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Die Stimme · 1934-11-02 · Heft 397 (2.11.1934) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
8 (1934-1935)
Issue
Heft 397 (2.11.1934)
Date
1934-11-02
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 397 — 2. November 1934 DIE STIMME Sette 3 2» November 1917: Die Balfour-Deklaration Die Balfour-Deklaration, die am 2. November 1917, also vor genau 17 Jahren erlassen wurde, war das Ergebnis langwieriger und mühevoller Verhandlungen der zionistischen Führer mit dem englischen Kriegskabinett. Die Frage, um die sich handelte, die Unterstützung der zionistischen Bestrebungen nach Schaffung einer öffentlich-rechtlichen Heimstätte in Palästina, war aber nicht erst im Laufe des Krieges vor das britische Kabinett gekommen. Schon um die Mitte des 19. Jahrhunderts hatte sich ein Zusammenhang mit dem orientalisch-türkischen Problem eine Bewegung herauskrystallisiert, die sich als Ziel die „Restoration of the Jews“ setzte und die auch den politischen Charakter der Judenfrage sehr deutlich betonte. Es waren also in der englischen Gesellschaft starke Ansätze für eine lebhafte Beschäftigung mit dem Schicksal des jüdischen Volkes vorhanden und auf dieser Grundlage stand auch Balfour, als er 1903 den Plan Joe Chamberlains unterstützte, den Zionisten Uganda als jüdische Heimstätte anzubieten. Er selbst anerkannte, daß dieser Plan den ernsten Fehler hatte, kein Zionismus zu sein. Und so gelangte er selbst als Außenminister in der Sturmzeit des Weltkrieges zu einer klareren Auffassung der jüdischen Geschichte, die zu keiner Zeit Palästina aus den Augen, aus dem Herzen und aus den Gebeten verloren hatte. Balfour bezeichnete in dem Brief an Lord James de Rothschild seine Mitteilung als Sympathieerklärung der Regieruung mit den jüdisch-zionistischen Bestrebungen. Die Deklaration ist, wenn man ihre Vorgeschichte ins Auge faßt, eine andere Form des 1897 von Max Nordau entworfenen Baseler Programmes. Sie besagt: „Seine Majestät Regierung betrachtet mit Wohlwollen die Schaffung einer nationalen Heimstätte in Palästina für das Jüdische Volk und wird die größten Anstrengungen machen, um die Erreichung dieses Zieles zu erleichtern, wobei klar verstanden werde, daß nichts getan werden soll, was die bürgerlichen und religiösen Rechte bestehender nicht jüdischer Gemeinschaften in Palästina oder die Rechte und die politische Stellung der Juden in irgend einem anderen Lande beeinträchtigen könnte.“ Ihre Bekräftigung wurde dann von den alliierten Hauptmächten im Juli 1922 vorgenommen in einer international verpflichtenden Form, wobei ausgesprochen wurde, daß der Mandatar verantwortlich sein soll für die Verwirklichung der Deklaration, und daß „dadurch“ — durch den Willen der Mächte — die Anerkennung der historischen Verbindung des jüdischen Volkes mit Palästina und der Grundlagen für die Wiedererrichtung seiner nationalen Heimstätte in diesem Lande erfolgt ist. Dies erst war die feierliche Festeteilung des Rechtstitels des jüdischen Volkes. Die 17 Jahre, die seither vergangen sind, haben viele Abschwächungen und Erläuterungen der Deklaration und ihrer nachträglichen Feststellung gebracht. Aber im jüdischen Volk ist keine derartige Abbröckelung zur Kenntnis genommen worden. Wir verstehen die Erklärung Balfours und den Beschluß von 1922 heute genau so wie damals, als die Grundlage zum Aufbau eines freien, jüdischen Staatswesens, und die Aufgabe Englands fassen wir weiters als die eines hilfeleistenden Faktors auf. Alle Arbeit, die das jüdische Volk unter der Führung und Verantwortung des Zionismus in Palästina vollbracht hat, dient dem genau erfaßten Zweck, wobei wir auch die Verpflichtungen erkennen, die uns die Deklaration in bezug auf die bürgerlichen und religiösen Rechte der nichtjüdischen Gemeinschaften auferlegt. Wir sind aus unserer Geschichte ziu sehr mit Zwang und Unterdrückung vertraut, als daß wir sie anwenden sollten, auch wenn dies nicht durch politische Opportunität sich verbieten würde. Das Judentum hat gezeigt, daß es das Vertrauens und der Sympathie der Völkerbundstaaten würdig ist und es hat aufbauendes und schaffendes Genie bewiesen. Und während die ganze Welt mit unverhülltem Staunen dieser Entwicklung folgt, wissen wir erst am Beginn des Anfanges stehen, daß das jüdische Volk wieder ein eigenes Leben führt, und daß es in absehbarer Ze't geschiohtsbildend werden wird. I Wir haben viele, tiefbegründete Beschwerden gegen die Art, mit der die britischen Regierungen das Mandat ausführen. Vieles ist geschehen, um den Sinn des Auftrages zu verdunkeln, um uns von dem Weg abzudrängen, uns klein zu hämmern und uns in den Rahmen der englischen Machtpolitik zu spannen. Die Aufgabe, vor der der Zionismus steht, ist ungeheuerlich und wird nicht einmal im Judentum immer verstanden. Es handelt sich einmal darum, einen Bauern- und Arbeitenstand zu schaffen: das der Bodenarbeit entwöhnte und mißtrauische Element mit der Erde der Heimat zu verbinden; dann ist das Problem, durch einheitliche, auf den nationalen Zweck abgestellte Erziehung der Jugend die tausend physischen und psychischen Einflüsse der Herkunftsländer zu überwinden; die Erinnerung an die Galuth aus den Seelen zu nehmen und doch die lebendige Verbindung mit den Juden der Zerstreuung aufrecht zu halten; in irgend eine Harmonie mit der Urbevölkerung zu gelangen und ihr Interesse mit dem unseren zu vereinen. Es sind nationale, soziale und staatspolitische Probleme zu lösen, die in ihrem ganzen Umfang kaum noch erkennbar sind. Es ist die Aufgabe, ein europäisches Volk nach zweitausend Jahren nach dem Orient zu verpflanzen, und diese Aufgabe hat ein Volk zu lösen, das niemals politisch zu denken und zu fühlen gelernt hat, das auch in keines anderen Volkes Geschichte ein Vorbild finden kann. Es ißt schon denkbar, daß der Engländer, der an große und weite Räume gewöhnt ist, in unserer Tätigkeit Fehler sieht, und daß sich daraus Konflikte ergeben. Aber wir dürfen uns auch die Frage vorlegen, ob wir das englische Volk genügend über Inhalt und Richtung unseres Palästinaprobleins aufgeklärt haben und ob nicht vieles aus den Reizungen und Mißverständnissen einfach die Folge von Unkenntnis ist. England ist an der Spitze der Staaten gestanden, die dem jüdischen Volk das Tor zur Zukunft geöffnet haben. Ob dies rein aus ethischen Motiven oder aus politischer Zweckmäßigkeitserwägung geschehen ist, darüber kann heute keine Klärung gefunden werden. Aber die Tatsache besteht und sie lindenKeller «• I., ROTENTU JMSTRASSE 12 Gansbrust mit Scholet Gansbiegel mit Ritschert Fladen Jeden Samstag ist mit Balfours Namen für ewige Zeiten verknüpft. Der englische Politiker hat sich ein Denkmal geschaffen, daß — wir hoffen es mit unserer ganzen Seele — die Zeiten über-; dauern wird. Dieses Denkmal ist die neue jüdische Jugend. ¥ * * Die Entwicklung der Balfour-Deklaration Der erste Staat, der die Balfour-Deklaration akzeptierte, war das Königreich Serbien. Schon am 27. Dezember 1917 übersandte der serbische Minister Milenko Vesnic dem serbischen Zionisten. Hauptmann D r. David Albala ein offizielles Schreiben der serbischen Regierung, womit dieselbe die Balfour-Deklaration akzeptierte. Wenn man bedenkt, daß die serbische Armee und Regierung geschlagen war und die Mittelmächte das ganze Land besetzt hielten, muß man diesen Akt der serbischen Regierung als besonders hochherzig bezeichnen. Das Andenken daran wird im jüdischen Vollee stets in Ehren gehalten werden. Weiters akzepierten die Balfour-Deklaration: Frankreich am 9. Februair 1918, Griechenland am 14. März 1918, China am 14. Dezember 1918, Japan inn Foreign Office, November 2nd, 1917. Dear Lord Rothschild, l have mach pleasure in conveying to yuit, ou behalf of His Majesty's Government, the following declaration of sympathy with Jewish Zionist aspirations which has been submitted to, and approved by, the Cabinet. 'Eis Majesty's Government vieio with with favour the establishment in Palestine of a national ho me for the Jewish people, and will use their best endeavours to facilitate the achievement of this object, it being clearly understood that nothing sh/all be done which may prejudice the civil and religious rights of existing non- Jewish communities in Palestine, or the rights and political Status enjoyed by Jews in any other country" l should oe grateful if you would bring this declaration to the knowledge of the Zionist Federation. Jänner 1919, Cuba am 30. April 1919 uud schließlich — in einer feierlichen Deklaration des Senates und des Repräsentantenhauses die Vereinigtes Staaten von Nordamerika am 30. Juni 1922. Die Türkei, zu deren Gebiet Palästina gehörte, unterschrieb am 10. August 1920 den Friedenevertrag von Sevreft, In den Artikeln 95 und 96 dieses Vertrages* wird unter Berufung auf Artikel 22 des Völkerbundpaktes und unter Wiederholung des Textes der Balfour-Deklaration die Errichtung der jüdischen Heimstätte zwischen den alliierten Mächten und der Türkei vereinbart. Am 24. April 1920 war bereits bei der Konferenz in San Remo nach langer und schwerer diplomatischer Arbeit die endgültige Entscheidung gefallen, nachdem W eizmann und Ussisohkin de# Standpunkt der Zionisten gegen den Obe** rabbmer von Frankreich, Silvain Levj^ erfolgreich vor dem versammelten Ratöi vertreten hatten. Die offizielle Erklärung der Siegennächte besagt unter anderem: „Der Oberste Rat hat das Mandat für Palästina an Großbritannien gegeben, in* dem er Frankreich und Großbritannien die Regelung der Grenzfrage tiberläßt. ES ist ferner beschlossen, daß das Statut, dag Großbritannien für Palästina auszuarbeiten beschlossen hat, Bestimmungen über die Errichtung einer nationale# Heimstätte für die Juden gemäß de* Balfour-Deklaration enthält...“ Nach langwierigen Verhandlungen beschloß schließlich der Völkerbund am 24. April 1922 das Mandatsetatut. Es trat am 29. September 1923 in Kraft. Es enthält in seiner Präambel den Text der Balfour-Deklaration und darüber hinaus die: Anerkennung „der historischen Verbundenheit des jüdischen Volkes mit Pa 1 ä s t i n a“ und den Grundsatz, daß die Grundlagen für die Errichtung des nationalen Heims in seinem Lande geschaffen werden so Ile n“, Gruß an Ernest Breiter Emest B r e i t e r ist dieser Tage 70 Jahre geworden. Sein Name weckt Erinnerungen an das alte österreichische Parlament, in dem Breiter mit einigen wenigen anderen die wahre und echte Demokratie repräsentierte. Er war Abgeordneter des zweiten Lemberger Wahlbezirkes und kehrte immer wieder, von der Schlachta und der mit ihr verbündeten Regiierungsgewialt mit allen Mitteln bekämpft, nach jedem neuen Wahlgang als Träger des Vertrauens seiner Wähler in das Volkshaus zurück. Ein unerbittlicher Feind der politischen Korruption, ein unerschrockener Vertreter der Schwär eben, der von Steuerschnüfflern und Denunzianten geplagten Bauern und Kleingewerbsleuten, und ein ehrlicher, überzeugter Gegner der antijüdischen Hetze. Der hochgewaohsene, kräftige Mann mit dem schwarzen Hornzwicker hatte stets das Ohr des Hauses, wenn er die „gtalizischen Zustände“ geißelte; politisch allerdings war er einsam. Er war ein Demokrat und so gab ihm keine Partei, auch nicht die sozialdemokratische, ihre parlamentarisch- Hilfe. Seit dem Umsturz lebt er in Wien \i naher Verbindung mit der zionistischen Oigani-

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