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Die Stimme · 1934-10-12 · Heft 391 (12.10.1934) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
8 (1934-1935)
Issue
Heft 391 (12.10.1934)
Date
1934-10-12
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. SOI — 12. Oktober 1934 011 «TIMMI Seit« 3 Dr. Simon Horowltz gestorben Der Tod hat in die Reihen der zionistischen Bewegung in Österreich eine untröstliche Lücke geschlagen. Ein unbarmherzige« Schicksal hat einem der treuesten, anhänglichsten, pflichtbewußtesten und selbstlosesten zionistischen Arbeiter Wiens durch eine tückische Krankheit allzu früh ein Ende gesetzt. Etwa vor einem Jahre ist Dr. Simon H o r o w i t z, der Kulturreferent des Zionistischen Landeskomitees für Österreich und langjährige Leiter des Wiener Palästina- Amtes, an einer harmlosen Erkältung erkrankt, die die Keime einer todbringenden Krankheit in sich barg. Eine Zeitlang hörte man mit Genugtuung vom Krankenlager des allseits beliebten Dr. Horowitz, der von seiner Gattin aufs liebevollste und aufopferungsvollste betreut und gepflegt wurde, Jdaß es ihm besser gehe; vor einigen Monaten schien es sogar, als hätte Dr. Horowitz dieses plötzlich über ihn hereingebrochene schwere Geschick durchbrochen, und man hoffte allgemein auf eine konstante Besserung. Es sollte anders kommen. Die Katastrophe trat in den letzten Tagen ein. Dienstag abends hauchte Dr. Simon Horowitz seine edle und gute Seele aus. In der Blüte seiner Jahre — Dr. Horowitz hat ein Alter von kaum 48 Jahren erreicht ist Dr. Horowitz dahingegangen. Wer ihn gekannt hat, wer jemals Gelegenheit hatte, auch nur in lose Berührung mit diesem Menschen zu kommen, der hatte stets das Gefühl, einen liebenswerten, gütigen Menschen kennengelemt zu haben. Zionismus war für Dr. Horowitz Lebensinhalt, etwas ganz Selbstverständliches. Er bereicherte diesen Inhalt durch Vertiefung in die jüdische Kultur lind in das jüdische Geistesleben und vor allem in die hebräische Sprache, die er ganz ausgezeichnet beherrschte. Als Kulturrefcrent des Zionistischen Laudeskomitees für Österreich war es immer sein Bestreben, der Hebräisierung des Zionismus in Österreich zu dienen. Er widmete sich der hebräischen Kulturarbeit, insbesondere innerhalb der Histadruth Iwrith, deren Leitung er als Präsidialmitglied angehörto. Die Histadruth Iwrith wird schmerzlich diesen Verlust empfinden. Der breiteren zionistischen und jüdischen Öffentlichkeit Wiens war Dr. Horowitz bekannt durch seine Wirksamkeit als Leiter des Wiener Palästina-Amtes. Hier, in diesem schweren, heiklen Amt, in dem menschliche« Empfinden ebenso notwendig wie gesunde Nerven sind, hier, wo vielfältiges Leid jüdischer Menschen und Familien zusammentrifft, wo schweres jüdisches Schicksal offenbar wird, bowies Dr. Simon Horowitz seine großen menschlichen Qualitäten, sein großes Menschentum, seinen edlen Sinn, sein Bestreben, zu helfen. Dr. Horowitz hätte gerne jedem Bittgesuch nach einem Zertifikat nach Palästina stattgegeben. Es tat ihm weh, wenn er einer weinenden Frau daß Zertifikat nicht geben konnte, und er war immer bestrebt, durch außerordentlichen Takt und menschliches Verstehen hier Trost, wenn nicht mehr, zu spenden. Er liebte dieses Amt, diese oft bürdevolle Arbeit* stabt aau iq dau AmtutujukD« sondern auch zu allen Tageszeiten bereit und zur Verfügung fand. Aber noch etwas ist bei der Tätigkeit Dr. Horowitz’ als Leiter des Palästina-Amtes besonders zu unterstreichen: Seine außerordentlich© Objektivität, die ihn nicht zuletzt seines korrekten and konzilianten Wesens und reinen Wollene wegen bei allen Parteien und Gruppen beliebt und geschätzt machte. Ein Zionist, von dem man sagen kann, daß er keinen Gegner, von welcher Gruppe immer, je besaß. Die Lücke in der zionistischen Bewegung, die durch den Tod Dr. Horowitz’ entstanden ist, ist eine klaffende. Die österreichische zionistische und hebräische Bewegung betrauern in ihm einen gediegenen und selten treuen Mitkämpfer, dessen Bild und Wirken in allen Herzen österreichischer Zionisten lebendig bleiben wird. In der Stunde« des Schmerzes aber gedenken wir vor allem der so hart getroffenen, schwergeprüften Gattin des Dahingeschiedenen, der unsere ganze große Teilnahme gilt. J. R. ★ Während diese Zeilen in Druck gehen, findet das Leichenbegängnis des Dr. Simon Horowitz statt. Wir berichten darüber in der nächsten Nummer unseres Blattes. Beileldsdepesche der Jewish Agency «Jerusal em Auf die Nachricht vom Tode des Dr. Simon Horowitz sandte die Jewish Agency- Jerusalem an das Wiener Palästinaamt folgende Beileidsdepesche: „Wir sind erschüttert über die Nachricht vom Tode des teuren Dr. Horowitz. Wir bitten Sie, seiner Familie unsere Teilnahme an ihrem Schmerz zu übermitteln.“ Schulbücher für alle Lehranstalten in den vorgeschriebenen Auflagen, auch antiquarisch« zu wirklich billigsten Preisen liefert die Buchhandlung Hermann Tuchner, Oien II., ECKE Taborstraße Nr. 52 Verzeichnisse umsonst. Spesenfreie Zustellung überallhin Für Auskünfte Telephon R 41-4-20. Die Diktatur des Revolvers Zwei Männer sind aus ihrer, dem Frieden geweihten Arbeit herausgeriseen worden: Der jugendkräftage König von Jugoslawien und der in hohem Alter stehende Außenminister Barthou. Sie sind Opfer einer Verschwörung geworden, . die noch nicht ganz aufgehellt ist, die sich aber in das Gorgonenbild dieser von Mordlust und Friedlosigkeit erschütterten Welt trefflich einfügt. Ein polnischer Innenminister, ein rumänischer Ministerpräsident, der österreichische Bundeskanzler waren die Vorgänger, die mit ihrem Leben dafür büßen mußten, daß sie Ehre, Recht und Frieden wollten. Sie sind gefällt worden von dem Orkan der Brutalität, den der deutsche Nationalsozialismus entfesselt hat und der die ganze Welt zu verwüsten droht. Wieder sind zwei wertvolle Persönlichkeiten hingemordet worden, just die Männer, die im Augenblick im Vordergrund der politischen Befriedung standen. Wem nützt ihr Tod, wem standen sie im Wege? Es wird mitgeteilt, daß der Mörder, der an der Stelle seines Anschlages selbst getötet wurde, aus Kroatien stammt und erst vor wenigen Tagen nach Frankreich gekommen ist. Verschiedene Spuren weisen auf Verbindungen mit russischen Weißgardisten hin, und es scheint, daß die Dokumente, die er bei sich hatte, Falsifikate sind, ausgestellt zu dem Zweck, die ganze Konspiration zu tarnen. Aber weist nicht die Tat, die Atmosphäre, in der sie erfolgte, die ganze Situation nach dem Ungeist des Morden«, der Feme und der skrupellosen Revolverpolitik, die sich seit nun fast zwei Jahren im Herzen Europas festgesetzt hat? Der Doppelmord in Marseille ist, wie immer er in den Details politisch aufgeklärt werden wird, aus diesem Geist entstanden. Er ist eine Folge der moralischen Verwilderung, die die Kulturwelt in Schrecken setzt und ihr jede Widerstandskraft nehmen will. Barthou und König Alexander, die gemeinsam die Annäherung Jugoslawiens an Italien durchführen wollten, die gemeinsam die Einigung" zum Frieden sichern wollten, waren denen im Wege, die die Aufrüstung, die Kasernierung, den neuen Krieg anstreben. Barthou und König Alexander mußten fallen. Wenn dieser Petrus Kalemen seinen kroatischen Patriotismus abreagieren wollte, wozu kam er aus Kroatien nach Marseille? König Alexander ging noch vor wenigen Wochen frei und unbewacht in Agram spazieren. Und wenn das Attentat ihm galt, weshalb wurde Barthou erschossen? Weshalb dieser merkwürdige Streit von Passanten an der Straßenecke, die die Wagen passieren mußten, der gerade dort die Aufmerksamkeit der Polizeiorgane ablenkte? Zwischen der Ermordung Barthous und seines königlichen Gastes ist ein Zusammenhang. Hoffentlich wird die Absicht, den Weltfrieden zu zerschießen, zuschanden. Das jüdische Volk hat alle Ursache, den Tod der beiden Märtyrer zu beklagen. Barthou ist der jüdischen Sache ein verständnisvoller Freund gewesen. Sein tiefes Gerechtigkeitsgefühl hat sich wiederholt gegen die schmachvollen Vorgänge in Deutschland aufgelehnt, und er hat in der Kammer und dann in Genf den Standpunkt des guten Europäers vertreten. König Alexander, der die Juden seines Staates als dessen beste, treueste und selbstloseste Bürger schätzte, hat seine Sympathien für den Zionismus, für die nationale Wiedergeburt des jüdischen Volkes klar und deutlich ausgesprochen. Dieser tapfere Soldat, der im großen Krieg mit starker Seele das Unglück seiner Nation miterlebte und sie dann selbst zum Aufstieg führte, verstand das Sehnen uncl Streben des jüdischen Volkes. Ein Wald im jüdischen Land, den die Zionisten Jugoslawiens anlegten, hält für immer die Erinnerung an diesen vornehmen, gerechten Mann fest, dessen Andenken das junge Palästina und die ganze jüdische Nation segnet. König Alexander und Minister Barthou haben sich tief ins jüdische Herz geschrieben. Sie sind der Diktatur des Revolvers erlegen und mußten ins Grab, ehe noch ihr Werk vollendet war. MW liommt! Die vom Judentum leben „Ein Gestpiräoli führt heutzutage — immer auf die Judenfrage“, hat einmal Beda geschrieben. Es ist freies Gebiet, eine Angelegenheit, zu der zu reden jeder in sich Beruf und Neigung fühlt. Wie Athene aus dem Haupt des Zeus, springt jedermann das Urteil fix und fertig aus dem Mund. Die übergroße Mehrheit weiß von den Juden nicht mehr, als daß sie vorhanden sind, und zieht aus diesem Da-Sein die Berechtigung, sich zur Judenfrage zu. äußern. Dabei wird das Wort selbst passiv gebraucht. Es ist nicht die Frage, die von den Juden gestellt wird, sondern die Frage, die an sie gerichtet wird, und, — wie das schon ist —, in einem negativen, mißgünstigen Sinn. Und es ist auch so, daß man von „den Juden“ sehr gut leben kann. Bücher, Zeitungsaufsätze, Broschüren, Plakate — das alles macht sich bezahlt. Antisemitische Zeitungen, antisemitische Wälzer, antisemitische Politik — das alles nährt seinen Mann. Der eine wird ein berühmter Soziologe, der andere ein wohlaesortierter Geschäftsmann, der dritte Reichskanzler. Alles aus der Beschäftigung mit „den Juden“, und es genügen ein paar mehr minder gut gedrechselte Redensarten, ein paar Falschzitate, die vor Jahrhunderten entstanden, immer wieder neu aufgefrischt, nach geredet, vermehrt, abgeschliffen und — eine Portion galliger Laune. Da hat einer in einem jüdischen Geschäft eineu schlechten Regenschirm gekauft, und er erinnert sich sofort, daß schon Tacitus... Einem ist der Roman oder das Drama iiegengeblieben, und es fällt ihm ein, daß irgend ein Jude irgend einmal in einer Zeitung gesagt hat, daß... Und wenn einer überhaupt nichts weiter zu sagen hat — über die Juden kann er mitreden. „Die Juden“, das sind siebzehn Millionen Menschen, fast dreimal so viel, als Österreich Einwohner hat. Daß man unter den sechs Millionen Österreichern nicht zwei Personen findet, die miteinander in allem restlos übereinstimmen, findet jeder selbstverständlich. Aber in Bezug auf „die Juden“ ist es ebenso selbstverständlich, daß sie als ein einheitlich planendes und wirkendes Kollektiv unter einen Hut gebracht werden. Diese Praxis ist historisch erwachsen, aber sie hat ihre innere Berechtigung verloren. Bei den Römern waren „die Juden“ die Ein- ZU DEN DREI HUSAREN UNTER VOLLSTÄNDIG NEUER LEITUNG ERÖFFN ETI ES KOCHT UND SERVIERT ERSTKLASSIGES PERSONAL UNSERE PREISE WERDEN SIE TROTZDEM ANGENEHM ÜBER¬ RASCHEN. FRANZÖSISCHE/ UNGARISCHE U.WIENER KOCHE wahner Judäas, also eine ethnisch-politische, wohlbegrlindete Bezeichnung. Sie waren nicht beliebt, weil sie sich starrsinnig dagegen wehrten, von „Senat und Volk“ auf** gefressen zu weiden. Bei den Kirchenvätern waren „die Juden“ die Nichtchristen, angefeindet und gehaßt, weil sie starrsinnig an ihrem Glauben festhielten. In der heutigen politisch und soziologisch ganz anders gegliederten Welt ist „die Juden“ ein Unsinn* Aber der Sammelbegriff ist nun einmal da, er ist ans einer Vorstellung zu einer Tatsache geworden, die jeder Jude in der oder jener Form zu verspüren bekommt. Wenn jemand den klaren Beweis führen würde, daß Buddha nie gelebt hat, so würde das nicht den geringsten Eindruck machen. An die 400 Millionen Menschen glauben an Buddha, der Glauben ist zur Basis ihres metaphysischen Bedürfnisses geworden. Er ist schon an sich eine Tatsache, und eine Tatsache ist ein Stein, der ins Wasser geworfen wird und kreisende Wellen zieht, die bald da, bald dort ans Ufer schlagen und es ändern. Man kann tausendmal sagen, daß sich unter den siebzehn Millionen Das bestbekannte Restaurant Hotel „Stefanie“ II., Taborstraße 12, Tel. R 46-5-57 empfiehlt seine reichhaltige Speisenauswahl Menli von S 1'60 an. Speisen am Rost, täglich frisohe Fische, erstklassige Bedienung. Juden alle Schattierungen finden, die ein unter 60 Nationen lebendes Volk aufweisen kann — unnützes Beginnen! Es bleibt dabei, daß „die Juden“ eine unheimlich klug geführte und geheim dirigierte Gesellschaft zum Verderben der Welt sind, daß sie nach der Herrschaft über die Staaten und Regierungen streben und ein Biutrituale besitzen. Diese Lehre wird in der Hauptsache von den Deutschen „wissenschaftlich“, politisch, ökonomisch gelehrt und verbreitet, von den Deutschen, die sich mit verbissenem Eifer gegen den Potsdamer Kronrat, gegen die Erzählungen von den abgehackten Kinderhänden wehren, die sicherlich nicht zugeben würden, daß man den Herrn Haannaun aus Hannover zum Typus deutscher Art machte. Und gerade von den Deutschen — man ist befugt, von „den Deutschen“ zu sprechen — ist die Theorie von der besonderen Gefährlichkeit der Juden zum politischen System gemacht worden, und gerade bei den Deutschen ist das Judenklichee zum meistgeb rau oh ten Handwerkszeug geworden. Weun man vor so einem Weltlehrer den Namen Trotzky nennt, wird er sofort automatisch Bronsteiu erwidern; Litwinow ist Apfelbau/m, Heine heißt Chaiitu Bückeburg, Marx Mordechai, Radek Sobelaoha, Daß wifld manchmal grotesk, und 36030

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