Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 391 (12.10.1934)
- Date
- 1934-10-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 891 — 12. Oktober 1984 DIB STIMMI Seit« $ Die hohen Vor Rosch-Haschanah. In der Morgendämmerung einer kühlen fAugtistnacht zeigt, das Nfmjahrsfest sein Kommen an. Es ist de,r erste Tag fies Monats EIlul, fies letzten Monates fies alten Jahres. Da sammelten sich die Frommen zu ihrer Pilgerreise zum Grab der Mutter Rachel, das an der Straße nach Betlehem liegt. Pie frommen Pilger werden den ganzen Tag hindurch fasten und beten und die Erzmulter Rachel bitten, ihnen zu helfen. Die Sonne wird untergeben, wenn sie zur Heiligen Stadt zurtickkehrcn und sie machen den Eindruck, daß Hunger, Durst und Hitze ihnen nichts anhaben konnte. Tag für Tag erheben sich dann die Frommen und eilen, während es noch dunkel ist, zu ihren Bethiiusern um die Soliehothgebete zu sprechen, in denen sie um Vergebung ihrer Sünden bitten. Die Rufe der Synagogondiener, die die Gläubigen zum Gebete waehrufeti, mischen sieh mit den Rufen des Muezzim von den Minareton der Moscheen. In alten jüdischen Vierteln der Stadt rüstet man, um dem Neujahrsfeste die schuldige Ehre zu erweisen. Schneider, Schuhmacher und Putzmacherinnen arbeiten angestrengt, um ihre Kunden zu bedienen und läßt, sich einer lange Zeit mit seinen Bestellungen, dann kann er leicht zur Antwort bekommen: „Rak aoharci ha shaggirn“ („Erst nach den Feiertagen“). Jüdische Hausfrauen füllen die Basare der alten Stadt und die Märkte der neuen Stadt an den zwei Tagen vor dem Beginn des Festes. Die Preise für Hühner, Fleisch und Fische steigen durch die rege Nachfrage. Die Blumengeschäfte sind am Abend des Rosch Haschanah-Festes ausverkauft,' denn es besteht hier die Sitte, die Wohnungen mit Blumen zu schmücken. Erew Rosch-Haschanah. Die jüdischen Ämter und viele jüdische Geschäfte schließen bereits zu Mittag und die anderen Geschäfte folgen bald diesem Beispiel. Wenn die Sonne untergeht, sind die Straßen voll von Juden aus allen Ländern der Welt.. Es ist ein farbenprächtiges Bild. Du siehst Kaftane und orientalische Trachten, europäische Kleidung und als Kopfbedeckungen den Fez, den Tropenhelm, Streimel und europäische Hüte. Die Frauen prunken in ihren schönsten Kleidern. So wie die Kleider verschieden sind, so sind es auch die verschiedenen Gotteshäuser. Nicht alle Gottesdienste worden in Bethäusern gehalten. Jesohiwoth, Schulhäuser, Waisenhäuser und Altersheime sind als Gotteshäuser adaptiert; genau so wie an Sabbathen und anderen Festtagen. Die Feiertage in Von Lotta Levensohn Haupfsynagogc von Jerusalem, der sogenannte Churvah befindet sieh nicht weit von der Klagemauer. Von der Klagemauer sprechen alter nur Ausländer,. In Palästina sagt man nur „Kotei maarawi“, das heißt Westmauer, womit der Rest der westlichen Umfassungsmauer des alten Tempels gemeint ist. Die Weetmauor bildet das Ziel von tau* senden Juden an diesem Tage, obwohl die bekannten von der englischen Regierung verfügten Einschränkungen nach wie vor unangenehm wirken. Insbesondere ist es nicht, gestattet, an der Westmauer den Schofnr zu blasen. Rundgang durch die Synagogen. An diesem Abend machen viele Juden einen Rundgang durch die Synagogen. Sie besuchen die große Churvah-Synagoge, in welcher der Obcrrabbiner Kuk seine Gebete verrichtet; sie besuchen das Bethaus der Mckubballim (Kabbalisten), die zierliche Synagoge der kleinen Gemeinde der Kannten, der Minjanim der Gurjj, der Bavliim (Juden aus Mosul), der Mugherabi (Juden aus Marokko) und von einer Reihe anderer orientalischer Gruppen. Sie besuchen die Gottesdienste der Aschkenasitn aus Buchara und aus dem Jemen mit ihren orientalischen Teppichen an den Wänden und auf dem’ Fußboden und den Diwans, an allen Wänden des Raumes und sie lauschen dort den ungewohnten orientalischen Gesängen. Außerhalb des Betraumes sehen sie die Frauen und Mädchen sitzen, die sich bemühen, dem Gottesdienst zu folgen. Die Frauen haben keine Gebetbücher in der Hand, denn sie können nicht lesen. Ihre Töchter aber, die in Palästina erzogen wurden und bereits hebräisch sprechen, halten die Gebetbücher in den Händen und beten. Diejenigen, die einem orthodoxen Gottesdienst beiwohnen wollen, gehen in das Bethaus de« Vereins Jeschurun in der neuen Stadt. Reformgottesdiensto wie in Amerika und England sind in Palästina unbekannt. Rosch Haschanah. Das Neujahrfest wird in Palästina so wie in der Diaspora durch zwei Tagte gefeiert. An diesen Tagen herrscht ein reges gesellschaftliches Leben. Man besucht sich gegenseitig und auch der einsame Fremde wird mit einem herzlichen „Chag Sameach“ (gute Feiertage!) zu einer Schale Tee elugeladen. In den Hauptstraßen, der Jaffastraße, Ben Jehudastraße und King Georgestraße promenieren die einheimischen Juden und mit ihnen ihre Gäste und viele Touristen. Andere vertreiben sich die Zeit mit Jerusalem Lektüre. Vor Neujahr erscheinen gewöhnlich neue Bücher lind die hebräischen Zeitungen und Zeitschriften erscheinen in besonderen Festausgaben. Am Ausgang des Festes sind die drei großen Kinos in Jerusalem überfüllt. Es gibt in Jerusalem englische, polnische, russische und österreichische Filme. Deutsche Filme werden boykottiert. Jom Kippur. Jom Kippur wird seinem Charakter entsprechend in Jerusalem begangen. Jeder Judo geht zur Westmauer des Tempels, obwohl dort die Anwesenheit bewaffneter Polizisten die Festesstlmmung trübt. Das Gedränge an der Mauer ist groß und auch die einzelnen Gotteshäuser sind überfüllt. Sukkoth. Kaum ist das Faßten beendigt, wird an die Herrichtung der Sukkah geschritten. Überall sieht man die Laubhütten. Auf den flachen Dächern, zwischen den Rissen und Kuppeln der alten Stadtmauern unid auf allen Baikonen und in den Gärten der Vorstadt. Es ist liier noch Sommer, obwohl die Hitze schon etwas nachgelassen hat. Man weiß, daß die Regenzeit noch ferne ist und die Laubhütten werden daher mit orientalischen Teppichen und Stickereien geschmückt. Dieser Reichtum der Ausstattung steht im Kontrast zu den einfachen Laubhütten, ihren grünen Zweigen, bunten Blumen und den verwitterten Mauern. Nur der erste und der achte Tag der Sukköthwoche wird in den Synagogen Palästinas als Feirtag gehalten. Aber auch in den dazwischen liegenden Tagen herrscht Festtagsstimmung. Ihre Nachmittage sind offizielle Halbfeiertage und viele orientalische Juden betrachten diese Woche als ihre Urlaubswoche. In diesen Tagen gibt es auch viele Unter,haltunigten, Konzerte, Theatervorstellungen und „Tijulim“ (Ausflüge), Konferenzen, Vorlesungen, Volksversammlungen, athletische Meetings und Jugendtreffen. 4 Simchath Thora. Das Simchath Thora-Fest ist die Krönung der Feiertagswoche. Manche glauben, daß Simchath Thora am schönsten in Tel-Aviv ist, wo die ganze Stadt singt und tanzt und daß dort die Freude des Judentums über die Wiedergewinnung seiner alten Heimat ihren schönsten Ausdruck findet. Das mag richtig sein. Trotzdem glaube ich, daß das Sirachath Thora-Fest in Jerusalem der schönste Ausdruck unseres nationalen Daseins ist. Man muß in Jerusalem die Mienen der bärtigen Chassidim am ’Simchath Thora-Abend DerTriumph derSchönheit Greta Garbo SCHWEDEN-KINO Telephon A-49-O-0O Vorstellungen: ‘/a4, ‘/a6, ‘/a8, %10. gesehen haben. Jeder von ihnen hält die Thora in der Hand und tanzt mit verzücktem Gosichtsausdruck. Die Augen sind geschlossen, die Füße bewegen sich im Rhythmus. Die frommen Tänzer scheinen allem Indischen entrückt zu sein. Sie sind Gott nahe und Sinnbild dafür, das Israel und die Thora ein einheitlicher Begriff sind. HOCHSCHULERiN mit ausgezeichneten Zeugnissen erteilt gewissenhaften Unterricht aus allen Fächern der Volks-, Haupt- und Mittelschule zu mäßigem Honorar Rubin, Wien, XX., Leygasse 79/17 Arabische Bodenhäufe Amman, 10. Oktober. (Palnews.) Seltene einer Reihe traus jordanische *. Kapitalisten ist beabsichtigt, große Geländekäufe an der Akabahucht vorzunehmen. Das Gelände, das zum Teil tramsjordanischen Beduinenstämmen gehört, soll landwirtschaftlich sehr entwicklungsfähig sein. Von größerer Bedeutung ist das Gelände jedoch in Anbetracht seiner Lage an der Akaba* bucht. Der Bodenpreis soll niedrig sein. E 15 1 iwhiTE S i I madb Amerika und Canada KOSCHERE KOCHE 1 unter Aufsicht des Iteth Din (London) 1 REPRÄSENTANZ: | WIEN Iv KARNTNEBRING 4 I Leiwiks „Der Golem" Erstaufführung der historischen Legende mit Die Erstaufführung der historischen Legende des modernen jüdischen Dramatikers L e i w i k im Jiddischen Theater ißt vor allem als Versuch, durch Aufführungen literarisch wertvoller Stücke der jiddischen Literatur ein nach künstlerischen lind kulturellen Prinzipien geleitetes, ernstes, jüdisches Theater in Wien zu schaffen, aufs wärmste zu begrüßen. Die Aufführung von Leiwiks „Golem“, der sich derWilnaer Schauspieler und Regisseur Alex Stein in hingebungsvoller Arbeit widmete, verdient ferner als Ausdruck eines ernsten, künstlerischen Willens, jüdisches Kulturgut in Form des modernen jiddischen Theaters dem jüdischen Publikum zu vermitteln, A ufmunteiMing und positive Aufmerksamkeit. Nach diesen zwei grundsätzlichen Feststellungen, die zu machen an der Spitze der Theaterrozension dor jüdische Theaterkritiker als Pflicht ompflndet, darf auch darauf hingewiesen werden, daß die Aufführung dieser historischen Legende, die an die Bildhaftigkeit der Szenen, an das Schauspielerische der Akteure ganz große Anforderungen stellt, unter vollster Würdigung und Anerkennung der weniger als bescheidenen bühnonteclmisehon und auch — sagen wir es offen heraus — schauspielerisch-personellen Voraussetzungen, doch nur eine vom Glanz der stilvollendoten Aufftthim Jüdischen Theater Musik von Henoch Kohn, Regie: Alex Stein rungen der „Hab im ah“ umschattete war. Es spricht nicht gegen den führenden Theaterkopf und einfallsreichen Regisseur Stein, daß zwischen seinem hohen Streben und Wollen nach Stil und Kunstwerk und der Wirklichkeit eine Diskrepanz entsteht. Trotzdem: die Aufführung des „Golem“ hatte goistiges, künstlerisches Niveau, sie war sauber und gut, sh war sogar abgerundet, aber es fehlte ihr jene explosive Intensität, jener fanatische Funke, der über der Bühne der „T-Iabimah“ schwebte. Es fehlte jene Theaterbesessonheit, dio die ungeheure Wirkung der „IIabimal“-Aufführung ausströmte. Der Regisseur Alex Stein übertrifft diesmal den Schauspieler Alex Stein. Er versuchte, durch optischo Feinheiten die Wirkung zu erhöhen. Dio Bühnenbilder halten bildhaft den Charakter der Legende lest. Steins Regiekunst erreicht besondere Höhe in den Massenszenen. Seiuo Massenchöre wirken erschütternd. Sio künden Jahrtausende altes Leid und Schicksal eines alten Volkes. Die Schmerzens- und Wehklagen gehen durch Mark und Bein. Es ist das Stärkste, Kraftvollste an diesem Abend. Schauspielerisch bleibt uns Alex Stein etwas schuldig. Seinen hohen Rabbi Löw stattet er mit Pathos und mit Kraft aus. Aber man vermißt die Kraft des überirdischen dieses großen, sagenumwobenen Prager Rabbifürsten, das verzehrende Feuer, das sonst Steins Gestalten erfüllte. Trotzdem übt Steins Spiel stärkste Wirkung aus. Leopold Jungwirth verleiht seinem Golem kraftvolle Gebärde und läßt in Ton und Maske die Prager Golemfigur auch bildhaft nah erscheinen. Recht bemerkenswert der Einfall des Regisseurs, die talentvolle Cilli Bell als Messias in jünglinghafter Gestalt agieren zu lassen. Eine große Aufgabe, der die junge Künstlerin in beachtenswerter Weiße gerecht wurde. Eines der stärksten Talente des jiddischen Theaters, auf das schon hier öfters hingewiesen wurde, stellt der junge Sohnattmann dar. Sein Rabbi Tanelium überwältigt. Kamay gibt dem Tadüus Maske und Haltung. Die Rolle des Elijahxi Hanabi war leider eine Fehlbesetzung. Der weiße Bart allein macht noch keinen Propheten aus... Die Aufführung des „Golem“ hinterließ zweifellos starken, nachhaltigen Eindruck. Ein ganz wesentliches Element dieser Aufführung bildet die außergewöhnlich schöne und einfallsreiche, mit überaus melodiösen Motiven erfüllto. Begleitmusik, die Henoch Kohn beigesteuert hat. Sio verhilft der Legonde zu ihrem durchschlagenden Erfolg. Beseelt erklangen die Geigensoli, von Leib o v i c i mit künstlerischer Virtuosität gespielt. Nehmt alles in allem: Ein bemerkenswerter Abend, ‘ oin Anfang und ein Versuch, deren Folge mit Spannung und ‘Aufmerksamkeit enfcgegengesohtm wird. Das Publikum dankte den Künstlern mit stürmischem Jakob Rosenthal. KUNSTCHRONIK Joachim Stutschewsky absolviert eine größere Tournee, die ihn nach der Tschechoslowakei, nach Polen, Bukarest (vier Konzerte), Jtigslawien, sowie nach einigen Städten der Schweiz und zum zweitenmal in Tschechoslowakei (Jänner) führen wird. Der sich selbstgestellten Aufgabe der Propaganda jüdischer Musik treu bleibend, verbindet Stutschewsky überall mit seinen sonstigen Konzerten Abende jüdischer Musik. So finden auf dieser Reise spezielle Konzerte jüdischer Musik in Mährisch-Ostrau, Krakau, Kattowitz, Bielitz, Lemberg, Bukarest, Zagreb, Belgrad, Prag und ln der Schweiz statt. Der Künstler ist für ein Moisterkonzert in Basel—* dio übrigen Solisten dieser auf fünf Abende berechnenden Sorio sind Schaljapin, Prihoda und die Sängorinnen Ria Ginster und Bergliot Ibsen-Björnson — für den 1. Dezember verpflichtet wordon. Jüdische Künstlerspiele. In den „Jüdischen Iv ü n s 11 e r s p t e- 1 e n‘‘, TI.. Praterstraßo 34, beginnt Freitag, den 12. <1. M.. ein Gastspiel des Bukarcstor jüdische': " ’nuiters unter Leitung des Direktors M. . Ein erstklassiges Ensemble schart sich i,.; dio Stars Sevilla Pastor und Erna Siegler. Zur Erstaufführung gelangt die Komödie mit jüdischem Humor und echt jüdischer Musik ...Maseltow“. Jüdische KuHursleHe. Sonntag, thm 14. Oktober, Iviimstwandentng durch das alte Wien. Treffpunkt 10 Uhr 30 Min. Universitlltsranipo. Führung: Univ.* Prof. Max E i s 1 o r.