der jüdischen Bevölkerung sich auch in der engeren Gemeinschaft in solcher Weise aiiswirken wird, die der Kultusgemeinde die Erfüllung ihrer schweren Gegenwartsausga.ben ermöglicht. Der Referent Vizepräsident Dr. Löwenherz Bchloß seine Ausführungen mit einem Appell an die Wiener Presse, diese Notstandsaktionen für die Wiener jüdische Bevölkerung, die stets bei allen allgemeinen Hilfsaktionen in der vordersteh Reihe mitwirkte, nach Kräften zu unterstützen, im Bewußtsein, an einem großen, humanen Werk mitzuwirken. WIR BERATEN SIE IN ALLEN ANGELEGENHEITEN F0R PALÄSTINA DURCH UNSER BORO IN WIEN UND HAiFA AUSKUNFT UNTER „ARCHITEKTU R-B □ R O" Der Herzenswunsch Im „Sturm über Österreich“ vom 4. November schreibt ein „G a s t p r o f. D o z. Dr. E. N., derzeit Wien“: „Für unser Österreich ergibt sich die eine Schlußfolgerung: Hinaus mit allen antichristliehen Hochschullehrern, Horausgabe sämtlicher im Besitze von Freimaurern, Juden, Liberalen und Republikanern, Marxisten und Demokraten, Nationalsozialisten und „Efchikern“ befindlicher Lehrkanzeln an die christlichdeutsche Jugend und endgültige Besetzung der Hochsohiiilreferenten im Unterrichtemmisteriura durch erprobte, kampfgestählfce Katholiken.“ In Wien 20 Prozent der Hitteb schiiler Juden Der Staatssekretär für Unterricht, Doktor Perntner, führte in einem Vortrag über das österreichische Schulwesen u. a. folgende Ziffern an: An den österreichischen Gymnasien gab es im letzten Jahre 16.708, an den Realgymnasien 35.758 und an den Realschulen 12.311 Schüler, was insgesamt zirka 66.0Q0 Mittelschüler ergibt, davon rund 22.000 Mädchen. Von den Mittelschülern waren 77 Prozent römisch-katholisch, 10 Prozent evangelisch, 11 Prozent israelitisch und 2 Prozent konfessionslos. In Wien gab es im letzten Schuljahr 20 Prozent jüdische Mittel- « schüler und 3 Prozent Konfessionslose. Die Lage in Danzig Danzig, 2. November. (Z. T. A.) Zwischen Vertretern der jüdischen Gemeinde Danzig und dem Vizepräsidenten des Senats, Greiser, hat eine Besprechung Uber die Lage der Juden in Danzig stattgefunden, in der die jüdischen Vertreter auf die bekannten Zustände in den jüdischen Wohn- und Geschäftsvierteln in Danzig hinwiesen. Die Besprechung ist völlig ergebnislos verlaufen. In den Straßen von Danzig verstärkt sich der antisemitische Eindruck von Tag zu Tag, die Liedor „II ä n g t die Juden“ und „Wenn das Judonblut vom Messer fiioßt“ werden ununterbrochen von uniformierten Nationalsozialisten bei ihren Umzügen durch die Straßen gesungen, ohne daß von irgend einer Seite hiergegen oingeschritten wird. Es ist bezeichnend, daß auf eine Intervention der jüdischen Gemeinde hin von kompetenter Seite erklärt wurde, daß es in Danzig gar nie ht so viel Polizei gebe, um das Si-ngon dieser Lieder, die den Danziger Nationalsozialisten borelta ans Hora gewachsen seien, zu verhindern. Die Stimmung uwtar der jüdischen Bevillka* rumg ist daher außerordentlich erregt.