Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1934-10-23 · Heft 394 (23.10.1934) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
8 (1934-1935)
Issue
Heft 394 (23.10.1934)
Date
1934-10-23
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3053752-3054140-3054149--4575-3060208
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 391 - 23. Oktober 1934 Btt STIMM« Satt« S Neue Wege der allgemein-zionistischen Jugend Die Gründung des Hedialuz Haklal Zioni Der Prozeß der ferneren Konsolidierung (Jes Allgemeinen Zionismus macht in der lotzten Zeit merkliche Fortschritte. Die Allgemeinen Zionisten erkennen allmählich, daß sie sich nur dann gegen den Ansturm der Flügclparteien mit Erfolg behaupten können, wenn eine starke allgemein-zionistische Organisation entsteht. Man kann aber den Parteihader im nationalen Lager nicht durch schöne Heden, sondern nur durch eine straffe Organisation der Allgemeinen Zionisten und insbesondere der Jugend bekämpfen. Je mehr der Kampf der Flügelparteien ausartet, desto klarer sehen die Allgemeinen Zionisten, daß sie nur in einer Organisation vereinigt, geschlossen für ihre Gedanken Erfolge haben können. Diese Erkenntnis kam kürzlich auf der Weltkonferenz der All gemeinen Zionisten in Krakau zum Durchbruch, wo die verschiedenen Grup pierungen das Prinzip der Disziplin annah men und dem FraktionsgeLst entsagten Gleichzeitig wächst die allgemein-zio nistische Jugendbewegung und die Allgemeinen Zionisten sind überall bemüht, ihren Einfluß zu stärken. Eine Phase in diesem Kampf ist auch die Erfassung der allgemein-zionistischen Chaluzim in einer besonderen Organisation, die nunmehr auch in Österreich gegründet wurde. In wenigen Jahren ist die stamzionistische Jugendbewegung aus kleinen Anfängen zu einem mächtigen Faktor geworden. Diese Jugendbewegung hat im Allgemeinen Zionismus ihre Ideologie gefunden. Der grundlegende Gedanke der stamzio als bischen Ideologie ißt die Idee des nationalen Primats*, daß nämlich die Interessen des ganzen Volkes den Parteiforderungen und Klasseninteressen voran zugehen haben. Klar und folgriclitig hat die allgemein-zionistische Jugendbewegung erkannt, daß, der Erfolg deä allgemein-zioufetfeelie Jugendbewegung erkannt, daß der Erfolg des Allgemeinen Zionismus, d. h. die Anerkennung des nationalen Primates in erster Linie davon abhängig ist, ob es gelingt, in Palästina eine breite Schichte von jüdischen Arbeitern, Bauern, Bürgern und Handwerkern zu schaffen, die sich diese Anschauung zu eigen machen. Solange der Allgemeine Zionismus eine Angelegenheit der Kleinbürgeoisie in der Galuth und einiger Intellektueller und Kolonisten. in Erez Irsael war, konnte er sich i.n Palästina nicht durchsetzen. Alle Anstrengungen müsaen daher auf die zahlenmäßige Stärkung der stamzionisfcischen Arbeiterschaft in Erez Israel konzentriert werden. Mit dem Erfolg dieser Bemühungen siteht und fällt der Allgemeine Zionismus. Es ist daher kein Zufall, daß sich die allgemein-zionistische Jugend immer mehr auf Chaluziuih einsteilte und ihre diesbezüglichen Anstrengungen vervielfachte. Diese Bestrebungen haben nun dazu geführt, daß neben Jugend- und Studen.tenorganisationen auch eine besondere Organisation allgemein-zionistischer Chaluzim geschaffen wurde, und daß in vielon Ländern allgemein-zionistische Jugendliche den ehemaligen Gesamtverband der Chaluzim „Hechaluz“ verließen. Freilich war die allgemein-zionistische Jugend nicht die erste Gruppe, die den Hechaluz verlassen hat. Der Misrachi zum Beispiel hat längst einen besonderen Chaluzverband organisiert, den „Heeha-luz-Hamisrachi“, die Juclonstaatspartoi hat ihren „Hechaluz Leurai“, und die Jugond der Radikalen Ziouii&ten in Österreich gehörte nie dom Hechaluz an. Der „Hechaluz“ hat also längst aufgeliört, ein Gefiamtverband aller Chaluzim zu sein. Es kann also keine Rede davon sein, daß die allgemein-zionistische Jugend den „Hechaluz“ „gesprengt“ hat, daß sio eine Einheitsorganisation des Zionismus vernichtet, wenn sie aus dem Hechaluz auBtritt. Die allgemein-zionistische Jugend hat vielmehr am. längsten im Hechaluz ausgehalton und ist erst dann ausgetreten, als ihr jede weitere Arbeit in diesom Rahmen unmöglich Bchien. Das ist auch der Grund, weshalb sich der Austritt der allgemein-zionistischen Jugend in einem Land Trüber, Jm anderen später vollzieht, 1 Die allgomein-zionistisoho Jugond. hatte den Versuch gemacht, im Rahmen dieses bestehenden Hechaluz, der eben nur eine Rumpforganisation isit, ihre Zielo zu erreichen, d. h. so viel stamzionistisohe Chaluzim als nur irgend wie möglich, nach Erez Israel zu bringen, Das war aber in diesem Hechaluz unmöglich, wie noch ausgeführt werden wird. Dazu kommt noch, daß une allgemeinen Zionisten nach dem Austritt der mißraohistischen, revisionistischen und Judenstaatsjugend im Hechaluz sich miclit entfalten konnten. Sie hatten Anlaß, sich über die Verteilung der Hachscharabplätze und Zertifikate zu beschweren, ebenso über die ideologische Beeinflussung. Der Hechaluz will nun die Debatte auf einen toten Punkt bringen, indem er beweisen will, daß die allgemein-zionistischen Jugendlichen bei der Verteilung der Zertifikate gerecht behandelt wurden. Darüber könnte man ein trauriges Lie-d singen. Die entscheidende Frage besteht aber im Problem der Bodedim. Die überwältigende Majorität der Chaluzim wird nämlich nicht von den Jugendbünden gestellt, sondern besteht aus Einzelgängern, die sich direkt beim Hechaluz anraelden. Diese Bodedim bilden dann die Masse der jüdischen Arbeiter in Erez Israel. Wem es nun gelingt, diese Bodediin in der Galuth durch reine Ideologie zu beeinflussen, dem ist die Führung in der Landesorganisation des Hechaluz und im Jischuw gesichert. Um diese Bodedim geht also der Kampf. Der Hechaluz, der diese Bodedim angeblich unparteiisch erzieht, wird von S c h 1 i c h i m (Delegierten) geleitet, die natürlich durchwegs der Mapai angehören oder von ihr abhängig sind. Die Entsendung allgemein-zionistischer Sch lieh im war nicht zu erreichen. Die allgemein-zionistische Jugend ist in diesem Rumpf-Hechailuz zur Einflußlosigkeit verurteilt. Die Bodedim werden weiter beeinflußt oder sie gehen in Palästina die Linie des geringsten Wildenstandes und vermehren dort die Scharen der Mapai, wodurch diese wieder in die Lage kommt, ihr genehme SchlioliLm in die Galuth zu entsenden. So ist durch diesen Kreislauf die Herrschaft der Mapai gesichert. Den allgemein-ziouißtischen jugendverbänden aber steht es bestenfalls frei, im Meere der Mapai kleine Inseln zu besetzen (stamzionistisohe Kibbuzim in Erez Israel), die einem Propa ganda-Trommelfeüer aiusgesetzt sind, das sie mürbe machen soll. Ob das fair ist, das ist eine andere Frage, ebenso, ob da« der Dank für die großen Opfer der Allgemeinen Zionisten ist, die Palästina helfen wollten und nicht einer Partei. Die allgemein-zionistische Jugend will aber den Kampf um die Bodedim, d. h. um die Mehrheitsbildung in Erez Israel nicht aufgeben, weil siie Palästina von dem selbstmörderischen Klaseenkampf befreien will. So entstand schließlich die Organisation der allgemed/n-zioimtiischen Chaluzim „H e c h a luz Hakial Zioni“. Nunmehr strömen Scharen von Bodedim in diesen Hechaluz Haklal Zioni und werden dort zu Allgemeinen Zionfeten erzogen. Die Chaluzim werden in dieser Organisation zum Kampfe für die Idee des nationalen Primats und des unbedingten Zionismus geschult. Der all gemein-zionistische Chaluz ist ein Chaluz des ganzen Volkes, nicht der Vorkämpfer einer Gruppe. Die Aufregung gewisser Kreise ist also ganz unberechtigt. Der Heclialuz wurde keineswegs von den Allgemeinen Zionfeten gesprengt', das haben schon andere früher besorgt. Man kann der stamzioniistischen Jugend auch nicht vorwerfen, daß sie sich in Widersprüche verwickelt, wenn sie in Erez Israel der Hfetadruth Haowdim angehört, in der Galuth aber den Hechaluz verläßt. Die Histadruth Haowdim ist eben eine Gewerkschaft, der Hechaluz eine Erziehungsorganisation. Das ist übrigens auch der Standpunkt des Misrachi, den die Mapai hingenommen hat. Daß die Allgemeinen Zionisten verlangen, daß die Histadruth entpolitisiert wird, sei in diesem Zusammenhang nur nebenbei erwähnt. Aus den angeführten Erwägungen hat also in Wien der größte Teil der allgemeinzionifetischen Chaluzim den Hechaluz verlassen und sich der Weltorganisation H echal uz Haklal Zioni als autonome Gruppe abgeschlossen, der in Polen, Rumänien, Litauen, Lettland, Ungarn usw. Zehn tausende von Chawerim zählt. Die Studentenorgianisa.tion Histadruth Akademaira. Zion im (H. A. Z.), die Bogrimorganisation Achwah und vor allem die Weltorganisation allgemeinzionistischer Jugend Hanoar Hazioni haben große Erfolge aufzuwefeen. Wenn also allgemein-zionistische Jugendliche {mich in Österreich den Hechaluz Haklal Ziotni gegründet haben, so ist dos keine Zersplitterung, sondern eine Etappe auf dem Weg zur Gesundung. Man möge endlich damit aufhßfen* die Gründung des Hechaluz Haklai Zioni int Wien als einen Streit mit dem Gdud Zei* r i m hinzustellen und diese Gruppe als. Störenfried hinzusteUen. Hier handelt es1 sich um einen Prozeß, der weit Über die Grenzen Wiens und Österreichs hinaus* reicht, und der Hechaluz Haklal Zioni, der in allen Ländern der jüdischen Maasen* Siedlung besteht, mußte früher oder später; auch in Österreich gegründet werden. Der Hechaluz Haklal Zioni wird hier im Sinne des neubelebten. Allgemeinen Zionismus für das ganze Volk wirken und Seine Anhänger in diesem Sinne erziehen. Er, wird nach Erez Israel volksbewußte. Chaluzim senden, die für die V e r* eöhnung der Gegensätze wirken; werden. Eine ihrer ersten Aufgaben wird es sein, dabei mitzuwirken, daß die Hisfca* dnuth Haowdim zu einer Gewerkschaft gemacht wird, die sich auf ihre gewerkschaftliche Tätigkeit beschränkt und allen Ar* beitem ohne Rücksicht auf ihre Partei- Stellung in gleicher Weise dient. Hans Steiner, brennendste Problem Um es gleich vorweg zu nehmen: Hier soll nicht vom Gesetzgebenden Rat gesprochen werden. Gewiß besitzt auch das Problem des Gesetzgebenden Rates große Aktualität. Es gibt den zionistischen Rednern und der zionistischen Presse Anlaß zu langen Erörterungen und es ist gut, daß man sich mit diesem Problem beschäftigt. Es gibt aber ein Problem, das ebenso ah tuell ist wie das des Gesetzgebenden Rates das aber gleichzeitig das brennendste Pro blem im Zionismus überhaupt ist. Wir meinen das Problem der sozialen Umschichtun in Palästina oder kürzer gesagt, die Land flucht im Jischuw. In den ersten Zeiten der zionistischen Be wegung ging der Chaluz, der in Palästina landete, in die Landwirtschaft. Seit dem Aufblühen Tel-Avivs ist hier ein Umschwung eingotreten, der nicht nur von Gefahren für die palästinensische Landwirtschaft begleitet ist, sondern letzten Endes den Aufbau Pa lästinas als der jüdischen Heimstätte aufs schwerste bedroht. Die Jewish Agency hat diese Gefahr erkannt und sie verpflichtet die Arbeitereinwanderer, ein Jahr in der Land Wirtschaft tätig zu sein. Auch die Weltkonfe renz des Weltverbandes der Allgemeinen Zio nisten hat in Krakau die allgemein-zionisti sehen Chaluzim aufgefordert, ein Jahr in der Landwirtschaft zu arbeiten. Die Jewish Agency hat außerdem jene Chaluzzim, die sich an die Verpflichtung, zumindest ein Jahr in den Kolonien zu arbeiten, nicht halten Sanktionen in Aussicht gestellt und angeb lieh soll diese Strafandrohung zur Folge ge habt haben, daß ein großer Prozentsatz der Chaluzzim nicht in den Städten bleibt, sondern in den Kolonien landwirtschaftlich tätig ist. Zwei Komponenten wirken zusammen, um die soziale Struktur und damit das Aufbauwerk zu gefährden. Die englische Regierung drosselt die Arbeitereinwanderuivr, erteilt aber jedem Einwanderer, der den Besitz von 1000 Pfund nachweist, ein Zertifikat. Während im Jahre 5693 nach Palästina nur 4383 sogenannte Kapitalisten einwanderten, waren es im Jahre 5694 bereits 11.301 Kapitalisten Im Jahre 5693 wanderten 13.075 Arbeiter der Kategorie C nach Palästina ein, im Jahre 5694 21.332, in Prozenten ausgedrückt ist die Kapitalisteneinwanderung von 22.3% auf 30.8% gestiegen, die Einwanderung der Arbeiter der Kategorie C jedoch von 66.6% auf 58.2% der Gesamteinwanderung gesunken. Diese Zahlen geben zu denken und wir mei nen, daß alle Schritte unternommen werden müssen, um die Einwanderung von Arbeitern zu heben und ihre Verwurzelung in der Landwirtschaft zu gewährleisten. Das muß einerseits dadurch geschehen, daß unausgesetzt und mit aller Energie bei der englischen Regierung Schritte unternommen werden, um eine größere Anzahl von Zertifikaten für Arbeitereinwanderer durchzusetzen. Anderseits muß aber in allen zionistischen Gruppen, die sich mit der chaüzziseben Ausbildung der Jugend beschäftigen, Erziehungsarbeit geleistet worden, denn die Tatsachen beweisen, daß die Erziehungsarbeit schlecht oder zumindest iingolhaft war In der ersten Zeit der Einwanderung war es selbstverständlich, daß der Arbeiter ia die Kolonie ging und er lebte dort unter so schweren persönlichen Bedingungen, daß damit verglichen die palästinensischen Land-* arbeiter heute unter verhältnismäßig günstigen Bedingungen leben — wenn sie in die Kolonien gehen und dort bleiben. Ohne den heutigen Chaluzzim in ihrer Gesamtheit nahe treten zu wollen, muß man leider feststeilen, daß vielen von ihnen leider oft der; Idealismus abhanden gekommen ist, der die; ersten Chaluzzim beseelte. Fünf Piaster Lohn mehr und er übersiedelt in die Stadt. Daß es aber dazu gekommen ist, dafür tragen jene zionistischen Kreise, die sich mit der Heranbildung der Jugend beschäftigen, mit die Verantwortung. Mit Recht nennt Smfe lansky in seiner Zeitschrift „Boustnai** den Zug der heutigen Chaluzzim, eich in; den Städten anzusiedeln, den „Fluch der; Stadt“. Man muß mit Smiiansky nicht immer einverstanden sein, hier aber hat er Recht. Smiiansky meint, daß es offenbar, dem Zionismus nicht — richtiger müßte man sagen, nicht immer — gelungen ist, aus den Juden der Galuth einen Menschen zu machen, der dem Stadtleben endgültig den Rücken kehrt. Er meint, daß es offenbar, der zionistischen Organisation nicht gelungen ist, eine neue Generation .heranzuziehen, die ihr Glück und Heil nur im Leben auf dem Lande findet. Smiiansky fragt, ob es nicht überhaupt schon zu spät sei, diese Situation zu korrigieren und ob die Juden wirklich dazu bestimmt seien, die Städte im Land aufzubauen, Handels- und Industrieunternehmungen zu gründen, nicht aber Dörfer zu bauen und in ihnen zu arbeiten und zu leben. Hier liegt wirklich das brennendste Problem des Zionismus von heute. Das Beispiel mancher europäischer Staaten * lehrt, daß sich die Stadtbevölkerung, wenn sie einer anderen Nation angehört als die. Landbevölkerung, auf die Dauer nicht in der Beherrschung des Landes behaupten rann, sondern daß letzten Endes das Landvolk aufsteht und die Macht im Staate an sich reißt. Die baltischen Staaten sind hiefür ein Beispiel und in mancher Beziehung auch die Länder der heutigen tschechoslowakischen Republik, in denen die deutsche; Stadtbevölkerung, die früher das Land beherrschte, dem Ansturm der tschechoslowakischen Landbevölkerung, die ihren eigenen Staat schuf, weichen mußte. Dieselben Gefahren drohen uns in Palästina. Wir können dort die größten und schönsten Städte bauen. Wenn wir nicht das flache Land erobern, ist der Traum vom Judenstaat und auch die geringere Hoffnung derjenigen Juden, die sich mit einem b£ nationalen Staat zufrieden gebeii wollen, ausgeträurat. Es müssen daher alle Kräfte angestrengt werden, um die landwirtschaftliche jüdische Bevölkerung zu stärken uud eine geschlossene jüdische Siedlung auf dem flachen Land zu ermöglichen. Es mag für naive Gemüter erhebender sein, die Paläste Tel-Avivs und Haifas zu bewundern und von einem neuen Paris und einem neuen Manchester im nahen Osten zu sprechen. Schöner, erhebender und die einzige Ge< lilnfür oino jüdische Zukunft in Palästina wird aber nur das jüdische Dorf bieten,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.