Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 392 (16.10.1934)
- Date
- 1934-10-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Satte 2 Dlf STIMME Nr. 392 ~ 16. Oktober 1084 Antizionistisdie Denunziationen in der Türkei Saloniki, 14. Oktober. Die türkische Regierung, die die zionistische Organisation in der Türkei verboten hatte, ist nun auch zu einer aktiven Verfolgung jeder zionistischen Tätigkeit im Lande übergegangen. Die Polizei in Istanbul veranstaltete Haue du r ebenchungen, um nach Spuren zionistischer Tätigkeit zu suchen. Verdächtiges Material wurde aber nicht gefunden. In Inetanbul nimmt man an, daß die Hausdurchsuchungen auf Denunziationen jüdischer Antizionistenin der Türkeit hin erfolgt sind. Wie es heißt, beabsichtigen zionistische Kreise in der Türkei, die zionistischen Zentralbehörden in London und Jerusalem zu ersuchen, beim Völkerbund zu intervenieren. * Die zionistische Organisation, in der Türkei wurde 1923 durch die republikanische Regierung Kemal Paschas verboten. Vorher gab ee eine umfangreiche und aktive zionistische Organisation in der Türkei. Die zionistische Föderation des Orients wurde-1919 mit dem Ziele der Zusammenfassung aller zionistischen Tätigkeiten im Nahen Osten begründet. 1921 betrug ihre Mitgliedschaft über 5000. In Konstantinopel gab es eine Nationalfonds-Kommission und ein Palästinaamt. Bei den Wahlen in die jüdischen Gemeindekörperschaften 1920 eroberten die Zionisten in Konstantinopel wie in der Provinz eine große Zahl Sitze. Unbeschadet des jetzigen Verbots der zionistischen Tätigkeit wandern ununterbrochen größere Gruppen Juden aus der Türkei nach Palästina aus. Überhaupt besteht unter den türkischen Juden heute ein sehr starkes Auswanderungsbedürfnis. Mehrere Auswanderer nehmen auch Spanien zum Ziel. Eine intensive jüdische Tätigkeit ist in der heutigen Türkei nicht möglich. Das Oberrabbinat hat nicht mehr den Rang einer offiziellen jüdischen Behörde. Unter Druck der Regierung hatten die türkischen Juden seinerzeit auf den im Lausanner Vertrag vorgesehenen Minderheitenschutz verzichtet. Die Sprachenfrage der Juden in der Türkei Istanbul, 11. Oktober. (Z. T. A.) Die halbofflzielle türkische Zeitung „Dschumhurijet“ (Republik) wendet sich in einem Leitartikel dagegen, daß die Kenntnis der türkischen Sprache bei den in der Türkei lebenden ' nationalen Minderheiten nur wenig verbreitet ist, und klagt dabei besonders die Juden an. Wenn man es noch verstehen könne, schreibt das Blatt, daß ein Grieche .oder Armenier nicht türkisch' spricht, weil er sich eben seiner eigenen Nationalsprache bedient, so müsse man sich doch dagegen wenden, daß die Juden niemals die türkische, sondern die spagniolische und, wo auch dies nicht der Fall ist, irgend eine europäische Sprache an Stelle der türkischen sprechen. „Wir hätten gar nichts gegen die Juden“, heißt es in dem Artikel weiter, „wenn sie ihre eigene Nationalsprache,, die hebräische, sprächen; untragbar aber finden wir es, daß sie weder ihre eigene noch die Landessprache gebrauchen.“ Ein Trauermonat der Judenheit Jugoslawiens Vielleicht darum, weil Deutschland keine Gebietserweiterung erhielt. Das später vom Völkerbund begründete System des Minderheitenschutzes ist so verwickelt, daß der Wunsch nach einer permanenten Kommission, die nach und nach eine Minderheiten-Jurisprudenz aufzubauen und aus Erfahrung gewonnene Grundsätze aufzustellen hätte, laut geworden ist. Dies erscheint auch mir als eine wünschenswerte Änderung. Heute widersetzen sich die Staaten, die Minderheitenverträge unterzeichnet haben, entschieden jeder Änderung, bevor nicht eine Verallgemeinerung des Minderheitenschutzes Platz gegriffen hat. Ich bezweifle sehr, ob ein befriedigendes System des Minderheitenschutzes errichtet werden kann, bevor nicht die Tatsache allgemeine Geltung erlangt, daß die Gemeinschaft der Völker als solche ein Recht hat, eine angemessene Behandlung der Minderheiten zu verlangen. Heute noch hängt die Behandlung der Minderheiten vom guten Willen des Staates ab, dem sie angehören. Jeder Staat hat die Machtmittel, seine Minderheiten zu zwingen, als treue Staatsbürger zu handeln; von der anderen Seite aber reichen Druck und Zwang von außen nicht aus, um eine gute Behandlung der Minderheiten durch den betreffenden Staat zu sichern. Man muß eine Möglichkeit, ein System ersinnen, welches allgemein den Staatsvölkern wie den Minderheiten genehm ist. In erster Reihe muß von allen jenen, die auf internationale Zusammenarbeit in welcher Form immer Wert legen, gefordert werden, daß sie sich an bestehende Verträge halten und nicht durch einseitiges Vorgehen sich als durch den Vertrag nicht gebunden erklären; vom internationalen Gesichtspunkt wäre so etwas Anarchie. Ein in manchen Kreisen erwogenes neues Abkommen, dem gemäß die Völker- . bundgarantie für die gute Behandlung der Minderheiten definitiv fallen gelassen wird, erscheint mir undurchführbar, es wäre nur dazu angetan, Anlaß zu weiteren Gereiztheiten zu geben. Mein Vorschlag ist also: Appell an internationale Autorität und Einsetzung eines permanenten Ausschusses an Stelle des jetzigen Dreier-Komitees. Wohl würden heute große internationale Schwierigkeiten entstehen, wenn alle Staaten veranlaßt werden sollten, sich an Minderheitenschutzverträge hinsichtlich ihrer eigenen Territorien zu binden. Aber wäre es nicht möglich, daß einige der führenden Staaten, wie zum Beispiel das Vereinigte Königreich von Großbritannien und Irland, solche Prinzipien für, sich in Geltung bringen? Die Aufhebung der Garantien für eine gute Behandlung der Minderheiten würde eine ernste Bedrohung des Friedens in der Welt bedeuten; sie käme einem Verrat an den Prinzipien des internationalen Fortschritts gleich. Lord Cecil schloß: Ich glaube, daß das englische Volk diese Sache zum Erfolg führen kann. Ich höffe, ihr Juden werdet nicht zu verzweifeln brauchen. Wenn wir nur unsere Bemühungen nach dieser Richtung fortsetzen, wird uns der Erfolg nicht versagt sein. Der Hitler-Kommissär der Saar droht Saarbrficken, 12. Oktober. (2. T. A.) Der an Stelle des Herrn v. P a p e a von Hitler zum Saarkommissär ernannte pfälzische Nazi-Gauleiter B u r c k e 1 empfing den Direktor des Europadienstes der Hearst-Presse und erläuterte ihm die Haltung der deutschen Regierung zur saarländischen Judenfrage wie folgt: „Was die J u den anlangt, so wird man nichts gegen sie unternehmen, vorausgesetzt, daß sie auf gewisse kulturelle Gebräuche und die Finanzspekulation verzichten. Wenn die Saar wieder deutsch ist, werden sämtliche Emigranten und politische Flüchtlingo der deutschen Justiz übergehen, sofern sie ihren Aufenthalt über den Tag hinaus verlängern, an dem das Ergebnis der Abstimmung bekannt geworden ist,“ Belgrad, 12. Oktober. (2. T. A.) Das Oberrabbinat von Jugoslawien hat einen Monat der Trauer für den ermordeten König Alexander II., der einer der aufrichtigsten Freunde des Judentums unter den Monarchen der Welt war, proklamiert. Oberrabbiner Dr. A1 k a 1 a y, das geistliche Oberhaupt der Juden Jugoslawien^ und ihr offizieller Repräsentant im Senat, gehörte zum Kreis der persönlichen Freunde des verstorbenen Königs und wurde von diesem wiederholt zu Unterredungen in den Belgrader Konak gerufen. Als der König im Jahre 1929 die diktatorische Regierung einsetzte, hieß es, daß unter den Verbänden, deren Tätigkeit eingestellt werden sollte, sich auch die Zionistische Organisation befinden würde. Sofort aber wurde eine Regierungserklärung herausgegeben, in der der Bericht dementiert und erklärt wurde, die zionistische Tätigkeit könne ungehindert fortgesetzt werden. Einige Tage später erschien der Minister für Kultus und Unterricht auf der zionistischen Landeskonferenz für Jugoslawien, um öffentlich die wohlwollende Haltung des Königs und der Regierung gegenüber jüdischen Bestrebungen zu dokumentieren,, Der Minister hielt bei dieser Gelegenheit eine Ansprache, in der es als besondere Tugend der jugoslawischen Zionisten bezeichnete, ihr national-jüdisches Bewußtsein und die Hingabe in der Arbeit für den Palästina- Aufbau mit uneingeschränkter Treue und Ergebenheit zu dem Lande, dessen Bürger sie sind, zu verbinden. Die .1931 verkündete neue Verfassung Jugoslawiens enthält eine Reihe für die staatsbürgerliche Stellung der jüdischen Bevölkerung bedeutsamer Bestimmungen. Unter anderem werden durch sie Religions- und Gewissensfreiheit gesichert und die Autonomie aller anerkannten Religionsgemeinschaften einschließlich der jüdischen in allen inneren religiösen Angelegenheiten verfassungsmäßig festgelegt. Staatsbürgerliche und politische Rechte werden ausdrücklich als unabhängig vom religiösen Bekenntnis bezeichnet. Allen anerkannten Religionsgemeinschaften werden vom Staat Beihilfen entsprechend der Zahl der Bekenner der einzelnen Konfessionen gewährt und regelmäßig in den ordentlichen Staatshaushalt eingestellt. Der Verband der jüdischen Gemeinden Jugoslawiens beabsichtigt, dem verstorbenen König Alexander, in Belgrad und in Jerusalem Denkmäler zu errichten, die an die Verbundenheit des Königs mit den kulturellen imd nationalen Bestrebungen seiner jüdischen Untertanen und sein Interesse für den Aufbau des Jüdischen Nationalheims erinnern sollen. Antijüdische Hetze in Jugoslawien Belgrad, 14. Oktober. (2. T. A.) Die von einer Nachric-hten-Agentur in den ersten Stunden nach dem Mordattentat auf König Alexander H von Jugoslawien und den französischen Außenminister Barthou in Marseille verbreitete Mitteilung, daß der Mörder, der sich Petrus K e 1 e m e n nannte, ein Jude war, was aus der Tatsache gefolgert wird, daß er beschnitten war, hat doch unangenehme Folgen für manche jüdischen Gemeinden in Jugoslawien gehabt. Tn der Stadt Ossiek (Esseg), dem Hauptorte Slawoniens, kam es zu judenfeindlichen Ausschreitungen eines Teiles der Bevölkerung. Jüdische Geschäfte wurden angegriffen, die Fenster jüdischer Wohnungen wurden eingeschlagen. Die Belgrader Regierung hat sofort Order an die Polizei in Ossiek erteilt, eine Wiederholung der antijüdischen Ausschreitungen um jeden Preis zu verhindern und nötigenfalls die Hilfe des Militärs in Anspruch zu nehmen. Auch in Zagreb, der Hauptstadt Kroatiens, kam es zu antijüdischen Unruhen, die jedoch von der Polizei im Keim erstickt werden konnten. In Sarajevo, der Hauptstadt Bosniens, kam es zu Ausschreitungen gegen Geschäftsinhaber, die einen antikatho- 1 i s c h e n, zum Teil aber auch einen antijüdischen Charakter trugen, ★ Barthous Abfuhr für den Antisemiten Cuza Der französische Ministerpräsident Barthou, der neben König Aloxandor den Tod fand, hat wiederholt jüdische Bestrebungen gefördert und sicli bedrohter jüdischer Interessen angenommen. In frischer Erinnerung ist noch die Abfuhr, die er dom rumänischen Antisemitenführer Prof. A. C. C u z a in der feierlichen Sitzung des rumänischen Parlaments erteilte, in der Barthou zum Ehrenbürger Rumäniens ernannt wurde. Als Prof. Cuza Barthou als den Vertreter des „nationalistischen und christlichen Frankreichs“ begrüßte und von einer „j ü d.i s o h e n V o rherrschaft in Europa“ sprach, erklärte Barthou unter dem stürmischen Beifall des rumänischen Parlament«, er sei Natkn nalist und Christ im besten Rinne des Wortes* denn er verlange Achtung vorden Rechten unterdrückter Völker. Als Christ und Katholik fordere er Schutz der, Bekenner jeder Religion und die Wahrung ihres Rechts, ihren Glauben frei zu bekon« nen und ihm gemäß zu leben. * Beiteidskundgebungen der Jewish Agency Jerusalem, 12. Oktober. (2. T. A.) Die Exekutive der Jewish Agency hat art die jugoslawische Regierung aus Anlaß des Ablebens König Alexander II. ein Beileidstelegramm gesandt. Ebenso wurde von der Jewish Agency der französischen Regierung zum Tode des Außenministers Barthou tele* graphisch das Beileid ausgesprochen. Der Antisemitenbund Die österreichische Regierung ist im Besitz von nationalsozialistischen Weisungen; über die Organisierung innerer Verhetzungen. Der Buiiideskcwrunissär Adam hat iui Rundfunk nähere ■ Mütteihmgen gemacht.. Einen integrier enden Bestandteil der nationalsozialistischen Tätigkeit bietet aber die antijildische Propaganda, die leider in dem Rundfunkvortrag nicht erwähnt wurde. Sie bedient sich populärer Stimmungen, rund ihre Wirkung wird dadurch unterstützt, daß ihr gewisse Tendenzen in die Hand arbeiten und daß an diesem Treiben Kreise und Personen aktivsten Anteil nehmen, die sonst entrüstet jeden Verdacht nationalsoziaJistnscher Gesinnung von sicli weisen. Es sind sehr deutliche Symptome des Rassenblödßinns zu erkennen und die. ununterbrochene Berufung auf das zahlenmäßige Verhältnis der Juden in den freien; Berufen, das Bchon zum Abbau jüdischer, Ärzte und Techniker sowie jüdischer Kindergärtnerinnen und Bankbeamter geführt hat, ist ein Ausfluß dieser Entartung. Der Bundeskommissär hat davon gesprochen, ^ß in diesen Weisungen Katholiken; gegen Protestanten ausgespielt werden. Das ist nur eine andere Erscheinungsform der Hetze. Es gibt noch andere. In Wien zum Beispiel hält der Antisemitenbund öffentliche Versammlungen ab. Wir dürfen wohl annehmen, daß zum Beispiel antiprotestantische Veranstaltungen nicht geduldet würden. Aber die blutrünstigen Reden im dem Jerzabek-Versammlungen dürfen gehalten werden, obzwar sie; nur ein Niederschlag jener Richtung sind, die das öffentliche Rechtsbewußbsein untergraben will. Die Juden besitzen, wie der Bundeskanzler in Genf erklärt hat, die absolute Gleichberechtigung. Aber die Versammlungen, die wir erwähnen, und die Hervorkehning den „Macht der Zahl“ sind Dinge, die die Gleichberechtigung verletzen. Antisemitifimus ist ebenso Hochverrat, wie alles, was die Ruhe im Staat und seine Gesundung sabotiert. Die Bekämpfung dieser Schande muß in das Programm des vom Kommissär, Adam angekünidiigten Gegenfeldzuges aufgenommen werden. Das ist nicht schwer« Eine Weisung an die Behörden wird Wunder tun. ★ Die Aktion Winter Es ist bekannt, daß der Vizebtirger* raeister Dr. Winter daran arbeitet, eind Annäherung zwischen Staat und Arbeiter* schaft herbeizuführen. Welche Fortschritte: er dabei erzielt hat, ist bisher nicht ersichtlich. Wohl aber scheint er trefflich bewährte Wege wandeln zu wollen. In einer Konferenz mit den Pressereferenten der Ostmark!* sehen Sturmscharen, die letzthin stattfand, hat er, wie der Informationsdienst dieser Organisation mitteilt, u. a, ausgeführt: „Die erste und zweite Führergamitur ist bei der eigenen marxistischen Anhängerschaft so gut wie orledigt. Ihr Wiederkorakommon wird radikal abgelehnt. Ferner ist ein weitgehender Antisemitismus, eine Abneigung gegen die früheren jüdischen Führer vorhanden. Die Aktion Winter lohnt daher jüdische Mitarbeiter ab. Selbst die Illegalen, die noch nicht zurückfindou wollen, I e h n o n diese Führer, auch die B r ü n n e r Führer, o n t s c h 1 eden ab.“ Herr Dr. Winter spricht unmißverständlich. Man muß seine Aktion aufmerksam beobachten ,«.