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Die Stimme · 1934-10-26 · Heft 395 (26.10.1934) · page 6

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Journal
Die Stimme
Volume
8 (1934-1935)
Issue
Heft 395 (26.10.1934)
Date
1934-10-26
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Blätter der jüdischen Frau . — an —— — ■— FRAUENBEILAGE OER „STIMME" * FREITAG, 26. OKTOBER 1934 * 2. JAHRGANG N : Rosa Melser gestorben Das polnische Judentum erleidet durch den plötzlichen Tod Rosa M e 1 z e r s einen schweren, kaum ersetzbaren Verlust. Ge- . hörte doch die Verstorbene zu den wenigreu zentralen jüdischen Persönlichkeiten, die seit Jahrzehnten im Brennpunkt sozialer und nationaler Tätigkeit standen und deren ganzes Leben von rastlosem Streben im Interesse jüdischer Volksmassen Polens ausgefüllt wa.r. Geboren im Jahre 1S80 in Ostgalizien, widmete sich die Verstorbene schon von frühester Jugend an der Idee der nationalen Renaissancebewegung. Insbesondere waren es die jüdischen Frauen, die sie mit unermüdlicher Tätigkeit zu sammeln begann. Als Frucht dieser Tätigkeit war die Gründung der ersten jüdisch-nationalen Frauenorganisation in Lemberg (Kolo Kobiet) anzusehen, die bis heute ihre führende Stellung behaupten konnte. Als glänzende Rednerin bereiste sie ganz Galizien und rüttelte gleichermaßen mit Adolf Stand, Korkes, Zipper und Reich die Juden und insbesondere die jüdischen Frauen aus dem Dämmerschlafe nationaler Lethargie auf. Kaum übersehbar ist die Fülle der Institutionen, die der erstaunlichen Energie dieser Ftihrerin zu verdanken sind. Für die Witwen und Waisen schuf sie große Heime, für die Blinden ein Musterhaus in Bojanow, das ihren Kamen trägt, ebenso ein Wohlfahrtsheim in Lemberg. Überdies war sie auf dem Gebiete des jüdischen Schulwerkes, der jüdischen Umechichtungsbewegung und schließlich der zionistischen Propaganda tätig, deren Krönung ihre Wahl zum Abgeordneten im polnischen Sejm im Jahre 1922 bedeutete. Von dieser politischen Tribüne aus ergriff Rosa Melzer wiederholt das Wort, um sich als stolze und aufrechte Jüdin für jüdisch« Rechte einzusetzen. Während all dieser schier unermeßlichen Wirksamkeit fand Rosa Melzer immer noch Zeit für eine publizistische und literarische Tätigkeit, der zeitlebens ihre eigentliche Liebe galt. Hier entfaltete sie ein starkes, urwüchsiges Talent, das nur durch die auf- ' reibende soziale Tätigkeit gehemmt wurde. Schon in der Jugend erregte ein deutscher Roman der Verstorbenen, „Das Land des Elends“, ziemliches Aufsehen. Von den anderen Werken wäre noch ein großangelegter Roman zu erwähnen, „Der Chazaren König“, und ein Drama, „Die Mutter“, welches vor nicht langer Zeit im Lemberger Theater aufgeführt wurde. Sie war auch die erste, die in einer seinerzeit sehr populären Broschüre unter dem Titel „Die Bedeutung der Frau im jüdisch-nationalen Leben“ den Aufgabenkreis der jüdischen Frau scharf umriß. Selbstverständlich nahm die Verstorbene zu allen Problemen des jüdischen Lebens als Schriftstellerin und Publizistin von Rang Stellung. Auch hier bewies sie hohes Verantwortungsgefühl und großes Talent, das auch die Leser unseres Blattes, dessen langjährige Mitarbeiterin die Verstorbene war, oft zu bewundern Gelegenheit hatten. Eine wunderbare Menschenliebe durchglühte zeitlebens diese jüdische Frau. Sie verzehrte sich förmlich in einer rastlosen Gier, zu helfen und zu wirken, wo physische und geistige Not nach einem Helfer rief. Klein und unansehnlich von Gestalt, wuchs sie förmlich, wenn sic an eine neue Aufgabe heranfcrat. Mit glühender Beredsamkeit vermochte sie stete tatkräftige Mithelfer mitzureißen, und als vor einigen Jahren die Gefahr drohte, daß eine große jüdische Stiftung in Posen zugrunde geht, da bereiste sie europäische und amerikanische Länder und brachte in kurzei Zeit ein großes Vermögen auf, das zur Sicherung dieser Stiftung für blinde jüdische Kinder binreichte. Ihre stille, eher nach innen gekehrte Natur mied dabei jede geräuschvolle Reklamehascherei, und ihre angeborene Vornehmheit ließ sie sehr oft im Verborgenen ein bleibendes Werk schaffen, das so manchem anderen, der die Trommel zu schlagen versteht, als Schild der Popularität diente. Ein Mensch von hoher Kultur, eine jüdische Frau von hohem Geistesadel und eine stille Märtyrerin der nationalen Idee ist mit Rosa Melzer dahingegangen. Das polnische Judentum ist um eine wirklich überragende Persönlichkeit ärmer geworden. Die jüdische Frauenbewegung verliert eine ihrer markantesten Führerinnen. Gesinmmgsgemassinnen! Zu Beginn des Neuen Arbeitsjahres erläßt die Exekutive der WIZO, London, folgenden Aufruf: Die schwere Lage des jüdischen Volkes gibt uns in dieser Stunde mehr denn je Anlaß zu Einkehr und Besinnung. Kein jüdischer Mensch, selbst der nicht, der sich losgelöst glaubte vom jüdischen Volksganzen, steht heute außerhalb des verhängnisvollen Kreises, den das Schicksal um das jüdische Volk geschlossen hat. Barum gilt es, im kommenden Jahre eine neue Solidarität aufzubauen, die alle umschließt; einen geeinten, starken Willen zu erwecken, der sich einem Ziele zuwendet: den Aufbau unserer altneuen Heimstätte zu beschleunigen, mitzuarbeiten an der Schaffung einer Grundfeste, die unser jüdisches Leben sichert und ihm eine Zukunft gibt. Mag auch die Wirklichkeit Palästinas, in ihrem heutigen Stadium den Eindruck erwecken, als vermöchte sich das Werk aus sich selbst, ohne Hilfe von außen, weiterzuentwickeln — Rückschau und Ausschau belehren uns eines andern. Auf allen Gebieten des Aufbaues zeigt es sich, daß nur das der Zukunft des Volkes dient, was für das Volk als Ganzes vom Volke selbst geleistet wird. Und in diesem Licht, nicht das Erreichte, sondern das E nd ziel vor Augen, müssen wir das Maß unserer künftigen Arbeit bemessen. Mag es uns auch eine Quelle von Kraft und Zuversicht bedeuten, daß es uns, in so unendlich schweren Zeiten, gelungen ist, die Institutionen der WIZO nicht nur aufrechtzuerhalten, sondern sie teilweise auch auszubauen und, zu erweitern — wir dürfen nicht stille stehen. Timet werbender Ruf muß noch lauter erschallen und Widerhall finden in jenen Bezirken der Judenheit, die uns noch nicht erschlossen sind. Heute sind es über 60.000 jüdische Frauen, die allein in der WIZO vereinigt sind, die ein wachsendes Verantwortungsbewußtsein fester und fester zu schicksalsverbundener Freundschaft zusammenschließt — morgen müssen es Hunderttausend und immer mehr sein, die sich für unser Werk, für die zionistischen Fonde, für die gesamte zionistische Sache mit ihrer ganzen Kraft einsetzen, und an der Formation des jüdischen Lebens in Palästina und in der Galuth aktiven Anteil nehmen. Der Impuls, unser Handeln noch inniger auf die Bedürfnisse Palästinas einzustellen, hat uns zu dem Entschluß gebracht, die nächste Konferenz der WIZO im Frühjahr nächsten Jahres in P alä stin a, abzuhalten.*) Laßt uns daher, in den wenigen Monaten, die uns von diesem großen, außergewöhnlichen Ereignis trennen, auch groß und außergewöhnlich in unseren Leistungen sein. Möge eine starke Repräsentanz der jüdischen Frauen bei der kommenden WIZO-Konferenz in Palästina Zeugnis oblegen für ■ diese Leistungen und in der Lage sein, so große Aufgaben zu übernehmen, als sie die palästinensische Wirklichkeit an die WIZO stellt. Die Exekutive der WIZO. *) Beginn der VIII. WIZO-Konferenz voraua«: sichtlich am 24. März 1935 in Tel-Aviv. Das moderne praktische Lehr» buch zum Selbstunterricht Lerne Hebräisch VON BEN.CHAVIV erscheint demnächst! Das beste Lehrbuch aller Zeiten! Die ersten 1000 Worte fürs tägliche Leben, praktische Grammatik, kein Vokabelbüffeln, kein Kopfzerbrechen^ mühelos, spielend leicht1, Verlag: Jos. Schlesinger, Wien, 1., Seitenstetteng. 5 Gisela Blauer zum Gedenken Von Sophie Löwenherz, Träfidentin der Wizo-Oefterreidi Bei der von der TVizo -Österreich für das kürzlich verstorbene Leitungsmitglied, Frau Gisela Bauer, veranstalteten Gedenkfeier, hielt Präsidentin Frau Sophie Löioenherz einen tief empfundenen Nachruf, den vnr auszugsweise wiedergeben. Wir Frauen der Wtzo, welche Gelegenheit hatten, seit vielen Jahren in innigster Verbundenheit mit der Verstorbenen zu arbeiten, standen ihr, neben ihren nächsten Familienangehörigen, so nahe, daß wir den Schmerz ihres Gatten, ihres einzigen Kindes und ihrer Geschwister Mitempfinden und herzlich teilen. Frau Gisela Blauer war eine Pionierin der W izo! ln jungen Mädchenjahren bekannte sie sich bereits zum Zionismus und schloß sich mit jugendlichem Idealismus der Bewegung an, der sie die ganze Kraft ihrer Persönlichkeit bis zum letzten Atemzugs widmete. Sie glaubte an die große Bedeutung der jüdischen Frau in der zionistischen Bewegung und schloß sich begeistert der Wizo-Organisaüon an. Sie kämpfte für das gleiche Mitbestimmungsrecht der jüdischen Frau in der zionistischen Bewegung und, sah in der Wizo die Organisation, welche stets berufen war und ist, den zionistischen Idealen zu dienen, die zionistische Bewegung zu stärken und positive Arbeit in Palästina zu leisten. Mit dem ihr eigenen Optimismus ließ sie sich durch Schwierigkeiten und Rückschläge nie beirren, sah stets das Endziel vor den Augen und bemühte sich unermüdlich, immer neue Kreise unserer Organisation zu\ erschließen und neue 'Zellen unserer Bewegung zu gründen. Zahlreiche Wizo-Gruppen verdanken ihr Entstehen und ihren Bestand der unermüdlichen, aufopfernden Arbeit unserer leider so frühzeitig verstorbenen Gisela Blauer. Im Jahre 1929 erkrankte sie zum ersten Male unter den bösen Anzeichen der todbringenden Krankheit. Es war einige Wochen vor der Wizo-Konferenz in Zürich, sie mußte sich einer schweren Operation unterziehent dachte jedoch nicht an die Krankheit, sondern an die rascheste Genesung, von einem Wunsche beseelt: au der Wizo- Konferenz teilnehmen zu können. Mit noch nicht vernarbten Wunden, im Stadium der Rekonvaleszenz, ließ sie es sich nicht nehmen, nach Zürich zu fahren, tim gemeinsam mit uns an der Konferenz teilzunehmen. Biese Reise und der gemeinsame Aufenthalt in Zürich bleiben mir unvergeßlich: damals erkannte ich, was starker Lebenswille und, aufrichtige Lebensfreude vermögen und was zu vollbringen sie imstande sind. Ihr ganzes Wesen war von Problemen unserer Frauenbewegung voll und ganz in Anspruch genommen! Sie klagte nicht über die Schmerzen, überließ ihre Wunden sich selbst und widmete volle zwei Wochen in Zürich ihren ideellen Bestrebungen und Zielen. Sie erholte sich sogar zusehends bei der Arbeit, so daß wir alle, die anfangs um sie stark besorgt waren, zu glauben begannen, daß der eiserne Lebenswille unserer Freundin, die bösartige Krankheit im Keime erstickte. Zwei Jahre später — wieder knapp vor der Wizo-Konferenz in Basel — zeigten sich zum zweiten Male die bösen Anzeichen ihrer Krankheit; damals sprach sie zum ersten Male ihre tiefe Besorgnis und Angst vor dem möglichen nahen Tode aus. Als wir Abschied nahmen — ich fuhr nicht zur Konferenz — drückte Frau Blauer Zweifel aus, ob wir uns im Herbst noch sehen würden. Ich loollte ihre Gedanken ablenken, scherzte über ihre unbegründeten Bedenken und schlug ihr eine Wette vor, mit der Bemerkung, daß ich sie bestimmt im Herbst in voller Gesundheit und Frische begrüßen würde. Ich gewann die Wette! Freudestrahlend kam sie im Herbst zu mir und brachte mir ein Buch, mit den Worten: Sie sei glücklich, die Wette verloren zu haben. Ein ähnliches Gespräch führten vnr im Juli dieses Jahres vor meiner großen Reise nach Amerika. Um sie zu trösten, schlug ich ihr neuerlich eine Wette vor, mit den Worten, daß ich mir gerne eine Bibliothek aus den in Wetten mit ihr gewonnenen Büchern anlegcn wollte. Sie ging mit einem schmerzlichen Lächeln auf meinen Vorschlag ein. Aber der Todesengel umschattete schon ihre Augen; wenige Wochen später hauchte sie ihre Seele aus und ich vernahm, fern von Wien — in der Metropole der Vereinigten Staaten, New York — die traurige Botschaft von ihrem Tode. Wir wollen ihr Andenken stets ehren und treu dienen diesen Idealen, welchen unsere Freundin ihr Leben gewidmet hat. Im Sinne unserer treuen Toten und den ihr gewidmeten Gedenken, wenden wir uns an alle Gesinnungsgenossinnen und Freundinnen mit dem Appell, die Ideale der Verstorbenen hochzuhalten, in ihrem Geiste zu handeln, Pionierarbeit für die Wizo zu leisten, die Reihen der Helferinnen und. tätigen Frauen zu erweitern und enger zu schließen. Ihr Lebensideal: für das jüdische Volk und die jüdische Heimat das Beste herzugeben, soll auch unsere Parole bleiben! Unser unvergeßlicher Oberrabbiner Boktor C ha j es sagte einst in einer seiner, bedeutsamsten Reden: Bas Judentum ruft unsere Toten zur Hilfe, damit wir die Lebenden außer an die Verehrung, die wir ihrem Andenken schulden, auch an die Pflichten gegenüber den Idealen erinnern, nach denen sich ihr Basein gestaltete. Wir denken an unsere Vorfahren, widmen in tiefer Erschütterung unsere Gedanken, all denen, die im Tode uns vorangegangen und benützen jeden Anlaß, um ihnen unsere Liebe und Anhänglichkeit zu bekunden. Wir wollen ihre Gedanken fortspinnen und, ihren Idealen lebend, neue Wege ebnen und immer neue Werte schaffen! Was für unsere Toten der vornehmste Inhalt ihres Lebens und der größte Trost in den Stunden des Todeskampfes war, soll auch uns immerdar heilig bleiben. Diese Lehren des großen Menschen Chajes beherzigend, denken wir in dieser weihevollen Stunde an unsere treue Freundin und Gesinnungsgenossin Gisela Blauer mit großer Liebe und vollster Achtung und wollen dieses Gedenken nicht verflüchtigen lassen. Ihre unermüdliche Arbeit soll ein Denkmal finden nicht nur in unseren tief bewegten, für sie schlagenden Herzen, sondern in Erez-Israel, wo wir auf ihren Namen einen Garten stiften wollen. Unter den vielen Aufgaben des kommenden Winters soll die Schaffung eines Nationrdfonds- Gartens auf den Namen Gisela Blauer zu unseren vornehmsten Pflichten gehörenl

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