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Die Stimme · 1934-11-02 · Heft 397 (2.11.1934) · page 5

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Journal
Die Stimme
Volume
8 (1934-1935)
Issue
Heft 397 (2.11.1934)
Date
1934-11-02
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 897 — 2. November 1934 DIB STIMM! Sötte 5 Die größte Fälschung des Jahrhunderts entlarvt: Wie die „Protokolle der Weisen von Zion" entstanden sind (VonunseremSpezialkorrespondenten.) Bern, 30. Oktober. Also das ist der große „Judenprozeß“. Vor diesem Forum und gegenüber diesen Angeklagten auf Grund einer Bestimmung des Kantons Bern, sozusagen auf Umwegen, soll etwas gerichtlich geklärt werden, was jedem Menschen mit gesundem Verstand längst klar sein muß: daß die berüchtigten „Protokolle der Weisen von Zion“ ein Machwerk schlimmster Art sind. Aufrichtig gesagt, man schämt sich ein bißchen, daß ein derartiger Nachweis notwendig Ist, und daß ein Aufgebot von Zeugen durehgeführt werden mußte, um eine Fälschung zu prüfen, die nicht nur juristisch unter dem Berner Paragraphen über Schundliteratur fällt, sondern wirklich ein Schund ist. Man schämt sich, ist aber anderseits im Jahre des Unheils 1934 als Jude so bescheiden geworden, daß man Gott dankt, weil es doch möglich ist, vor einer Gerichtsstelle eines europäischen Kulturstaates über diese Dinge zu sprechen, frei zu sagen, daß Fälscher, Fälscher, Betrüger Betrüger und Lumpen Lumpen sind. Man empfindet Genugtuung, darüber, daß Gelegenheit geboten ist, eine Lüge durch vereidigte Zeugen zu entlarven. Man freut sich, daß man wieder einmal „gesiegt“ hat. Und da steigen Erinnerungen auf: Man siegte in Damaskus, man siegte im Dreyfus-Prozeß, man siegte im Bei- 1 i s - P r o z e ß, man gewann den Steiger- Prozeß in Lemberg, man erkämpfte den Freispruch von Schalem Schwarzbach, dem Attentäter gegen Petljura in Paris, man entlarvt die Fälschung der Protokolle der Weisen von Zion. Wir „siegen Im Golus ununterbrochen, wir siegen uns zu Tode, denn nach jedem Sieg gibt es leider bald wieder Gelegenheit in einem neuen „J u d e n p r o z e ß“ gegen eine neue Lutn perei und gegen eine neue Verleumdung zu kämpfen. Sie Üben nachträglich das, was man im Griechischen die „Seisachtheia“, die Entsühnung nannte. Dadurch ehren sich diese Männer selbst, und es sei ihnen Dank gesagt im Namen der Wahrheit und des Rechtes. Manche Augenblicke der Prozeßverhandlung sind besonders einprägsam. Für einen Juden, der wie Schreiber dieser Zeilen, in dem letzten Jahrzehnt überall dabei war, wo große jüdische Dinge verhandelt wurden, wird insbesondere nachstehend geschilderte „Momentaufnahme“ ohne Photographenappa. rat unvergessen bleiben: Als erster Zeuge wurde Chaim W e i zmann, der sich unterwegs nach Palästina befand und sofort nach dem Verhör seine Reise fortsetzte, einvernommen. Unter den erschienenen Angeschuldigten befand sich auch der Führer der „Schweizerischen nationalsozialistischen Eidgenossen“, Theodor F i s c h e r, ein Mann mit einem Stiernacken, mit stechenden Schweinsaugen, einem kleinen Schädel auf mächtigem Rumpf, mit schnarrend-forscher Stimme, hakenkreuzgeschmückt, Inkarnation engstirniger, brutaler Gewalt. Dieser Führer stellte nun, was sein prozessuales Recht ist, an Weizrnann einige unsinnige Fragen. Hiebei standen sich beide Männer Aug in Aug gegenüber, und der Zuhörer sah beide Profile. Es kann keinen größeren Gegensatz geben als das brutale Gesicht des Naziführers Fischers, verglichen mit dem feinen Kopf des geistvollen jüdischen Politikers Chaim Weizrnann. Gewalt gegen Geist! Und die Tragik will es, daß sich der Geist -gegen die Roheiten dei brutalen Gewalt verteidigen muß. In zwei Typen konzentriert, übt dieses Zeitphänomen erschütternden Eindruck. ... Auf lange Sicht wird der Geist siegen, aber wann? Das ist die Frage und sie erzeugt eine Stimmung von Schwermut und verstärkt die Scham, die man angesichts dieses ganzen Prozesses empfindet s 20®'?.!£§iäisi§ riexfl. Bericht Ober den Prozeß Das Gericht in Bern besteht aus einem Richter, der sonst in kleinen Polizeisachen kantonales Recht spricht. Denn jeder Kanton in der Schweiz hat sein eigenes Polizeirecht und seine eigene Strafprozeßordnung. Der Richter, die Experten, die vielen ausländischen und inlänisehen Journalisten haben sich redlich Mühe gegeben, in die Materie einzudringen. Aber auch beim besten Willen ist man nicht imstande, in kurzer Zeit ein perfekter Kenner der verschiedenen Probleme des jüdischen Lebens zu werden. Dazu kommt, daß man sich in diesem Prozeß auch mit den verwickelten Zuständen des zaristischen Rußland, mit seiner Ochrana, seinen Intrigen, seinen Höflingen, seinen Klöstern usw. beschäftigen muß. Wir Juden sind wegen der Zerstreuung unseres Volkes gewöhnt, in Kontinenten zu denken und uns in den verschiedensten politischen Systemen der einzelnen Länder zurechtzufinden. Aber die Schweizer! Und besonders die „langsamen“, bedächtigen Bernerl Bis die eine Sache kapiert haben, dauert es ein Weilchen. Dafür aber haben sie dann eine gefestigte, nicht zu erschütternde Meinung. Vorläufig aber sind die Schweizer Prozeßbeteiligten im Zuge, sich zurechtzufinden, und sie befinden sich auf einem guten Weg dazu. Mit einer staunenswerten Geduld und Gründlichkeit wird die Materie angepackt. Den stärksten Eindruck im Prozeß machen die erschienenen nichtjüdischen russischen Zeugen. Neben dem ehemaligen Außenminister der Kerenski-Regierung, Miljuhow, der weltberühmte Azew-Entlarver Burz e w, neben dem Schriftsteller1 S w a t i k a r der Historiker Nikolajewski und schließlich jener eigenartige Sprößling einefranzösischen. Grafengeschlechtes, der griechisch-orthodox wurde und mit N i l u s, dem russischen Veröffentlicher der Protokolle, in einem Kloster ein Mönchsdasein führte. Diese Russen und dieser Franko-Russe hal ten es für ihre Pflicht, die Ehre des durch die „Protokolle“ und deren Wirkungen geschändeten russischen Volkes r inzuwaschen. Das bastbckannl« Restaurant Hotel ,,'tefanie“ II., TaborstraQe 12, Tel. R 16-5-57 em'ifiehl* «eine rel<-hli&ltl»e Spe'eerv'uswthi Menü vom 8 1 60 an. Speisen am Rost, täglieb Meohe Fische, erstklassige Bedienung, Bern, 30. Oktober. (2. T. A.) Unter großem Andrang des Publikums und der Presse wurde am 29. Oktober vormittags im Assisen-Saal zu Bern die Verhandlung über die Strafklage des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes und der Israelitischen Kultusgemeinde Bern gegen die Gauleitung des Bundes nationalsozialistischer Eidgenossen und weitere Angeschuidiigte wegen Verbreitung der aus Deutschland eingeführten, viele Hunderte Exemplare der „Protokolle der Weisen von Zion“ aufgenommen. Das Gericht beschloß, die Experten Prof. Baumgarten und C. A. L o o e 1 i am Mittwoch, den 81. Oktober, zu vernehmen und ihre bereits eingereichten Expertisen an dem gleichen Tage zur Veröffentlichung freizugeben. Am Montag begann das Gericht mit der Vernehmung der von der Klägerschaft geführten Zeugen. Transporte alter Arl Übersiedlungen nach Palästina und dem gesamten In- und Ausland erledigt fachgemäß u. kulant Gottlieb Kantor, Wien, I.Bez., Helferstorferstraße Nr. 4 Telephon Nr. U 27-5-35 Serie Ale erster wurde Prof. Dr. Chaim Welzmann, früher Präsident der Zionistischen Weltorganisation und der Jewish Agency, vernommen. . Seine Bekundungen machten tiefen Eindruck auf die Zuhörerschaft. Weizmamn schilderte die Lage und die Stimmung der Weltjudenheit in der Epoche vor dem I. Zionistenkongreß 1897 und die Umstände, die Herzl und die anderen zionistischen Führer veranlaßten, den Kongreß nach Basel einzubemfen. Wie weit entfernt waren diie Gedanken uaid Interessen der Juden der damaligen Zeit von irrsinnigen Plänen, wie sie in dom Machwerk „Protokolle der Weisen von Zion“ entwickelt werden! Weizrnann gab einen kurzen Abriß der auf dem Zionistenkongreß in Basel 1897 diskutierten Fragen und angenommenein Beschlüsse und erklärte, daß ein Plan zur Erringung der Weltherrschaft durch die I Juden in keiner wie immer geartet e n Weise zur Sprache kam. Niemals je hat es eino internationale Judenorgauisation mit machthaberischen Plänen gegeben. Nichts sei lächerlicher, als den vornehmen Denker Achad Haam, den er, Weidmann, persönlich gut gekannt hat, mit der Autorschaft der „Protokolle“ in Zusammenhang zu. bringen, wie dies in der Einleitung zu den „Protokollen“ geschieht. Weizrnann erklärte weiters, er kenne sehr gut das Verhandlungsprotokoll von 1897, das von jedem in der schweizerischen Landesbibliothek eingesehen werden könne. Weizrnann schloß, es sei eine grausame Ironie, die Juden als die Urheber des russischen Bolschewismus zu bezeichnen, wo doch die Juden im heutigen Rußland zu den deklassierten Volksschichten gehören. Der zweite Zeuge, Comte du Chayla, der früher in der russischen Armee kämpfte, machte 1909 die Bekanntschaft des „Professors“ N i 1 u s, der als der russische Herausgeber der „Protokolle“ fungierte. Der Zeuge hatte Einsicht in die „Protokolle“ genommen, bevor sie gedruckt waren. Nilus hatte seinerseits das angebliche französische Original auf indirektem Wege vom Chef der russicheu Ochrana (zaristische Geheimpolizei zur Verfolgung der Revolutionäre), General Raschovsky, erhalten, der erklärte, das Manuskript von Paris nach Rußland gebracht zu haben. Der Zeuge hatte den Eindruck, daß Nilius oft selbst Zweifel an der Eohteit der „Protokolle“ hatte. Zweck der Verbreitung der „Protokolle“ war, Nikolaus II. zu einer antijüdischen und reaktionären Politik zu bewegen. Als dritter Zeuge erscheint der in Paris lebende russische Schriftsteller und Historiker Sergius Svatikow. Der Zeuge las die „Protokolle“ im Jahre 1905 in der russichen Ausgabe des Sergius Nilus. 1917 hatto er als Mitglied der provisorischen Regierung den Auftrag, die Ochrana zu liquidieren. Da erfuhr er weitere Details über die „Protokolle“ von einem Kenner der russischen Geheimpolizei namens Heinrich Bind, der früher unter ßeneral Raschovsky arbeitete. Bind bekam von Raschovsky verschiedene Befehl«, falsche Dokumente herzustellen, insbesondere gefälschte Texte revolutionärer Schriften. Bind wußte es bestimmt, daß Raschovsky auch die „Geheimnisse der Weisen von Zion“ vorbereitet hatte. Die „Protokolle“ verfolgten .antisemitische Zwecke. Der Urheber ist nach der Aussage Heinrich Binds ein gewisser Golowinsky, ein enger Mitarbeiter Raschovskys. Von Beruf Journalist, arbeitete Golowinsky viel in der Nationalbibliothek, wo er auch die antinapoleonische Schrift des arischen französischen Arztes J o 1 y „Dialogue aux enfers entre Machiavelli et Montesquieu“ vorfand und sie bei der Herstellung der „Protokolle“ als Rahmen benutzte. Golowinsky hat die gegen Napoleon gemünzten satirischen Übertreibungen Jolys (Joly mokierte sich über die Weltherrschaftspläne Napoleons III.) in ernsthafte Pläne der Juden umgefälscht. Die „Protokolle“ wurden in der russischen Ausgabe des Nilus in großer Auflage verbreitet, Zweck dieser Aktion war, die Schuld an den Oktober unruhen und am Bürgerkrieg den Juden zuzuschreiben. Der Zeuge Svatikow erklärte, er habe früher der menschewistisehen Fraktion angehört, jetzt sei er republikanischer Demokrat. Der vierte Zeuge, Wladimir Burzew, einer der besten Kenner der russischen revolutionären Bewegung, erhielt vor dreißig Jahren Kenntnis von den „Protokollen“, er hielt sie sofort für eine Fälschung. Raschovsky selbst, sagte Burzew, kannte ich nicht, doch wußte ich von seiner Fälschertätigkeit. Heinrich Bind kannte, ich persönlich. Lobuchin, früher Polizeidirektor, erklärte mir, wie die „Protokolle“ gefälscht wurden. Lopuchin wurde darauf bestraft und seines Amtes enthoben. Seine Kollegen bestätigten die Aussagen in vollem Umfange. Urheber der gefälschten „Protokolle“ waren nach einer Version Raschovsky und Golowinsky. Nilus war ein Mittelding zwischen Fälscher uud Fanatiker, er wußte um die Fälschung, machte aber dennoch Gebrauch von ihr. Der Zar hat, als er von der Fälschung erfuhr, den Gebrauch der „Protokolle“ verboten. Sie wurden aber dennoch weiter verbreitet. über die Haltung des Zaren informierte mich General Globitschow, der behauptete, die „Protokolle“ seien in den Jahren 1896 bis 1900 gefälscht worden. In einer amtlich angestellten Untersuchung hat Raschovsky selbst zugegeben, daß die „Protokolle“ gefälscht seien. Bei ftoöflifimersfn, r&eutnntifdien n. gid)tifd)en 33efd)h>erben toirfcn SogaLSaMelien tafdj unb ftdjer. $ein anbere§ äljnlicfyeS ißrä* Darat — mag iijrn aud) nod) fo btel nadjge* rüfyntt tocrben — befi^t über 6000 fdjriftlidje S^tt’gutadjten. Ein Sterfud; überscugt! $tt allen SlpotDefen etfjältlid). — s4$rei3 S 2.40. Der fünfte Zeuge, der fünfzigjährige Historiker Boris Nikolajewsky, befaßte sich mit der in der Einleitung zu den „Protokollen“ aufgestellten Behauptung, daß ein Jude namens S c h a p i r o die „Protokolle“ aus einem Archiv einer französischen Freimaurerloge in Paris gestohlen habe und daß die „Protokolle“ durch Vermittlung einer russischen Agentin nach Rußland kamen. Nikolajewsky war als Historiker der Sache uaohgegangen und könne diese Behauptungen als Hirngespinste bezeichnen. In jüdischen Kreisen war keine besondere Sympathie für den Bolschewismus vorhanden. In der neuesten Zeit gibt es unter den Bolschewisten nur zwei bis drei jüdische Führer. Von der russischen Fälschung wurden Ausgaben in deutscher Sprache und in anderen Sprachen gedruckt. Aber alle diese Übersetzungen seien noch mehr gefälscht. Eine deutsche Urausgabe gibt es nicht. Der Zeuge erklärte auf. Befragen, des Vorsitzenden, er sei nicht Angehöriger des jiidi-

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