Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1934-10-23 · Heft 394 (23.10.1934) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
8 (1934-1935)
Issue
Heft 394 (23.10.1934)
Date
1934-10-23
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3053752-3054140-3054149--4572-3060205
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

t«T(« 2 DIC STIMM! Nt. 894 — 88. OSetobot 1994 Trauerfeier der jugoslawischen Juden In Wien Im türkischen Tempel in der Leopoldstadt-, veranstaltete die Kolonie der jugoslawischen Juden in Wien, eine Trauerfeier für König Alexander, der der jugoslawische Gesandte Dr. Nastasicvic mit den Herren der Gesandtschaft beiwohnte. Für die Israelitische Kultusgemeinde erschien Dr. Ornstein mit dem Amtsdirektor Reglernngsrat Tuchsgelb und den Vorstandsmitgliedern Dr. Raumann und Oberbaurat Stricker. Für die zionistische Organisation erschien das Mitglied des Landeskomitees Ignaz Müller und der Leiter des Keren Kajemeth Doktor Tartakower lind für die Bne Britt-Logen Vizepresident Hofrat Frankfurter. Die Trauerfeier wurde nach beiden Riten, dem sephardischen und dem aschkenasisohen, abgehalten. Nach Oberrabbiner Dr. Taglicht hielt Vizepräsident Baruch in serbo-kroati- Scher Sprache die Trauerrede. Botschafter Luther der Verletzung des internatioalen Rechts angeklagt In der Schlußsitzung der vom Kongreß der Vereinigten Staaten eingesetzten Kommission zur Untersuchung der Nazi- Umtriebe erklärte der Vorsitzende der Kommission Abg. MacCormick, der deutsche Botschafter in Washington Dr. Hans L ut h e r, habe sich nicht nur als Vertreter der deutschen Regierung, sondern zugleich auch als Agent der nationalsozialistischen Partei betätigt, was aus dem Material der Kommission unzweifelhaft hervorgeht. Daß Verbleiben Dr. Luthers in Amerika sei mit dem internationalen Recht unvereinbar. Einige hundert deutsche Nationalsozialisten, die die Verhandlungen der Kommission zu stören versuchten, wurden von der Polizei mit Knütteln auseinandergetrieben. AUS DEM DRITTEN ^_REICH^_ Drei Lügen ln einem Atem In einer <ara letzten Sonntag in Nürnberg gehaltenen Rede versicherte Streicher, der wieder freie Hand hat, gegen die Juden loszuziehen, d,en Anwesenden, daß im Sommer 1914 mit der Kugel des Juden Princip das „Großherzogspaar“ von Österreich zu Tode getroffen worden sei. „Jawohl, ein Jude war es, der das Herzogspaar erschossen hat, und dan flammte Europa auf und es kam zu viereinhalb Jahren Weltkrieg, der uns zwei Millionen der Besten nahm. Die Juden wollten den Weltkrieg und durch den Mord an König von Jugoslawien aufs neue Anlaß zu einem Krieg schaffen. Als die Nachricht kam, der König von Serbien sei tot, sagte ich: Diese Kugel kommt aus dem Revolver eines Jude n.“ Dann versicherte Streicher, daß auf dem Weltkongreß der Juden in Genf ein Atentat auf Hitler beschlossen worden sei. „Es wurde uns von jüdischer Seite ein Name genannt, es wurde tms auch die Summe genannt, die a/usgesetzt wurde, um die Tat zu vollbringen.“ Ein deutscher Staatsanwalt In Essen fand ein Prozeß gegen zwei jüdische Ärzte wegen angeblicher Abtreibung statt Der Staatsanwalt nahm ln seinem Plaldoyer nach Meldung der „Frankfurter Zeitung“ Gelegenheit, die Stellung der jüdischen Ärzteschaft in Deutschland zu erörtern. Er erklärte, daß ln der Vergangenheit eine Verzerrung des Arztbegriffe« eingetreten war. Aus dem ärztlichen Helfer «ei der Geschäftsmann geworden. Damit sei dem Eindringen solcher Personen in den Arztberuf Vorschub geleistet worden, die weder ethisch noch rassisch dafür geeignet gewesen seien, die vielmehr im Arztberuf eine geschäftliche Angelegenheit und eine Kapitalanlage gesehen hätten. Es könne nicht geleugnet werden, daß die wissenschaftliche und praktische Ärzteschaft schon rein zahlenmäßig durch die jüdische Rasse in Deutschland beeinflußt worden sei. Damit solle nicht bestritten werden, daß auch hervorragende wissenschaftliche Taten von Angehörigen jüdischer Rasse vollbracht worden seien. D i e F r a g e, o b d i e j ü d is e h e Rasse grundsätzlich s c h 1 e e h t e r s e i a 1 s d i e D e u t s c h e n, könne überhaupt nicht e n t schic- Zur tragischen Schicksalsfrage: „Judo ■— wohin?“ gibt es ein ergötzliches Pendant in dom Rätsel: „Germanen — woher?“ Mussolini hat in einer seiner letzten Reden auf das Ungeklärte und Unklärbare dieses Problems hingewieeen, indem er sagte: ,,30 Jahrhunderte unserer Geschichte gestatten uns, mit souveränem Mitleid auf gewisse Lehren zu schauen, die jenseits der Alpen von den Nachkommen von Völkern gepflegt werden, denen die Schrift noch unbekannt war, so daß sie keine Urkunde über ihre Existenz zu jener Zeit erbringen vermögen, da Rom bereite einen Cäsar, Virgil, Augustus besaß.“ Dae historische Erinnorung^vermögen der Juden reicht, bekanntlich noch um etliche Jahrtausende weiter in <lie Vorzeit. Während wir unsere Geschichte beinahe bis zu den Fährten des Paradieses auf wissenschaftlich beglaubigten Spuren zurückverfolgen können, was sicherlich nicht dem Charakter eines seelisch heimatlosen Nomadenvolkes, als welches wir oft verschrien werden, entspricht, gibt es noch immer nicht den kleinsten, historisch einwandfreien Fingerzeig für den Weg, den die germanischen Stämme zurüokgelegt haben, bis sie sich in den Gegenden niederließen, die sie heute noch innehaben. Vor aliem ist die Frage nach ihrem Aufbruchsort noch immer ungelöst. Die seriöse Wissenschaft vermochte bisher diese Frage nicht zu beantworten. Dabei waren die Archäologen keineswegs müßig. Sie haben die Ruinen von Troja und Mykenä ausgegraben und bei der Zutageförderung der jüdischen Urheimat in der letzten Zeit ganz Erstaunliches geleistet. Die Vaterstadt Abrahame wurde bloßgelegt und daß alte Kanaan ersteht Stein um Stein vor den Augen der staunenden Kulturwelt aus dem Schutte versunkener Jahrtausende. Immer neue Funde legen beredtes Zeugnis für die historische Wahrheit der biblischen Geschichte ab. Um so grotesker wirkt das Fiasko, das der Kyffhäuserbund in den letzten Jahren mit einer Ausgrabung auf deutschem Boden erlebt hat. Diese deutsohnationale Vereinigung hätte gern daß historische Schlachtfeld im Teutoburgerwalde eruiert. An ein paar sogenannte Hünengräber in Weltfalen klammerte sich schon lange die Phantasie und die Hoffnung deutscher Forscher, und so ließ man jetzt diese „Gräber“ öffnen. Aber welch schmerzliche Enttäuschung! Was man für Kriegergräber gehalten hatte, entpuppte sich alß geologische Naturformation und ihr Inneres war leer — keine Skelette, keine Waffen wurden - entdeckt; die Frage, wo eigentlich die Hermannsschlacht stattgefunden hat, bleibt vorläufig noch ungeklärt. Wenn nun ßchon ein Ereignis der deutschen Geschichte, an dessen historischer Realität nicht zu zweifeln ist, dokumentarisch so mangelhaft belegt eraoheint, wo soll man einwandfreie Zeugnisse zur Aufklärung der prähistorischen Germanenzeit hernehmen? Nachdem Friedrich Schlegel im Jahre 1808 die indogermanische Sprach Wurzel- Gemeinschaft festgestellt hatte, galt lange Zeit Indien alß die Urheimat der „Arier“, I den werden. Sicher sei die jüdische Rasse aber anders, und das beweise ßie ganz besonders auf dem Gebiete der Sexualität, auf dem die jüdische Rasse den unheilvollsten Einfluß ausgeübt habe. Der Staatsanwalt berührte in diesem Zusammenhang die Lehren von Freud und Magnus Hirschfeld und bemerkte, daß hier Verbrechen vorlägen, durch die etwaige gute Leistungen jüdischer Ärzte hundertmal aufgewogen würden, liier seien auch die psychologischen Wurzeln für die Vergehen der Angeklagten zu suchen. Die Germanen wurden als ein na ch No rden versprengter Splitter dieser ursprünglich im Süden heimischen Rasse gefeiert und im Sinne dieser romantischen Ideologie die Germaneneinfälle in Italien von den Goten bis zu den römischen Kaisern deutscher Nation, ja, sogar noch Goethes italienische Reise, auf die von den urarißchen Ahnen der Vorzeit her in der germanischen Seele lebendig gebliebene Sehnsucht nach der verlorenen Heimat im sonnigen Süden zurüokgeführt. Ganz im Geiste der romantischen Dichterschulo hat Heinrich Heine den schönen Menschen am Ganges die häßlichen nordischen Lappländer und Eskimos in seiner hämischen Art gegenübergestellt. Heine wäre nicht wenig erstaunt über die Wandlung, die inzwischen bei seinen Landsleuten in der ästhetischen und sogar in der ethischen Wertung der nördlichen und der südlichen Rassen platzgegriffen hat. Heute gilt ja in Deutschland der „nordische“ Mensch als der Prototyp des Edlen und Guten, dem die Beherrschung aller anderen, weil minderwertigen Erdenbewohner, alß natürliches Vorrecht von der ausschließlich auf Rassen-Etigenetik bedachten Vorsehung Vorbehalten ist. Ein wissenschaftlich stichhaltiger Beweis ist für den jetzt in Mode gekommenen „nordischen“ Ursprung der Germanen ebensowenig vorhanden, wie für den früher angenommenen südlichen. Beide Theorien entsprangen rein gefühlsmäßiger Einstellung. Während man früher von den deutschen Kathedern aus nach einer sittlichidealen Begründung für die germanischen Raub- und Eroberungsztige nach dem Süden suchte, erscheint den heute „Raseenkunde“ dozierenden Teutonen der Süden als Heimat der Neger, der Orient als Wiege des Judentums und der Westen als der Vater der Demokratie verleidet, und so blieb ihnen nichts anderes übrig, als de® Norden für die Heimat ihres Volkes zu erklären. Wann und warum die Germanen von dort weggezogen sind, das meldet kein Lied, kein Heldenbuch. Jedenfalls scheinen sie nach dem Verlust ihrer Urheimat in eine entsetzliche Diaspora geraten au sein, die der jüdischen in nichts naohstehit, denn Huston Steward C h a m b e r 1 a i n, der diuroh seinen Dilettantismus berüchtigte Verkünder der germanischen Rassenüberlegenheit, entdeckte auf der ganzen Welt unter allen möglichen und unmöglichen Völkern aller Zeiten Germanen. Während aber die Diaspora der Juden von diesen als Ursache ihrer Leiden, von den Antisemiten als Grund der jüdischen „Minderwertigkeit“ gedeutet wird, benützt Chamberlaln die von ihm entdeckte Diaspora der Germanen dazu, die Hochwertigkeit ihrer Rasse zu dokumentieren. Denn für ihn sind die in der rätselhaftesten Zerstreuung auftauchenden Germanen — die ausschließlichen Schöpfer aller den sittlichen und kulturellen Fortschritt der Menschheit dienenden Ideen und Einrichtungen. Nachdem Deutsch „bewiesen“ hatte, daß Moses seine Gesetze von dem babylonischen König Hamurabl abschrieb, war es für Chamberlain Ehrensache, diesen Herrscher eines semitischen Volkes als — Arier zu deklarieren. Dies gelang ihm auf Grund einer Abbildung des Königs. Zwar konnte er sich leider keine Photographie des Ilamurabi verschaffen, aber in der Not tat es auch das einzige, auf dem schlechten Schreibmaterial der grauen Vorzeit erhaltene, Im Verlaufe der Jahrtausende nicht gerade deutlicher gewordene Porträts des Königs. Ein Blick Chamberlains darauf — und sofort enthüllten sich seinem rassisoh geschulten Blick die geliebten Züge eines typischen Germanen! Selbstverständlich agnoszierte er auch Christus als rassenreinen Arier, und damit so nicht etwa die vom Neuen Testament gelehrte Abstammung Christi aus dem Königshauso David desavouiert würde, machte er einfach auch David zum Arier —- denselben David, den frühere Antisemiten, wie zum Beispiel Voltaire in seinem Bühnenwerk „Satil“, als das typische „Judenjüngel“ charakterisiert hatten... Wie man aus diesem Beispiel ersieht, ist der Antisemitismus wenigstens keine stark dogmatische Wissenschaft, sondern in seinen Lehren so wandelbar, wie die — Phantasie. Man darf deshalb auch das nationalsozialistische Axiom von der „nordischen“ Urheimat der Germanen nicht etwa als ein schon für alle Zeiten endgültig fixiertes Dogma werten. Aber auch wenn die Wiege des Germanentums eindeutig festgestellt und nicht mehr dem Wandel der Mode unterworfen wäre, müßte es absurd erscheinen, aus der Herkunft eines Volkes aus irgend einer Himmelsrichtung sein Recht aruf Vorherrschaft über alle anderen Rassen abzuleiten, und man begreift, daß diese Forderung statt des erhofften Respektes nur „souveränes Mitleid“ erntet. Dr. Hugo Spieglet. Das Schuhwerk der detit* sehen Juden Berlin, 17. Oktober. (Z. T. A.) In seinem auf der Tagung des Beiratos der Reichsvertretung der deutschen Juden gehaltenen Referat gab Dr. Rudolf Callmann, Mitglied des Präsidialausschusses, einen überblick über die Tätigkeit der Reichsvertretung auf dem Gebiete des Schul- und Bildungswesens. Außerhalb Ber-i lins war ein Schüler zu wachs von 1035 Kindem seit Februar 1934 unterzubringen; das bedeutet, daß 35 neue Klassen zu den jüd-isehen Schulen hinzugekommen sind. Zu Ostern 1934 wurden neun neue jüdische Volksschulen mit zirka 900 Schülern eröffnet. Dazu kommt das Schulwerk der Bers liner Jüdischen Gemeinde, das seit Juli 1933 einen Zuwachs von rund 1800 Schülern aufweist, die sich auf die alten sowie auf eine: neu eingerichtete Schule der Gemeinde ver-< teilen. Neue Schulen wurden gegründet: in Ascheaffenburg, Bonn, Breslau, Darmstadt, Lübeck, Mainz, Offenbach, Stettin, Stuttgart und Wiesbaden. Für die Unterhaltung dieser Schulen sowie für die Lehrerausbildung und Fortbildung hat die Reicjisvertretung einen sechsstelligen Betrag aufgewendet, (Vielleicht denken gewisse Kreise österreichischer Juden über diese Meldung nach, wenn die Frage der Besetzung von Ratsstellen die Gemüter nicht mehr verwirrt, Die Red.) Die Gattin des Präsidenten Roose« velt auf 0 der Hadassah-Konfevenz Washington, 18. Oktober. (Z. T. A.) Die in Washington abgehaltene Konferenz der zionistischen Frauen Amerikas „Hadassah“ protestierte gegen die Errichtung dos Legislative Council in Palästina und forderte erhöhte Chaluz-Einwanderung. Es wurde ein Budget von 260.000 Dollar beschlossen, von dem 35.000 Dollar an den Jüdischen Nationalfonds gehen. Zur Präsidentin wurdo Frau Jacobs, New York, gewählt. In der Schlußsitzung hielt die Gattin des Präsidenten Roosevelt eine Ami spräche. Germanen — woßer? ■■ii.... Sektion Hleizins und Wlzo, XIII., Cali Hletzlngerhof, Hletzlnger Hauptstraße 22 Donnerstag, den 25. Oktober 1934,8 Uhr abends: Dr. Desider Friedmann, Präsident der Israelitisdien Kultusgemeinde: »Die gegenwärtige Lage der Juden«

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.