Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 392 (16.10.1934)
- Date
- 1934-10-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 DK STIMM! Nr. 392 — 16. Oktober 19&I ———■Mi t der Kunst und des Handels. An Rndionstationen allein gibt es inChikngo24. die. alle im edlen Wettstreit liegen, die schönste Musik zu senden. Angenehmst füllt hier auf, daß in den amerikanischen Radiosendern kein Arierparagraph Platz hat. Im Gegenteil. Die Stationen haben Stunden aller Nationen eingeführt, so daß in jeder Radiostation einmal wöchentlich eine Stunde jeder Nation gehört. Selbstverständlich gibt es so auch jüdische Stunden mit rein jüdischem Programm, die keiner Zensur unterworfen sind. Auf einem Grundpfeiler basiert alles: Dienst am Kunden. Dies ist ein Prinzip, das allen Bemühungen und Bestrebungen der Amerikaner zugrunde liegt. Ein Prinzip, dem nur noch die angeborene Höflichkeit des Amerikaners, die außerordentliche Gastfreundschaft zur Seite stehen. Ungemein interessant waren die Ausführungen über dae soziale Leben Amerikas. Man sieht — sagt Dr. Löwenherz — in Amerika meist gut. gekleidete Menschen. Von 44 Millionen, arbeitenden Men- Den weitaus größten Teil des Vortrages Dr. Löwenherz’ nahm der Bericht über die Weltausstellung in Chicago ein, unter besonderer Berücksichtigung der außerordentlich interesanten jüdischen Objekte. Diese Ausstellung — sagt Doktor Löwenherz — ist ein Traum, ein wahres Märchen. „Ein Jahrhundert der Entwicklung“, lautet die Devise der Ausstellung. Allein es sind die Produkte menschlichen Geistes, die erst in den letzten Jahrzehnten geschaffen wurden. Nicht weniger als 12 Millionen Besucher wurden in diesem Jahre in der Ausstellung erwartet. Die Arena der Ausstellung allein faßt 120.000 Zuschauer. In dieser fand auch der „Jüdische Tag“ statt, den Riesentransparente, in der Nacht durch große Lichtreklame unterstützt, in den belebtesten Straßen der Stadt lange vorher ankündigten. Die größten nichtjüdfechen Tageszeitungen brachten spaltenlange Interviews mit den jüdischen Persönlichkeiten, die an diesem „Jüdischen Tag“ mitwirkten, den nicht nur die Juden allein, sondern auch das ganze amerikanische Volk als stolzen Tag der Juden mitfeierte. Doktor Löwenherz schildert in plastischen Bildern den Ablauf dieses ,,Jüdischen Tages“, an dem nicht weniger als 70.000 Juden teilnahmen. Eine der gewaltigsten Einrichtungen der Weltausstellung bildet die Halle der Religionen. Der jüdischen Abteilung in dieser Halle wird allgemein die geschmackvollste und von einem tieferen Sinn getragene Ausstattung zugebilligt. Schon das Schild allein, das an der Eingangspforte zur jüdischen Abteilung dieser Halle prangt, ist bedeutsam und symbolisch: Es ist der Ausspruch von J e s a i a: „Und die Schwerter werden in Pflüge umgewandelt werden.“ Ein Volk, das diesen Satz geprägt und geschaffen, das als erstes den Götzendienst verbannt und den Begriff des Monotheismus in die Welt getragen hat, das verdient als leuchtendes Beispiel empfunden zu werden. Die demokratische Verfassung der Juden, die in der Bibel verankert ist, braucht keine Entschuldigung, die gilt auch dem Amerikaner als Leuchte. Was immer in Amerika geschehen mag, die Grundlagen der demokratischen Verfassung werden nie angetastet. In ungemein übersichtlicher Form wird in einer Reihe von Lichtbildern die jüdische Anteilnahme an der Entwicklung des letzten Jahrhunderts demonstriert. Es sind die verschiedensten Gebiete menschlichen Geistes und menschlichen Lebens, auf denen der jüdische Genius Bahnbrechendes geschaffen hat. In der Abteilung, die der Arbeit für den Frieden gewidmet ist, finden wir Oskar S t r a u ß, den Mitbegründer des Haager Schiedsgerichtshofes, Jean Bloch, den Initiator der ersten Friedenskonferenz im Haag. Die 15 Namen der jüdischen Nobelpreisträger prangen hier. Man erfährt, daß der Jude Ehrlich es war, der die Lues gebannt hat, und daß Digitalis, Insulin, Piramidon und viele andere Heilmittel ihre Entdeckung dem jüdischen Geiste zu verdanken haben. Einen großen Teil in der jüdischen Halle der Chikagoer .Welta/ueetellung ist dem sehen sind 33 Millionen Arbeiter und Angestellte. Die Gesamteinnahmen der Nation betragen 82 Milliarden Dollar; 57 Prozent davon bilden die Einnahmen der Arbeiter und Angestellten. Reiche und arme Frauen sieht man oft in gleicher Kleidung. Nur in der Qualität besteht der Unterschied. Denn die Produktion richtet sich nach dem Geschmack der Mehrheit der Konsumierenden. Ein eigenes Kapitel bildet die Stellung der Frau in Amerika. Die Frauen sind dort, insbesondere in kleineren Städten, die Träger aller Kultur. Es sei in diesem Zusammenhang an die Cristian science Bewegung erinnert, die einer Frau ihre Gründung und Organisation zu verdanken hat, ferner an die edle Philanthropin Janes Adam in Ohikago, die die Parole ausgab, daß kein Mensch ohne Obdach bleiben darf und zu diesem Zwecke eine Reihe Settlements bildete und schließlich an die große jüdische Frau Henriette Szold, die Gründerin der Hadassa. Die Frau wird als Idol verehrt. Anteil der amerikanischen Juden am Palästinaaufbau gewidmet. In erster Linie Nathan Strauß, der Schöpfer des Sanitätszentrums in Jerusalem und der Hadassa-Institutionen in Palästina, das Technikum in Haifa, die Landwirtschaftliche Schule und nicht zuletzt die Hebräische Universität in Jerusalem und schließlich das Theologische Seminar in Jerusalem. In einem anderen Raum werden uns in Lichtbildern alle bedeutenden jüdischen Dichter und Schriftsteller, Philosophen vorgeführt. Von Achad Haam bis Zangwill finden wir zahlreiche deutsch-jüdisch klingende Namen, die den deutschen Namen in die Welt trugen und ihm Ehre brachten und heute als — Parasiten verschrieen sind. Auf dem Gebiete der Philanthropie sind es die klingenden Namen Rothschild, Hirsch, Julius Rosenwald, der nicht weniger als 40 Millionen Dollar für philanthropische Zwecke hergegeben hat (darunter auch einen großen Betrag für die Schaffung einer zahnärztlichen Klinik in — München). Auf dem Gebiete der Politik sehn wir die bedeutendsten jüdischen Vertreter Cremieux und Disraeli, Lord R e a d i n g und Luzzatto, Theodor Herzl, Weizmann und S o k o 1 o w. Auf dem Gebiete der Musik alle jüdischen Schöpfer der Tonkunst von Mendelssohn bis Arnold Schönberg. Überaus instruktiv waren die Ausführungen, die Dr. Löwenherz über die jüdischen Institutionen Amerikas, die insgesamt 120 großen Organisationen unterstellt sind, die auf dem Gebiete der Religion, der Politik, der Erziehung und der Palästinaarbeit einfach Gigantisches leisten. Von politischen Organisationen sind vor allem das „American Jewish Committee“ und der „American Jewish Congress“, der seit 1918 besteht, von den jüdischen Hilfsorganisationen der Vereinigten Staaten ist vor allem das gewaltige „Joint Disfcributions-Comittee“ zu nennen, dessen segensreicher Hilfsarbeit allein es zu danken war, daß Europa, und insbesondere Wien, in den ersten Nachkriegsjahren von einer großen Kindersterblichkeit verschont geblieben sind. Doktor Löwenherz benützte auch diesmal seinen Besuch in Amerika zur Informierung des Exekutivkomitees des „Joint“ über die Situation des jüdischen Wien zum Zwecke der weiteren Förderung der bestehenden jüdischen Organisation. Einen überaus großen Raum nehmen die Erziehungsanstalten für jüdische Kinder ein. Die Erziehung der jüdischen Jugend erfolgt in geradezu mustergültiger Weise. Ganze Baukomplexo und Paläste sind diesen Zwecken gewidmet. In echt amerikanischen Dimensionen enthalten diese Erziehungsinsfcitiuten alles, was für die körperliche, seelische und geistige Entwicklung des Kindes erforderlich ist. So groß die Begeisterung Dr. Löwenherz’ für alles in Amerika gesehene ist, so fasziniert er von allen Erscheinungen des gewaltigen Fortschrittes ist, mit einem kann er sich nicht befreunden: mit der Reform auf religiösem Gebiete. Dr. Löwenhetrz ruft aus: „Fortschritt auf allen Gebieten, auf dem Gebiete der Religion nur Tradit i o n.“ Trotzdem ist es bemerkenswert, daß der amerikanische Jude den Begriff des Austrittes aus der jüdischen Gemeinschaft nicht kennt und auch nicht versteht. Der Jude, wie immer religiös er auch eingestellt ist, empfindet sein Judentum als Stolz und als etwas Selbstverständliches, so, daß der als Jude geboren, auch als Jude durchs ganze Leben geht. überaus interessant waren die Ausführungen Dr. Löwenherz über den Antisemitismus in Amerika. Es gibt so etwas wie einen gesellschaftlichen Antisemitismus in einer Reihe von Klubs, die ausschließlich Niohtjuden als Mitglieder haben oder Hotels, in denen ebenfalls keine Juden wohnen und eine Reihe von Villenvierteln, die niohtjüdisch sind. Daß Essentielle ah°r ist, daß die Regierung den Antisemitismus ablehnt, und zwar nicht nur theoretisch, sondern — was wichtiger ist — auch in der V e r w a I. tung. In Amerika gibt es 400.000 Verwaltungsbeamte, aber es wird keinen einzigen geben, der in der Durchführung der Verfassung einen Juden schlechter behandeln würde als einen Amerikaner. Der Wert der jüdischen Mitarbeit an der Entwicklung Amerikas kommt wohl am besten zum Ausdruck in der Tatsache, daß es dort nicht weniger als vierjiidieche Gouverneure, Staatssekretäre und Kongreßmänner gibt, und während der Ausstellung in Chicago 10.000 Mann des Bundesheeres in größter Ehrerbietung vor dem jüdischen Gouverneur von Illion ois vorbeidefilierten. Welch großer Verehrung und Toleranz sich die Juden in Amerika erfreuen, beweist die bemerkenswerte Tatsache, daß an der Mauer der Rockefeller -Kirche in New York — dieser alten, aristokratischen Kirche, in der die Familie Rockefeller ihre Sonntagsandacht verrichtet — das Bildnis von — Albert Einstein angebracht ist. Amerika behandelt seine Minoritäten so, daß sie keinen Grund zur Klage haben und mit Stolz sich zur amerikanischen Staatsbürgerschaft bekennen. In Genf hat bei der letzten Völkerbundtagung der englische Minister im Zusammenhang mit dem polnischen Minderheitenvorschlag darauf hinguwiesen, daß der Wertmesser für die Zivilisation eines Staates in der Behandlung seiner Minderheiten m erblicken ist. Io Amerika wird das Prinzip der vollsten Gleichberechtigung der Minoritäten am höchsten gewahrt. Zum Schluß kommt Dr. Löwenherz noch darauf zu sprechen, daß die amerikanischen Juden sehr gerne Österreich in seiner wirtschaftlichen Entwicklung unterstützen wollen. In dieser Beziehung hob der Vortragende auch die dankenswerten Bemühungen des österreichischen Gesandten in Washington, Prochnik, hervor. Er erinnert in diesem Zusammenhänge an den jüdischen Filmfachmann L ä m m 1 e, der knapp vor der Ermordung Dr. Dollfuß’ mit diesem konferierte, wie eine großzügige Propaganda für Österreich durch den amerikanischen Film gemacht werden könnte. Schon auf der Fahrt von Amerika nach Europa konnte man in den Wochenschauen der Kinovorführungen die österreichische Landschaft bewundern, die auf die Initiative des Juden Lämmle erfolgten. Dr. Löwenherz schloß seinen mit großem Beifall aufgenommenen Vortrag mitdem Wunsche, daß auch wir in Österreich jene gewaltige Lebensbejahung des Amerikaners, seinen Ungeheuern starken Optimismus in unser Dasein aufnehmen. Landeskongreß der ungarischen Zionisten Budapest, 11. Oktober. (2. T. A.) Dem in Budapest abgehaltenen Landeskongreß ungarischer Zionisten wohnten etwa hundert Delegierte aus allen Teilen des Landes bei. Nach Begrüßung des Kongresses durch den Präsidenten des Pro-Pälästina-Verbandes Ungarischer Juden, Prof. Dr. Ignatz Pfeiffer, und Vertreter anderer Korporationen refertierte der Präsident des Ungarischen Zionistenvereins Dr. Julius M i k 1 o s über die politische Weltlage des Zionismus. Der Redner forderte auch die Kinoprogiamme der Woche BURG-KINO Telephon B 20-3-99 Die Schicksale einer Familie, die für das Judentum und die Freiheit des jüdischen Volkes kämpfte Die Rothschilds Beginn : 7*4, V|6,7*8. 7*10. Karten im Vorverkauf. KREUZ-KINO kwÄ8 Uraufführung I Abenteurer in Schanghai mit lack Hell, Ua Le« und Ralph Gravat Beginn: 4, */*6. V»8, V*10 Uhr ROTENTURM-KINO ^Telephon R 29-1 69 Beginn; 4, */*6, ‘/,8, 7»10 Uhr Die Rothschilds O. «Hl» / t. Young; B. Kirlaft Leopoidstfidter Volkskino TeIephoH*Rf?* PROLONGIERT: Vom 15. bis 18. Oktober: „Liebe dumme Mama" mit Luise Ullrich, Herrn. Thlmig, Leop. Konstantin Wochentags V,0, VA 7»10 Uhr, Sonn- und feiertags 7,4 Uhr SCHÄFFER-RIlf TriephonüB”o-203 Vom 12. bis 18. Oktober: Marlene Dietrich in: Zarewna Beginn : ‘/,4, 7*6, 7*8, 7*10 Uhr. Wiederherstellung friedlicher Zusammen* aibeit innerhalb der zionistischen Gruppen. Nach ihm sprach Frau Dr. Friedman^ Präsidentin - der ungarischen W i z o, über! die ungarländisohe und internationale Arbeit der zionistischen Frauen. Dr. Franz K a u d e r s (Körmend) stellte im Hinblick auf den bevorstehenden neologed jüdischen Landeskongreß diei Forderungen auf, die vom zionistischen Standpunkt auf dem Kongreß zu vertreten sind. Er verlangte u. a. Demokratisierung des Gemeindewahlrechts auf der Basis der allgemeinen gleichen Abstimmung (Listenwahl), völlige Reformierung des jüdischen Religionsunterrichts und Einführung des neu hebräischen Sprachunfceruichts in den Schulen; ferner Unter« Stützung des Keren Hajessod und des Keren Kajemeth durch alle Landesgemeinden, sowie Förderung der Organisation de* jüdischen Jugend. Der Vorsitzende des Palästina-Wirtschaftskomitees Emil Neumann berichtete über die wirtschaftliche Entwicklung Palästinas. Der Kongreß sprach der zionistischen Weltexekutive das Vertrauen aus, gleichzeitig die Hoffnung, daß es gelingen weide, den innerparteilichen Frieden herzustellen, damit der nächste Zionistenkongreß unter Koalition sämtlicher Parteien rei* bungslos verlaufen könne. Wichtige Be* Schlüsse wurden hinsichtlich der Hachscha« rah, Keren Hajessod und Koren Kajemeth u. a. m,, ausgenommen. Zum Präsidenten des Ungarischen Zionistenvereins wurde Dr. Julius Miklos wiedergewählt. Die Besprechungen zwischen Bxe» hutive und Revisionisten London, 12. Oktober. (2. T. A.) Die Besprechungen zwischen der Londoner Zionistischen Exekutive und Vertretern der Weltunion der Zionisten-Revisionisten, die am 8. Oktober begonnen haben, wurden am 10. Oktober fortgesetzt. Die Aussprache bezog sich auf die Verhältnisse innerhalb der Zionistischen Weltorganisation. Wie die Zionistische Exekutive mitteilt, werden diese Besprechungen fortgesetzt werden. In jedes jüdische Haus „Die Stimme“ Jüdisches aus Amerika 990969999399999999999999999