Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 393 (19.10.1934)
- Date
- 1934-10-19
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 DIC STIMMI Nr. 393’ — iö. Oktober 1333 Voraus muß man denken/ :: :;h'i sich sidiern — versichern Phönix;'!!! Allgemeine Versicherung«* Ges«/ Wien/IX«/ Alserpla<x3 Trauer um Poincare In di« Trauer um den a.m 15. Oktober im Alter von 74 Jahren verstorbenen ehe maligen Präsidenten der Französischen Republik und Ministerpräsidenten Raymond Poincare klingt als besondere Note die Erinnerung an die Stellung des Verstor benen zu jüdischen Problemen und sein Ein greifen in Ereignisse, die das Leben der französischen Judenheit zu tiefst betrafen Zur Zeit der Dreyfus-Affäre hatte Poincare zunächst eine reservierte Haltung eingenommen, um später einer der eifrigsten Vorkämpfer für den Nachweis der Unschuld des Hauptmanns Dreyfus zu werden. In zahlreichen Parlamentsreden hat er sich in diesem Sinne mit dem Fall Dreyfus beschäftigt. Für die zionistischen Bestrebungen in Palästina hatte Poincare zu wiederholten Malen seine Sympathie bekundet. Als das französische Pro-Palästma-Komitee zur Unterstützung der zionistischen Arbeit in Frankreich begründet wurde, übernahm Poincare den Ehrenvorsitz. Der französische Delegierte auf dem XV. Zionistenkongreß, Leonce B e r n h e i m, wie in seiner großen Rede auf die wohlwollende Haltung Poincares gegenüber der zionistischen Bewegung und seine Verdienste um deren Förderung hin. Als Ministerpräsident hatte Poincare im Parlament eine Erklärung über die Stellung Frankreichs zu dem englischen Mandat in Palästina abgegeben. Frankreichs Zustimmung zur Erteilung des Palästina-Mandats an England sei die Folge seiner Teilnahme an dem Beschluß des Völkerbundrates, der dieses Mandat gleichzeitig mit dem französischen Mandat für Syrien und den Libanon ratifizierte. Diese Beschlüsse des Völkerbundes seien in Übereinstimmung mit Artikel 22 des Vertrages von Versailles (Völkerbundsabkommen). In einer 1928 abgegebenen öffentlichen Erklärung sprach er die Ansicht aus, daß die zionistische Bewegung etwa« Selbstverständliches für die Juden gewisser Länder sei, in Frankreich aber seien die Juden seit langem mit der französischen Nation verschmolzen und hätten nicht das Bedürfnis nach einer anderen Heimstätte. Zur Zeit, da Poincare Präsident der Republik war, besuchte er, der selbst Elsässer war, das wieder an Frankreich angeschloseene Elsaß-Lothringen. In der großen Synagoge von Straßburg wurde ihm ein feierlicher Empfang bereitet. 1923 intervenierte Poincare erfolgreich gegen die geplante Einführung einas Numerus clausus für Juden an den Hochschulen in Polen. Auf diese Intervention konnten «ich auch späterhin die jüdischen Vertreter berufen, so oft ähnliche Anschläge gegen die Juden Polens geplant waren. Noch im Jahre 1932 wies der Sprecher des Klubs der jüdischen Abgeordneten im polnischen Sejm, Abg. Dr. S o mm e r s t e i n, auf diese Intervention bei der Bekämpfung eines von den Nationaldemokraten eingebrächten antisemitischen Antrags hin. Aus der jüdischen Presse Zionistische Weltpolitik. In der „Selbstwehr“ (Prag) schreibt Felix Stössinger: „Zwei große Prinzipien ringen heute in Europa miteinander um die Herrschaft: Das englische Prinzip der Beherrschung Europas durch fortgesetzte Anwendung der Politik des Gleichgewichtes der kontinentalen Mächte; und das entgegengesetzte Prinzip der Zusammenfassung der europäischen Kontinentalmächte zu einer großen wirf schaftlichen, viel, viel später erst Staat liehen Einheit. Die ökonomische Lage der Welt beweist, daß nicht dem englischen Prinzip, sondern dem europäischen die Zu kunft gehört...“ Aus der Katastrophe der Zersplitterung wird Europa zum Zusammen Schluß der Kontinentalmächte, wenn nötig über Revolutionen hinweg, Vordringen müssen oder untergehen... So bilden sich denn vor uns schon heute die fünf Welt imperen aus: das amerikanische, das ostasiatische, das russische, das britische. Das fünfte Weltimperium ist schließlich unser armes Europa... Das europäische Imperium wird also weder England noch Rußland miteinschließen... Palästina gehört zum europäischen, nicht zum englischen Imperium ... Die politische Position des Zionismus muß sich bewußt sein, daß das werdende Palästina ... zum werdenden Gesamteuropa gehört... Wenn es richtig ist, daß der Zionismus ein Teil des europäischen Ganzen ist, so muß er sich Europa zuwenden, das heißt, seine heute ausschließlich englische Orientierung wesentlich modifizieren ... Der Zionismus wird dadurch zum Partner der von Frankreich und der Kleinen Entente geführten Koalition der europäischen Friedensmächte, die mit England um das europäische Selbstbestimmungsrecht zu ringen haben... Das sind aber gerade die Staaten, die durch ihre Judenfrage an der Lösung der Judenfrage interessiert sind... Und niemand weiß besser als England, daß der Zionismus durch eine Weltpolitik eine Weltmacht wird.. Ein zionistisches Locarno. Im „Moment1* (Warschau) bespricht Dr. Schwarzbart die Aussichten der Friedensverhandlungen zwischen den zionistischen Parteien und meint, daß eine Verständigung nur möglich sein wird, wenn die Verantwortlichkeit für die vergangenen Ereignisse nicht diskutiert würde, und wenn man sich darauf konzentrieren würde, für die Zukunft einen modus vivendi zu schaffen. Niemals zuvor hat eine solche Verantwortlichkeit auf den verschiedenen Gruppen gelastet wie jetzt. Dr. Schwarzbart ist überzeugt, daß die Politik der Mandatarmacht nicht so feindselig wäre, wenn die gesamte zionistische Bewegung eine einheitliche Front bilden tcürde. Wir wurden bestraft. ln der „C io nis tische W oc h“ (Lemberg) schreibt Dr. Rotten streich, daß Mr. Edwin Samuel, der im offiziellen Aufträge Polen besucht habe, offenbar von dem Mitglied der Exekutive Jizchak Grünbaum und dem Zentralkomitee in Warschau davon abgehalten worden sei, die Palästinaämter in Lemberg und Krakau zu besuchen. Es wäre auch für Jizchak Grünbaum, als Chef des Einwanderungsdepartements, dienlich gewesen, wenn er sich über die Leistungen der galizischen Juden auf landwirtschaftlichem Gebiete orientiert hätte. Aber Galizien sei gemieden worden, die Zionisten in Galizien wurden bestraft. Sie sind allgemeine Zionisten und anerkennen das Zentralkomitee in Warschau nicht als Zentrum des Allgemeinen Zionismus ... Jizchak Grünbaum hat, als er Mr. Samuel begleitete, eine offizielle Funktion erfüllt und es wäre daher seine Pflicht gewesen, unter Hintan Setzung seiner parteipolitischen Erwägungen, als verantwortliches Mitglied der Exekutive zu handeln. Ist der Friede erreichbar? ln der Chwila (Lemberg) schreibt Dr. I. Wurzel: . ..Jabotinsky verlangt, daß die Zionistische Organisation sich in eine Föderation souveräner Fraktionen, die in allen Fragen, in denen es zu keiner Verständigung kommt, freie Hand haben sollen. So eine Argumentation muß zur Anarchie führen und Herr Jabotinsky gebraucht sie nur, um für seine separatistischen politischen Aktionen einen Deckmantel zu haben... Kein Zionist wird sich je damit einverstanden erklären, daß man das fundamentale Recht des Kongresses, bindende Gesetze zu schaffen, und das fundamentale Recht der Exekutive, als alleinige Repräsentantin der Organisation aufzutreten, ein schränkt. Eingehen auf Jabotinskys Forderung hieße den Zerfall der Organisation sanktionieren. Muß es zum Zerfall kommen, so soll es durch einen offenen Rechtsbruch geschehen, denn dann wird es klar sein, auf wem die Verantwortung lastet... Die Zionistische Organisation muß auf einer wahren demokratischen Grundlage basieren ... Das heute bei uns existierende Kräfteverhältnis ist eine Folgeerscheinung ungerechter organisatorischer Grundlagen und schlechter Methoden. Diese Fehler kommen heute der Linken zugute. Sollte die Linke, sich auf ihre formelle Übermacht stützend, durch das Beharren auf der heutigen Organisationsform ihre Herrschaft in der Organisation verewigen 'wollen, so wird sie damit die Schuld für den Zerfall auf sich nehmen. Die Einheit der Zionistischen Organisation hängt davon ab, ob man die Revisionisten zur Verzichtleistung auf ihre erträumte „Souveränität“ und die Linke zur Verzichtleistung auf die Vorteile, die ihr aus der fehlerhaften Struktur der Organisation erwachsen, bewegen kann. „Dr. KrSger-Heim“ Wien, II., Mal«gasae7 Tel. A 48-0-77 Nächster KOCHKURS Beginn 29. Oktober, Dauer 8 Wochen. Anmeldung sofort Generaloberstabsarzt Prof. Alois Pick 75 Jahre al Der ehemalige Präsident der Wienern Israelitischen Kultusgemeinde, Generaloberstabsarzt Professor Dr. Alois P i c k, vollendete am 15. Oktober sein 75. Lebensjahr und war aus diesem Anlaß Gegenstand mannigfacher Ehrungen seitens de* Wiener Judenheit und der österreichischem Gesellschaft. Prof. Pick wurde 1859 in Prag-Karolinental geboren, wurde 1890 Privatdozent für innere Medizin an der Universität Wien, 1904 außerordentlicher, 1918 ordentlicher, Professor. Als Militärarzt wurde er Chefarzt des Garnisonsspitals Nr. 1 in Wien, der größten österreichisch-ungarischen Militäram&talt. Während des Weltkrieges wurde! er Präsident des M i 1 i t ä r - Sanität skomitees, das die höchste wissenschaftliche Stelle für militärärztliche Angelegenheiten bildete. Mit dem Titel eine! Generaloberstabsarztes erhielt er den höchsten militärischen Rang, der dem eineiäi Feldmarschail-Leutnants entspricht. Professor Pick hat eine große Anzahl medizinä« scher Arbeiten veröffentlicht, u. a. „Vor* Lesungen über Magen- und Danmknankheiten“ (zwei Bände, Wien 1895), fernen! „Klinische Semiotik“ (gemeinsam mit Adolf Hecht). Seine Arbeiten wurden auch in$ Englische, Russische und in andere Sprachen übersetzt. Von 1920 bis vor etwa zwei Jahren war er Präsident der Wiener Israelitischen Kultusgem e i n d e. Er ist noch immer ärztlich tätigt und leitet sein Ambulatorium für Magen- und Darmkronke. Aus dem Dritten Reich Gauleiter Grobe will Ausmerzung der Juden Berlin, 16. Oktober. (2. T. A.) Auf dem Gauparteitag Köln-Aachen der NSDAP, am 13. und 14. Oktober in Köln, erklärte Gauleiter Grohe nach einem Bericht des ,, Deutschen Nachrichtenbüros“ unter anderem: „Wenn wir Nationalsozialisten von der Rassenfrage sprechen, wollen wir, wie das oft authentisch betont wurde, damit keiner Geringschätzung der Völker anderer Rassen Ausdruck geben. Wir denken vielmehr in erster Linie an jene rassische Gefahr, die das Judentum für alle arischen Völker bedeutet. Der ge sunde Instinkt unserer Volksgenossen muß so gepflegt werden, daß einmal Gesetze gegen die Judengefahr in Deutschland als überflüssig erachtet werden können.“ Deutscher SA-Mann auf dem Prager jüdischen Friedhof begraben Prag, 15. Oktober. (2. T. A.) Noch im Mai dieses Jahres fanden Bahnarbeiter unweit des Bahnhofs Prag-Buibeneö die vollkommen verstümmelte Leiche eines etwa 35 Jahre alten Mannes auf dem Gleise liegend. Die Leiche konnte nicht identifiziert werden. Das geriohteärztliohe Institut veranlaßte die Polizeibehörden, den Leichnam auf der Selbstmördorabteilung des Prager israelitischen Friedhofs begraben zu lassen, da der Selbstmörder alle Anzeichen der Abstammung von der jüdischen Rasse aufwies. Die Bestattung fand nach jüdischem Ritus am 31. Mai dieses Jahres auf dem israelitischen Friedhof in Prag statt.; Vor einigen Tagen wurde die Prager deutsche Gesandtschaft bei der Polizeidirektion vorstellig und bat um nähere Einzelheiten über den Selbstmord. Es stellte sich! nämlich heraus, daß der Selbstmörder der aus Berlin-Spandau stammende frühere SA- Mann Fritz Karl Brosziat, also ein; Christ, war. Die Angehörigen des Selbste mörders wünschen die Exhumierung der Leiche und ihre Neuibestattung auf dem christlichen Friedhof. Die israelitische Beerdigungsbrüderschaft., mit der die Prager deutsche Gesandtschaft wegen Auslieferung der Leiche verhandelt* will der Auslieferung keine Schwierigkeiten! bereiten, sofern die Bestattungsgebühren erlegt werden. Darüber hat die deutsche Ger* sandtsohaft aus Berlin noch keine Direktiven erhalten. 6o Prozent der jüdischen Schul* hlnder in Warschau unterernährt. Warschau, 15. Oktober. (2. T. A.) Die mit der Untersuchung der Schulkinder) in öffentlichen Volksschulen, Talmud-Thora- Schulen und Chedarim beauftragten Schulärzte haben der Volksgesimdheltsbehörde einen Bericht erstattet, in dem festgesteilt! wird, daß etwa 60% der untersuchten jüdischen Kinder unterernährt sind. In sehr zahlreichen Fällen haben die Kinder, wenn sie zur Schule kommen, kein Frühstück erhalten. Sektion Hietzing und Wlzo, XIII., Cafe Hietzingerhof, Hietzlnger Hauptstraße 22 Donnerstag, den 25. Oktober 1934, 8 Uhr abends: Dr. Desider Friedmann, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde: »Die gegenwärtige Lage der Juden«